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Finis: Wiesbadener Fototage

11. September 2017 von m&m | Keine Kommentare



 

Abgeholt.
Und noch auf den Weg bekommen, wie gut unsere Serie „auch bei Nicht-Fotografen angekommen“ ist. Genauso sollte es ja auch sein. Alles andre ist nicht Mumpitz, schon auch schön, aber doch eher Filterblasenfreude.
Vielen Dank allen, die uns für den Publikumspreis vorgeschlagen haben. Und vielen Dank an das Wiesbadener Fototage-Team für eine Superausstellung.
Nächste Woche: Sind wir wieder auf der
Dementia Road.
 

 
 

14. Schömberger Fotoherbst – wir sind dabei

8. August 2017 von m&m | Keine Kommentare


 
Ob es wieder Kürtös gibt wie vor zwei Jahren? Wir werden hinfahren, sehen – und berichten. Erst mal aber freuen wir uns sehr, wieder Teil des Schömberger Fotoherbstes zu sein. Unsere Reportage „Ich war ein Flughafen“ über das Arboretum Main-Taunus wird dort neben den Arbeiten der anderen Festival-Finalisten zu sehen sein.

Unser Beitrag zeigt einen idyllischen Ort mit dramatischer Geschichte: Unter dem Decknamen Schafweide legte die deutsche Luftwaffe 1937 im Taunus einen geheimen Fliegerhorst an, den Flughafen Eschborn. 1944 bombardierte die US-Armee den Platz, und nutzte ihn nach dem Krieg selbst. Später wurde er ziviler Güter-Flugplatz für die Post und das Technische Hilfswerk – die große Wende für den Platz jedoch kam durch den Frankfurter Flughafen. Die wütenden Proteste gegen die Startbahn West am Flughafen Frankfurt führten letztlich dazu, dass er in einen der schönsten deutschen Waldparke verwandelt wurde: Als Wiedergutmachung für den Kahlschlag im Frankfurter Stadtwald entstand das Arboretum Main-Taunus. Ein berückend schönes Kleinod mit einem alten Hangar als Herz. Uns gab dieser Ort den Impuls für ein längerfristig angelegtes Reportageprojekt über Arboreten.

Als erster Teil entstand die Serie „Ich war ein Flugplatz“, denn: das Arboretum Main-Taunus zeichnet sich durch seine faszinierende Geschichte und sein besonderes Konzept aus. Arboreten sind Gehölzsammlungen, die mit Stolz viele exotische Bäume zeigen. Auch so im Taunus, allerdings wurden hier Bäume und Sträucher so zusammengepflanzt, wie sie auch in der Mongolei, in Nordamerika oder Japan als „Waldgemeinschaften“ existieren. Als Besucher tritt man quasi eine Welt-Waldreise an. Als weißer Faden dient uns die Birke, die in Nordamerika ebenso wächst wie in China oder der Mandschurei. Die gepflanzten Exemplare zeugen von der großen Sortenvielfalt. Hängebirke, Papierbirke, Moorbirke… Natürlich beherrscht sie als Pionierbaum längst auch das alte Flughafengelände. Zwar ist der Zutritt für Waldbesucher verboten – aber möglich. Denn es ist ein längst nicht mehr geheimer Treffpunkt für Jugendliche aus dem Umland. Die Spannungsgeschichte eines Waldparks, der durch die Luftfahrt geboren wurde, die Nutzungsspuren von Mensch, Tier und Zeit sichtbar zu machen ist das Ziel dieser Serie.

