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Halte die Wunde offen

26. Februar 2018 von m&m | Keine Kommentare

Sieben Jahre. Solange liegt Hadayatullah Hübsch jetzt auf dem Südfriedhof begraben. Er starb am 4. Januar 2011. Vier Tage später, an seinem 65. Geburtstag wurde er beerdigt. Es war kalt, die Sonne schien. Krähen saßen in den Friedhofsfichten. Eine seltsame Stimmung griff nach uns; zwischen Nähe und Fremde, muslimisch-ungewohntem Ritual und linksalternativem Ernst. Die letzte Ehre erweisen. Ihn verabschieden, das wollten wir. In die Trauerhalle zu gehen wäre uns der Familie gegenüber übergriffig vorgekommen. Wir warteten draußen. Als der Sarg herausgetragen wurde, war er inmitten einer Menschentraube geborgen, verborgen.

Junge Männer standen Spalier für die Sargträger. Es wurde gefilmt (den Bestattungsfilm kann man noch immer auf Youtube sehen). Viele trugen ihn. Den Mann, der nun in einem weißen Tuch gehüllt, im schwarzen Sarg lag. Grenzgänger über seinen Tod hinaus, einte er Muslime und säkuläre Linke beim Tragen von Weidenzweigen. Für die einen: Der Imam einer muslimischen Gemeinschaft. Der Familienvater. Für die andren: Der Slammer, Raser, Rocker des Lespults.

Der Poet. Das ist der Mann auch in meiner Erinnerung. Einer, der schreiend Zuhörer packt. In schummriger Slammer Atmo oder in einem Hinterzimmer rappend: Halte-die-Wunde-offen! In schier überspringender Präsenz dem Publikum Polit-Beat ins Hirn hackend. Hausbesetzer, Bildzeitungsleser, Arbeiter. Im Schreiben und erst recht im Sprechgesang den unsichtbaren Alltag des Irrsinn hochdrehend, bis der um sich schlagend, zuckend und grölend aus seinem Mund fuhr.

Das Video wurde von Hartmuth Malorny auf yt zur Verfügung gestellt
 
Lange her. Auf dem Friedhof wurde mir ganz leis im Kopf, die Menschen senkten die Blicke, sprachen Totengebete. Gras, Schnee, Eis. Fast nur Männer waren zu sehen. Die Muslimas blieben an der Trauerhalle. Die wenigen Frauen, die mitgingen, allesamt nicht muslimisch. Man konnte uns an zwei Händen abzählen, oder reichte eine?

Ich sah Männer, die sich auf den Rücken klopften, begrüßten, gegenseitig trösteten. Männer, die sich anlächelten, miteinander sprachen. Etwas auffallend Herzliches spürte ich unter diesen Männern. Etwas, das ich von „christlichen“ Beerdigungen bis dahin nicht kannte.

Vergleiche drängten sich auf. Sogar beim Umgang mit der Erde. Natürlich werden sonst auch auch vorher die Gräber ausgehoben. Doch die Erde für Hadayatullahs Grab war direkt daneben und ganz offen aufgehäuft. Anders als sonst kam man nicht an dieser Erde vorbei. Gelb und dunkelbraun, ocker und rötlich, mit Wurzelstücken durchsetzt atmet sie uns an. War nicht schamhaft unter einem Stück Kunstrasen verborgen wie sonst. Und alle, die da waren und zum Grab kamen, trugen etwas von diesem Berg ab. So wurde der Tote nicht erst beerdigt, nachdem alle gegangen waren und beim Leichenschmaus saßen – wie beim, „christlichen“ Begräbnis –, sondern in Echtzeit. Genug Schaufeln, genug Männer, die nachdem alle Trauernden am Gab waren, den Toten mit der restlichen Erde bedeckten.

Überraschende Erkenntnis von Entfremdung. Statt Erde streue auch ich lieber Blütenblätter auf den Sarg. Was mir irgendwie als das schönere Bild erscheint. Und doch: ist es nicht ehrlicher, Erdklumpen auf den Sarg zu werfen, während ein Pfarrer rituelle Sätze murmelt. Erde zu Erde, Staub zu Staub. Oder wer immer da ist und spricht.

