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Aufstehn / Get up

23. Dezember 2016 von m&m | 1 Kommentar

English version below

Aufstehn

Als der Tag Tag war
und die Nacht sein Brunnen
Als die Brust Brust war
und die Zunge rosa und rau.
Als der Süden noch nicht geboren war
der große, trockene Süden
Als der Norden noch der
Spiegel der Sonne war
und ewiges Weiß
waren die Menschen noch jung
doch die Angst war schon da

Begann zu glüh‘n
erkaltete in der Schönheit
unserer Waffen
die Armbrust der Macht
blendet seither die Sonne
bricht Eos die Finger
brennt Angst zu Asche
in den Sperrfeuern der Nacht
Doch
noch immer
gilt Aufsteh‘n als Zeichen
Tag für Tag
Jetzt du!

 

– – –
 


Get up

When the day was a day
and the night its source
When the breast was a breast
and the tongue rosy and rough
When the south wasn’t born yet
the big, dry Sur
When the north still was
the mirror of the sun
and eternal white
humans were young
but angst already grew

Began to glow
and cooled down then in the beauty
of our weapons
The crossbow of power
blinding the sun ever since
breaking Eos’ fingers
burning angst to ashes
in the curtain fires of the night
But
standing up
still is a powerful sign
Day by day
And now: You!

 
 

Die Müllsammlerin

16. Mai 2015 von m&m | Keine Kommentare

p1-2664
 

Kreuzig der Irrgang – weißlippig – harnsauer
Schultern bewachsen mit Müll
Sie schleudert Gummifinger

Aus reinen Augen quellen Müllberge – sie sammelt
gleichmütig – unbeirrbar – sie füttert
milchig lächelnd die Abfallbehälter
kennt alle in der Stadt – kreuzt Müll – fängt Ekel
die Augen auf unscharf

An ihren Händen kleben die
Blicke der andern – sie indes greift und packt ungerührt
beugt sich, scharrt zusammen
sieht nicht die krausen Münder, gezückten Brauen, Rüschenheere
sieht sie nicht

p2-7662
 

Dann ein Schimmern – sie lächelt von der Straße hinter
ihrem Hirn, Milchmädchenhirn, runde Stirn
Wer gab ihr mein Grün?

Dünnlippig die Porzellanaugen betasten den Raum
den Raum, blau, zwischen den Brauen und Mündern,
direkt durch den Ekel blitzt sie
spitzt
jagt jedem ihren Müllhaken unter die Haut.

p1-1742

 
 
 

Stadtgedicht: Aussicht

14. März 2015 von m&m | Keine Kommentare

Zur Feier des Tages (12.3., an dem der erste Lyriker den Leipziger Buchpreis gewann..): Hach Lyrik. Analoges twitter.

20131125-_MG_9309

 
Aussicht

Balkons gegenüber
Kinder spielend
Sonne im Nebel – Reflexe bizarrer Schönheit
des Balkons gegenüber
Mosaike der Lebenswahl, je tiefer desto
besser der Blick über die
Brüstung des Balkons gegenüber
eindringend in fremdes Leben, fremde Horizonte
der Brüstung des Balkons gegenüber
solange Gott dieses Detail nicht im Griff hat, sagt W.
hab ich nichts mit ihm zu tun
Von der Brüstung des Balkons gegenüber
springt ein Mädchen.

 
 

Urban Poetry: Uns

18. Februar 2015 von m&m | Keine Kommentare

Nebel_#02

 

Uns

Die Frühe. Die Straße. Nur uns.
Der Nachbarin, die zur Schicht eilt, der Schlaflosen,
dem Zeitungsmann, vermummten Radlern, Bauarbeitern – uns.

Die Bahnen ihr,
der dicken Schwimmerin.
Die im allmorgendlichen Ritualbad
sich treiben lässt. Ihr Glück
für eine Viertelstunde
la Reine, la Delphine! Nur Sie.
Textor zum Tag. Leicht, unbeglotzt, frei.

Die Fenster. Im Atem der Fremden.
Himmel löst Welt. Löscht Nacht. Im Nebel dunkler denn je.
Die Straße der Frühe.

