meiseundmeise-blog

Fotografie als Waffe? Neues Canon-Makro im Test

29. Juni 2017 nach m&m | Keine Kommentare

Im Test: Canon EF-S 35mm f2,8 Makro –
featuring Roland Günter und Andreas Feininger

Dem überraschten Fotohändler diktierte Pat eine Objektivbestellung. „Gibts doch noch gar nicht“, wandte der ein. Egal, bitte vorbestellen, insistierte Pat – damit wir dann auch wirklich eins kriegen. Brandneu!
Einige Wochen vorher fiel mein Blick eher zufällig auf einige uralte Bücher, schon so lange im Regal, dass man sie gar nicht mehr sieht. „Die neue Fotolehre“ von Andreas Feininger – Pat packte sich ein zweites obendrauf: „Fotografie als Waffe“ von Roland Günter. Staubalt.
Hier Pats Lese-Funde und Makro-Befunde:

Andreas Feininger: Schöpferische Fotografen sind Künstler im wahrem Sinne des Wortes. … Sie bilden die Avantgarde der Fotografie. Sie sind gewöhnlich zäh, hartnäckig und eigensinnig. Ihre Arbeit ist stets anregend, oft zum Widerspruch reizend und für Leute mit konservativen Einstellungen gelegentlich schockierend. Sie folgen keinen „Regeln“ und respektieren keine „Tabus“. (1)


 

Die Optik ist klein, leicht, handlich und gut verarbeitet. Es gibt ein cooles LED Hilfslicht in zwei Helligkeitsstufen und einen Bildstabilisator. Der Preis liegt bei 430 Euro.

Roland Günter: Gerade Arbeiter haben eine ausgesprochen entwickelte visuelle Kultur: Sie benutzen sehr intensiv ihre Augen zur Herstellung von Industrieprodukten – an der Werkbank, an der Maschine und zu Hause. Arbeiter gehen ständig mit Menschen um. (2)

Günter zitiert Karl Marx: Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts anderes, als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle. (3)



 

Mit einer Brennweite von 35 mm für APS-C liefert sie eine klassische Normalbrennweite auf Kleinbild übertragen (56mm). Für eine Makrooptik ist sie erfrischend kurzbrennweitig, das heißt: mehr Umfeld. Ich finde sowas schön. Maßstab 1:1 geht – und der kürzeste Abstand von der Frontlinse zum Objekt beträgt 3.5cm. Ziemlich gut.

A.F.: Dieser Schaffensdrang ist die Voraussetzung, daß große Fotos entstehen. Es ist der Wille, es immer und immer zu versuchen, um es noch besser zu machen, jedesmal hoffend, dem näher zu kommen, was man sich vorgestellt hat. Darum vergrößern manche Fotografen ein Negativ zwanzigmal hintereinander, bis sie eine bestimmte Eigenschaft oder eine bestimmte Wirkung Herausgearbeitet haben. … Seinem Wesen nach auf die Zukunft eingestellt, glaubt der schaffende Künstler bewußt oder unbewußt, daß sein Werk zur Verbesserung der Menschheit beitragen werde. Und mir scheint, daß jeder, in dem ein schöpferischer Drang lebt, die Pflicht hat, diesem Drang in seiner Arbeit zu gehorchen, wie schwer ihm das auch fallen mag, und seinen Beitrag zum kulturellen Erbe der Menschhheit zu leisten und sei dieser auch noch so klein. (4)



 

Wenn man richtig nah dran ist, wirft die Kamera meist ungünstige Schatten – genau dann ist das LED Hilfslicht richtig knuffig. Licht von links, Licht von rechts oder mittig… Lässt sich wunschgemäß schalten – geht aber auf den Akku.

Und dann gibt es noch diesen Bildstabilisator. Laut Canon soll der vier Blendenstufen bringen. Tja. Da ist nicht viel dran. Aber Makro mit Stabi ist schon besser als ohne.



 

R.G.: Das Medium Fotografie ist ein Mittel, ein Thema in eine Ebene zu heben, in der das Selbstverständliche zugleich selbstverständlich bleibt und nicht mehr selbstverständlich ist: es wird Gegenstand zum Nachdenken, zur Reflexion, zur Problematisierung. Erst dadurch kann es auch für Veränderungen und Entwicklungen interessant werden bzw. diese auslösen. (5)

Eine feine Allrounder-Optik für immer-dabei und gleichzeitig ganz nah ran. Wir finden sie Klasse. Noch? Die Bildqualität ist gut – gehört sich auch so in der Preisklasse, der Autofokus ist sehr gut, eigentlich. Eigentlich, weil der Schwenk von von ganz nah dran auf unendlich nicht klappt – da muss man Hand anlegen und Hilfestellung leisten.



