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7 x Prekäres – 6. Fotofestival MA/LU/HD

27. September 2015 von m&m | Keine Kommentare

© Sylvain Couzinet-Jacques

© Sylvain Couzinet-Jacques / 6. FF


 

Sieben prekäre Themenklammern oder –felder hat sich das 6. Fotofestival vorgenommen – und wer wie wir sich den Klassiker leistet, sich in Mannheim im Quadrat zu verirren, ist gut eingestimmt. Auf Bilder, die nicht im alltäglichen Bilderstrom schwimmen. Die aus der sicheren Zone scheren, wie sie uns hier im mittleren Teil Deutschland umgibt. Wir ziehen mit P7.3 die Karte Urbanismus und Real Estate, ausgestellt im Zephyr – Raum für Fotografie. Daraus hier nur drei der vielen Eindrücke:

„Provisional Landscapes“ lautet der Titel von Ai Wei Weis Arbeit. Seine auf Tapete gedruckten (und an eine Wand geklebten) Doku-Fotos zeigen Ausschnitte des Neu- und Umbaus von Peking. Der Beizettel erläutert, dass dort alles Land dem chinesischen Staat gehört, der damit nach Gutdünken verfahren und ganze Dörfer niederwalzen, oder Gebäude-Ensembles hochziehen kann – ohne Rücksicht auf alte Traditionen oder Kulturgüter. Letztlich geht es um Brüche, Heimat, Kultur, Macht und Verlust. Auf den Bildern habe ich das allerdings so nicht gefunden. Nur die für unser Auge exotisch-riesigen Brachen und Neubauklötze, nicht aber die Zwischentöne, die der Text von Urs Stahel erwähnt. Vielleicht aber ist das der Subtext: emotionslose Verhältnisse.

Beim Projekt von Sylvain Couzinet-Jacques dagegen ist die Bedrückung greifbar. Auch hier spielt das Wesentliche im Kopf oder Hintergrund. Es geht um Machtverhältnisse durch Geld. Die Szenarien stammen aus Spanien, wo Investoren mit Grundstücken zocken – und nichts gebaut, nichts bewirtschaftet oder gar bewohnt wird. Leere also. Ödnis. Couzinet-Jacques‘ Bilder spiegeln den beklemmenden Verfall von Landstücken, die virtuell gehandelt werden. Im realen Leben geschieht so über ganze Landstriche hinweg nichts als das Brennen der Sonne. In einem Raum sind die Bilder deswegen UV-Licht ausgesetzt, das sie bis zum Ende der Ausstellung komplett gebleicht haben wird.

Nicht Grundstücke, sondern Immobilien zum Verkauf hat dagegen Taysir Batniji fotografiert. Er setzt sie in Szene wie ein Makler für den Aushang am Schaukasten, versehen mit allen notwendigen Infos: Größe der Wohnfläche gesamt, der Wohn-, Schlaf- Esszimmer, Infrastruktur des Viertels. Beim Blick auf die Fotos allerdings will man laut herauslachen. Ein Prusten, das in derselben Sekunde gefriert: Alle Immobilien sind verlassene Residenzen Vertriebener. Ruinen und Trümmerhaufen im Gazastreifen. Batniji hat mich damit mehr getroffen, als die Arbeiten des Fotografen Nick Waplington, der im Nahen Osten mit Siedlern in den besetzen West-Bankgebieten lebte.
Alle Arbeiten spiegeln den offenbar globalgegenwärtigen Trend: „La vida no vale nada“.
 

© Taysir Batniji  / 6. FF

© Taysir Batniji / 6. FF



 

7 Orte, 7 prekäre Felder [7P] – 6. Fotofestival Mannheim/Ludwigshafen/Heidelberg
Die Ausstellungen sind noch bis 15.11. zu sehen – http://www.fotofestival.info/de/
zeitgleich zeigt die
OFF // Foto 2015 erstmals „Zeitgenössisch fotografische Positionen in der Metropolregion“
an 22 Indie-Orten in Mannheim, eintrittsfrei.