Uns

 
 
 

Urban Landscapes: Fünf

9. Februar 2015 von m&m | Keine Kommentare

Nebel_#01

 

Fünf

Gott was für ein Licht!
Leitfeuer. Leuchtspur. Gepunktet.
O Glück!
Die Kreuzung so still
so tief – nebelzart
im Eishauch

2 Stunden noch
dann wieder Stoß und Stoß
Rot und Rot. Warten.
Warten. Warten.
Minority Report
War da was? Gestern?
Nacht im Kopf – Coffee to go
Voll heiß.
Voll kalt – Slow-Mo

Warte. Noch ist
Zeit.
Vereist die Bühne. Traumkalt, leer
zerwischt
Orangnes Leuchten
Urban stills
Memes all over

Guck. Die im Fenster
wie aufgezogen
Steht. Kaffee. Schicht
Dreht im eignen Rhythmus,
wie nie von dieser Welt.
Sortiert, ordnet, häuft
Brezel und Brötlich
ne andre
matscht im Nudelsalat
schabt, formt, pampt
so fort

2 Brücken weiter
Schlag auf Schlag. Ein Riese
Boden bebt
Metall blaut
rammt – tief ins Stadtherz – rafft
Main-Erde
rasselt, rummst, rockt
schlägt ab
häuft das Gebrock, dampft und schnauft

neongelb die Arbeiter
kurz angezuckt
vom Blau der Retter
…vorbei…
Mögen ihre Hände ruhig sein

 

Fotolyrics: Galaxity

3. August 2014 von m&m | Keine Kommentare

#01_Niederlande02
#10_Niederlande02
#05_Niederlande02
p9-2905
#08_Niederlande02
 

Galaxity

Endlich! Meine Silbermöwen
Niederhimmel voraus,
truppweis, augüber
immer hoch
über der struppigen Mähne segelnd

Hier! Landpferds, Sandpferds Grenzband
borderline
Abseits home
mit neuen Silberschuh‘n, am Abgrund
einer rechts, einer links,
einer gefallen

Ach! Zwei gerettet
im Zelthaus
und da: leben!
Im Schaukasten
Wie sich‘s gehört

#03 Niederlande02
 
Vorn das Meer und 30
drinnen Setzfach
chillen
Eier legen, weiß und türkis
draußen Spatzen
befreien das rosa Geranium von Läusen
dazwischen die Alben der Vormieter

Sag! was du willst
ich sammle Leuchttürme
Bild um Bild
in Tüten
lausch auf Knien
paarweis,
vielleicht sogar verliebt
im Wispern der Schmetterlinge.
 
#04_Niederlande02
#02_Niederlande02
#06_Niederlande02
#07_Niederlande02
#11_Niederlande02
 
 

Heute: World Poetry Day!

21. März 2013 von m&m | Keine Kommentare

Ruhende


Schnee modelliert Grabgärten,
Licht spielt die Zapfeneisorgel
und nur ein „Bitte nicht betreten!“
markiert
das Feld der Ungenannten
im Weiß.

Wer jetzt Spuren tritt,
hat Tränen im Bauch,
Wut, Liebe, Trauer.
Hält verfrorene Tulpen,
klamme Narzissen
und
das fingergezeichnete
Herz unterm Stein.


Was dann kommt?
Nur wenige Schritte weiter
es dauert
ein Krähenschweigen,
und du siehst
den Engel mit gebrochener Nase.

Gestreift von vielen Wintern,
vielen Sommern,
steckt nun zu seinen Füßen
ein „Patenschaft gesucht“.
Denn: das Recht auf Ruhe,
die Zeit, sie ist um.


 
 

PS:
Zum World Poetry Day, von dem ich erst letztes Jahr im Oktober erfahren habe, hätte ich gern für jeden von uns ein Gedicht zitiert – je eines von John Berger und Cees Nooteboom, literarische Lebensbegleiter beide.. Vielleicht später, wenn geklärt ist, was das Nutzungsrecht erlaubt.

Das Gedicht: Weiß

29. Oktober 2012 von m&m | Keine Kommentare

Weiß

dein Kleid war weiß
den ganzen Sommer lang
ein Kinderkuss, ein Flirrflug,
ein Blinzeln im Luftzug im
Sternnebel der Pollenlust.

Um ist das Spieljahr,
gefaltet das Kleid,
Unschuld zerfressen,
Glieder bloß.

Noch wehen
zwischen Blauflügel und Rotschnute
Wege aus Himmelerde
einbahnig
das Unterkleid aus Luftkammern
rippt im Lichtflug
das Gestern
Bruch auf Bruch.

Morgen, singt Wader,
Morgen, wenn alle Träume geträumt,
werde er wissen
woher das Gift in seinen Adern.

Sich bauschend derweil
das Kleid des Todes im
Staub der Tage
verweht, verschossen:
das Tanzkleid des
Sommers.