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Entrée: Lebensräume – Flugrouten

5. Juli 2012 von m&m | 1 Kommentar


 

Noch nicht da gewesen?
Hier ein paar Bilder und Texte unserer Ausstellung:

Früh

Zum See. Frühmorgens,
wenn die Stadt noch schmale Augen hat.

Die Ufer gesäumt
von Suchenden.
Die am Wasser sitzen,
Gedanken schwimmen
lassen,
austreiben, auswuchern,
passen.

Ich wusste doch nicht,
dass Städte sich verkleiden,
sie drauf angewiesen sind,
ihre Plätze tauschen manchmal und
sich wild und heimlich ausschütten vor Lachen.
Dass es so einfach wäre,
Du zu sagen.

Doch die Schwäne.
Heben sich und
tragen mich fort.
 

Unterm Rad

Wie es formt,
das tägliche Schaffen von Zukunft!
Den Stein ein wenig
weiter schieben dürfen.
So ein Glück,
ihn herabrumpeln zu sehn.
Sich einspieln, hochziehn –
immer rasanter hinab, geschickter die Züge hinauf.
Kette und Schuss,
40 mal 45 –

zähl nach.
Die Welt ein Lachen im Kompass,
bis die Nadel springt.
In einer Sekunde nur
alles gewendet, gestoppt,
auf Null.

 

Nachtflug

Ein Leuchten
im Lidschlag
des Monds
eine Lichtspange rafft
All und Rinne des Zufall.

Ein Aufglühn:
Verheißung, Gral, Sirius’ Sehnen.
Gebannt von undeutbaren Zeichen,
gebrannt vom Atem
der Hoffnung.
 

Raus
aus dem Pulsen der Stadt,
dem Wuseln, Wispern, dem Weiterweiter –
aus.

Rein. Einhalt, Einfalt
in Helios’ Blumenspiegel
bin ich leicht.
Dicht gepackt
zwischen den Blütenschnuten
summt die Timeline:
Parallelpendel,
Bienenbilder,
Falterfliegen,
Wespenmasken.

Im Blick der Wendesonne
wachsen mir gelbe Zünglein,
sprießen mir grüne Locken heiterkühl
und silbernes Stromhaar.
Im Herzen des Sommerfelds
bin ich
ich.

wird fortgesetzt (hier: Endspurt).

ausstellung lebensräume – flugrouten: 3.6. – 8.9.12
stadtkirche offenbach, herrnstraße 44
mo – fr 12-18 uhr, sa 11-13 uhr

 

Das Gedicht: Spring

16. April 2012 von m&m | Keine Kommentare

Sprünge #1

 

Leer räumen den Kokon, den
Hort der Häutungen.
Beziehen das Unbezog’ne, Neue
den mehrfach, den leeren Raum
entziehen dem andern,
dem Noch-nicht
entringen das Hier-ich!

Alles kann sein
vor der Niederkunft.
Ein Finden, Schwingen und
Austreiben.
Aufziehn den Elternkreis.

Aber das Band,
die alte Feder der Unruh,
Zug und Gegenzug
Wellentalschmerz und Bergung
bleibt als Furche des Zwischenstands.
Wölbt die Lippen des Gucklochs
die Weiße der Wände
sprengt den Staub des Nichts und Wiedernichts.

Bleibt zwiefach geheftet: Hasta la Vista!
Vaterhands Muttermunds Baby.
Spring, die Augen in die Ferne.
Gib, der Zukunft Raum, dem Neuen Tür –
wie immer es sei.

Es gilt.
Die Ansprünge erkennen und ertragen,
die Spannung neu verdrahten:
Ab jetzt.
Den Vertrag mit dem Morgen schon gezeichnet,
Deal.

Die Kindheit wiegt,
sie bleibt zurück.

Das Gedicht: Winter

29. Februar 2012 von m&m | Keine Kommentare

Yaxies hands #1

 

Winter

Die Dachrinne kahl,
bis auf ein Nest.
Drin zittern weiße Federn, noch vom letzten Jahr.
Wenn der Frühling kommt, wird dies das windige Zuhause
von ein paar Küken sein.

Kannst du sie hören?
Wand an Wand, das schützende Dach über euch
über dir
Nach Jahren auf der Flucht,
des Gehens im Sand
vom Kind zum Mann.

