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E1R1 Profi Photo Award – wir sind auf der Shortlist

11. August 2018 von m&m | Keine Kommentare

Die Schönheit Europas – in Frankfurt? Na klar! Der E1R1 Photo Award will den Europa-Fernwanderweg E1/R1 bekannt machen und seine Vielfalt zeigen. Da E1R1 direktemang durch unseren Stadtwald führt, haben wir die dort entstandene Serie “Himmel und Erde” eingereicht. Und jetzt freuen wir uns sehr unter den 28 nominierten Serien zu sein! Hier gehts zur Shortlist: Klick.

Entschieden wird nächste Woche.
Wege, Europa – Hach! Drückt mal ganz fest die Daumen, ja?!

Für Himmel und Erde im Stadtwald




 

 
 
 

Im Familientakt – Tante Maria

17. Mai 2018 von m&m | Keine Kommentare


 

Familienchronik, die Zweite. Nachdem wir unser Familienprojekt im Frühjahr 2004 mit dem Ältesten aus Sylvias engerer Familie, ihrem Opa, begonnen hatten, setzten wir es im darauffolgenden Herbst mit der Ältesten aus Pats Familie fort: Tante Maria.

Als wir die damals 97-Jährige besuchten, lebte sie noch in ihrer eigenen Wohnung in Essen. Wir haben sie wie schon Sylvias Opa nach Kindheitserlebnissen und besonderen Erinnerungen gefragt. Zum Glück gibt es Fotoalben! Die lagen als Gedächtnisstütze auf dem Wohnzimmertisch. Außerdem war Pats Mutter dabei, die auch noch die eine oder andere Erinnerung beisteuerte.

Als wir Kinder waren

Kaffee war fertig – und alle sehr gespannt. Also die Einstiegsfrage: Wie war für dich das Leben als Kind? Sie antwortete mit blitzenden Augen: „Unser Spielplatz war das Treppenhaus. Das Haus war dreistöckig – in der untersten Etage lag die Werkstatt meines Vaters. Die Mitte unseres Hauses, das Treppenhaus war der Treffpunkt von uns Kindern. Zwar gab es keine Fenster aber oben war Glas darüber, so dass es doch schön hell war. Die Großen haben die Kleinen im Wäschekorb die Treppen runtergerumpelt und wir alle sind das Geländer runtergerutscht: Und wie!“ Sie freut sich jetzt noch darüber und spürt das Rumpeln im Körper.

Als sie Kind war, habe es keine mechanischen Spielzeuge gegeben wie heute. Auch keine Puppenwagen und Puppen, keine Brettspiele wie Mensch-ärgere-dich-nicht. Gab es alles nicht. Draußen wurde Ball und „Pitschendopp“ (Kreisel) gespielt. Sogar Rollschuhe hatten die Kinder. Aber nicht „diese vielen Spiele wie heute.“

Sie erinnert sich an ein schönes Sonntagsritual, das wohl ihrer Mutter etwas Ruhe verschaffen sollte: „Sonntagmorgens hat mein Vater uns geweckt und dann sind wir mit dem Fahrrad zehn Kilometer zur Heimlichen Liebe – ein Essener Lokal im Grünen – rausgefahren und haben uns den Sonnenaufgang angeguckt. Wenn wir wiederkamen, hatte meine Mutter dann schon Kaffee gekocht und Frühstück gemacht.”

Maria Höfer wuchs mit sieben Geschwistern auf. Darunter Gertrud – Pats Großmutter väterlicherseits. Zum Thema Familienalltag merkt sie an: “Es ging anders zu bei uns als in den Familien heute. Da wurde nicht gemault – das gab es früher nicht. Was der Vater anordnete, haben wir gemacht. Haushalt war viel Arbeit damals und die Mädchen wuchsen da mit rein. Von klein auf haben wir bei der Mutter mitgeholfen. Wenn man selber Kinder bekam, wusste man Bescheid. Nicht wie heute, wo man da ins kalte Wasser geworfen wird, und sehen muss, wie man zurechtkommt.”

