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Bin denken

6. Februar 2017 nach m&m | 2 Kommentare

Kleiner Denker
 
Die Zeit, ein Gefängnis? Nabokov schrieb: „Anfangs merkte ich nicht, dass die Zeit, die anfangs so grenzenlos scheint, ein Gefängnis ist.“ Steht in der Einleitung seines Buchs Erinnerung sprich. Als Kind sei die Zeit ihm noch wie eine Ewigkeit vorgekommen. Und schon hab ich mich festgelesen. Dabei wollte ich nur noch mal eben reinschauen, bevor ich das Buch, das vor mehr als zwanzig Jahren leihweise bei mir gelandet ist, wieder zurückgebe.

Damals erschien auch mir die Zeit noch wie ein Meer, in das man sich stürzen kann. Wir hatten Langeweile damals, drei Wochen Ferien am Stück. Wir bastelten Dinge aus Strandgut ohne Workshops zu besuchen. Selbst wenn es diese schon gegeben hätte, wären wir niemals auf die Idee gekommen, unsere oder die Kreativität unseres Kindes anleiten zu lassen. Ein Artikel dauerte mindestens zwei, besser vier Wochen – und ebenso lange brauchte ich, mich davon zu erholen. Ich konnte ihn dann fast auswendig.

So viel Zeit ist schon lange nicht mehr für einen Text. Kollegen würden mich unprofessionell schimpfen, so lange wie das bei mir immer dauert und wie viel ich recherchiere, auch wenn ich nur ein Xtel davon brauche. Muss sich ja rechnen alles. Am Ende des Tages also Kassensturz oder in Schönheit untergehen. Ich halte es mit Woolf. Wie vertraut war mir diese Szene aus dem Film „The Hours“ (Von Ewigkeit zu Ewigkeit), als Virginia die Treppe herunterkommend zu ihrem Mann sagt: „Liebling, kann sein, dass ich jetzt den ersten Satz habe.“

Aber zurück zur diesem rotbraunen Buch mit dem intellektuell schwarzen Rand oben und der silbernen Schrift: Erinnerung sprich. Doch, ich gebe Bücher zurück, und es dauert sonst nie so lange. Echt. Bei Nabokov lags am Scheitern einer Ehe und dem darauffolgenden Verschwinden der Besitzerin aus meinem Lebensfeld. Und dann Jahre später, war ausgerechnet facebook der virtuelle Ort, an dem die Besitzerin und ich uns wiederbegegneten. Und auch noch ausgerechnet bei einer Diskussion auf der Timeline ihres Ex.

Die Timeline, ein Gefängnis? Nabokov war 67, als er das Buch geschrieben hatte. Noch elf Jahre von seinem Tod entfernt. Was mag er später über diesen Satz gedacht haben? Was denkt man, wenn der Tod in die Ritzen des Hirns kriecht? Wenn der so nahe rückt, dass man weiß: man ist die Nächste. Nur wann weiß man nicht, jedenfalls nicht, wenn man dem Tod die Zeit überlässt. Geht Denken dann noch? Wenn ja, wie?

Denken, braucht Zeit und den Dialog mit sich selbst, Hannah Arendt hat das gesagt. Von Trotta zeigt in ihrem Spielfilm über diese Denkerin so wunderbar, wie das aussehen kann: Allein. Im Zwiegespräch mit sich selbst, rauchend auf dem Sofa. Augen geschlossen oder in die Ferne blickend. Auf einen Ort, der sowohl innen als auch außen sein könnte. Und es ist still um sie. Kein Radio, kein Fernseher. Klar, ein Film das, und aus einer Zeit ohne Dauerberieselung aus Medien- und Sozialkanälen. Aber es sieht richtig aus.

Denken heute? Seh schon die Titelzeile Denken 4.0. Wie als ob. Wir eingestöpselt wären und die Denkspiralen interaktiv glühten. Einsam sein. Gilt heute als Manko. Da hat jemand gelost, ist so komisch, ein Freak oder kann nicht sozial. Dabei braucht doch auch der moderne Mensch den Fokus um Denken zu können. Muss Fragen stellen, verdammt gute, ordentlich durchdachte Fragen. Davon werden die Antworten abhängen. Vom Fokus.