Wer Zeit hat: Unbedingt hinfahren! Wegen der Ausstellung natürlich, um Inspirationen und Schwarzwaldluft zu tanken – und vielleicht gibt‘s auch wieder Kürtös…

Unser Beitrag zum 14. Schömberger Fotoherbst, dem internationalen Festival für serielle Reise- und Reportagefotografie vom 6. Oktober bis 4. November 2017:
 










 
 
 

Ausstellung: Die B-Klasse im Städel

2. August 2017 von m&m | Keine Kommentare

Fesselnd, trotz des emotionslosen Blicks, dieses Bubikopfmädchen auf dem Plakat „Fotografien werden Bilder / Die Becher-Klasse“. Dem Titel entsprechend sind Hilla und Bernd Becher nicht im Fokus dieser Ausstellung. Die Grafik an der Foyerwand des modernen Städelzweigs ähnelt einem Stammbaum, zackig zur Matrix werdend: Die Bechers an der Spitze. Begründer einer Dynastie. Die abzweigenden Linien führen zu neun wohlgehabten SchülerInnen.

In der Ausstellung zwar kein Wasserturm nirgends, aber dennoch frühe Becher’sche Leitplanken: Papierabzüge von Industrietoren, Fachwerkhäusern, Kohlesilos. Sehr schwarzweiß, sehr analog und auch sehr klein. Die Bilder ihrer Schüler anfangs noch ebenso analog, schwarzweiß – doch der bald kommt der erste Sprung ins Farbige und der nächste ins Digitale. Der noch gar nicht so lange her ist. Damit beginnt das Spiel mit der Wahrheit, dem Verschwinden der Doku, dem Dehnen und Größer- und Nochgrößerwerden.

Viel Langweiliges dabei, unter diesen berühmten Fotografien, die „international prägend“ waren, wie Kuratorin Jana Bergmann emotionslos vermerkt. Ein Großteil wirkt enttäuschend flach. Ob klein oder groß, schwarzweiß oder bunt spiegeln die meisten – über die Vorsätzlichkeit hinaus und in einfache Bildsprache übersetzt – ein gerüttelt Maß an deutscher, buchhaltérischer Leere.


 
Fotografien werden Bilder… Barbara Klemm sagt im Video zur Ausstellung ihrer analog schwarzweißen Fotos (die den Umbau der modernen Städelabteilung reportieren): “Die Bild-Komposition ist wichtig.” Sonst sei es Doku, aber kein Bild.

Einige der B-Klasse-Fotos aber sind stark über die schiere Größe hinaus: die vier Meter “Montparnasse” etwa von Andreas Gursky. Auch sein Panorama vom Gardasee. Im Bild “Passkontrolle”. zeigt er gar Humor. Noch witziger wird es in der Kombi mit dem Bild daneben, in der Lobby eines Großkonzerns aufgenommmen, wo am Empfang genau dieselbe Sorte Kontrollettis sitzen. Herrlich. Und auch schön: Candida Höfers Diaschau „Die Türken in Deutschland“. Dabei sind eigentlich große, menschenleere Räume ihr Markenzeichen. Bibliotheken, Hörsäle, Vortragssäle. “Ich dirigiere nicht gern”, gesteht sie im Museums-Video-Porträt. Und dass sie sich wohler fühlt, wenn da nicht so viele Menschen sind. Anfangs habe auch sie “noch ohne großen Aufwand” fotografiert. “Kleinbild und ohne Stativ”, schief manchmal.

Dann kam Technik. Kamen Großbanken als Auftraggeber für große Becherschülerbilder. Die in große Foyers passten und genügend monetäre Distanz ausstrahlten. Im gemeinsamen Video zur Ausstellung erklären Volker Döhne, Candida Höfer, Thomas Ruff und Thomas Struth abwechselnd, worum es ihnen eigentlich ging: Konkurrenz zur Malerei. „Wenn das Bild größer ist, ist die Wirkung anders“, sagt Höfer … Dazu der verknitterte Ruff ganz cool: Vorher sei die Fotografie den Sammlern am Arsch vorbeigegangen, aber bei der Größe „konnten sie nicht mehr wegschauen.“ Think big. Think Geschäftsmodell.