Josef und Maria

„Auch die Berufsbildung für uns Frauen setzte ganz früh ein. Nach der Schulzeit musste ich ein Jahr die Haushaltungsschule machen und dann noch ein Jahr auf eine Handarbeitsschule, damit wir das ja gut konnten. Anschließend bin ich noch für ein Jahr zur Handelsschule gegangen. Als im Hansahaus, einer Kunsthandlung, jemand gesucht wurde, der mit im Geschäft bedienen konnte, und aber auch Büroverstand hatte, hab ich mich beworben. Diese Stelle habe ich bekommen und war dort, bis die Kunsthandlung 1931 aufgelöst wurde, weil das Geschäft nicht mehr lief.“

Die gesamte Belegschaft wurde arbeitslos. Zusammen mit einem Kollegen machte sie sich selbstständig – auch wieder mit Bilderrahmen und Kunst und sogar im selben Haus, aber im Souterrain, denn: „Wir konnten ja keine große Fläche übernehmen.“ Zu den früheren, nun arbeitslosen Kollegen gehörte auch ihr späterer Ehemann Josef Weber. Er hatte die „Reklameabteilung“ geleitet und machte sich nun mit einer kleinen Werbefirma selbstständig. Ihre Vornamen kannten sie zunächst nicht: „Früher ging das nicht so schnell, da war man lange per Sie. Und als uns klar wurde, er heißt Josef und ich heiße Maria, ja da waren wir schon erstaunt.“

Sie heirateten 1934 – gleichzeitig stieg sie aus der Kunsthandlung aus. Das sei aber für ihren Kollegen nachvollziehbar gewesen: „Schließlich musste doch Josef auch Hilfe für die schriftlichen Arbeiten haben. Da gab es viel zu tun. Als unsere Kinder da waren, habe ich dann eine Hilfe im Haushalt gehabt und weiter bei Josef mitgearbeitet.“ So hat sie zweimal ein Geschäft mit aufgebaut, erst die Kunst- und Bilderrahmen-Handlung, dann zusammen mit ihrem Mann das Werbebüro.

Die Rahmenbedingungen schildert sie so: „Wer damals in seinem Beruf bleiben wollte und die Ansichten der Nationalsozialisten teilte, trat in deren Partei ein. Diejenigen, die es beruflich nicht mussten und anderer Ansicht waren, sind nicht eingetreten.“ So wie Josef, der als selbstständiger Werbegrafiker in einer damals noch ganz jungen Branche arbeitete. Allerdings waren seine Kunden überwiegend jüdische Geschäftsleute – und das war verboten. Deshalb war Josef schon bald wieder arbeitslos.

 

Einmal kam der Blockwart, erzählt sie. Er fragte: „Frau Weber, was ist eigentlich mit Ihrem Mann?“ Sie antwortete nur „Nichts, was soll mit ihm sein?“ Sie gab sich so ruhig wie möglich, erinnert sie sich. Tatsächlich aber hatte sie große Angst: „Man rechnete mit dem Schlimmsten, wenn man so etwas gefragt wurde.“ Später hat der Blockwart dem Paar noch viele weitere Fragen gestellt. Aber eigentlich waren mit ihm befreundet und Maria ist sicher, dass er damals den Fragebogen so positiv wie möglich ausgefüllt hat. Jedenfalls wurde Josef danach für die Anfertigung von Statistiken und ähnlichem von den Nazis angefordert. „Die brauchten Leute, die so was konnten. Deswegen wurde er nicht an die Front eingezogen.“

Als der Krieg begann, versuchte mein Bruder, mich und die Kinder bei Bauern in der Umgebung unterzukriegen. Die wollten erst nicht, also haben wir erst mal drei Wochen Urlaub vereinbart. Nach diesen drei Wochen war das Eis gebrochen. Die Kinder durften bleiben.“ Maria selbst kehrte nach Essen zurück. Sie zeigt uns Fotos von damals. Idyllisch. Auf diesen Bildern gibt es keinen Krieg. Sie versucht es verständlich zu machen: „Der war ja auch nicht überall.“

Frühjahr 1943 erlebte Essen den ersten Großangriff der Allierten im “Battle of the Ruhr”. Maria erinnert sich an eine schlimme Nacht: „Wir wohnten im Stadtwald und hinter dem Haus war eine Mine runtergekommen, wir hatten keine Scheiben mehr, aber sonst war alles noch da, das Haus stand noch und es war auch alles drin. Wir waren im Keller unten. Am nächsten Morgen habe ich meine Kinder zu den Nachbarn gebracht und bin losgegangen – um nachzusehen ob meine Eltern noch leben. Gott sei Dank waren sie gesund und es war auch nur ein leichter Schaden am Haus. So wie ich waren alle Menschen in der Stadt unterwegs und suchten ihre Verwandten auf.