Vom Festhalten. Auch am Respekt. Obama drehte auf, übertönte bei einer Wahlveranstaltung seine Anhänger: Hey, hey, hey! Hold up! Focus! Focus!, als sie einen Trump-Fan bepöbelten, statt nachzudenken. Vielleicht das Beste, das Trump anstößt. Dass die Leute wieder wild herumdenken. Schade, dass es nicht vorher schon losging, aber vielleicht ist auch das ein Effekt der Moderne. Dieser Überdruss. Dieses Ferngesteuertsein.

Was will der moderne Zeitgenosse denn noch selber tun? Hemden Bügeln? Nö. Pfandflaschen zurück? Putzen? Auto waschen? Rausgehen? Kochen? Alles Nö. Dienstleister oder Roboter ahoi. Biste nicht mehr weißt, wie‘s geht. Wo war noch mal der Knopf für den Nebelscheinwerfer? Wie kriegt man nochmal raus, ob was wahr oder falsch ist? Ah – die Lügenpresse! Und jetzt so viel Protest. Wahrscheinlich derer, die sowieso den Mund aufmachen. Die anderen schweigen und finden: Der Trump hat recht. Weil sowieso alle Politiker link sind. Lügenpolitik!

Oder um nochmal Arendt zitieren – und zwar das aus einem wunderbaren Essay von Kai Strittmacher, in dem er über die aktuelle Gedankenfreiheit in China und den USA nachdenkt: „Wenn dich jeder immerzu anlügt, ist die Folge nicht, dass du die Lügen glaubst, sondern vielmehr, dass keiner mehr irgendwas glaubt.“ („Hirsch und Pferd“ SZ vom 2.2.17) Verblödung ist das Ergebnis. Ferngesteuerte Verblödete, die sich in totalitären Regimen bestens linken lassen. Dann aber, dann ist Zeit wirklich ein Gefängnis.

 
 
 

Hard Rain: Dylan und Druff

11. Dezember 2016 nach m&m | Keine Kommentare

Weiß wirklich nicht, weshalb sich alle so über den Nobelpreis für Dylan und Dylan als Nobelpreisträger aufregen. Finde, er hat einen hervorragenden Kompromiss geschlossen und sogar ohne ein Wort deutlich gemacht, dass es auch nobeleske Frauen gibt. Sich zu verweigern ohne sich komplett abzuwenden, Diskussionen anzustoßen ohne das Wort zu führen, poetisch konsequent bis ins Mark zu reagieren – Hey, was wäre literarischer?

Und was zeitangemessener? Denn zeitgemäß ist die ganze Nummer ja Brechtseidank nicht. Eher Hard-Rain-Stuff. Zeitgemäß ist, seinem Partner eine Rastaus-Zeit zu schenken, ein Hotelzimmer zu mieten, indem er/sie alles kurz und klein schlagen kann. Die Superidee stammt, woher wohl, aus USA. Genauer aus Texas, wo in Anger-Rooms seit etwa acht Jahren Sperrmüll mit Lust zu Kleinholz pulverisiert wird – seit kurzem kann man sich auch dabei filmen lassen. Interessantes Material, nehme ich an. Wäre sicher gut für eine Runde Selbsterkenntnis. Aber darum geht‘s nun eher nicht. Das Rumms und Poff soll entlastend und stressmindernd wirken. Nach der Wahl von Trump sollen die Buchungen in den USA in die Höhe geschnellt sein, schreibt Claire Martin in ihrem Artikel zum Thema für die New York Times Wochenendbeilage.


 
Aber es gibt das ja auch hier in Deutschland. Aus verlässlicher Familienquelle habe ich auf mein „Warum macht man das denn?“ die unbekümmerte Antwort erhalten – das sei in und mache einfach Spaß. Die Times Journalistin hat einen Psychologen gefragt, nach dessen Äußerungen die Ausrastzeit eher kontraproduktiv ist. Für Stressabbau empfiehlt er daher Verhaltensschulungen, die auf Achtsamkeit basieren, oder Meditationen. O-kay, aber wie langweilig hört sich das denn an?