Solche Reden gab es bei HH nicht. Nicht jedenfalls während des öffentlichen Ablaufs der Beerdigung. Stattdessen eine wohltuende Stille. Nicht wie so oft eine Rede, die aus einer Trauergesprächsinfo geklöppelt wird. Und am Ende sich oft so falsch anfühlt. Pat und seine Schwester haben ein solches Konstrukt letztes Jahr beim Tod ihrer Mutter abgelehnt. Befreiend. „Warum soll da jemand reden, der unsere Mutter überhaupt nicht kannte?“ Hat mich in Konsequenz meine erste Beerdigungsrede schreiben und (gemeinsam mit einem unserer Neffen) vortragen lassen. Verdammt schwierig, fühlte sich aber verdammt richtig an. Hält Wunden offen, vermag aber auch, manche zu heilen.

Auf Hübschs Beerdigung wurden wir trauereingemeindet, aufgenommen mit einem aufmunternden Lächeln. Natürlich hat man uns Nichtmuslime betrachtet, genau wie wir die Muslime betrachtet haben. So fremd dieses noch nie miterlebte Ritual. Aber sie rechneten so einfühlsam mit unserer Unsicherheit, dass wir angeleitet wurden: Jetzt kommt das Totengebet, raunten sie. Und richteten uns aus. Mit Augen, Händen und Leitmenschen ordneten sie die Gebetsreihe gen Osten. Ohne andere Hilfsmittel als dem social Beat. Viele Hände, viele Körper, aber kein Aneinanderstoßen. Nur Antippen, einander Zuwenden.

Am Grab teilte uns der Ordnende in zwei Gruppen: links Familie und Glaubensverwandte. Rechts Freunde und Bekannte. Vortreten, Abschied nehmen, mit einer Schaufel Erde zur Bestattung beitragen. Die Familie zuerst. Helfer wiesen jedem einzelnen Trauernden den Weg für den Abgang. Schoben Zweige beiseite, sorgten dafür, dass niemand mengen- oder tränenblind anderer Menschen Gräber mit Füßen trat.

Ich habe keinen ungehaltenen Blick bemerkt, keine Geste der Ablehnung. Hadayatullas Islam? Es gab mal eine Kampagne von ihm, nachdem Frankfurter Haushalte mit Bibeln beschickt worden waren. Jeder, der einen wolle, könne von ihm einen Koran habe, ließ Hübsch wissen. Ich wollte und hab einen bekommen. Ich habe auch noch einen Brief von ihm. 22 Jahre her. Seine Antwort auf meine Lyrikeinreichung. Ich möge doch, wenn mein Muttersein dies erlaube, mal vorbeischauen beim Stammtisch des Verbands der Schriftsteller. Dann könnten wir uns über meine Lyrik unterhalten. Burroughs empfahl er mir, oder Jürgen Ploog, um von ihnen zu lernen. Der Erzählfluss sei gut, aber die Stringenz fehle noch. Dieser Brief wird eine Wunde offen halten: Ich freute mich, doch ich war nie dort. Dies, das. Kein Raum, keine Kraft. Vorbei.

In meiner Erinnerung sehe ich ihn an der Bushaltestelle Lokalbahnhof stehn: roter Schal, kompakte Figur, schwarze Aktentasche. Rauchte er? Unscheinbar, ein Mann unter vielen. Das Hirn hellwach. Drinnen der Beat.
 
Auf yt veröffentlicht vom Wilhelmsburger Kunstbüro
 
 
 

Bärlauch, first flush!

2. Februar 2018 von m&m | 1 Kommentar


 
Was hier bisschen aussieht wie Osterglocken oder Traubenhyazinthen im Schaft – ist Bärlauch im Anschlag. Bei um die zehn Grad – klar, dass der Frühling schon rausspitzt. Sogar die ersten Kraniche wurden bereits gesichtet – und auch Frösche haben sich in Hessen schon blicken lassen.

In unserem Stadtwald hat Friederike allerdings ordentlich Laub gerecht. Hoffentlich kommt im Februar kein bitterer Fost, dann stehn die Frühaufsteher wieder kalt da… Aber wir sicher nicht ohne Bärlauch. Ob Mitte Februar oder Ende März, diese Zwiebel ist robust. Ich warte schon auf Leckereien wie: diese.
 
