meiseundmeise-blog

Max, 19 Jahre, leicht dement

12. August 2015 von m&m | Keine Kommentare

Unser Seniorkater Max war ja immer schon etwas gaga, aber jetzt – ist er altersgaga

Kater Max
 
Es kommt direkt aus dem Bauch: Wiauurouhh-aah!! Wiauurouhhhaa! Selbstvergessen, Oooommm pur sozusagen. Minutenlang. Ein sattes Röhren, das am Ende oft in haltloses Geschrei kippt. Ziege? Pfau? Baby? Nein! „Was Sie da hören, ist meine Katze…“ Fast jedes meiner Telefon-Interviews startet mit diesem Hinweis. Und immer öfter höre ich dann: „Ohja, kenne ich. Wir haben auch so eine.“ Max und seine greisen Mitkatzen und Mitkater sind raus aus dem lustigen Youtube-Clip Alter, sie sind dement und das ist nicht immer komisch.

Bis vor fünf Jahren noch redete niemand von dementen Haustieren. Doch je besser die medizinische Versorgung, die stressfreie Haltung, das Futter, desto so älter werden Haustiere. Und desto mehr Alterskrankheiten bekommen sie. Ganz wie der Mensch. Tierärzte beobachten das schon länger, doch die Tierbesitzer trifft der Elchtest in Sachen Pflege meist unvorbereitet. So wie uns an Silvester. Unser älterer Kater war schon immer sehr speziell in Sachen Futter. Kleine Häppchen, am liebsten vom Feinsten, bloß nix Unbekanntes, aber auch bloß nicht immer dasselbe. Doch nun ging gar nichts rein. Dafür kotzte er sich die Seele aus dem Leib. Also Tierarzt.

Aufbauspritze. Bluttest. „Kommense morgen wieder, wenn er nicht frisst.“ Am Neujahrstag? „Ja klar.“ Der Kater fraß nicht, war nur mehr ein Häufchen Elend. Also tatsächlich an Neujahr wieder zum Arzt. Wieder Spritze. Wieder „Kommense morgen wieder.“ Und dann die Diagnose: „Niereninsuffizienz“ verbunden mit dem Kommentar: „Als Mensch müsste er zur Dialyse. Als Hund wär‘ er schon tot.“

Und als Katze? Kriegt er bis heute Elektrolytlösung unter die Haut gespritzt, denn diese Flüssigkeit bleibt dem Stoffwechsel erhalten, auch wenn der Magen sich umstülpt. dazu Nierentabletten, Diätfutter (dreimal so teuer wie normal), Verdauungspaste. Nach vier kostenintensiven Tagen kam mir der Arzt entgegen: Wenn wir das Spritzen selber übernehmen wollen, würde er mir jetzt zeigen, wie es geht. Was? Mir?

An jenem Tag war ich mit dem Kater alleine da. Also bekam ich den Exklusiv-Workshop und seitdem ist Spritzen mein Ding. Anfangs zweimal täglich vier Pullen á 20 Milliliter. Ausgerechnet. Ich. Die früher beim Tierarzt umkippte. Kann kein Blut sehen, da macht mein Blutdruck schlapp. Tja. Was dann so alles doch geht. Die Arschkarte habe übrigens der, der den Kater festhalten muss, merkte der Tierarzt an. Und die hat mein Mann. Dem sollte man jetzt übrigens nicht blöd kommen, gibt ordentlich Muckis die Katzenhalterei. Max, dieses alte Knochenhemd, das kaum noch drei Kilo wiegt, kann noch gut gegenhalten. Alles im Kopf kann eben Willenskraft werden. Selbst bei Katzens.

Kater Max
Kater Max
 
Das Aufreibendste aber war, die Balance wieder herzustellen. Da Max immer knochiger wurde, kriegte er zu fressen, wann und was immer er wollte. Sein Katerkumpel Robbie dagegen, der immerhin auch schon 12 Jahre bei uns ist, bekam dann nichts. War ich besorgt oder genervt oder besorgt und genervt wurde er schon auch mal weggeschubst. Das Ergebnis war wenig überraschend: voll neurotisch. Keiner liebt mich, dachte er und leckte so lange an seinem Bauch, bis der wund war….