Der Hinweis auf diese, sicher den Geisteszustand besser fördernden, Übungen wird ebenso wenig nutzen, wie Kindern aus Gesundheitsgründen Äpfel statt Schokolade zu empfehlen. Interessant ist aber vielleicht doch der Hinweis, dass die Substanzen, die bei den Kleinholzwütereien das Hirn fluten, eher schaden. Ja, schaden.


 
Also nix Wellness am Ende, sondern ein Flimmern in der Herzgegend, das zu Arztweißwas führen kann. Also Obacht! Denn das ist ja für die Anger-Room Zielgruppe, insbesondre die Zwanzig- und Dreißplusjährigen schon wichtig: Die eigene Befindlichkeit, der eigene Auftritt auf der sozialen Bühne und die eigene Reputation rundum. Das Eigentum. Die Angst. Der Kurzschluss. Schließen sogar Kinderwägen im Dachgeschosstreppenhaus an, wo nie jemand hinkommt außer Putzenden. Ach, und dem mal entkommen, einen Overall anziehen, der einen rausnimmt aus der Welt, der einen vermummt und schützt, ein Eskapismus-Kostüm par excellence. Das einen nochdazu die böse, unberechenbare Seite ausleben lässt. Böse Mädchen kommen schließlich überall hin — nicht wahr.

Kann ich alles nachvollziehen. Doch mit dem Overallausziehen und dem Fürdenausbruchbezahlthaben ist ja nix weg. Das Gefühl bleibt. Wird gespeichert womöglich als eins, das voll kickt. Möchte nicht neben dem bodygebuildeten Typ stehn, aus dem es dann bei genügend hohem Stresslevel live herausbricht. Aber auch bei einer schwächeren Ausgabe wissen die derart geschulten Hände dann schon, was man effektvoll und wie zum Kaputt- oder Tothauen schwingt.

Dann lieber Dylan, der das Unberechenbare kultiviert. Der besingt, was Menschsein jenseits friedlicher Meditation war. Sein kann. Ist. Wie Patti Smith by the way. Danke Bob, da mir deren Songs näher und vertrauter sind. Noble. Ohne Weihnachtsschmus auch im harten Regen. Einfach Experi-enced.
 
 
 

Ausstellung: War on Wall

5. August 2016 nach m&m | Keine Kommentare

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Auszeit. Ein Tag Berlin auf dem Mauerweg, auf Locationsuche für ein Panorama. Mauer also. Beton. Eisenstangen. Sogar die Reste irritieren noch. Wir passieren einen alten Wachturm – links eine Hochzeit mit Herzchenballons und Korkenknallen, dahinter Roma auf Klappstühlen und rechts auf einer Infotafel aus Plexi alte Fotos. So hat es früher ausgesehen. Etwa 30 Jahre her. Als ich geboren wurde, ist diese Mauer hochgezogen worden, als unser Sohn geboren wurde, wurde sie durchbrochen.

Dann wieder ein Stück Beton und Berlin und plötzlich quietschbunt: die East Side Gallery. Graffiti vom Feinsten. Schönes, Psychedelisches, Abgefucktes, Poetisches – alles, was die Scene so drauf hat. Die Mauergalerie ist – Geschichte? – durch hohe Zäune geschützt. „Zerstörung“, warnen Schilder „werde verfolgt“ und bestraft. Ich fahre Mietrad, sauge Farbe, lese Kronkorken. Ein Hund pflückt ein Frisbee aus der Luft.

Es ist heiß in Berlin. Das Gras gelb und und wir folgen der Mauer und plötzlich sind wir hier: War on Wall – Kai Wiedenhöfers Syrien-Doku. Fast dran vorbeigefahren. Riesige Panorama-Fotos. Still aber berstend vor Gewalt. Kobanes Straßen in Schutt und Asche. Zerfetztes Welllblech, Trümmer, zerbombte Häuser. „So sah es auch mal in Europa aus“, erinnert der Berliner Fotograf und schreibt, dass er immer wieder nicht glauben könne, was Menschen einander antun.