 

A.F.: Von nun an liegt es beim Leser, wohin er gehen und wie er dorthin kommen wird. Niemand kümmert sich darum, welche Mittel er verwendet. Wenige nur kennen seine Persönlichkeit. Aber Millionen können an seinem Schaffen teilhaben. Entscheidend ist allein dies: Wenn das Werk ehrlich und wahrhaftig ist, wenn es etwas zu sagen hat, und wenn es irgendwie dazu beiträgt, daß die Menschen sich und andere, ihre Umwelt und die Welt besser verstehen – welchen Unterschied macht es dann, ob ein Werk mit Pinsel und Farbe auf der Leinwand entstand, mit Meißel und Schlegel in Stein, mit Worten auf Papier – oder mit der Kamera. (6)

Was daran ist alt? Die Neue gehört jetzt dazu, als ein weiteres Mittel des Verstehens. Wahrhaftig.

 

Die Zitate stammen aus diesen Büchern:

Andreas Feininger: Die neue Fotolehre, Düsseldorf/Wien 1973
(1) S. 24, (4) S.43/ S.44, (6) S. 418

Roland Günter: Fotografie als Waffe – Geschichte der sozialdokumentarischen Fotografie, Hamburg/Berlin 1977
(2) S. 10, (3) S. 138, (5) S. 143

 
 
 

Fotofestival Wiesbaden 2017: mit unserer Serie Dementia Road

31. Mai 2017 nach m&m | Keine Kommentare


 
Acht Bilder für acht Buchstaben: DEMENTIA – damit sind wir eine Facette von Insight, dem Grundthema der Wiesbadener Fototage 2017. Gestern abend die Email: „Wir freuen uns Ihnen mitzuteilen…“ Und wie! Wir uns freuen!

Insight – Einblick nehmen, gewähren, aufzeichnen. Das war Ziel unserer Serie Dementia Road. Damit einen Zustand in Bilder fassen, der uns immer wieder an den Rand von Wahrnehmungskraft und Fassung bringt, und dennoch ausgehalten werden muss. Seit einigen Jahren leidet meine Schwiegermutter unter Demenz. Sie sagt: „Es ist, als wäre da ein Schwamm vor meinem Gesicht“. Wir wohnen drei Autostunden entfernt – wenn wir zu ihr fahren, wird die A3 zur Dementia Road. Dieses Mitfühlen ist beklemmend: Wie mag es sich anfühlen, nicht mehr zu wissen, wer man ist und wo. An einem ihrer letzten Geburtstage verwandelten sich die an unserem Auto vorbeiziehenden Schemen auf mystische Weise in Repräsentanzen ihrer schwindenden Erinnerung. Der Schwamm saugt alles auf.

Die Nebelkälte draußen entsprach unserer inneren Beklemmung. Wie sie sich verzweifelt mühte, die Teile zusammenzusetzen. Je mehr, desto vergeblicher. Furchtbare Denkschleifen, in denen sie hängenbleibt. Schlimm für sie selbst, für uns und für jene, denen wir davon erzählen. Die meisten schrecken zurück. Wollen lieber nichts hören. Als sei Demenz ansteckend. Die Angst davor ist es.

Wir hatten die Demenzfahrten schon einmal auf dem Blog – die komplette, ganz andere Bildvariante wird vom 26. August bis 10. September im Wiesbadener Museum für Wissenschaft und Kunst zu sehen sein.


 
Eröffnung der Fototage: 26.8. um 19 Uhr im Kunsthaus Wiesbaden
Schwalbacher Str. 53, 65183 Wiesbaden
mit kleinem Imbiss, und mit Musik von ROBERT LUCACIU bass/Composition/cello, Eintritt frei.

