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Blattkritik – Selfie-Kick!

24. Januar 2018 von m&m | Keine Kommentare


 
Mein angepisstes Gegenüber liest mir aus der SZ am Wochenende (Buch Zwei vor zwei Wochen) vor: „Die ersten Apparate für den Hausgebrauch… mussten mit kurzen aber sehr teuren Filmen bespannt werden, die man anschließend zum Drogisten trug.“ Was? Achso, es geht um analoge Fotografie. „Bespannt.“ Putzig. Der Mann hat also noch nie einen Film eingelegt.

Mir kommt der eine oder andere selbst gemachte Fehler in den Sinn, daher nehme ich den Schreiber Hannes Vollmuth in Schutz – und ernte erst vernichtendes Augenrollen, dann die Aufhänger für den Artikel gesteckt: Magnum (die Agentur!) hat Geburtstag und Josef Koudelka (der Magnum-Fotograf!) hatte eine Ausstellung. Okay. Das schreit eigentlich nach einem, der Ahnung hat. Mein Mann, sonst kein Freund der Vorleserei, zwickt sich noch einen Satz raus: „Dann erstand (Koudelka) eine zweiäugige Spiegelreflexkamera, Sucher oben, von dort schaute man in den Apparat.“

Normalerweise hätte Pat spätestens jetzt den Artikel weggelegt, aber wenn es in unserer Abo-Zeitung schon mal um Fotografie geht… Und zwar über drei Seiten, vollgepackt mit Magnumfotos. Und auch wenn sie irgendwie konzeptlos zusammengeschustert wirken: Was für Bilder! Als Aufmacher-Hingucker wurde ein Foto von Martin Parr ausgewählt, so irre, dass man es kaum fassen kann: Menschen, die allesamt dieselbe Pose einnehmen. Sie geben vor, den Turm von Pisa, der hinter ihnen steht, zu stützen. Großartig. Also habe auch ich den Artikel gelesen.

Und fast etwas über Josef Koudelka erfahren. Oder Lucina – was macht die eigentlich genau, was für einen Beruf hat sie, außer Tochter? Kurz zieht der Text an, wird dynamisch, persönlich… Gleich erfahre ich was Besonderes, denke ich, und dann kommt es nicht.

Dafür ein bisschen Fotogeschichte in pseudocoolem aber getragenen Magazin-Ton. So schreiben aktuell ja viele (in Film-Dokus wird sogar so gesprochen von möglichst tiefstimmigen Männern). Gruselig, womöglich gruppendynamisch induziert, auf jeden Fall nicht unser Geschmack. Auffällig langweilig wird dieser Handbremsenton immer da, wo der Autor innerlich weit weg vom Thema ist. Dass man etwa Filme in Schwarz-weiß oder Chamois hat entwickeln lassen können, und das auch noch mit oder ohne Büttenrand. Wow. Das ist schon mehr als knapp daneben.

 

Aber geschenkt, nähme sich der Artikel der Fotografie so an, wie es die Agentur Magnum seit 70 Jahren tut. Ein Blick auf deren Homepage und man ist gepackt. Ein Klick und man hat die die Wahl zwischen Theorie und Praxis, zwischen Herzblutprojekten und jüngsten Veröffentlichungen.

Natürlich kommt die Geschichte der Geburtstagsagentur im Artikel vor, aber irgendwie doch eher als Reminiszenz an eine listige Vertreterin einer ausgestorbenen Art. Und die Fotografie selbst als Gemischtwarenladen. Geradezu impertinent aber ist Hannes Vollmuths zeitgenossenkritische Aussage: „Wir kommunizieren in Bildern, als sei es eine Art Sprache.“

Da schmerzt der Dorn im Fotografen-Fleisch. Einer der schon lange steckt und nicht erst von Vollmuth reingerammt wurde. Die vokabelreiche Sprache der Bilder ist vielen so unverständlich wie vertraut. Und mit ihr, von ihr, durch sie leben Foto-Agenturen, lebt nicht zuletzt Magnum. Davon, dass Bilder Inhalte transportieren, dass sie berühren, dass sie, wenn die Autorenfotografen den richtigen Blick haben, den richtigen Nerv treffen, sogar Geschichte machen können… Davon kann natürlich nur erzählen, wer diese Sprache zumindest gebrochen beherrscht.

Wie viele Millionen Fotos auf Instagram hochgeladen oder geteilt werden, ist in diesem Zusammenhang völlig irrelevant. Zumal, wenn der, der darüber schreibt, den Kanal mit einem Selfie-Portal verwechselt. Auf der Magnum Website erzählen zwei Magnum-Fotografen, warum sie gerne Instagram nutzen und geben Tipps dazu.

Die Fotografie sei im freien Fall, schreibt der SZ-Autor, Magnum habe neue Wege suchen und gehen müssen – und junge Fotografen gefunden, darunter Bieke Depoorter, die Fotografie neu denke. Kurz: Moderne Zeiten = Ramsch-Fotografie mit Selfiesticks.

