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Ausstellung: War on Wall

5. August 2016 nach m&m | Keine Kommentare

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Auszeit. Ein Tag Berlin auf dem Mauerweg, auf Locationsuche für ein Panorama. Mauer also. Beton. Eisenstangen. Sogar die Reste irritieren noch. Wir passieren einen alten Wachturm – links eine Hochzeit mit Herzchenballons und Korkenknallen, dahinter Roma auf Klappstühlen und rechts auf einer Infotafel aus Plexi alte Fotos. So hat es früher ausgesehen. Etwa 30 Jahre her. Als ich geboren wurde, ist diese Mauer hochgezogen worden, als unser Sohn geboren wurde, wurde sie durchbrochen.

Dann wieder ein Stück Beton und Berlin und plötzlich quietschbunt: die East Side Gallery. Graffiti vom Feinsten. Schönes, Psychedelisches, Abgefucktes, Poetisches – alles, was die Scene so drauf hat. Die Mauergalerie ist – Geschichte? – durch hohe Zäune geschützt. „Zerstörung“, warnen Schilder „werde verfolgt“ und bestraft. Ich fahre Mietrad, sauge Farbe, lese Kronkorken. Ein Hund pflückt ein Frisbee aus der Luft.

Es ist heiß in Berlin. Das Gras gelb und und wir folgen der Mauer und plötzlich sind wir hier: War on Wall – Kai Wiedenhöfers Syrien-Doku. Fast dran vorbeigefahren. Riesige Panorama-Fotos. Still aber berstend vor Gewalt. Kobanes Straßen in Schutt und Asche. Zerfetztes Welllblech, Trümmer, zerbombte Häuser. „So sah es auch mal in Europa aus“, erinnert der Berliner Fotograf und schreibt, dass er immer wieder nicht glauben könne, was Menschen einander antun.

Packender Einführungstext. Sein erklärtes Ziel: den Betrachtern die Menschen nahe zu bringen. Zwischen seinen Wahnsinns-Panoramen der kaputten Stadt in gedeckter Schutt-Farbe ragen deshalb überlebensgroße, und sehr farbige Porträts auf. Gehen ins Auge, unter die Haut. Das Mädchen etwa, 11 Jahre, das durch eine Fassbombe seine ganze Familie und ein Auge verlor. Kleinkinder, Teenager, junge Männern und Frauen, alte Frauen und Männer – mit furchtbaren Verletzungen, mit Arm- oder Bein-Prothesen und mit Blicken aus Metall. „Die Medien“, schreibt Kai, die Medien informierten nicht mit ihren Nachrichten, sie klärten nicht auf. Im Gegenteil: Die absurd und zugleich obszön unverständlichen und damit sterilen Zahlenblöcke seien ein Schleier, der echte Tote und echte Verletzte verbirgt. Seien letztlich das Schmiermittel für weitere Kriegshandlungen, weitere Tote und Verletzte, weiteres Leid.

Wand auf Wand: Als ich die Geigerin sehe, knickt mir alles weg. Ein kleines auf eine Hauswand gemaltes Bild, die zugehörige Wohnung weggesprengt. Nur diese Mauer steht noch. Voller Einschüsse. Doch das Mädchen im himmelblauen Kleid führt noch den Bogen. Wer hat das gemalt? Romeo, 08. Schwarzes Haar, ernstes Gesicht um sie herum wachsen Bäume in einen schwefelgelben Himmel.

Später lese ich in der Photo-News, dass der Fotograf die Ausstellung verschiedenen Institutionen und Museen angeboten hat. Keins wollte die Ausstellung. Ja, die Geschehnisse in Syrien sind schlimm. Aber… Als Ausstellung? Krieg auf der Wand? Die Time habe ein paar Porträts von Verletzten online zeigen wollen, erzählt Kai Wiedenhöfer im Interview. Wollte 500 Dollar dafür zahlen – „einfach ein Witz“.