Beide mit viel versprechenden Vorträgen im Programm.

 
 

Helden der Straße – Frankfurt Street Art

13. September 2015 von m&m | Keine Kommentare

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Freu mich jedes Mal über das Schloss mit der Feder, wenn ich es sehe, oder die Katze am Bahndamm, das Geisterhaus in Bornheim oder die Loopin Mädchen am Main und in der Stadt. Auch „Denk“ lese ich immer wieder gerne. Schon lange. Ausnahme Gewächshäuser in Oberrad. Nicht weil es nicht auch da reichlich cool aussähe, sondern weil ich denke, das ist nun wirklich blöd für die Gärtner und deren Pflanzen.

Wo, wie, durch wen auch immer – in jedem Fall haben wir hier in Frankfurt eine abwechslungsreiche Ausstellung in progress. Vom reinem Provogekritzel über agressives Machogemarke mit Dosenpisse über atemberaubend poetische Murals bis hin zu verspielt-nachdenklichen Kopf- und Fußnoten. Mir gefällt die Raumnahme, das „Hey! Unsere Stadt!“ Was wären wir ohne sie?

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Außerdem ist‘s kommunikativ. Sprechende Wände zum einen, weil mir ja jemand was mitteilt, – aufwändig als Szenen gesprüht, zu Schablonenkunst (Stencils) stilisiert oder noch aufwändiger als Aufkleber – Paste-ups produziert. Kaum ist es da, ruft es sogar im hintersten Hof noch Reaktion hervor und sei es, dass eine Papierecke heruntergezogen und damit das Ganze verändert wird wie bei dem Milchtüten Paste-up. Neben der direkten Reaktion an der Wand gibt es natürlich noch die davor: Kaum bleibe ich stehen, um ein Graffiti zu fotografieren, kommt jemand und zückt sein Handy oder Tablet. Am Ostmolenkopf vor dem Mural (von „case“) hab ich so Nicole aus Italien kennen gelernt (Ciao Bella! Falls du das siehst!)

Letzt fragt mich einer, was ich fotografiere – ich zeige auf das Kettenschloss mit Feder und er: „Das ist schon seit vier Jahren da. Die ganze Nachbarschaft war vollgesprüht. Alle habens weggemacht. Ich habs gelassen. Ich finde es schön.“ Bei Kettenschloss, Stencilkatze am Bahndamm und Loopin tippe ich übrigens auf weibliche Linienführung. Zugegebenermaßen mache ich mir darüber erst seit dem Pariser Blogpost über die raren Königinnen der Straßenkunst Gedanken. Beim recherchieren hab ich bei uns jedenfalls nur eine gefunden: „Hera“ von Herakut, die ja in FFM ein großartiges Mural verantworten mit der Botschaft: „There is something better than perfection.“

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Herakuts Mural-Projekt ist seit zwei Jahren fertig, Loopins „Was guckst du so?“ prangt seit drei Jahren auf der Mauer. Was die Lebensdauer betrifft, toppt Kettenschloss mit vier Jahren bisher alle, die mir bekannt sind. Die Paste-ups haben natürlich eine wesentlich kürzere Expozeit. Rasend kurz leider beim abgefahrenen Paste-Kommentar zur aktuellen Geisteslage in Bornheim. Vor 14 Tagen haben wirs gesehen, jetzt hat das Haus neue Fenster und Farbe – weg isser Hirnschritttmacher.

Allerdings gibt es ja Fotos – und die Online Graffiti-Doku auf Blogs wie Stadtkind oder Kollektive Offensive, wo Passant ganz schöne Fotos macht. Und tagtäglich gibts ja immer neue. Allüberall. Und mit dem allgemeinen Ziel, denke ich, dass wir sie sehen. Unverständlich, dass das französische Gesetz verbietet, Graffitis zu fotografieren und im Netz hochzuladen oder sonstwie zu veröffentlichen. Geht’s noch? Bitte, Brüsseler, nicht als europäisches Gesetz!