 
 

„Wo wart ihr im Krieg?“ – Ein Nachruf, ein Porträt: mein Opa

1. Februar 2018 von m&m | Keine Kommentare

Familienchronik – Opa und Angelika 2004

Wie er am Grab seines Vaters stand – daran konnte sich mein Großvater noch gut erinnern. Er war fünf, sein Vater ist nur 33 Jahre alt geworden. Tuberkulose. Wir hörten diesen Teil meiner Familiengeschichte zum ersten Mal, als wir meinen Großvater für unser Familienchronik-Projekt besuchten. Im Gegensatz zu anderen Geschehnissen sei ihm diese Erinnerung noch sehr präsent, sagte er uns vor 14 Jahren. Damals hatten wir noch nicht an so vielen Gräbern gestanden wie heute. Seine damalige Frau Angelika ist tot, mein Vater, Pats Großtante Maria, seine Tante, seine Mutter…

Vaterloses Kind. Wie mag das wohl für einen kleinen Jungen wie ihn 1920 gewesen sein? Danach fragten wir erstmal nicht, wir ließen ihn erzählen. Ich erinnere ihn wie auf dem Foto, das Pat gemacht hat: die Augen klein geworden, 88 Jahre Licht blinzelnd, der hoch erhobenen Kopf – und sein zurückhaltendes Lächeln. Er war ein großer Mann. Ich hatte ihn gemocht. Als ich erfuhr, wie brutal er als junger Vater meine Mutter geschlagen und gedemütigt hatte, war ich entsetzt. Es war nicht zur Deckung zu bringen. Ich war ja als Kind oft bei meinen Großeltern gewesen. Und immer gern. Ich erinnere den Spielplatz unter den Birken, die große Blitzlichtlampe auf dem Schrank im Zimmer, in dem ich schlief.

Erinnerung, sprich

Wir besuchten ihn 2004 bei ihm zuhause in München. Er war der erste auf unserer Liste. An einem Pfingstsonntag waren wir dort, einem Frühsommertag im Mai mit Kaffee und Kuchen. Mein Großvater und seine zweite Frau Angelika (die er mit 77 geheiratet hatte) saßen auf dem Sofa, ein wenig stolz unter dem Licht unseres Wissenwollens. Pat machte Fotos. Und mein Opa erinnerte sich:

Seine Schwester Martha war zwei Jahre älter als er. Die Mutter hatte nach dem Tod des Mannes nicht wieder geheiratet. Sie arbeitete als Einlegerin in einer Druckerei. Es war die Biografie einer Alleinerziehenden. Einer von vielen. Und das war ja nicht ungewöhnlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Männer starben an Krankheiten, starben in den beiden großen Kriegen. Taffe Frauen müssen das gewesen sein… Aber auch ihre Jungs. Umso härter, je kürzer sie einen Vater als Vorbild hatten, oder einen Vater, der selbst ohne aufgewachsen war. Die harte Tour, die fehlende Vaterspur – das wird mir erst später bewusst. Meine Urgroßmutter kam also in der Regel nachmittags gegen fünf nach Hause – und was haben die Kinder inzwischen gemacht?

„Ach… Lausbubengeschichten. Wir haben ‚Hochspringen‘ gespielt. Dazu haben wir eine Schnur an der Schublade festgemacht und am Tisch. Na, ja und dann ist einmal die Martha hängen geblieben – und dann kam die ganze Schublade rausgepoltert. Und da war dann auch noch die Tinte drin…

Vergangene Kindheiten

Bei uns gegenüber war das Kloster mit der Klosterschul. Alle Buben und Mädchen, die nicht brav waren, die kamen dahin. Hat man uns immer gesagt – und es war auch so. Von unserm Fenster aus im zweiten Stock konnten wir bei denen reingucken. Also haben wir uns aufs Fensterbrett gestellt, rumgehampelt und denen zugewunken.

Manchmal kam die Mutter heim und wir hatten gerade irgendwas gemacht und waren dann ganz entsetzt: wie du bist schon da? Manchmal hat sie uns auch schon mit dem Teppichklopfer in der Hand empfangen…

Einmal hat mir die Mutter eine Schüssel gegeben und gesagt, geh zum Kaufmann, hol Sauerkraut. So war das früher. Ich zur Tür raus, aufs Stiegengeländer – und ab nach unten gerutscht. Unten war eine Frau, die geputzt hat, und der bin ich genau auf die Arme gefallen. Mir ist nichts passiert, aber alle haben mich schön bedauert. Aufs Sofa haben sie mich gelegt und was mir passiert sei… Dabei gings mir gut.“

An seinen Vater kann er sich gar nicht mehr erinnern, an seinen Großvater aber schon. „Den hab ich jetzt auch überlebt…“ Also, altersmäßig. Gestorben ist mein Ur-Ur-Großvater mit 84. Er sei das uneheliche Kind einer Magd gewesen: „Solche Kinder sind dann von Hof zu Hof geschickt worden, um zu arbeiten.“ Mein Urgroßvater habe später fürs Deutsche Museum „die Ziegel mit der Kraxe hochgeschleppt.“ Für den Turm mit dem Pendel drin. Und bis er fünfundsiebzig war, hat er dann im Museum gearbeitet. Sein Großvater mütterlicherseits kam aus Hessen, mehr weiß er nicht von ihm.