Packender Einführungstext. Sein erklärtes Ziel: den Betrachtern die Menschen nahe zu bringen. Zwischen seinen Wahnsinns-Panoramen der kaputten Stadt in gedeckter Schutt-Farbe ragen deshalb überlebensgroße, und sehr farbige Porträts auf. Gehen ins Auge, unter die Haut. Das Mädchen etwa, 11 Jahre, das durch eine Fassbombe seine ganze Familie und ein Auge verlor. Kleinkinder, Teenager, junge Männern und Frauen, alte Frauen und Männer – mit furchtbaren Verletzungen, mit Arm- oder Bein-Prothesen und mit Blicken aus Metall. „Die Medien“, schreibt Kai, die Medien informierten nicht mit ihren Nachrichten, sie klärten nicht auf. Im Gegenteil: Die absurd und zugleich obszön unverständlichen und damit sterilen Zahlenblöcke seien ein Schleier, der echte Tote und echte Verletzte verbirgt. Seien letztlich das Schmiermittel für weitere Kriegshandlungen, weitere Tote und Verletzte, weiteres Leid.

Wand auf Wand: Als ich die Geigerin sehe, knickt mir alles weg. Ein kleines auf eine Hauswand gemaltes Bild, die zugehörige Wohnung weggesprengt. Nur diese Mauer steht noch. Voller Einschüsse. Doch das Mädchen im himmelblauen Kleid führt noch den Bogen. Wer hat das gemalt? Romeo, 08. Schwarzes Haar, ernstes Gesicht um sie herum wachsen Bäume in einen schwefelgelben Himmel.

Später lese ich in der Photo-News, dass der Fotograf die Ausstellung verschiedenen Institutionen und Museen angeboten hat. Keins wollte die Ausstellung. Ja, die Geschehnisse in Syrien sind schlimm. Aber… Als Ausstellung? Krieg auf der Wand? Die Time habe ein paar Porträts von Verletzten online zeigen wollen, erzählt Kai Wiedenhöfer im Interview. Wollte 500 Dollar dafür zahlen – „einfach ein Witz“.

Dann lieber hier. Und besser hätte der Ort nicht gewählt sein können. Der brutale Abriss der Stadt Kobane an der Grenzlinie zum IS direkt vor den Kränen und dem irren Wachstum Berlins. Vor dem blendenden Mercedes-Stern. Die Flaneure werden still. So viele Betrachter wie hier – vor allem so viel unterschiedliche, wie Kai Wiedenhöfer selbst betont – die ihren Schritt verlangsamen, denen er ein Peace-Korn mitgibt, hätte ihm kein Museum eingebracht. Wir folgen der Mauer. Der Geschichte. Berlin.

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War on Wall – Fotografien vom Krieg in Syrien auf der Berliner Mauer
Noch bis Ende September und frei zugänglich
Mühlenstraße, West Side Gallery
(so heißt, die der Spree zugewandte Rückseite der East Side Gallery )

Es gibt auch ein Buch vom mehr Städte umfassenden Wall on Wall-Projekt – denn Behindernde gibts überall, daher überall auch Mauern, Grenzen..
Das Buch: Confrontiers

 
 
 

30. März 2016
nach m&m
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Gelesen: Dschihad – made in Europe

Was treibt eine ganze Generation junger Menschen, die in westeuropäischen Ländern aufgewachsen sind, in die Fänge radikal-islamischer Scharlatane? Warum werden vermeintlich sanfte Jungs zu Selbstmordattentätern? Weshalb greifen Mädchen, die eben noch im Tattoo-Studio waren, zum Ganzkörperschleier? Zwei aktuelle Veröffentlichungen widmen … Weiterlesen

Graffiti gegen Fremdenhass

13. März 2016 nach m&m | Keine Kommentare

Osthafenmole, Graffiti Panorama 
Jogger machen Selfies, Spaziergänger können den Blick nicht wenden, Mütter und Väter, die kinderwagenschiebend am Main flanieren, stoppen für ein Handyfoto – das neue Graffiti an der Frankfurter Osthafenmole (hier das vorherige) ist schon von weitem sichtbar und lässt niemanden kalt. Zu bekannt ist das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskinds Aylan, das die Vorlage war.