Des Singens, Aufbrechens, Suchens.
Beschimpft, bepisst werdens,
Umgeleitet, ausgenutzt werdens,
des…

Zuhören! Verdammt, ihr sollt endlich zuhören!
Recht für, nicht gegen,
Fluchtwege für Menschen freihalten, nicht
nur als Notausgänge für Banken.

Wem die Sohlen zu lange brennen,
dem brennen auch Hände und Zungen
Notausgänge fürs Erlebte
Freiräume des Denkens
manche kämpfen, manche beginnen zu singen

So wie Yaxie Yax,
nur älter, war Hilde Domin,
der in der Fremde Wasser geschöpft wurde,
die bleiben durfte,
die auch fern ihrer Mutter ihren Fuß in die Luft setzte,
es schmerzte, aber sie trug.

Ihr Nest im Dachrinnenzweig
Deins über den himmelblauen Geländern,
über den roten Teppichfalten..
Rot, auch wenn
Grün deine Lieblingsfarbe ist.
Werden wir tragen?

 

Yaxie ist Yahye

 

Mehr zu seiner Geschichte: Hier im Blog.

Zeichen und Engel im Wald

23. Dezember 2011 von m&m | Keine Kommentare

.
Die Krippe!
ein Wunder.
Schon abgeschrieben, und doch
jetzt und endlich! Ochs und Esel, Hirte und – Engel
Der Engel mit gebenden Armen und kräftigem Buchenfederschwung
nie sah ich
einen schöneren –
so ein Glück.

.
Wieder sicher.
Tut das so gut, weil die Kippe jetzt ständig da ist?
Nicht erst, seit die Erde den Atomatem anhielt,
seit wir dies unsichtbare Mal auf unseren Stirnen tragen:
Glück gehabt.
wieder Mal.

Ist es deshalb?
Occupy your life
macht es selbst richtig
damit es Traumpfade gibt,
im unwägsamen Gelände
damit, wann immer die Kippe kommt,
damit wir wählen können und sehen,
damit niemand aufgibt,
zu früh.

Gedicht der Woche: unplugged

24. Oktober 2011 von m&m | Keine Kommentare

Lyrik_#02

unplugged

stäubts
unter stellwänden
geschredderten glücks
brockts bunt, flockt,
hartzt zu die ausgekommenen, ausgesiebten
leeren blicks
die dahocken, farblos gezaust, aschpink und plastik
süchtig nach billigglimmer, overdrive
gierend ohne grund
immer nur: mehr,mehr

dabei fehlt’s passwort
mehr gibt’s nur für die drin
geherzt vom druck: come on the pressure line
nicht auffallen, auffragen
nur einkommen
zeitlos verbraust, züchtig bis ins workout
und zikadesk: mehr,mehr

und?
schreischauwem
gekappt alles
bilder, süchte, blüten
colours run dry
die zukunft ein reisbrei
politisch korrekt

passwort? 1,2,3 und ab:
schreischau
selbst

Die BildGeschichte: Der Wald zwischen Mythos und Bauland – Wildwechsel

2. Oktober 2011 von m&m | Keine Kommentare



Die Augenwasser des Himmels,
streifen Lichtungen, durchströmen Wege
über Wurzeln und Steine, bis ans Ende der gangbaren Spur.
Wo Spinne euklidische Träume zu Netzen webt,
Schwarzspecht ruft, Erdkröte schläft.
Seele tauch ein. Wie ein Lot tief in die Kraftquelle,
und dann, wie Odysseus aufs Laubbett sinken.
Zuflucht, Ruhe, Wiedergeburt.

Ewige Wiederkehr des immer Neuen:
sicher sprießen Bärlauch und Pfeilwurz im Frühjahr durchs orangene Laub,
sicher kommen die Kröten, Frösche und Molche zum See,
sicher finden die Hirsche das erste, das saftige Buchengrün
und sicher ist jeden Tag das Staunen.
Was?
Vor mir ein Mann. Still. Lauschend mit jeder Anzugfaser.
Sein Rücken sagt: Bitte nicht stören!
Was ist da? Der Mann blickweist vor:
Damhirsche. Äsend und sichernd, die Ohren zum V.
Mit einem Mal wischen sie davon, stolz, erhobenen Geweihs.
Voraus voraus! Mein Einschaufler mittendrin.