 
Vor den Bechers habe es nicht die Präsenz dieser Fotografie im Bereich der bildenden Künste gegeben, führt Ruff weiter aus. Heute dagegen hätten wir „eine Situation, wo eigentlich alle ganz normal mit dem Medium Fotografie als künstlerisches Medium umgehen.“ Ist das so? Sicher, Fotografie ist allanwesend. Aber der bewusste Umgang mit ihr, die Lesbarkeit ihrer Inhalte, die Bildsprachkompetenz sowohl der Sender als auch der Empfänger – hat all das mithalten können? Wahrhaftigkeit. Wieder landen wir hier, wieder beim Höhlengleichnis von Ulrich Metzmacher.

Und beim nächsten Video, gedreht im Palmengarten. Wo Jörg Sasse über Schein und Sein nachdenkt. Er verwendet überwiegend Fundfotos, die er bearbeitet. Urheber: Sternwarte, Amateur (Nachlässe), oder er selbst, weil er manchmal auch “knipst“. Knipst? Einer der neun Becher-Schüler. Apropos Fotografie, Natur, Palmengarten. Dort sind gerade die atemberaubenden Bilder des GDT-Wettbewerbs um den Titel des Europäischen Naturfotografen 2015 zu sehen (aktuell wird der 2017er Wettbewerb für die erstmalige Präsentation beim Naturfotografie-Festival in Lünen vorbereitet). Sorry, aber für uns sind es diese Naturfotografen, bei denen – unter (ebenso?) großem Zeit- Fleiß- und Technikaufwand plus Know-how über Ort, Flora, Fauna, Wetter – Fotografien zu Bildern werden.
 
 

Die Ausstellungen:

Fotografien werden Bilder / Die Becher-Klasse
im Frankfurter Städel Museum noch bis zum 13. August, Eintritt 14 Euro

GDT – Europäischer Naturfotograf des Jahres 2015
im Frankfurter Palmengarten, Galerie am Palmenhaus, noch bis 27. August, Eintritt 7 Euro
 
 
 

Fotofestival Wiesbaden 2017: mit unserer Serie Dementia Road

31. Mai 2017 von m&m | 2 Kommentare


 
Acht Bilder für acht Buchstaben: DEMENTIA – damit sind wir eine Facette von Insight, dem Grundthema der Wiesbadener Fototage 2017. Gestern abend die Email: „Wir freuen uns Ihnen mitzuteilen…“ Und wie! Wir uns freuen!

Insight – Einblick nehmen, gewähren, aufzeichnen. Das war Ziel unserer Serie Dementia Road. Einen Zustand in Bilder fassen, der uns immer wieder an den Rand von Wahrnehmungskraft und Fassung bringt, und dennoch ausgehalten werden muss. Seit einigen Jahren leidet meine Schwiegermutter unter Demenz. Sie sagt: „Es ist, als wäre da ein Schwamm vor meinem Gesicht“. Wir wohnen drei Autostunden entfernt – wenn wir zu ihr fahren, wird die A3 zur Dementia Road. Dieses Mitfühlen ist beklemmend: Wie mag es sich anfühlen, nicht mehr zu wissen, wer man ist und wo. An einem ihrer letzten Geburtstage verwandelten sich die an unserem Auto vorbeiziehenden Schemen auf mystische Weise in Repräsentanzen ihrer schwindenden Erinnerung. Der Schwamm saugt alles auf.

Die Nebelkälte draußen entsprach unserer inneren Beklemmung. Wie sie sich verzweifelt mühte, die Teile zusammenzusetzen. Je mehr, desto vergeblicher. Furchtbare Denkschleifen, in denen sie hängenbleibt. Schlimm für sie selbst, für uns und für jene, denen wir davon erzählen. Die meisten schrecken zurück. Wollen lieber nichts hören. Als sei Demenz ansteckend. Die Angst davor ist es.

Eröffnung der Fototage: 26.8. um 19 Uhr im Kunsthaus Wiesbaden
Schwalbacher Str. 53, 65183 Wiesbaden – Vernissage mit Musik von ROBERT LUCACIU bass/Composition/cello, Eintritt frei.