Nach dem Interview, das die beiden Frankfurter Graffiti-Künstler Justus Becker alias Cor und Oğuz Şen alias Bobby Borderline der Hessenschau gegeben haben, war genau das ihr Ziel: die Menschen zu bewegen und dazu beizutragen, dass das Elend der Flüchtlinge nicht vergessen wird. Die Hafeninsel habe sich angeboten, weil sie vom Wasser umspült an die türkische Küste erinnert – und genau gegenüber der EZB gelegen ist, die somit sehr passend das eingeigelte Europa vertritt. Cor hält es für wichtig, das Bild genau „hierherzubringen, weil es die Leute erst interessiert, wenn es vor ihrer Haustür passiert.“

Es gab einen medialen Wirbel vor einem halben Jahr: Darf man dieses Foto zeigen? Muss man? Manche haben sich um die Antwort gedrückt und den Jungen verpixelt. Die türkische Fotoreporterin Nilüfer Demir sagte damals in Interviews, sie habe den stummen Schrei des Kindes sichtbar machen wollen. Sie erzählte, dass sie seit 15 Jahren das Elend von Flüchtlingen sieht – und dass sie zeigen wollte, dass diese Kinder ohne jeden Schutz waren, als sie ertranken. Keine Rettungswesten, nichts. Das Bild ist zu einer Art Sontag’schem Nachweis geworden („Fotos liefern Beweismaterial”, schrieb Susan Sontag 1973 in ihrem Essay „Über Fotografie“. „Etwas, wovon wir gehört haben, woran wir aber zweifeln, scheint ‚bestätigt‘, wenn man uns eine Fotografie davon zeigt.“ Das ist auch in Zeiten digitaler Fakes noch so. In diesem Fall der Nachweis der Grausamkeit an den europäischen Grenzen. Die Künstler haben für uns gewählt. Ein Bild für Frankfurt.

Osthafenmole, Cor und Oguz Sen
 
 
 

Kinder, Knete(n), Klagen – ein Zeitversuch

2. März 2016 nach m&m | Keine Kommentare

Zeitlos
 
Krass aufregend, und dazu noch so hip minimalistisch. Aber dennoch wegen der Anbau-Ansätze nicht unpolitisch: Mehl. Ja, Mehl. Wollte ich schon immer mal drüber schreiben, weil ich zu gern Gebackenes in jeder Form esse – und ebenso gern selber backe. Jetzt habe ich es tatsächlich geschafft, eine Redaktion davon zu überzeugen – und drüber geschrieben. Nicht über meinem Gebäckkram, sondern über Mehl. Mehl ist nämlich ein echter Renner im Einzelhändlerregal. Bringt einfach so Kohle rein ohne beworben zu werden. Braucht halt fast jede und jeder in der Küche. Vergesst die Milch. Mehl machts!

Damit es kickt, hab ich dann natürlich von den besonderen Sorten geschrieben, die es jetzt zuhauf gibt: von Amaranth, Buchweizen oder Chia über Erdmandel, Hanf, Kokos bis Quinoa, Walnuss und Zwerghirse (alles glutenfrei übrigens). Im Zuge der Recherche hab ich gelernt, dass Chia die Samen von einem mexikanischen Salbei sind (was mich für das Zeug dann doch eingenommen hat), dass die äthiopische Zwerghirse „Teff“ je nach Gaumen rauchig, erdig oder nussig (nur letzteres steht auf der Packung) schmeckt, und mich bei dem deutschen Veganforum kaputt gelacht über ein Post, das davor warnte, sich Hanfmehl als Nahrungsergänzung einfach pur reinzupfeifen, weil man die Zeit danach mit „Rachenpeeling“ verbringt.