Dann lieber hier. Und besser hätte der Ort nicht gewählt sein können. Der brutale Abriss der Stadt Kobane an der Grenzlinie zum IS direkt vor den Kränen und dem irren Wachstum Berlins. Vor dem blendenden Mercedes-Stern. Die Flaneure werden still. So viele Betrachter wie hier – vor allem so viel unterschiedliche, wie Kai Wiedenhöfer selbst betont – die ihren Schritt verlangsamen, denen er ein Peace-Korn mitgibt, hätte ihm kein Museum eingebracht. Wir folgen der Mauer. Der Geschichte. Berlin.

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War on Wall – Fotografien vom Krieg in Syrien auf der Berliner Mauer
Noch bis Ende September und frei zugänglich
Mühlenstraße, West Side Gallery
(so heißt, die der Spree zugewandte Rückseite der East Side Gallery )

Es gibt auch ein Buch vom mehr Städte umfassenden Wall on Wall-Projekt – denn Behindernde gibts überall, daher überall auch Mauern, Grenzen..
Das Buch: Confrontiers

 
 
 

Happy Crow and me – KiR-Kunstpreis 2015

27. Oktober 2015 nach m&m | Keine Kommentare

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Zurück Zeitrad, zehnmal zurück – und: Erinnerung sprich! Diesmal pur, direkt aus den grünen Schuhen, aus meiner Seel. Das Bild „Spielgrund“, aus meiner Serie für den KiR-Kunstwettbewerb „Gedankenwelten“, hat das Rennen gemacht. Dabei hatte ich auf „Fremde Welten“ gesetzt, dieses Viel-Ebenen-viel-Farben-Bild unser Freundin Karin (Kück). Aber langsam, Zeitrad, und zurück:

Es war von Anfang an ein intensives Inmir. Ein: was bist du Welt, und was ich in ihr? Wie umbilden und auslegen? Wie Farben und Formen finden für das, was sich denken und fühlen ließe… Natürlich müssten es Überblendungen sein, denn was passt besser zu „Gedankenwelten“ als Ebenen, die nicht parallel voreinander fliehen, sondern ineinander wirken? Bevor es zu fabulös wird: Es war früh im Jahr, als Karin fragte, ob wir am KiR-Kunstwettbewerb dieses Jahr teilnehmen wollten. Das traf genau den Zeitpunkt, an dem ich mich gerade für die Doppelbelichtungen von Brandon Kidwell begeistert – und selbst mit Montagen begonnen hatte. Also: Ja.

Und Monate später hat der Rödermarker Kunstverein KiR diese Ausstellung hingelegt. Und der Bürgermeister spricht zur Eröffnung Schiller: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“ und Kant: „Kunst ist schön, wenn sie aussieht wie Natur – und Natur ist schön, wenn sie aussieht wie Kunst.“

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Und wir, und auch das war besonders, streiften wieder und wieder durch diese Ausstellung. Haben uns dieses und jenes zum zweiten, dritten, vierten Mal angesehen. Die wunderbaren Bilder mit den Türchen im Kopf, hinter denen Träume steckten oder Fragmente eines inneren Monologs, oder auch – nichts. Einfach nichts. Dann dieses vorwiegend Rote mit den Streifen (aus Österreich), die Köpfe und Skulpturen… diese Ideenfülle. Und all die Künstler, Hand- oder Kopfwerker, umeinander flanierend. Ratend jeder für sich: wer passt zu wem? Also, zu welchem Bild, welcher Skulptur? Der Mann in Schwarz mit Pferdeschwanz – Na? Madame Grün mit roter Tasche – Und? Oder La Rouge mit dem Pünktchenkleid – Hm?

Rund 200 waren immer da, gaben der Ausstellung das Gezeitenfeeling. Strömten ein und aus, mal ein abgeschliffenes Holz, mal einen Korb Muscheln mitführend oder eine Brezel und einen Kaffee…
Die Hängordnung jedenfalls, das Zusammenfügen all der unterschiedlichen Bildstücke zum Ensemble „Gedankenwelten“ – Chapeau! Tetris ohne Anleitung.