Ich möchte auch so laufen,
möchte diese Synästhetikerin sein, die das Grün singen hört:
die hell perlenden Buchen, lachenden Birken, feingliedrigen Lärchen,
die Eschen, die Weiden, die Erlen und die Eichen… Brennnesseln auch, Farne, Pfeilwurz und Fingerhut…
Wem die Zunge nicht brennt, sagte Werner Herzog vor Jahren,
dem brennen die Sohlen…
Sie machen das Herz licht, erden das Hirn.
…und erlaufen Töne:
die vom grünen Mann, der Wasserflöhe fischt,
von knallbunten Joggern, Hundeausführern, Waldarbeitern, Förstern und Holzabholern,

von Genussradlern, Fliegern, Liebenden und Fotografen,
von Pilzsammlern, Mittagspäuslern und Heilungssuchern,
von Kindern, Erzieherinnen, Entenfütterern und von den Tagträumern.

Aufforsten, abholzen, aufforsten, abholzen. So war es Baumzeitalter lang.
Die Antwort? Umwallen! Jetzt werden die Säume des Waldkleids kürzer –


noch aber treff ich
die Geschichtenerzählerin im Waldgrund
unter Schwimmelfen, Samtkehlchen, Fadenkröten
west sie im Dreistand meiner bemoosten Birken.

Vom See her ein Windhauch
gefolgt von Knacken, Rauschen:
Was?


Gedicht der Woche: Nota

24. September 2011 von m&m | Keine Kommentare




Nota

Nenns Ausgrabung, Kreuzrat, Voodoo –
nimm zwölf mal zwölf und fünf dazu
und legs Orakelbild:
Wem traun?
Dann schüttel ab den schweren Staub
der uralten Zeichen.

Lass draußen den Tod, aber
horch, schau: Vogelflug und Krötenzug.
Dann fädel die Wirbel zur Kette und
schenk sie dem,
der aus Hühnerknochen die
Pfeife zu schnitzen vermag,
die noch unter tausend Zaubereien
erklingt.

 

 

Ocean City – lyrics

12. August 2011 von m&m | Keine Kommentare

OC_#1 Ocean City
OC_#2 Ocean City
OC_#3 Ocean CityAls erstes zum Strand und Mittags wieder
und jeden drauffolgenden Morgen.
Immer. Bis endlich die Landkruste brennt, reißt und abplatzt: Frei!

Weite, Wind, Möwenschrei. Immer. Als ich Kind war,
allein, zu zweit und als das Kind Kind war –
seit fünfunddreißig Jahrn und, mit Wenders Handke,
so ist es heute noch:

Feuchtes Morgensalz verschleiert die Strandcaféscheiben,
später gibt’s Appelgeback met Slagroom, Mittags Sand, abends wirft
der Himmel sein rotes Feueraug ins Meer oder
ins Wolkengeball.

OC_#7 Ocean City
OC_#5 Ocean City
Und Laufen.
Laufen am Strand. Endlos
Füße, Finger durch Sand und Wasser ziehn,
bis unter der Gischt die Haut dampft
den Brand, den Widerpart spürn ohne Druck.
Seele durchspüln, Hirn durchsieben, Herz durchpumpen

Durchs Feuer springen, von Dünung zu Dünung
gegen den Landwind,
der ungerührt Kinderbälle ins Meer bläst,
zu schnell für Mama und Papa
so stark, dass Falter todblind aufs Wasser taumeln.

OC_#6 Ocean City
OC_#8 Ocean City
OC_#9 Ocean City
Welle um Welle verläufts Landgeheck.
Doch, wenn die See das Elementgesicht hisst,
brüllend sandauf rast,
hockt Angst.
Schon ziehn Rettungsbrigadeure die Tore auf.
SOS! Sie schäumen hinaus. Der Leuchtturm pulst Licht.

Tausend Tode stirbts Landherz
bis kühl der Morgen aus der Düne kriecht
Ebbe spuckt tote Vögel und Müll und Mollusken.

Und doch ist die Wasserlinie Leben,
ist Reisen und Schweigen, Nur-sein.
Jedes Mal
neu.
Ocean City #10