 
 

Bild des Monats: März 2017

2. April 2017 nach m&m | 2 Kommentare

Essen, 11. März 2017


 

Kant auf Kante

Trotz gebrochner Beine, der Glastisch spiegelt noch immer
was heute und morgen blüht
Von gestern gleichwohl weht kühler Atem aus einer mundgeblasenen Zeit.
Auf der Fensterbank zwei modrige Kugeln
Wie sie einst glänzten, die Perlen eingeschlossner Luft,
Ein Atmen
Aus Atmen

Als könne man das Leben anhalten
Als könnten wir anders als weiter und weiter gehn
Aber hoffen, wir hoffen doch
Hoffen gesehen zu werden, eine Hand zu spüren
Als gäbe es kein Ende und doch sind die Züge, die Lebenszüge gezählt.
Am Ende befreit vom
Festhalten der Dinge, vom Verlust der Ordnung
Einatmen, ausatmen

Hervor kam das Kind, den Teddybären im Arm
die Kinderseele, offenen Munds.
Sein Lächeln, eine feste Fadenlinie der Zuversicht.
Tröstung aller pflegenden Hände
Spürfaden zu deinem Mann

Wir hielten Blumen und hielten den
Glasatem der Zeit
Deiner Zeit, der unseren sich mehr denn je entfernend
Sahen dich, auch dich in den Ahnenkronen den Weg suchen.
Mit den Erinnerungen ziehen, deine Finger zum Abschied berührend
Das Verschwinden der Welt

Auf deinem letzten Laken zarte Blüten
Draußen der Vogelzug, drin die Jahrende
Ein und aus

 
 
 

Licht auf Asphalt

27. Januar 2017 nach m&m | Keine Kommentare



 
Ob gegossen oder gewalzt, recycelt oder gerade gemixt – frisch aufgebracht riecht Asphalt streng nach Arbeit. Dann dampft er und glänzt glatt hinter den Arbeitsmaschinen. Sobald die Baustelle verschwunden, das Straßenband wieder befahrbar, schaut niemand mehr hin. Dabei ist Asphalt ein permanenter Hingucker… Bedeckt dreiviertel der deutschen Straßen, ist einfach immer und überall.

Wem die Zunge nicht brennt, dem brennen die Sohlen, schrieb Herzog. Die nackten Füße auf der Straße, so habe ich früher Städte erobert. Doch dass Asphalt, der sich an den Nähten so angenehm weich und glatt anfühlte, ein Naturprodukt sein könnte, darauf wäre ich nie gekommen. Früher nur, heute natürlich wird er synthetisch zusammengemixt oder recycelt…

Früher nannte man ihn Erdpech oder Bergteer, es gab Vorkommen in der Schweiz und in Deutschland, der teuerste aber stammte vom Toten Meer aus Syrien. Schon vor 2700 Jahren haben die Menschen verstanden, damit Dächer, oder Fässer wasserdicht zu machen.


 
Nachvollziehbar. Und wie immer, wenn man in Archiven blättert fühlt sich die Moderne gleich weniger modern und innovativ an. Asphalt nämlich hat viel mehr zu bieten: er wurde mit Bitumen zum Balsamieren von Leichen verwandt, was zum Begriff Mumie geführt hat. Und der beste, syrische Asphalt ist sogar lichtempfindlich. Joseph Nicéphore Niépce wusste das. Trug ihn 1826 als feinen Lack auf – und noch heute staunen wir über den banalen Ausblick aus seinem Arbeitszimmer, also über die älteste noch erhaltene, mit Asphalt belichtete Fotografie.

Dem gemeinen Straßenasphalt darf man das nicht abverlangen, doch auch er kann was. Streetart allemal: Sommerweich nimmt er gern Verlorenes an – Platinen, Kabel, Schrauben oder Messer – LKW-Reifen sorgen für Fixierung und Glättung, die Nacht für Abkühlung und Beständigkeit… Seitdem wir das im Fokus haben, finden wir – ganz en passant – die rätselhaftesten Stillleben des Unterwegsseins.



 
 
 

Bild des Monats: Dezember 2016

11. Januar 2017 nach m&m | Keine Kommentare

Sterbende Seesterne, Egmond aan Zee (NL) 2016

Urlaub an der See! Als wir am 27.12.16 in Egmond ankamen freuten wir uns, am Strand einen Seestern zu entdecken. Dann noch einer und noch einer… Tags drauf wurde klar dass sie massenhaft anspült wurden. Teppiche mit hunderten Tieren, die sich noch bewegten. Einmal an Land haben sie keine Chance, wieder ins Meer zu gelangen und zu überleben. Entlang der gesamten nordholländischen Küste wurden in dieser Woche tausende Seesterne und Muscheln angespült. Ein apokalyptischer Anblick. Sobald ich mehr weiß, wird es noch einen Text dazu geben.