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Und wenn man die Bilder erneut und wieder und nochmals anschaute, spielte man durch: was hat sich der/die gedacht. Oder auch: was gibt es mir, was löst es bei mir aus? Die Direkten, die Naiven, die Schrei-bunten, die Zarten und die Abstrakten. Insgesamt ein hohes Niveau. Und insgesamt die Zeit viel zu kurz. Viel zu kurz diese zwei Ausstellungstage, viel zu kurz! (Wie in Darmstadt, wenn Fototage sind. Sire, geben sie Gedankenfreiheit! Meint: Mannoamt! Senkt die Kosten für so‘ne Ausstellung!)

Bin sicher nie so oft durch eine Ausstellung gegangen. Noch und noch den glattweißen, den klarrunden Pinguin „Lost“ beäugt, angefasst und mich gewundert, warum die Platte zu seinen Füßen ausschaut wie sie ausschaut. Hab zugehört, wenn andere diskutierten und wünschte jedem eine derartige Anteilnahme an seinem innersten Werken, die mir so sonst nur beim Kreativen-Netzwerk Behance begegnet.

Aber weiter vor, Zweitrad, auf vor zehn Tagen, sechzehn Uhr. Der Juror, Arzt und Fotograf Frank Freytag spricht. Und alle lösen sich in seinen Worten auf. Die AIDA Formel hätten sie angewendet um die besten Bilder auszufiltern. AIDA? Die Formel für A wie Atttraction, I wie Interest, D wie Desire und A wie Action. Danach hätten sie sie ausgesucht. Er erzählt von den Diskussionen der Jury, den Beziehungen und Verliebtheiten zu und mit „ihren“ Bildern… und.. Ach Mensch, ich wollte doch… Hektisch krame ich mein Notizbuch aus der Tasche. Eigentlich hab ich frei, kurz jedenfalls, die Deadline für eine Textabgabe steht schon hinter mir und greint… Aber es soll doch aufs Blog…

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Und er, der Juror da vorn, lässt inspirierende und nachdenkliche Sätze frei. Und schon ruft er auf – „der Preis für Skulpturen geht an: Edith Bohland“. Applaus! Für ihre Skulptur des jungen, zukunftsgeladenen Denkens. Sie tritt vor, gerührt, voll Freude. Dann: Platz zwei für Bilder – „geht an Karl Pohl“ – wo ist er? Steht direkt neben dem Mikro und ist ebenso verblüfft. Applaus, Applaus! Der Schöpfer der „Ode an die Frau“. Altmeisterlich und doch mitten ins Herz der Moderne, wie der Juror Dr. Freytag ausführt. Und ich nehm wieder den Stift – und höre „erster Preis… Sylvia Meise.“ Und Touché. Für das Dunkle, meinen Spielgrund. Für meine Krähe, die bei Nacht über Kinderträume wacht. Verdammt, wie sich das gut anfühlt, und der Herr Freytag sprach so viele schöne Worte, die ich leider alle vergessen hab. An alle KiRler: Vielen Dank!

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Go, Stadtwald, go: 13. Schömberger Fotoherbst!

13. Oktober 2015 nach m&m | 3 Kommentare

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Tiefblaubunt dieser Sonntagmorgen, Herbsttag deluxe. Und wir nicht per Velo im Stadtwald, sondern per Auto dran vorbei, um ihn uns genauer anzuschauen. Heißt? Wir fahren zur Ausstellung, dessen Teil er jetzt ist: zum 13. Schömberger Fotoherbst. Dem Reise- und Reportagefotografie-Festival, bei dem wir jetzt zum zweiten Mal vertreten sind. Nach zwei Stunden und zwei Staus wird’s endlich goldrotschwarzwaldig – Swabian Summer in Schömberg.