Im März 1945 dann der letzte Großangriff: „Der war so schlimm, dass wir die Staubwolken sogar noch auf dem Bauernhof sehen konnten. Und der lag hinter Bielefeld, also etwa 200 Kilometer von Essen entfernt. Wir haben auf der Straße gestanden und haben uns gefragt: Wo mag das sein? Du hörtest den Krach und sahst nur eine Dreck- oder Staubwolke. Damals ist dann auch Vater-Mutters-Haus ganz mit draufgegangen. Gut, dass sie bei uns in der Wohnung waren.“

Im Jahr darauf war die Kommunionfeier von Marias Tochter Lieselotte: „Da sind Freunde und mein Bruder Hans aus Detmold mit einem Auto voller Lebensmittel unter ganz großem Herzklopfen nach Essen gekommen und haben für die Feier gesorgt. Damals durfte ja niemand fahren, aber Hans hatte eine Genehmigung. Er hat dann die Erlaubnisnummer oben aufs Dach gemalt, das musste man, damit das vom Flugzeug aus gesehen werden konnte. Hätte man sie mit den Lebensmitteln erwischt, hätte man ihnen gleich alles abgenommen. Es gab ja nichts damals.“ Sie blättert weiter im Fotoalbum und stockt: „Guck mal hier… Das ist für mich schrecklich!“ Sie zeigt ein Gruppenfoto, auf dem ihr Vater, etliche ihrer Geschwister und deren Kinder zu sehen sind – „Bis auf diese vier sind alle tot. Ja, wer wird so alt wie ich?“

Bilder, sprecht…

Nach dem Krieg fuhr die Familie irgendwann in die Ferien nach Lembeck. Tante Maria kommentiert trocken: „Da war zwar nichts los, aber wir waren ja froh, dass wir überhaupt wegfahren konnten. Nach dem Krieg, da war man eigentlich ständig zufrieden.“ Arbeit allerdings habe es für Josef nicht gegeben: „Das war die Zeit, wo wir gehungert haben. Da brauchte man keine Reklame. Wir hatten Karten für Kleidung, Lebensmittel, Bettwäsche. In Josefs Beruf war also nichts zu machen. Doch dann ergab sich etwas ihn: Er war während des Krieges bei der Feuerwehr gelandet. Die Leitungsleute der Feuerwehr waren alle in der Partei gewesen. Die wurden entnazifiziert, wie man so schön sagte. Da Josef nicht durch die Partei vorbelastet war, haben sie ihn dann an die Spitze gesetzt. Das war für uns ein Glück.“

Ein paar Schlucke Kaffee – und die beiden alten Damen tauchen in die Bilder und ihre je eigenen Erinnerungen an frühere Zeiten ein. Marias Sohn Herbert und Pats Vater Rudi hätten sich gut verstanden, fällt ihr plötzlich ein. Und Pats Mutter Hildegard meint dazu, dass ihr Mann „immerlos Unsinn im Kopf“ hatte. Sie glaubt, weil ihm der Vater gefehlt hat, da war keine strenge Hand. „Ooch“, Tante Maria winkt ab, aber Hildegard bleibt dabei und erzählt, dass die beiden Jungs mit dem Luftgewehr die Kellerfenster kaputt geschossen hätten. „Und auf mich – ich lag doch da immer und hab mich gesonnt – haben sie von oben Wasser gegossen“ Wir lachen und Tante Maria rundet die Geschichte ab: „Da hast du aber Glück gehabt, dass sie nicht auch auf dich geschossen haben!“

Gibt es nicht auch ein Bild, wo du sie mit dem Teppichklopfer verfolgst wegen so was? „Ich mit dem Teppichklopfer? Nein“, das kann sie sich nicht vorstellen. Pat sagt, das habe sein Vater aber immer erzählt und Hildegard hält das auch nicht für abwegig, so ein Bild aber, da sind sie sich einig, gebe es nicht. Da habe ich mir wohl selbst eins gemacht, weil es mir so oft erzählt wurde. „Ja, das gibt es“, sagt Maria, „dass man sich selber solche Bilder macht.“

Aber es sind ja genug echte Bilder da. Auf einem sieht man das Paar Josef und Maria nach dem Krieg. Sie ganz schick mit Hütchen und Kostüm. Ihr Blick verweilt: „Das war schön –es ging zu schnell vorbei.“ Josef war herzkrank und starb 1971. Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie allein. Sie war aber immer unter Menschen, engagierte sich in ihrer Kirchengemeinde.

Sie klappt das Fotoalbum zu, schaut nach innen und kommt wieder zu uns mit dem Satz: „Ich bin ein Familienmensch. Meine Enkelin Claudia sagt immer, ich sei harmoniebedürftig.“ Bis ins hohe Alter hat sie Kinder und Kindeskinder bekocht. Ich erinnere mich an köstlichen Kirschkuchen aus einer selbst getöpferten Kuchenform. Ich habe noch ein Plätzchenrezept von ihr, von Hand aufgeschrieben. „Lasst es euch gut schmecken“, steht drunter. Tante Maria wurde hundert Jahre alt.