Diese Bilder hängen vom 26. August bis 10. September im Wiesbadener Ministerium für Wissenschaft und Kunst:

 
 

Ausstellung: War on Wall

5. August 2016 von m&m | Keine Kommentare

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Auszeit. Ein Tag Berlin auf dem Mauerweg, auf Locationsuche für ein Panorama. Mauer also. Beton. Eisenstangen. Sogar die Reste irritieren noch. Wir passieren einen alten Wachturm – links eine Hochzeit mit Herzchenballons und Korkenknallen, dahinter Roma auf Klappstühlen und rechts auf einer Infotafel aus Plexi alte Fotos. So hat es früher ausgesehen. Etwa 30 Jahre her. Als ich geboren wurde, ist diese Mauer hochgezogen worden, als unser Sohn geboren wurde, wurde sie durchbrochen.

Dann wieder ein Stück Beton und Berlin und plötzlich quietschbunt: die East Side Gallery. Graffiti vom Feinsten. Schönes, Psychedelisches, Abgefucktes, Poetisches – alles, was die Scene so drauf hat. Die Mauergalerie ist – Geschichte? – durch hohe Zäune geschützt. „Zerstörung“, warnen Schilder „werde verfolgt“ und bestraft. Ich fahre Mietrad, sauge Farbe, lese Kronkorken. Ein Hund pflückt ein Frisbee aus der Luft.

Es ist heiß in Berlin. Das Gras gelb und und wir folgen der Mauer und plötzlich sind wir hier: War on Wall – Kai Wiedenhöfers Syrien-Doku. Fast dran vorbeigefahren. Riesige Panorama-Fotos. Still aber berstend vor Gewalt. Kobanes Straßen in Schutt und Asche. Zerfetztes Welllblech, Trümmer, zerbombte Häuser. “So sah es auch mal in Europa aus”, erinnert der Berliner Fotograf und schreibt, dass er immer wieder nicht glauben könne, was Menschen einander antun.

Packender Einführungstext. Sein erklärtes Ziel: den Betrachtern die Menschen nahe zu bringen. Zwischen seinen Wahnsinns-Panoramen der kaputten Stadt in gedeckter Schutt-Farbe ragen deshalb überlebensgroße, und sehr farbige Porträts auf. Gehen ins Auge, unter die Haut. Das Mädchen etwa, 11 Jahre, das durch eine Fassbombe seine ganze Familie und ein Auge verlor. Kleinkinder, Teenager, junge Männern und Frauen, alte Frauen und Männer – mit furchtbaren Verletzungen, mit Arm- oder Bein-Prothesen und mit Blicken aus Metall. „Die Medien“, schreibt Kai, die Medien informierten nicht mit ihren Nachrichten, sie klärten nicht auf. Im Gegenteil: Die absurd und zugleich obszön unverständlichen und damit sterilen Zahlenblöcke seien ein Schleier, der echte Tote und echte Verletzte verbirgt. Seien letztlich das Schmiermittel für weitere Kriegshandlungen, weitere Tote und Verletzte, weiteres Leid.

Wand auf Wand: Als ich die Geigerin sehe, knickt mir alles weg. Ein kleines auf eine Hauswand gemaltes Bild, die zugehörige Wohnung weggesprengt. Nur diese Mauer steht noch. Voller Einschüsse. Doch das Mädchen im himmelblauen Kleid führt noch den Bogen. Wer hat das gemalt? Romeo, 08. Schwarzes Haar, ernstes Gesicht um sie herum wachsen Bäume in einen schwefelgelben Himmel.

Später lese ich in der Photo-News, dass der Fotograf die Ausstellung verschiedenen Institutionen und Museen angeboten hat. Keins wollte die Ausstellung. Ja, die Geschehnisse in Syrien sind schlimm. Aber… Als Ausstellung? Krieg auf der Wand? Die Time habe ein paar Porträts von Verletzten online zeigen wollen, erzählt Kai Wiedenhöfer im Interview. Wollte 500 Dollar dafür zahlen – „einfach ein Witz“.