Einmal ist er zusammen mit seiner Schwester Martha zur Tante nach Dresden gereist. Die Schwester der Mutter hatte die Kinder eingeladen. Mit dem Zug sind sie hingefahren, Martha hatte das Geld, „hier eingenäht“ – er zeigt auf die Brust. Wie aufregend.

Noten wie Zinnsoldaten

Gut schwimmen hat er können als Kind. Ob unser Sohn schwimmen kann? Er habe es im Nymphenburger Schlosspark gelernt: „Da war früher ein Schwimmbad, das gibt’s heute nicht mehr – eine Seite für Männer, eine für Frauen. Zu den Frauen durfte ich ja nicht, da hab ich mich im Männerschwimmbecken getummelt. Als wir gingen hab ich dann verkündet: Ich kann schwimmen! Seitdem konnte ich‘s. Als dann im Sport der Schwimmunterricht anstand, bin ich einmal hoch- und runtergeschwommen im Schwimmbad – daraufhin hat mich die Lehrerin vom Unterricht befreit und ich konnt Fußballspielen.“

Er legt einen Brief von unserem Sohn auf dem Tisch und zeigt auf eine Stelle: „Das hier versteh ich nicht, das musst du mir erklären“ – ich lese irgendwas mit „Dreierbereich“. Es ging um Schulnoten. „Ach so. Na, das hab ich auch immer gehabt. Meine Noten waren wie die Zinnsoldaten, alles Dreier. Außer In Turnen, da hatte ich immer meine zwei – und im Klettern war ich immer sehr gut. Da bin ich Zackzack hoch, und hatte schon meine Eins.“

Beim Thema Schule fällt ihm noch ein: „Das muss ja schlimm sein heute. Dass die da auch Waffen haben, das gabs bei uns früher nicht. Obwohl es bei mir auf der Schul auch nicht grad zart zugegangen ist.“ Nach der Schule ging er vier Jahre in die Lehre als Feinmechaniker. „Damals gab es dann die ersten Antennen. Antennenbau – dafür war ich zuständig. Ich habe sie auf dem Dach montiert. Wenn ich mir das heute überlege. Das würde ja niemand mehr machen, seinen Jungen ungesichert da hoch schicken. Wenn ich da abgestürzt wäre… Gut, ich hatte zwar Dachdeckerschuhe an, die haben ein bisschen mehr Profil und man klebt fast so ein bisschen an den Ziegeln, aber trotzdem, das war schon steil abfallend.

Der Traum vom Fliegen

Kleine Pause. Fast wäre er eingenickt, dann fragt er: „Wo wart ihr eigentlich im Krieg?“
Achso – er lächelt, ist wieder bei uns und erzählt, dass er sich nach der Einberufung zu den Fliegern gemeldet hat. Dort war er Bordmechaniker. Eigentlich wollte er gern Pilot werden, doch beim ersten Alleinflug patzte er: „Das schwierigste ist die Landung. Ich hatte schon ganz schön Angst. Plötzlich kam der Wald auf mich zu und ich schau rechts runter und zieh und zieh mit aller Kraft. Statt geradeaus zu landen bin ich dann rechts abgeschwenkt. Das war in Pilsen. Da hab ich halt ne Ehrenrunde gedreht und bin dann doch noch gut gelandet.

Aber da kamen mir dann schon alle entgegengelaufen – und mein Lehrer rief: Gefeuert! Mein erster und mein letzter Flug. Das war natürlich hart fürs Selbstbewusstsein. Ich wollte Flieger sein. Heute weiß ich, der Fluglehrer hatte Frau und Kinder wie ich. Als ich die Landung verpatzte, hat er die Chance genutzt und mich rausgenommen. Meine Frau war ihm dankbar. Und – ich hab als einziger überlebt. Die Kameraden, die dann geflogen sind, die sind alle tot.“

Es muss die Zeit gewesen sein, als meine Mutter mit Scharlach im tschechischen Krankenhaus lag. In Quarantäne. Ein Feindeskind, mutterseelenallein. Während zuhause ihre Schwestern zur Welt kamen.