Mittlerweile haben wir Routine. Robbie ist rund und gesund, und Max bekommt Spritzen, sobald wir erfühlen, dass er sie braucht. Als bester Ort dafür hat sich, entgegen allen Empfehlungen, ein Weidenkorb erwiesen, der auf dem Boden steht und sein Rückzugsort ist. Wir warten, bis er richtig schläft und überraschen ihn dann. Klappt nicht immer, denn Max Holzauge ist wachsam. Da er taub ist, muss er geradezu riechen, was wir vorhaben. Manchmal meckert er. Anfangs hab ich das mit „Aua!“ übersetzt, geschwitzt und gedacht: der Arme! Aber unser Tierarzt schüttelte nur den Kopf. „Der kennt Sie und trickst. Es tut nicht weh.“

Manche Verwandte und Freunde verbinden mit Spritzen nur Schmerzen und Blut. Und fragen immer wieder: Wie lange wollt ihr das noch machen? Soll heißen, wann lasst ihr ihn endlich einschläfern? Mich nervt diese Frage mehr als Max. Und die Tierarztcrew betont: „Dürfen wir gar nicht. Seit 2013 gibt es ein neues Gesetz, das vorschreibt: einschläfern nur bei Indikation.“ Immer mehr Leute aber kämen, weil sie genug hätten von der Arbeit mit dem alten, kranken Tier. „Wir machen das nicht, aber es gibt genug andere.“

Überraschende Erkenntnis: Tiere machen Arbeit. Vor allem wenn einer wie Max das Katzenklo nicht findet. Vielleicht auch gar nicht sucht. In einem Katzenratgeber den Tipp gelesen, alten Katzen einfach mehr Klos hinzustellen… Öhm. Wir haben zwei, die ständig gesäubert werden. Dazu bräuchte Max eins vorm Bad, eins vor der Haustür, allein drei im ehemaligen Kinderzimmer: eins vorm Fernsehsofa, eins in der stillen Ecke und eins vor der Heizung, dazu schließlich noch je eins vorm Herd und vorm Kühlschrank.

Kater Max
Kater Max
 
Meist kotzt oder pisst er frühmorgens, was die Sauberkeit unseres Haushalts enorm erhöht. Luft anhalten, gelbe Gummihandschuhe überstülpen, einatmen, lila Putzmittel ins Wasser spritzen, ausatmen, nicht aufregen – und alles wird gut. Domestic Stories… Urlaub gibt’s seit zwei Jahren nicht mehr. Denn natürlich kann man die beiden so niemandem zumuten.

Dass unser Mäxchen das noch mitmacht liegt an seiner Zähigkeit, unserem Arzt und unserer Flexibilität dessen Anweisungen situationsgerecht umzusetzen. Daran, dass wir es schaffen Spritzen zu verabreichen, selbst unter Streit oder Stress, oder gar unter dem Schulterblick von Schwiegermüttern; sowie der Fähigkeit zu arbeiten, auch wenn der Schreikater an schlechten Tagen jeden kreativen Gedanken niederplärrt.

Bei alten Katzen ist es ähnlich wie bei Menschen: Demente schreien. Hunde tun das nicht, die stehen eher versonnen vor der Tür und haben vergessen, warum. Unsere Tierarztassistentin findet deshalb demente Katzen „viel interessanter“. Stimmt. Ist kaum zu toppen: Vom Röhren und Schreien übers Maulen und Meckern bis zum Quäken, das ich nun wirklich hasse. Denn es meint mich. Trifft zielsicher mein Ich-raste-gleich-aus-Zentrum. In Kurzintervallen ausgestoßen will es mich aus dem Bett, vom Bildschirm oder Telefon sprengen. Einatmen, ausatmen, ruhig bleiben. Schließlich ist es die Ansage, die wir schon seit Jahren kennen: Personaa-al! Essen hinstel-len! Sofo-ort! Nur penetranter.

Obwohl… Wenn ich zurückdenke… Als Max noch ein süßes, federleichtes Katzenbaby war, raste er ratzratz die Wände hoch. Zum Prusten komisch, wenn man von den Kratzspuren auf der Tapete absah. Als die Wohnung renoviert war, der Kater älter und schwerer, rupfte er die Tapete dann einfach auf Tatzenhöhe in Fetzen. Immer genau neben der Tür, die gerade geschlossen war. „Mensch ey! raus aus dem Bad!“, hieß das dann – oder, „Kommt endlich nach Hause!“ – oder eben „Raus aus dem Bett! Verdammte Kralle!“

Wie lange noch? Solange er frisst, keine Schmerzen hat, aus vollem Hals brüllt, sich uns trotz all der blöden Spritzen auf den Schoß schmeißt und allerliebst schnurrt, sich also offensichtlich wohl fühlt. Wir wetten, er wird 20. Wahrhorrouruhu!

 
 
 
(Diese Katzen-Demenzreportage gabs am 8. August in der taz am Wochenende)

Aus name zustand: 17.000 friedliche Protester!