Schade, aber auch nicht wirklich überraschend, dass damit im Medium Zeitung eine Legende fortgeschrieben wird, die A von den (Print-)Medien selbst mit hervorgerufen wurde – und B nicht stimmt. Die Fotografie sei am Ende, liest und hört man ja oft. Dabei ist die Fotografie – fern von derart unkenden Medien – so lebendig wie je. In einem Interview vor gut zwei Jahren sagte der ehemalige Präsident von Magnum Thomas Höpker zu dem (in Vollmuths Artikel ebenfalls zitierten Fotografie-Experten) Hans-Michael Kötzle: Fotografie sei immer wichtiger geworden und keineswegs verdrängt. „Aber die Medien haben sich verändert. Sie sind heute nicht mehr die Auftraggeber.“ Oder jedenfalls nur noch in geringem Maß.

Glücklicherweise gebe es nun einen neuen Markt und neue Geldgeber fern dieser Medien. Und die Formen und Möglichkeiten der Fotografie würden immer breiter. „Magnum hat sich verändert, jetzt kommen die Künstler.“ Künstler wie Bieke Depoorter. Sie hat beeindruckende Projekte gemacht und auch die Fotos, von denen eines gezeigt wird, gehört zu einem aufwändigen Projekt – aber komplett neu gedacht ist das gezeigte Bild nicht. Das aber kann nur wissen, wer nicht andächtig einen Satz schreibt wie „Sie sieht manchmal 1000 Bilder am Tag.“ Wir sehen manchmal das Doppelte. Gute Bildredakteure das Drei- bis Sechsfache.

Der Autor ist übrigens ein Ausgezeichneter, den prämierten Artikel über einen der letzten Freifunker habe ich gelesen – super. Aber für dieses Thema sollte es saure Gurken prasseln, wegen unpassender Wortbilder, einigen echt zu blödsinnig falschen Stellen. Aber vor allem ist es auch ein frei-von-Lektorat-Text. Sonst hätte man den Hingucker-Anfang mit der Pointe des Autors verknüpfen und ändern müssen, damit da nicht vom Kuba-Projekt, sondern von jenem in Europa gesprochen wird, oder wo liegt Pisa nochmal? Damit blitzt am Schluss das Desinteresse der Redaktion am Thema Fotografie auf. Sehr schade.


 
 
 

Sechs mal, Demenz und app

16. Januar 2016 von m&m | Keine Kommentare

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Auszeit poliert Kontraste. Oder vielleicht ist man einfach nur beim Neustart, sogar nach einem Kurzurlaub, blitzmedienblank. Um so heftiger pulsen am Tag eins die kabellosen Freunde: #geheimnis, #ausnahmslos und #rigaer94. Muss man erstmal kapieren. Während die Speicherkarte Double Exes, Dohlen und Dünen einspeist, während Tweets und fb-Posts auflaufen, die „Ich weiß was!“ zwitschern, „Hier bin Ich!“ oder „Kauf mein XY (Text/Bild/Buch sowas), also während all das piept und brummt und lädt, bleibt es auf der Strecke. Fällt es, das big picture. Die Vision, was mal bleiben soll und was man hinterlassen, besser: mitgestalten möchte. Mankell ruft uns das nach, (Niels) Quaquebeke vor – nur, die Mehrheit möchte nicht. Will nur spielen und „Ich bin dran“ rufen.

Und natürlich Tipps verkaufen, wie man das Spiel am Laufen hält. Hinkriegt, nein, optimiert, sodass so viele wie möglich sich den eigenen Auftritt angucken, liken und reliken. Scheine und Likes (schein breit like Deimonds, deidelt das Autoradio nach der Grenze, bevor ich auschalte). Optimierung. Auf dass alles satt und sauber wird. Gibs durchdachte Strategien und Workshops für. Mit Neurohintergrund. Denn die Hirnforschung hat festgestellt, dass Mozart, Geigen, und die Farbe Rot universelle Aufmerksamkeitshammer sind. Dass der gemeine Mensch sich drei, fünf, sechs (uiuiui), sieben oder Doppelsex, also ein Dutzend, Tipps am besten merken kann. Weshalb Checklisten, Tipps oder Ratschläge mit 3, 5, 6 oder 7 Punkten, Spiegelstrichen oder fetten Markern am einträglichsten seien, und Teaser mit Reizwäscheworten á la Sex-Skandal, Geheimnis, Diät oder Mör-der-blut am grabschigsten teasen. Nach dem Urlaub fällt mir das wieder besonders auf. Erinnert mich an vorappiale Zeiten. Oder an Wettbewerbe der taz-Wahrheit. Wer mitmachte, war gefordert extrem bekloppte Worte in einem Text unterbringen – und wer krass gut darin war, dem winkte eine Flasche Cognac. Hieß es. Den hat die Wahrheit sicher selbst gesoffen, @besserdeniz großgezogen und an die Welt weitergereicht.

Auszeit also. Reduzierend wie gute Küche. Gut. Aber nur relativ gut, wenn es demente Verwandte gibt. Dann ist ansprechbar sein ein Muss. Kontakt. Halten. Sogar aus Vietnam wird 2x am Tag dorthin telefoniert. Nur um zu hören: Wer bin ich? Wo muss ich zum Essen hin? Was soll ich bloß machen? Kriegt man Angst vor der Zukunft – und Party und Kaffeeklatsch (twitter und fb) gerinnen zum hypersurrealen Quark. Wer berichtet eigentlich davon? Gibt Platz dafür? Redefreiheit? Wo nicht mal #Pflegenot genügend diskutiert wird.