Kaum das Ortsschild passiert, sind wir Pünktchen im Gewühle. Umgeben von lebendigem Strömen, das den ganzen Tag anhält und uns mitreißen wird, sobald wir den letzten Parkplatz gefunden und das erste der Bilder im Kurpark gesehen haben. Unerwartet dieser Massenandrang – schon –, aber doch schön auch, das sich einfädeln und treiben lassen, sich finden auch. Das Gefühl des Fremdseins in der Heimat, die Lust des Auszeitnehmens vom Tagesgeschäft. Zimtzucker zwischen den Zähnen, Kindermund im Ohr. Und, achja: Bilder, Bilder, Bilder.

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Da wo die Bläser traditionellen Trachtenbeat in den Herbst pumpen ist der Herzpunkt der Ausstellung. Dort, man muss es sagen, endet das Geschiebe. Schön für die Betrachter, die jetzt ins Rathaus finden, schade für die dort (und an den anderen beiden Orten für die Profis) großartigen, gut zusammengestellten Serien. Wir ziehen drei heraus:

Mit „Wanna have love?“ erzählen Insa Hagemann & Stefan Finger visuell sehr berührend. Machen betroffen ohne das übliche Betroffenheitswerkzeug. Loten sich ein in die Tiefe der Kinderseelen, die Sextouristen auf den Philippinen zurücklassen: das blonde Baby, der blasse Teenager, der kaffeebraune Junge – alles Außenseiter in einem Land, das keine Migranten kennt, so die kurze Info zu diesem Projekt…

Direkt daneben Oliver Mezgers „Dreiundzwanzig“. Von ihm sehen wir dieses Jahr schon zum dritten Mal coole Fotos (2x in Wiesbaden). Hier seine lichtschöne Serie vom Naturpark Schwarzwald. Warum Dreiundzwanzig? In dreiundzwanzig Stunden entstanden. Ein paar Schritte weiter heißt es „Ich war hier“, eine gewagte, kluge Komposition von Werner Mansholt. Er beginnt mit einer 25.000 Jahre alten Felszeichnung und variiert das Thema durch Kritzeleien auf dem Kölner Domdach, Schädelhaufen im Gebeinhaus, mit Namen beritzten Bambusstangen bis hin zu den bunten Abdrücken von Kinderhänden auf einer Schulwand auf Kreta.

Raus aus der Ausstellung rein in den ohrenbetäubenden Jahrmarkttrubel – und Halt! Das muss ich haben: An einem Stand werden dampfende, frisch gebackene „Kürtös“ angeboten. Sieht verlockend aus, wie Baumkuchen gekreuzt mit Stockbrot. Was ist das? Die Warteschlange verheißt: was echt Gutes. Nachdem ich dran bin und auf mein Kürtös warte, erklärt mir Standchefin Ines Balatoni: „Wir sind Ungarn und das ist eine Siebenbürger Spezialität, die auch in Ungarn noch manchmal auf Jahrmärkten verkauft wird. Im Original wird der Teig überm Holzfeuer gebacken – aber geht hier nicht wegen den Brandschutzbestimmungen.“ Supergeniales Zeug.

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Nach der Pause wieder zu den Bildern. Und würfeln: wo ist die Poststraße? Da nämlich, im Haus Bühler, da hängt unser Stadtwald. Ein eigenartig vertrautes Gefühl macht sich breit: Hallo Stadtwald. Gut machst du dich hier, inmitten der echt harten Konkurrenz… Zwei Zimmer weiter eine Islandserie, die das mittlerweile so ausfotografierte Land plötzlich wieder geheimnisvoll macht: Karl Huber sah „Island im März“. Und auch die NachwuchsfotografInnen sind hier beheimatet, darunter Elias Klein mit einer schönen „Billard“-Studie.