Im Krieg sei er dann X-mal als Bordmechaniker mitgeflogen. „Immer, wenn die Tour über München ging. Diese Maschinen sind mit zwei Zylindern geflogen. Da habe ich es dann so eingerichtet, dass wir hin auf einem Zylinder geflogen sind, da verrußt dann die Zündkerze und zurück auf dem anderen, ja da fing dann der Motor an zu husten, da mussten wir dann in München notlanden.“ Am nächsten Tag gings zwar weiter, aber so hat er immerhin eine Nacht zu Hause bei der Familie rausgeschunden. Das ist mit der Zeit aufgefallen und der Offizier habe dann gesagt, gebt dem bloß keine Tour über München mehr. Den Kameraden habe er das schon gesteckt, dass das nicht schlimm war. Einmal den Motor ordentlich abgebremst und der Ruß ist weg, dann läuft alles wieder bestens. Nur einmal, da hat der Motor wirklich gehustet, da mussten wir wirklich notlanden. Zum Glück waren wir da schon über Schleißheim. Na, da konnte ich dann auch nach Hause.“

Nach dem Krieg

Der Vater meiner Oma sei bei der Straßenbahn gewesen, erzählt er. Und der hat dir Arbeit verschafft? „Nein das nicht, aber geholfen hat er. Ja und dann war ich in der Werkstatt bei der Straßenbahn. Die Schichten gingen von morgens um fünf bis nachts um zehn. Knochenarbeit. Und viel verdient hat man da auch nicht. An verreisen war gar nicht zu denken. Aber wir haben schon Urlaub gemacht. Die Straßenbahn hatte eine Berghütte, die haben sie ihren Angestellten vermietet, das war spottbillig. Da haben wir dann 8 bis 14 Tage Urlaub gemacht.

„Da hab ich dann eine von den Kleinen und die Große mit dem Motorrad hingefahren. Die sind dann schon mal zur Hütte aufgestiegen“ (anderthalb Stunden). Dann hat er seine Frau und die andere Kleine abgeholt. Das Motorrad konnte unten untergestellt werden und dann ist auch der Rest der Familie den Berg hoch. Die erste Arbeit, die oben immer zu tun war: „Schnee schmelzen fürs Wasser, das wir gebraucht haben. Es gab da eine große Küche… Das war sehr schön.”

Und habe er einen Brief begekommen – “ob ich nicht Soldat werden will. Die Zeit bei der Straßenbahn würden als Dienstjahre angerechnet und so bin ich Berufssoldat geworden und das war ich bis zur Pensionierung.”

Die Mädchen

Mit der älteren Tochter, meiner Mutter, ist er öfter mit dem Motorrad in die Berge gefahren. Das sind schöne Erinnerungen, man sieht es. “Als ich noch sehr jung war, bin ich allein aufgestiegen. Ohne alles Zubehör. Und einmal hing ich da. Nach unten warn es so fünf/sechs Meter und ich fand keine Stelle zum Festhalten. Es gab nur eine Möglichkeit, ich musste nach oben springen.“

Pat rollt die Augen. „Na du wärst der richtige Mann für mich gewesen“, sagt mein Opa lachend. „Du kennst doch die Partnachklamm? Da herüber geht eine schmale Brücke. Einmal hab ich da einen Freund dabei gehabt, der hat sich angestellt… Rechts und links hat er sich mit den Händen an der Brücke entlang getastet. Als er drüben war tat er so, als hätt er sein Leben gerettet.“ Stolz ergreift ihn: „Meine Mädchen sind da freihändig rüber.“

Über die Erziehung seiner Mädchen sprach er nicht mit uns. Wir fragten auch nicht. Ich weiß von meiner Mutter, dass er mit dem Skistock auf sie eingeprügelt hat. Angestiftet von meiner Großmutter. Wenn er von der Arbeit kam steckte sie ihm, was die Große wieder angestellt hatte. Obs stimmte oder nicht. Bis heute liegt ihr das auf der Seele. Der Mutter hat sie das nie verzieh’n. Ihr Vater jedoch hat die noch immer offene Wunde zum Heilen gebracht. In einem seiner letzten Lebensjahre hat er sich bei ihr entschuldigt.

Bei seiner zweiten Hochzeit waren alle seine Kinder und Kindeskinder da. Ein großes Fest. Bei seiner Beerdigung haben wir uns noch einmal alle gesehn. Dann nicht mehr. Er starb vor gut zwölf Jahren. Nicht mal ein Grab zeugt noch von ihm, die Mädchen haben es aufgelöst. Erinnerung, sprich.

Opa, Oma – und Sylvia, 1963