Selber ausprobieren ist natürlich King. Also wehrte ich mich nicht gegen eine Testmehlzusendung, auch mit Fertig-Backmischungen. Weil. Ich hatte der Pressefrau gesagt, dass ich im Leben noch nie eine Backmischung angerührt habe. Nie. Also jetzt ein erstes Mal – und zwar Schwarzbrot, glutenfrei von Bauckhof. „So schnell geht‘s“ sagt die Packung: Ein ganzes Päckchen Trockenhefe druntermischen (nehm ich sonst höchstens ein halbes), Wasser dazurühren – und das Ganze eine Viertelstunde gehen lassen. Eine Viertelstunde? Hm. Meine Brote gehen min-des-tens eine volle, in der Regel eher sechs bis zwölf Stunden. Gerne länger. Aber ich wollte ja wissen, ob‘s wirklich funktioniert. Also genau nach Anleitung gerührt. Und? Chapeau! Es roch prächtig. Buchweizen-Sauerteig und Guarkernmehl steckt in der Mischung. Und? Es schmeckt sogar prächtig. Werd ich unbedingt nochmal machen

Zeitgleich übrigens wurde ein Baguette nach dem Brotbackmeister Lutz vom plötzblog angesetzt. Baguettes sind paradoxes Zeug. Schnell gegessen, schnell trocken – aber langer Herstellungsprozess. Mindestens einen, besser drei Tage sollte der Teig in Ruhe vor sich hin reifen, wenn sie gut werden sollen. Während sich die Flüchtlinge an den Grenzen unseres UN-Europas die Seele aus dem Leib würgen, wegen zu viel Grenzschutz in Form von Wasser oder Reizgas, denke ich übers Brotbacken nach. Und über Missbrauch, aber das ist ein anderer Text. Teig kneten beruhigt. Warten, wie er Stunde um Stunde in seiner irdenen Schüssel besser wird. Ein Stück Zukunft, das man selbst beeinflussen kann.

Das Baguette habe ich zusätzlich angesetzt, weil wir für einen Eintopf ein Tunkbrot brauchten, was schwarzes Brot ja definitiv nicht ist. Aber gleichzeitig ist bei mir wohl unbewusst die Nummer „Gut Ding muss Weile haben“ gegen das Schnellfertig-Prinzip angefahren. Natürlich ist es etwas anderes, die Zutaten, die Menge, den Rhythmus selbst zu bestimmen. Oder die Themen beim Schreiben. Die Worte. „Ich kann ausdrücken, was mich bewegt“, hackte der autistische Junge, den Pat gerade für eine Reportage fotografiert hat, in seinen Schreibcomputer. Ein Junge mit besonderen Fähigkeiten oder wie das heute doubleverblinded heißt. Außerhalb der Schule wird er wahrscheinlich lediglich behindert. Genannt oder werden. Eine Redaktion würde er gern besuchen, politische Themen liegen ihm am Herzen. Die Flüchtlinge, das mache ihn fertig, hackte er wortbewusst. Ein Ich-will-verändern strömt da! Aber. Wer außer den Eltern, dem Lehrer lässt sich ein? Nimmt sich, gibt ihm – Zeit?

Dazu noch eine zeitnahe Zeitungsgeschichte, die ich vor zwei Tagen gelesen hab. Über Eltern, die sich Zeit nehmen für eine Klage, weil sie sich mehr Zeit nehmen müssen für ihr Kind, als geplant. Sie klagen gegen die Ärzte, die im Vorfeld nicht die Trisomie 21 erkannten. Das Kind sei ein Sonnenschein, aber hätten sie das gewusst… Der Kollege Michael Neudecker fragt (in der SZ): „Wie zur Hölle konnte es in unserer Gesellschaft soweit kommen, dass Eltern, die ihr Kind lieben, dagegen klagen, dass es geboren wurde?“ Das Kind als Schaden. Das hat womöglich mit Trauer zu tun. Wiedergutmachungssehnsucht. Als könnte Geld die Balance wieder herstellen.

Ich nehme einen neuen Packen Mehl, Teff, setze neues Brot an. Knete. Forme. Zeit, die nicht mit Geld aufzuwiegen ist.

Zeitsplit
 
 
 

Sechs mal, Demenz und app

16. Januar 2016 nach m&m | Keine Kommentare

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Auszeit poliert Kontraste. Oder vielleicht ist man einfach nur beim Neustart, sogar nach einem Kurzurlaub, blitzmedienblank. Um so heftiger pulsen am Tag eins die kabellosen Freunde: #geheimnis, #ausnahmslos und #rigaer94. Muss man erstmal kapieren. Während die Speicherkarte Double Exes, Dohlen und Dünen einspeist, während Tweets und fb-Posts auflaufen, die „Ich weiß was!“ zwitschern, „Hier bin Ich!“ oder „Kauf mein XY (Text/Bild/Buch sowas), also während all das piept und brummt und lädt, bleibt es auf der Strecke. Fällt es, das big picture. Die Vision, was mal bleiben soll und was man hinterlassen, besser: mitgestalten möchte. Mankell ruft uns das nach, (Niels) Quaquebeke vor – nur, die Mehrheit möchte nicht. Will nur spielen und „Ich bin dran“ rufen.