Schömberg, das ist Hingabe mit klarer Linie – alle haben dieselben Rahmenbedingungen im Wortsinn. Weiße Holzrahmen, weiße Schrägschnittpassepartous, höchstens zehn Bilder. Einziger Kritikpunkt an dieser Stelle – manchmal gab‘s erhellenden Begleittext, manchmal nicht. Das Quäntchen Zu-Text aber hätte allen Projekten gut getan. Denn: solche Info vermag doch oft den Blick zu weiten, sowie die Räume zwischen den Bildern zu verstehen.

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Auch bei den Amateurbildern, die im ganzen Ort verteilt in den Schaufenstern hängen. eine schöne Idee, die allerdings manchmal Grenzen hat (bei der die Bilder umgebenden Dekokunst). Doch so haben die Menschen, die wegen des verkaufsoffenen Sonntags hier waren, auf jeden Fall die Amateurserien gesehen. Von denen die tapfere Jury in der Sommerbruthitze dieses Jahres ebenso viele ausgewählt hat wie bei den Profis: je 25.

Zum Schluss nochmal ins Kurhaus. Von dort steckt mir noch die Qual in den Gesichtern von Sandra Hoyns „Letzten Orang Utans“ in den Knochen. Die Serie erinnert daran, dass nicht nur der Wald stirbt, sondern auch seine Tiere. Für das Palmfett in unseren Margarinen und Keksen und unzähligen Fertigprodukten. Einer im Käfig, der die Hand eines Menschen fest umklammert hat: Bleib bei mir! Einer auf dem Krankentisch – alle Menschen mit Mundschutz und Handschuhen. Die Bilder von den Rettungsaktionen, dem Bergen der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer fallen mir ein. Dass im Hintergrund die Kurkapelle zum Tanz aufspielt macht das Ganze komplett surreal. Kommen, sehen, denken. We’ll be back!
 
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13. Schömberger Fotoherbst
Internationales Festival für serielle Reise- und Reportagefotografie
Rathaus, Museum Haus Bühler, Kurhaus, Schaufenstergalerie in 75328 Schömberg
9.10. bis 8.11.2015
 
 
 

KiR: The only Limit is the Sky

11. Oktober 2015 nach m&m | Keine Kommentare

Unser Beitrag zur Ausstellung Gedankenwelten bei KiR (Kunst in Rödermark)
am 17. und 18. Oktober:

Tolits #1 - Freiheit

Tolits #1 – Freiheit

Limit

Rahmen,
Gedanken, Segel setzen
Strukturen
gegen den Tanker Befindlichkeit
Ruhe im Hirnspiel
Synapsenspizzen
von Lichtblitzen.

Und: Fokus. Fokus. Fokus.
nur nicht denken. Nicht.

Aber, paragleiten in die Parawelt
des DoubleSeins der Dinge
n’oublies jamais
existiert alles auch ohne dich.

Und: Leben. Leben. Leben!
In mir, Mond, weil
ich schaure, schaukle, aufschau
zu den Flirrlichtern der
Wimperbogenlampen

Drum herum Photonenschwärme
laichend, leuchtstäubend
Stratoduster!

Viel mir, gespiel mir, geh nicht –
mind the Gap
die Räume, Träume zwischen
den Menschenräumen die Zwischenmenschenräume
Freiheit 38. 38? Ja.
Frei sein
Nicht wirklich viele Menschen wollen das.

Wer gibt?
Spielräume, Kinderträume…
Worte und Bilder in uns
Strukturen, Spuren.
Lass dich leiten
Lass. Finde
die Feder. Die von den Schwingen
der Kinderbänder gestreift, getönt, geschlagen
Vogelander
Flügelum.

Im Dämmern des Lichts der Tag
Der Himmel, the only Limit
rutscht in die Nacht
die Krähe, mein Ichkind
die Krähe, sie wacht.