Dann lieber hier. Und besser hätte der Ort nicht gewählt sein können. Der brutale Abriss der Stadt Kobane an der Grenzlinie zum IS direkt vor den Kränen und dem irren Wachstum Berlins. Vor dem blendenden Mercedes-Stern. Die Flaneure werden still. So viele Betrachter wie hier – vor allem so viel unterschiedliche, wie Kai Wiedenhöfer selbst betont – die ihren Schritt verlangsamen, denen er ein Peace-Korn mitgibt, hätte ihm kein Museum eingebracht. Wir folgen der Mauer. Der Geschichte. Berlin.

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War on Wall – Fotografien vom Krieg in Syrien auf der Berliner Mauer
Noch bis Ende September und frei zugänglich
Mühlenstraße, West Side Gallery
(so heißt, die der Spree zugewandte Rückseite der East Side Gallery )

Es gibt auch ein Buch vom mehr Städte umfassenden Wall on Wall-Projekt – denn Behindernde gibts überall, daher überall auch Mauern, Grenzen..
Das Buch: Confrontiers

 
 
 

Happy Crow and me – KiR-Kunstpreis 2015

27. Oktober 2015 von m&m | Keine Kommentare

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Zurück Zeitrad, zehnmal zurück – und: Erinnerung sprich! Diesmal pur, direkt aus den grünen Schuhen, aus meiner Seel. Das Bild „Spielgrund“, aus meiner Serie für den KiR-Kunstwettbewerb „Gedankenwelten“, hat das Rennen gemacht. Dabei hatte ich auf „Fremde Welten“ gesetzt, dieses Viel-Ebenen-viel-Farben-Bild unser Freundin Karin (Kück). Aber langsam, Zeitrad, und zurück:

Es war von Anfang an ein intensives Inmir. Ein: was bist du Welt, und was ich in ihr? Wie umbilden und auslegen? Wie Farben und Formen finden für das, was sich denken und fühlen ließe… Natürlich müssten es Überblendungen sein, denn was passt besser zu „Gedankenwelten“ als Ebenen, die nicht parallel voreinander fliehen, sondern ineinander wirken? Bevor es zu fabulös wird: Es war früh im Jahr, als Karin fragte, ob wir am KiR-Kunstwettbewerb dieses Jahr teilnehmen wollten. Das traf genau den Zeitpunkt, an dem ich mich gerade für die Doppelbelichtungen von Brandon Kidwell begeistert – und selbst mit Montagen begonnen hatte. Also: Ja.

Und Monate später hat der Rödermarker Kunstverein KiR diese Ausstellung hingelegt. Und der Bürgermeister spricht zur Eröffnung Schiller: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“ und Kant: „Kunst ist schön, wenn sie aussieht wie Natur – und Natur ist schön, wenn sie aussieht wie Kunst.“

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Und wir, und auch das war besonders, streiften wieder und wieder durch diese Ausstellung. Haben uns dieses und jenes zum zweiten, dritten, vierten Mal angesehen. Die wunderbaren Bilder mit den Türchen im Kopf, hinter denen Träume steckten oder Fragmente eines inneren Monologs, oder auch – nichts. Einfach nichts. Dann dieses vorwiegend Rote mit den Streifen (aus Österreich), die Köpfe und Skulpturen… diese Ideenfülle. Und all die Künstler, Hand- oder Kopfwerker, umeinander flanierend. Ratend jeder für sich: wer passt zu wem? Also, zu welchem Bild, welcher Skulptur? Der Mann in Schwarz mit Pferdeschwanz – Na? Madame Grün mit roter Tasche – Und? Oder La Rouge mit dem Pünktchenkleid – Hm?