Schön umschifft hat das das Blog Paris Zig-Zag. Haben einfach Interviews mit den „Reines“ der Pariser Graffiti-Szene gemacht – siehe hier – und ihre Bilder gezeigt. Ziemlich coole Frauen und Bilder. Über Frankfurts Königinnen würd ich auch gern mehr wissen – also nicht Äppler- (Apfelwein) und Brunnenköniginnen, sondern die der Straßenkunst! Hallo?!

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Posh Blitz! Ausstellung GDT 2014

17. August 2015 von m&m | Keine Kommentare

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Gleich das erste Bild, auf das ich zusteuere, bleibt mein Favorit: Halsbandsittiche über einem Londoner Friedhof. „Posh pidgeons – schicke Tauben“ lautet der Titel. Posh, weil sie für die Londoner Normalo-Vogelwelt überirdisch grün sind; Pigdeons, weil sie in dieser Gegend Englands mittlerweile so zahlreich sind wie Tauben, erklärt Fotograf Sam Hobson. Er hat ihnen nachrecherchiert, die abendlichen Flugroute zu ihren Schlafplätzen entdeckt. Gewartet – und märchenhaft geblitzt!

In diesem GDT-Ausstellungs-Jahr wurden viele märchenhafte Unschärfe-Bilder ausgezeichnet. Manchmal nur Schemen, die den Bewegungsmoment ans Herz funken. Wie jedes Jahr finde ich den Ausstellungsort genial. Die Bahnhofspassanten betreten geradezu magisch angezogen das Schaukästen-Karree. Natürlich zücken sie die Handys: ich war hier! Etwa beim Bärenbild, wo ein Eisbär durch eine Öffnung in der Schiffswand schaut. Eine fotografiert, die Zeitung untern Arm geklemmt und nimmt die Gepardin mit, die eine Gazelle jagt. Über uns riesige i-Phone-Foto-Werbebanner. Solche Bilder sind hier unten in der GDT-Welt kein Thema.

Hängengeblieben sind mir: die Eule im Dunkel; der kleine (Schmetterlings)Fuchs in der Kirche: das Schneckenauge, umgeben von traumhaft schönen Lichtreflexen; dass laichende Korallenriff (nie bewusst gemacht, dass Riffe laichen); der planktonfischende Rochen als ein abgefahrenes Raumschiff; der Sonnenuntergang auf dem Eis; die goldenen Schatten der Kiefern in Norwegen oder Finnland… Bilder, bei denen man wünschte, alle sähen ein, welches Juwel wir zu Füßen haben und stellten alles umweltzerstörende Verhalten ein. Umgehend. (Soundtrack: Some-times I feel – like a mo-therless child.)

Am meisten aber berührt, wenn die Schnittstelle zwischen Mensch und Natur aufscheint. Letztes Jahr darunter mehr mahnende Bilder, scheint mir. Der traurige Affe auf der Bühne etwa oder der sterbende Wal. Dies Jahr mehr Momente des Alltags, die ja auch zunehmend in der Natur Platz nehmen. So wie die poshgrünen Sittiche oder die beiden Singschwäne, die sich in der Glasfassade des Reijkjaviker Harpa-Theater spiegeln.

Anhalten, gucken. Frankfurt/M. Hbf ist vorletzte Station – noch bis 21 August hängen die Bilder in der Halle des Hauptbahnhofs, danach weren sie noch im Bahnho Dresden Neustadt gezeigt (23. August bis 1. September).
Gibt auch wieder einen schönen Katalog:

 Umschlag 2014
 Europäischer Naturfotograf des Jahres 2014
 und Fritz Pölking Preis 2014
 144 Seiten, 109 Abbildungen, 20 EUR
 Tecklenborg Verlag

 

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5785 Hektar for 13. Schömberger Fotoherbst!