Eine Woche lang nur die SpOn-App: Wohnung des Paris-Attentäters gefunden. Polen bestellt den deutschen Botschafter ein. Die “Ereignisse“ von Köln. Spuckt Botschaften, die wie surreal vorbeidriften. Weil man eigentlich nur die Kanäle leeren und allerhöchstens die allerwichtigsten Neuigkeiten will, um den Tagesplan auszurichten. Also: Wie wird das Wetter?

Zurück in die Zukunft katapultiert hat mich aber nicht die Ankunft in der Medienheimat, sondern „Radio Veronika“. Hätte nie gedacht, dass sich der Moderator des nordholländischen Senders genauso anhören könnte wie Schwester Marion oder Onkel Lars von HR1. Echt jetzt. Sogar die Werbung wie geklont. Dass man nicht alles, versteht ist ja normal. Ist man also doch und echt Europäerin?! Super! Medienoptimierung ohne Grenzen. Nur, die Veronika-Musik war besser. Aber da hatten wir eh keine Not, waren blauzähnig verkoppelt.

Dank App, Demenz und Wifi, blieb uns das Grundrauschen. Die mediale Nabelschnur, die nie abfällt. Zuhause aber, in der Brandung, wird grundoptimiert: Ich lösche die Freundschaftsanfragen derer, die ich nicht kenne und entfreunde mich von denen, die nie reagieren. Mit denen mich nichts verbindet. Nicht mal Demenz.
 
 

Heartbreaking News

30. Oktober 2015 von m&m | Keine Kommentare

Der Tagesspiegel macht sich frei

Der Tagesspiegel macht sich frei


 
Mitten ins Herz: der Tagesspiegel schmeißt von heute auf morgen die Freien raus. Bin gespannt, wie sie jetzt ihre Seiten voll kriegen. Früher war überall mehr Lametta. Aber früher war ja manches anders. Manche Kollegen können da allerdings keine Witze drüber machen. Wenn einem ein Drittel der Einnahmen wegfällt…

Diese Woche vor Journalismus-Erstsemestern eine Gastvorlesung gehalten. Erzählt vom Leben als Freie und von Freischreiber. Etwa 50 Leute saßen vor mir, sehr interessiert. Viele Fragen, u.a. auch die wichtige nach dem Geld: Gibt es auch Journalisten, die richtig gut verdienen? Und dann fragte ich, wie viele ein Abo hätten, irgendwas – und? Einer. Glaub nicht, dass das neue Modell des TSP ein Geschäftsmodell ist.

Alles nur geträumt...

Alles nur geträumt…


 
 
 

3. Februar 2014
von m&m
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Alles muss raus: Selfies und fickbare Mütter

  Und hopp! Unruhig und temperamentvoll soll es sein, das Pferd, und als „Jahr des Pferds“ Stabilität und Bewegung bringen. Passt schon. Hab jedenfalls volldynamisch mit 1. Ausmisten, 2. Arbeiten und 3. Lernen angefangen. Also Archivdiät gemacht, alte Rechner und … Weiterlesen

21. Oktober 2013
von m&m
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Häng ma den Porn raus – Buchmesse FFM

  “Mind Fuck, Sex Diaries, Affe im Kopf… an manchen Buchregalen der Messe hämmerten die Titel geradezu ans Hirnkastel. Ich sah die Berater vor mir: „Titel, muss knallen, Leute!“ Sicher gab es neurodidaktische Empfehlungen, etwa wie man am erfolgreichsten Zahlen … Weiterlesen

4. Juli 2013
von m&m
1 Kommentar

Abschuss – von Krähen, Gärtnern und Journalisten

  Was? Die erschießen Krähen mit städtischer Erlaubnis? Und das schon seit drei Wochen und auch noch in unserem Revier?! Las ich heute morgen in einer Email. Ich wär vom Rad gefallen, hätte einer vor meinen Augen eine Krähe abgeschossen. … Weiterlesen

13. Juni 2013
von m&m
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Papierliebe – neu sortiert

  Makaber: während die Rundschau ums Überleben kämpfte, säuselten smarte Stimmen im Radio den SZ-Slogan: „Seien Sie anspruchsvoll“. Die in diesen Werbe-Audioclips fingierten Spatzerl-Dispute verliefen etwa so: Oper, Wirtschaft, Politik – du kennst dich ja plötzlich in allem gut aus, … Weiterlesen

26. Oktober 2012
von m&m
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Poetry meets Gier, Maß, Alltag

„Today was national Poetry Day, what is your favourite Poem?“ Nationaler Gedichttag – welches ist euer Lieblingsgedicht? Fragte eine Freundin am 4. Oktober auf fb. Gedichttag? Was? Wann? Natürlich das „national“ übersehen. Sonst hätt ich zur Feier des Tags eines … Weiterlesen