Tolits #2 - Spielgrund

Tolits #2 – Spielgrund


 
 
 

7 x Prekäres – 6. Fotofestival MA/LU/HD

27. September 2015 nach m&m | Keine Kommentare

© Sylvain Couzinet-Jacques

© Sylvain Couzinet-Jacques / 6. FF


 

Sieben prekäre Themenklammern oder –felder hat sich das 6. Fotofestival vorgenommen – und wer wie wir sich den Klassiker leistet, sich in Mannheim im Quadrat zu verirren, ist gut eingestimmt. Auf Bilder, die nicht im alltäglichen Bilderstrom schwimmen. Die aus der sicheren Zone scheren, wie sie uns hier im mittleren Teil Deutschland umgibt. Wir ziehen mit P7.3 die Karte Urbanismus und Real Estate, ausgestellt im Zephyr – Raum für Fotografie. Daraus hier nur drei der vielen Eindrücke:

„Provisional Landscapes“ lautet der Titel von Ai Wei Weis Arbeit. Seine auf Tapete gedruckten (und an eine Wand geklebten) Doku-Fotos zeigen Ausschnitte des Neu- und Umbaus von Peking. Der Beizettel erläutert, dass dort alles Land dem chinesischen Staat gehört, der damit nach Gutdünken verfahren und ganze Dörfer niederwalzen, oder Gebäude-Ensembles hochziehen kann – ohne Rücksicht auf alte Traditionen oder Kulturgüter. Letztlich geht es um Brüche, Heimat, Kultur, Macht und Verlust. Auf den Bildern habe ich das allerdings so nicht gefunden. Nur die für unser Auge exotisch-riesigen Brachen und Neubauklötze, nicht aber die Zwischentöne, die der Text von Urs Stahel erwähnt. Vielleicht aber ist das der Subtext: emotionslose Verhältnisse.

Beim Projekt von Sylvain Couzinet-Jacques dagegen ist die Bedrückung greifbar. Auch hier spielt das Wesentliche im Kopf oder Hintergrund. Es geht um Machtverhältnisse durch Geld. Die Szenarien stammen aus Spanien, wo Investoren mit Grundstücken zocken – und nichts gebaut, nichts bewirtschaftet oder gar bewohnt wird. Leere also. Ödnis. Couzinet-Jacques‘ Bilder spiegeln den beklemmenden Verfall von Landstücken, die virtuell gehandelt werden. Im realen Leben geschieht so über ganze Landstriche hinweg nichts als das Brennen der Sonne. In einem Raum sind die Bilder deswegen UV-Licht ausgesetzt, das sie bis zum Ende der Ausstellung komplett gebleicht haben wird.

Nicht Grundstücke, sondern Immobilien zum Verkauf hat dagegen Taysir Batniji fotografiert. Er setzt sie in Szene wie ein Makler für den Aushang am Schaukasten, versehen mit allen notwendigen Infos: Größe der Wohnfläche gesamt, der Wohn-, Schlaf- Esszimmer, Infrastruktur des Viertels. Beim Blick auf die Fotos allerdings will man laut herauslachen. Ein Prusten, das in derselben Sekunde gefriert: Alle Immobilien sind verlassene Residenzen Vertriebener. Ruinen und Trümmerhaufen im Gazastreifen. Batniji hat mich damit mehr getroffen, als die Arbeiten des Fotografen Nick Waplington, der im Nahen Osten mit Siedlern in den besetzen West-Bankgebieten lebte.
Alle Arbeiten spiegeln den offenbar globalgegenwärtigen Trend: „La vida no vale nada“.
 

© Taysir Batniji  / 6. FF

© Taysir Batniji / 6. FF



 

7 Orte, 7 prekäre Felder [7P] – 6. Fotofestival Mannheim/Ludwigshafen/Heidelberg
Die Ausstellungen sind noch bis 15.11. zu sehen – http://www.fotofestival.info/de/
zeitgleich zeigt die
OFF // Foto 2015 erstmals „Zeitgenössisch fotografische Positionen in der Metropolregion“
an 22 Indie-Orten in Mannheim, eintrittsfrei.