Rund 200 waren immer da, gaben der Ausstellung das Gezeitenfeeling. Strömten ein und aus, mal ein abgeschliffenes Holz, mal einen Korb Muscheln mitführend oder eine Brezel und einen Kaffee…
Die Hängordnung jedenfalls, das Zusammenfügen all der unterschiedlichen Bildstücke zum Ensemble „Gedankenwelten“ – Chapeau! Tetris ohne Anleitung.

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Und wenn man die Bilder erneut und wieder und nochmals anschaute, spielte man durch: was hat sich der/die gedacht. Oder auch: was gibt es mir, was löst es bei mir aus? Die Direkten, die Naiven, die Schrei-bunten, die Zarten und die Abstrakten. Insgesamt ein hohes Niveau. Und insgesamt die Zeit viel zu kurz. Viel zu kurz diese zwei Ausstellungstage, viel zu kurz! (Wie in Darmstadt, wenn Fototage sind. Sire, geben sie Gedankenfreiheit! Meint: Mannoamt! Senkt die Kosten für so‘ne Ausstellung!)

Bin sicher nie so oft durch eine Ausstellung gegangen. Noch und noch den glattweißen, den klarrunden Pinguin „Lost“ beäugt, angefasst und mich gewundert, warum die Platte zu seinen Füßen ausschaut wie sie ausschaut. Hab zugehört, wenn andere diskutierten und wünschte jedem eine derartige Anteilnahme an seinem innersten Werken, die mir so sonst nur beim Kreativen-Netzwerk Behance begegnet.

Aber weiter vor, Zweitrad, auf vor zehn Tagen, sechzehn Uhr. Der Juror, Arzt und Fotograf Frank Freytag spricht. Und alle lösen sich in seinen Worten auf. Die AIDA Formel hätten sie angewendet um die besten Bilder auszufiltern. AIDA? Die Formel für A wie Atttraction, I wie Interest, D wie Desire und A wie Action. Danach hätten sie sie ausgesucht. Er erzählt von den Diskussionen der Jury, den Beziehungen und Verliebtheiten zu und mit „ihren“ Bildern… und.. Ach Mensch, ich wollte doch… Hektisch krame ich mein Notizbuch aus der Tasche. Eigentlich hab ich frei, kurz jedenfalls, die Deadline für eine Textabgabe steht schon hinter mir und greint… Aber es soll doch aufs Blog…

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Und er, der Juror da vorn, lässt inspirierende und nachdenkliche Sätze frei. Und schon ruft er auf – „der Preis für Skulpturen geht an: Edith Bohland“. Applaus! Für ihre Skulptur des jungen, zukunftsgeladenen Denkens. Sie tritt vor, gerührt, voll Freude. Dann: Platz zwei für Bilder – „geht an Karl Pohl“ – wo ist er? Steht direkt neben dem Mikro und ist ebenso verblüfft. Applaus, Applaus! Der Schöpfer der „Ode an die Frau“. Altmeisterlich und doch mitten ins Herz der Moderne, wie der Juror Dr. Freytag ausführt. Und ich nehm wieder den Stift – und höre „erster Preis… Sylvia Meise.“ Und Touché. Für das Dunkle, meinen Spielgrund. Für meine Krähe, die bei Nacht über Kinderträume wacht. Verdammt, wie sich das gut anfühlt, und der Herr Freytag sprach so viele schöne Worte, die ich leider alle vergessen hab. An alle KiRler: Vielen Dank!

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Go, Stadtwald, go: 13. Schömberger Fotoherbst!

13. Oktober 2015 von m&m | 3 Kommentare

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Tiefblaubunt dieser Sonntagmorgen, Herbsttag deluxe. Und wir nicht per Velo im Stadtwald, sondern per Auto dran vorbei, um ihn uns genauer anzuschauen. Heißt? Wir fahren zur Ausstellung, dessen Teil er jetzt ist: zum 13. Schömberger Fotoherbst. Dem Reise- und Reportagefotografie-Festival, bei dem wir jetzt zum zweiten Mal vertreten sind. Nach zwei Stunden und zwei Staus wird’s endlich goldrotschwarzwaldig – Swabian Summer in Schömberg.