6. August 2015 von m&m | Keine Kommentare

Mit unserer Serie „5785 Hektar – Stadtwald Frankfurt“ sind wir beim 13. Schömberger Fotoherbst, dem Internationalen Festival für serielle Reise- und Reportagefotografie. Schwarzwald wir kommen! (9. Oktober bis 8. November 2015)

Überquerung

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Waldstuhl

Frosch

Baumharz
 

Barfuß auf der Borke, bäuchlings im Farn oder mit dem Tele wartend im Gebüsch: wir haben ein besonders enges Verhältnis zum Frankfurter Stadtwald. Seit 25 Jahren erkunden wir fast täglich das Grün vor unserer Haustür zu Fuß oder mit dem Rad. Erleben ihn immer wieder anders, entdecken Unbekanntes – oder genießen das Ritual der Wiederholung auf bekannten Wegen. Für manchen Städter dagegen ist schon ein Reh ein exotisches Wesen, ihm ist der Naherholungsforst ferner als der malaiische Regenwald, in dem er vorgestern noch über eine Hängebrücke lief… Diese fortschreitende Entfremdung bewegte uns dazu, unser Langzeitprojekt zur Serie „5785 Hektar – Stadtwald“ zu bündeln. Der stadtnahe Wald fasziniert uns, weil er so viele Facetten birgt. Trotz der starken Nutzung und der Geringschätzung, die manche nur für ihn übrig haben, erfüllt er tagtäglich zahlreiche Funktionen: ist Luftfilter, Wasserreservoir, Lärmschutz, Erholungsgebiet – Kultur- und Lebensraum zugleich.

Er kann eine Oase sein, doch er ist kein einsamer Ort. Von Joggern und Hundebesitzern wird er ebenso intensiv genutzt wie von Förstern und Wirtschaft. wir haben in den letzten Jahren Flughafen, Bahn, und Straße immer tiefer in den Wald vordringen sehen und in Reportagen auf den mangelnden Schutz und die wichtigen Funktionen des Waldes hingewiesen. Umso mehr freuen wir uns daher über das hingabevolle Staunen von Menschen, wenn plötzlich vor Ihnen ein Damhirsch den Weg kreuzt. Und sind verwundert, wie wenige den Unterschied zwischen Reh und Hirsch kennen oder wissen, wie wichtig der Wald für die Metropole Frankfurt ist. Mit unserem Reportageprojekt wollen wir diese Vielfältigkeit abbilden, diese wunderbare Welt aufschließen. Und zeigen wie wertvoll sie ist. Dazu passt der Begriff von Heimat von Ernst Bloch: „Die vergesellschaftete Menschheit im Bund mit einer ihr vermittelten Natur ist der Umbau der Welt zur Heimat.“

Hirsch

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Pressspan

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22. Mai 2015
von m&m
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endlich / unendlich – Brita Kunstpreis 2015

  Ein Kulturschock. Die Bilder dieser Ausstellung heischen, kreischen, knallen nicht. Aber sie sind packend präsent. Dicht und tiefenscharf. Beredte Bilderstatements, wie ich sie im normalen Wust der Anschläge oder den Medienangeboten fast nie wahrnehme. Ausgezeichnet mit dem Brita Kunstpreis … Weiterlesen

2. Juni 2014
von m&m
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Großartig: Die besten Naturfotografien Europas

  Richtige Bilder. Frei von Kitsch oder Ichzeigdirwasknipserei, geladen mit jener wunderbaren Intensität, die Blicke anzieht. Wieder und wieder hält jemand inne und betritt das graue Karree der Stellwände. Sie zeigen die Siegerfotos der „Europäischen Naturfotografen des Jahres“ – dem … Weiterlesen

18. Februar 2014
von m&m
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Biofach 3.0: Unterm Pflaster liegt die Farm!

  Guerilla-farming? Der Mann auf dem Podium erklärt, wie er das meint: „Reißt die Pflastersteine raus, füllt die Lücke mit unserem Kompost, pflanzt was – und lasst euch dabei filmen! Am besten genau dann, wenn die Polizei euch verjagt.“ Video … Weiterlesen