Beide mit viel versprechenden Vorträgen im Programm.

 
 

Helden der Straße – Frankfurt Street Art

13. September 2015 nach m&m | Keine Kommentare

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Freu mich jedes Mal über das Schloss mit der Feder, wenn ich es sehe, oder die Katze am Bahndamm, das Geisterhaus in Bornheim oder die Loopin Mädchen am Main und in der Stadt. Auch „Denk“ lese ich immer wieder gerne. Schon lange. Ausnahme Gewächshäuser in Oberrad. Nicht weil es nicht auch da reichlich cool aussähe, sondern weil ich denke, das ist nun wirklich blöd für die Gärtner und deren Pflanzen.

Wo, wie, durch wen auch immer – in jedem Fall haben wir hier in Frankfurt eine abwechslungsreiche Ausstellung in progress. Vom reinem Provogekritzel über agressives Machogemarke mit Dosenpisse über atemberaubend poetische Murals bis hin zu verspielt-nachdenklichen Kopf- und Fußnoten. Mir gefällt die Raumnahme, das „Hey! Unsere Stadt!“ Was wären wir ohne sie?

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Außerdem ist‘s kommunikativ. Sprechende Wände zum einen, weil mir ja jemand was mitteilt, – aufwändig als Szenen gesprüht, zu Schablonenkunst (Stencils) stilisiert oder noch aufwändiger als Aufkleber – Paste-ups produziert. Kaum ist es da, ruft es sogar im hintersten Hof noch Reaktion hervor und sei es, dass eine Papierecke heruntergezogen und damit das Ganze verändert wird wie bei dem Milchtüten Paste-up. Neben der direkten Reaktion an der Wand gibt es natürlich noch die davor: Kaum bleibe ich stehen, um ein Graffiti zu fotografieren, kommt jemand und zückt sein Handy oder Tablet. Am Ostmolenkopf vor dem Mural (von „case“) hab ich so Nicole aus Italien kennen gelernt (Ciao Bella! Falls du das siehst!)

Letzt fragt mich einer, was ich fotografiere – ich zeige auf das Kettenschloss mit Feder und er: „Das ist schon seit vier Jahren da. Die ganze Nachbarschaft war vollgesprüht. Alle habens weggemacht. Ich habs gelassen. Ich finde es schön.“ Bei Kettenschloss, Stencilkatze am Bahndamm und Loopin tippe ich übrigens auf weibliche Linienführung. Zugegebenermaßen mache ich mir darüber erst seit dem Pariser Blogpost über die raren Königinnen der Straßenkunst Gedanken. Beim recherchieren hab ich bei uns jedenfalls nur eine gefunden: „Hera“ von Herakut, die ja in FFM ein großartiges Mural verantworten mit der Botschaft: „There is something better than perfection.“

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Herakuts Mural-Projekt ist seit zwei Jahren fertig, Loopins „Was guckst du so?“ prangt seit drei Jahren auf der Mauer. Was die Lebensdauer betrifft, toppt Kettenschloss mit vier Jahren bisher alle, die mir bekannt sind. Die Paste-ups haben natürlich eine wesentlich kürzere Expozeit. Rasend kurz leider beim abgefahrenen Paste-Kommentar zur aktuellen Geisteslage in Bornheim. Vor 14 Tagen haben wirs gesehen, jetzt hat das Haus neue Fenster und Farbe – weg isser Hirnschritttmacher.

Allerdings gibt es ja Fotos – und die Online Graffiti-Doku auf Blogs wie Stadtkind oder Kollektive Offensive, wo Passant ganz schöne Fotos macht. Und tagtäglich gibts ja immer neue. Allüberall. Und mit dem allgemeinen Ziel, denke ich, dass wir sie sehen. Unverständlich, dass das französische Gesetz verbietet, Graffitis zu fotografieren und im Netz hochzuladen oder sonstwie zu veröffentlichen. Geht’s noch? Bitte, Brüsseler, nicht als europäisches Gesetz!