Kaum das Ortsschild passiert, sind wir Pünktchen im Gewühle. Umgeben von lebendigem Strömen, das den ganzen Tag anhält und uns mitreißen wird, sobald wir den letzten Parkplatz gefunden und das erste der Bilder im Kurpark gesehen haben. Unerwartet dieser Massenandrang – schon –, aber doch schön auch, das sich einfädeln und treiben lassen, sich finden auch. Das Gefühl des Fremdseins in der Heimat, die Lust des Auszeitnehmens vom Tagesgeschäft. Zimtzucker zwischen den Zähnen, Kindermund im Ohr. Und, achja: Bilder, Bilder, Bilder.

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Da wo die Bläser traditionellen Trachtenbeat in den Herbst pumpen ist der Herzpunkt der Ausstellung. Dort, man muss es sagen, endet das Geschiebe. Schön für die Betrachter, die jetzt ins Rathaus finden, schade für die dort (und an den anderen beiden Orten für die Profis) großartigen, gut zusammengestellten Serien. Wir ziehen drei heraus:

Mit „Wanna have love?“ erzählen Insa Hagemann & Stefan Finger visuell sehr berührend. Machen betroffen ohne das übliche Betroffenheitswerkzeug. Loten sich ein in die Tiefe der Kinderseelen, die Sextouristen auf den Philippinen zurücklassen: das blonde Baby, der blasse Teenager, der kaffeebraune Junge – alles Außenseiter in einem Land, das keine Migranten kennt, so die kurze Info zu diesem Projekt…

Direkt daneben Oliver Mezgers „Dreiundzwanzig“. Von ihm sehen wir dieses Jahr schon zum dritten Mal coole Fotos (2x in Wiesbaden). Hier seine lichtschöne Serie vom Naturpark Schwarzwald. Warum Dreiundzwanzig? In dreiundzwanzig Stunden entstanden. Ein paar Schritte weiter heißt es „Ich war hier“, eine gewagte, kluge Komposition von Werner Mansholt. Er beginnt mit einer 25.000 Jahre alten Felszeichnung und variiert das Thema durch Kritzeleien auf dem Kölner Domdach, Schädelhaufen im Gebeinhaus, mit Namen beritzten Bambusstangen bis hin zu den bunten Abdrücken von Kinderhänden auf einer Schulwand auf Kreta.

Raus aus der Ausstellung rein in den ohrenbetäubenden Jahrmarkttrubel – und Halt! Das muss ich haben: An einem Stand werden dampfende, frisch gebackene „Kürtös“ angeboten. Sieht verlockend aus, wie Baumkuchen gekreuzt mit Stockbrot. Was ist das? Die Warteschlange verheißt: was echt Gutes. Nachdem ich dran bin und auf mein Kürtös warte, erklärt mir Standchefin Ines Balatoni: „Wir sind Ungarn und das ist eine Siebenbürger Spezialität, die auch in Ungarn noch manchmal auf Jahrmärkten verkauft wird. Im Original wird der Teig überm Holzfeuer gebacken – aber geht hier nicht wegen den Brandschutzbestimmungen.“ Supergeniales Zeug.

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Nach der Pause wieder zu den Bildern. Und würfeln: wo ist die Poststraße? Da nämlich, im Haus Bühler, da hängt unser Stadtwald. Ein eigenartig vertrautes Gefühl macht sich breit: Hallo Stadtwald. Gut machst du dich hier, inmitten der echt harten Konkurrenz… Zwei Zimmer weiter eine Islandserie, die das mittlerweile so ausfotografierte Land plötzlich wieder geheimnisvoll macht: Karl Huber sah „Island im März“. Und auch die NachwuchsfotografInnen sind hier beheimatet, darunter Elias Klein mit einer schönen „Billard“-Studie.