19. März 2015 von m&m | 2 Kommentare

20150318-_MG_7213
 

Feuer und Gewalt! Morgens um 7 ist die Welt schon angeraucht. Eine halbe Stunde nachdem der erste Heli übers Haus geknattert ist, laufen die ersten Meldungen über Twitter. Wie? Brennende Autos und Barrikaden? „Shit! Keine Gewalt!“ Bittet @Muschelschloß auf twitter. Ja, Scheiße. Bleibt aber Ausreißer von immerhin 1000 Hool-Köpfen, die für Randale gekommen sind. Da hat Frankfurt schon anderes erlebt, selbst wenn jetzt alle Medien schnappatmen. Und das heftigst, untermalt von den feurigsten Szenen und Fotos von den steinewerfendsten Schwarzer Block-upyern. Vom Machtdemonstrations- oder Self fulfilling Prophecy-Charakter des „Schutzkonzepts“, das unsere Stadt schon seit Montag in eine Festung verwandelt hat – nichts. Vom Ausschluss der Presse bei der Eröffnungsfeier – nichts. Nicht die Demonstranten haben die Innenstadt wegen Brandschatzens und Marodierens lahmgelegt, wie man angesichts der Berichterstattung denken könnte, sondern die großzügige Absperrung der Innenstadt durch die Polizei.

Ausreißer hin oder her, der Morgen war krass. Autos haben gebrannt, es gibt diverse Scherben, Emotionen, Feindbilder aufzukehren. Und wieder zeigte sich, dass Streitkultur fehlt, dass Konflikte vor allem eins auslösen: Angst. Traditionell wurde also nach rechts und links sortiert – und besonders dort gemobbt und gepöbelt, wo es am wenigsten soziale Kontrolle gibt, im Netz.

20150318-_MG_1431
 

Um 14 Uhr auf dem Römer jedenfalls wars pickepackevoll und alle hatten beste 1.-Mai-Stimmung. Der Attac-Slogan „My big fat greek Solidarity“ war einfach gut, für Kinder gabs blau weiße Herzchenballons. Kurz: Schuldenschnitt mit Herz. Junge und mittelalte Leute waren da, Friedenstäubchen mit Pace-Fahnen und Hardcore-Aktivisten mit denselben Sturmhauben wie die Polizei. Rund zehntausend fasst der Römer. Rund um den Paulsplatz waren nochmal so viel, flankiert von nochmal so vielen Einsatzkräften. Später in der Tagessschau (die Jungs haben vor mir gefilmt) sieht man davon im Schatten von Randale und Feuerbildern nur eine Pflichtsekunde lang. Heiligs Blechle!

Die Zeil wurde von Aktivisten wie bei Occupy vor zwei Jahren mit diversen Aktionsspots aufgemischt. Wellenbewegungen von Demonstranten und Polizisten. Geführt von einer Sambatruppe in rosa. Die wird zweimal eingekesselt – doch weiter geschieht nichts, beide Seiten machen ihre Demo, verhandeln und halten sich zurück. Es geschieht ohnehin nichts, was nicht gesehen, dokumentiert und getwittert wird. Von hinten sieht man nur emporgereckte Arme und Smartphones, oder das Teleskopstativ mit Kamera der Polizei. Gerangel. Hin- und Hergewoge. Sie rufen: „This is how – demo-cracy looks like! This is how – demo-cracy looks like…“ – und ich wundere mich, dass nicht alle mitschreien. Nee, mitschreien ist oldschool. Dafür wird aufgezeichnet.

20150318-_MG_1444

 

20150318-_MG_1457
 

Ansonsten ist es gespenstisch leer in der Stadt. Manchmal begegnet man einem Trupp Polizisten, die wie eine Phalanx irgendwohin marschieren, manchmal einem Trupp Demonstranten, die sich mit Proviant eingedeckt haben. Manchmal beidem… Mittwoch autofrei – das hat mir gut gefallen. Konsumfrei teilweise auch – Kaufhof und diverse andere hatten geschlossen (sicher mal sicher). Das bereinigt die Demostatistik. Hatte mal recherchiert, dass an einem Occupy-Aktionstag mehr Leute bei Kaufhof waren als auf der Demo. Gestern nicht.

Mittlerweile sind sie wieder zuhause die 900 Sonderzuzügler aus Berlin. Die Italiener, Spanier, Franzosen und Griechen werden wohl noch hier sein. Die Medientitel am Kiosk melden Feuer und Randale! Wenig, was Menschen mehr in Alarmzustand versetzt. Und Zeitungen wollen ja verkauft sein. Auf twitter bedauerte einer, es werde bleiben, dass man besser mit dem einen Prozent an Reichen leben kann, als mit den 99 % Bekloppten. Yep. Das ist der zentrale Befund des Tages. die Diskussion geht nicht dahin, wieso wir einen Verarmungskurs mittragen, wieso wir alles tun, dass das Geld nur ja ausschließlich bei uns bleibt (Griechenland den Griechen! Haben ja eh alle nur geprasst. Zum Schämen wie dieser Schäubleplan eines Flüchtlingslagers in Nordafrika – was ist extrem?). Nein, es wird nicht über auskömmliche Lohnkosten, faire Behandlung oder ähnliches diskutiert, sondern – über gewaltbereite Linke, respektive Ausländer.