Schön umschifft hat das das Blog Paris Zig-Zag. Haben einfach Interviews mit den „Reines“ der Pariser Graffiti-Szene gemacht – siehe hier – und ihre Bilder gezeigt. Ziemlich coole Frauen und Bilder. Über Frankfurts Königinnen würd ich auch gern mehr wissen – also nicht Äppler- (Apfelwein) und Brunnenköniginnen, sondern die der Straßenkunst! Hallo?!

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Posh Blitz! Ausstellung GDT 2014

17. August 2015 nach m&m | Keine Kommentare

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Gleich das erste Bild, auf das ich zusteuere, bleibt mein Favorit: Halsbandsittiche über einem Londoner Friedhof. „Posh pidgeons – schicke Tauben“ lautet der Titel. Posh, weil sie für die Londoner Normalo-Vogelwelt überirdisch grün sind; Pigdeons, weil sie in dieser Gegend Englands mittlerweile so zahlreich sind wie Tauben, erklärt Fotograf Sam Hobson. Er hat ihnen nachrecherchiert, die abendlichen Flugroute zu ihren Schlafplätzen entdeckt. Gewartet – und märchenhaft geblitzt!

In diesem GDT-Ausstellungs-Jahr wurden viele märchenhafte Unschärfe-Bilder ausgezeichnet. Manchmal nur Schemen, die den Bewegungsmoment ans Herz funken. Wie jedes Jahr finde ich den Ausstellungsort genial. Die Bahnhofspassanten betreten geradezu magisch angezogen das Schaukästen-Karree. Natürlich zücken sie die Handys: ich war hier! Etwa beim Bärenbild, wo ein Eisbär durch eine Öffnung in der Schiffswand schaut. Eine fotografiert, die Zeitung untern Arm geklemmt und nimmt die Gepardin mit, die eine Gazelle jagt. Über uns riesige i-Phone-Foto-Werbebanner. Solche Bilder sind hier unten in der GDT-Welt kein Thema.

Hängengeblieben sind mir: die Eule im Dunkel; der kleine (Schmetterlings)Fuchs in der Kirche: das Schneckenauge, umgeben von traumhaft schönen Lichtreflexen; dass laichende Korallenriff (nie bewusst gemacht, dass Riffe laichen); der planktonfischende Rochen als ein abgefahrenes Raumschiff; der Sonnenuntergang auf dem Eis; die goldenen Schatten der Kiefern in Norwegen oder Finnland… Bilder, bei denen man wünschte, alle sähen ein, welches Juwel wir zu Füßen haben und stellten alles umweltzerstörende Verhalten ein. Umgehend. (Soundtrack: Some-times I feel – like a mo-therless child.)

Am meisten aber berührt, wenn die Schnittstelle zwischen Mensch und Natur aufscheint. Letztes Jahr darunter mehr mahnende Bilder, scheint mir. Der traurige Affe auf der Bühne etwa oder der sterbende Wal. Dies Jahr mehr Momente des Alltags, die ja auch zunehmend in der Natur Platz nehmen. So wie die poshgrünen Sittiche oder die beiden Singschwäne, die sich in der Glasfassade des Reijkjaviker Harpa-Theater spiegeln.

Anhalten, gucken. Frankfurt/M. Hbf ist vorletzte Station – noch bis 21 August hängen die Bilder in der Halle des Hauptbahnhofs, danach weren sie noch im Bahnho Dresden Neustadt gezeigt (23. August bis 1. September).
Gibt auch wieder einen schönen Katalog:

 Umschlag 2014
 Europäischer Naturfotograf des Jahres 2014
 und Fritz Pölking Preis 2014
 144 Seiten, 109 Abbildungen, 20 EUR
 Tecklenborg Verlag

 

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