Schömberg, das ist Hingabe mit klarer Linie – alle haben dieselben Rahmenbedingungen im Wortsinn. Weiße Holzrahmen, weiße Schrägschnittpassepartous, höchstens zehn Bilder. Einziger Kritikpunkt an dieser Stelle – manchmal gab‘s erhellenden Begleittext, manchmal nicht. Das Quäntchen Zu-Text aber hätte allen Projekten gut getan. Denn: solche Info vermag doch oft den Blick zu weiten, sowie die Räume zwischen den Bildern zu verstehen.

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Auch bei den Amateurbildern, die im ganzen Ort verteilt in den Schaufenstern hängen. eine schöne Idee, die allerdings manchmal Grenzen hat (bei der die Bilder umgebenden Dekokunst). Doch so haben die Menschen, die wegen des verkaufsoffenen Sonntags hier waren, auf jeden Fall die Amateurserien gesehen. Von denen die tapfere Jury in der Sommerbruthitze dieses Jahres ebenso viele ausgewählt hat wie bei den Profis: je 25.

Zum Schluss nochmal ins Kurhaus. Von dort steckt mir noch die Qual in den Gesichtern von Sandra Hoyns „Letzten Orang Utans“ in den Knochen. Die Serie erinnert daran, dass nicht nur der Wald stirbt, sondern auch seine Tiere. Für das Palmfett in unseren Margarinen und Keksen und unzähligen Fertigprodukten. Einer im Käfig, der die Hand eines Menschen fest umklammert hat: Bleib bei mir! Einer auf dem Krankentisch – alle Menschen mit Mundschutz und Handschuhen. Die Bilder von den Rettungsaktionen, dem Bergen der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer fallen mir ein. Dass im Hintergrund die Kurkapelle zum Tanz aufspielt macht das Ganze komplett surreal. Kommen, sehen, denken. We’ll be back!
 
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13. Schömberger Fotoherbst
Internationales Festival für serielle Reise- und Reportagefotografie
Rathaus, Museum Haus Bühler, Kurhaus, Schaufenstergalerie in 75328 Schömberg
9.10. bis 8.11.2015
 
 
 

KiR: The only Limit is the Sky

11. Oktober 2015 von m&m | Keine Kommentare

Unser Beitrag zur Ausstellung Gedankenwelten bei KiR (Kunst in Rödermark)
am 17. und 18. Oktober:

Tolits #1 - Freiheit

Tolits #1 – Freiheit

Limit

Rahmen,
Gedanken, Segel setzen
Strukturen
gegen den Tanker Befindlichkeit
Ruhe im Hirnspiel
Synapsenspizzen
von Lichtblitzen.

Und: Fokus. Fokus. Fokus.
nur nicht denken. Nicht.

Aber, paragleiten in die Parawelt
des DoubleSeins der Dinge
n’oublies jamais
existiert alles auch ohne dich.

Und: Leben. Leben. Leben!
In mir, Mond, weil
ich schaure, schaukle, aufschau
zu den Flirrlichtern der
Wimperbogenlampen

Drum herum Photonenschwärme
laichend, leuchtstäubend
Stratoduster!

Viel mir, gespiel mir, geh nicht –
mind the Gap
die Räume, Träume zwischen
den Menschenräumen die Zwischenmenschenräume
Freiheit 38. 38? Ja.
Frei sein
Nicht wirklich viele Menschen wollen das.

Wer gibt?
Spielräume, Kinderträume…
Worte und Bilder in uns
Strukturen, Spuren.
Lass dich leiten
Lass. Finde
die Feder. Die von den Schwingen
der Kinderbänder gestreift, getönt, geschlagen
Vogelander
Flügelum.

Im Dämmern des Lichts der Tag
Der Himmel, the only Limit
rutscht in die Nacht
die Krähe, mein Ichkind
die Krähe, sie wacht.

Tolits #2 - Spielgrund

Tolits #2 – Spielgrund