Es soll auch Verletzte unter den Polizisten gegeben haben (laut @polizei_ffm abends schon wieder alle fit. Der Tagesspiegel meint, vom selber versprühten Pfefferspray). Gewalt macht Gewalt. Daher ist doch die Frage, wie klug das Konzept war. Wie gut die Idee, die Bank wie eine Festung schon zwei Tage vorher zu verrammeln und zu verbarrikadieren und die Stadt mit 10.000 Polizisten aus ganz D aufzurüsten, die in ihren Rüstungen wie eine Kreuzung aus Bulldogge und Footballspieler aussehen. Dass die Protester aus Südeuropa sich nicht aufhalten lassen, wenn sie dem kapitalistischen Machtzentrum ihre Meinung kundtun wollen – Überraschung! Heute ist die Stadt wieder uns, der Aufräumdienst war schnell, von Frankfurt in Schutt und Asche keine Spur. This is how democracy looks like…
 

20150318-_MG_7214

 
 

14. Juni 2014
von m&m
Keine Kommentare

Mach mal müßig

  Null. Kein brauchbarer Gedanke nichts. In solchen Notfällen muss ich weg vom Bildschirm. Zum Glück habe ich einen Balkon. Wind schuckelt zartgrünes Blattgefieder, Bienen beschwirren Blüte um Blüte und Sonne blitzt Schattenmuster. Langsam rutsche ich auf Standby. Hups?! Bin … Weiterlesen

25. März 2014
von m&m
1 Kommentar

Ypsilon rising: Einmal mit alles bitte!

  Was machen diese Y-Kinder bloß, wenn mal kein Strom da ist? Vor zehn Jahren noch ging es uns als Eltern wie so vielen: um alles, was uns wichtig war, wurde gerungen. Also, um computerspiel-freie Zeiten (hatten trotzdem keine Chance … Weiterlesen

18. Februar 2014
von m&m
Keine Kommentare

Biofach 3.0: Unterm Pflaster liegt die Farm!

  Guerilla-farming? Der Mann auf dem Podium erklärt, wie er das meint: „Reißt die Pflastersteine raus, füllt die Lücke mit unserem Kompost, pflanzt was – und lasst euch dabei filmen! Am besten genau dann, wenn die Polizei euch verjagt.“ Video … Weiterlesen

3. Februar 2014
von m&m
Keine Kommentare

Alles muss raus: Selfies und fickbare Mütter

  Und hopp! Unruhig und temperamentvoll soll es sein, das Pferd, und als „Jahr des Pferds“ Stabilität und Bewegung bringen. Passt schon. Hab jedenfalls volldynamisch mit 1. Ausmisten, 2. Arbeiten und 3. Lernen angefangen. Also Archivdiät gemacht, alte Rechner und … Weiterlesen

7. Oktober 2013
von m&m
Keine Kommentare

Bring ma den Müll raus! Heldenmarkt in FFM

  Kronkorken, Sand, Glas… Wo jetzt, Stadtbar? Strandleben? Nein: Stand auf dem Heldenmarkt in Frankfurt. Das Zeug – Detailaufnahme – war mal Müll. Das sieht man dem Blickfänger des Stands von Beatrice Anlauff nicht mehr an. Ihr Couchtisch ist: eine … Weiterlesen

21. Februar 2013
von m&m
Keine Kommentare

Wir Schnäppchenreiter

  „Fingerdick“, will ich gerade zeigen, als mich die junge Wurstverkäuferin unterbricht: „Die ist mit Schweineleber.“ Wie? Die Kalbsleberwurst? Nein, dann lieber noch vier Scheiben Leberkäse. „Mit oder ohne Leber?“ Wie? Wo ist der Unterschied? Sie kuckt professionell freundlich, nur … Weiterlesen

18. Januar 2013
von m&m
Keine Kommentare

OoH: Identität-to-go

Zur Qualitätssicherung zeichnen wir vereinzelt Gespräche auf; wenn Sie damit einverstanden sind, antworten Sie bitte mit Ja. Nein. Vielen Dank. Die Wartezeit beträgt etwa 10 Minuten. Während ich meine über die letzten Wochen gesammelte To-do-Liste abarbeite, und staune, wie glatt … Weiterlesen

24. September 2012
von m&m
Keine Kommentare

Tödliche Störungen

  Sich einlassen. Leben. Nicht neben-, sondern mit-einander. (Dass das die Atmosphäre entscheidend positiv verändern und prägen würde, darin hab ich ja schon hier dem Autor Jesper Juul recht gegeben). Warum tun sich die Leute so schwer damit? Wer drauf … Weiterlesen