Und natürlich Tipps verkaufen, wie man das Spiel am Laufen hält. Hinkriegt, nein, optimiert, sodass so viele wie möglich sich den eigenen Auftritt angucken, liken und reliken. Scheine und Likes (schein breit like Deimonds, deidelt das Autoradio nach der Grenze, bevor ich auschalte). Optimierung. Auf dass alles satt und sauber wird. Gibs durchdachte Strategien und Workshops für. Mit Neurohintergrund. Denn die Hirnforschung hat festgestellt, dass Mozart, Geigen, und die Farbe Rot universelle Aufmerksamkeitshammer sind. Dass der gemeine Mensch sich drei, fünf, sechs (uiuiui), sieben oder Doppelsex, also ein Dutzend, Tipps am besten merken kann. Weshalb Checklisten, Tipps oder Ratschläge mit 3, 5, 6 oder 7 Punkten, Spiegelstrichen oder fetten Markern am einträglichsten seien, und Teaser mit Reizwäscheworten á la Sex-Skandal, Geheimnis, Diät oder Mör-der-blut am grabschigsten teasen. Nach dem Urlaub fällt mir das wieder besonders auf. Erinnert mich an vorappiale Zeiten. Oder an Wettbewerbe der taz-Wahrheit. Wer mitmachte, war gefordert extrem bekloppte Worte in einem Text unterbringen – und wer krass gut darin war, dem winkte eine Flasche Cognac. Hieß es. Den hat die Wahrheit sicher selbst gesoffen, @besserdeniz großgezogen und an die Welt weitergereicht.

Auszeit also. Reduzierend wie gute Küche. Gut. Aber nur relativ gut, wenn es demente Verwandte gibt. Dann ist ansprechbar sein ein Muss. Kontakt. Halten. Sogar aus Vietnam wird 2x am Tag dorthin telefoniert. Nur um zu hören: Wer bin ich? Wo muss ich zum Essen hin? Was soll ich bloß machen? Kriegt man Angst vor der Zukunft – und Party und Kaffeeklatsch (twitter und fb) gerinnen zum hypersurrealen Quark. Wer berichtet eigentlich davon? Gibt Platz dafür? Redefreiheit? Wo nicht mal #Pflegenot genügend diskutiert wird.

Eine Woche lang nur die SpOn-App: Wohnung des Paris-Attentäters gefunden. Polen bestellt den deutschen Botschafter ein. Die “Ereignisse“ von Köln. Spuckt Botschaften, die wie surreal vorbeidriften. Weil man eigentlich nur die Kanäle leeren und allerhöchstens die allerwichtigsten Neuigkeiten will, um den Tagesplan auszurichten. Also: Wie wird das Wetter?

Zurück in die Zukunft katapultiert hat mich aber nicht die Ankunft in der Medienheimat, sondern „Radio Veronika“. Hätte nie gedacht, dass sich der Moderator des nordholländischen Senders genauso anhören könnte wie Schwester Marion oder Onkel Lars von HR1. Echt jetzt. Sogar die Werbung wie geklont. Dass man nicht alles, versteht ist ja normal. Ist man also doch und echt Europäerin?! Super! Medienoptimierung ohne Grenzen. Nur, die Veronika-Musik war besser. Aber da hatten wir eh keine Not, waren blauzähnig verkoppelt.

Dank App, Demenz und Wifi, blieb uns das Grundrauschen. Die mediale Nabelschnur, die nie abfällt. Zuhause aber, in der Brandung, wird grundoptimiert: Ich lösche die Freundschaftsanfragen derer, die ich nicht kenne und entfreunde mich von denen, die nie reagieren. Mit denen mich nichts verbindet. Nicht mal Demenz.