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Rezeption: 2 x Vogelfotografie

9. August 2016 nach m&m | Keine Kommentare

Cover Vogelfotografie

Sswüi Szwüi… Psst! Ein Grünfink… Wie eine Tänzerin in Zeitlupe schiebe ich mich aus dem Sichtfeld des Vogels, der auf unserem Balkon Kerne aus einer Sonnenblumen zupft. Leise, leise die Kamera holen. Und weil nix vorbereitet ist (dammich!), ebenso leise das Objektiv wechseln und noch viel leiser, das Fotoversteck in unserem Schlafzimmer beziehen. Klack-klack! Weg isser.
Ja, ja, ich weiß schon: eine Kamera sollte immer griff- (und einsatz-)bereit sein – so lautet einer der simpleren Leitsätze aus dem Handbuch der Vogelfotografie. Doch das Simple ist ja meist das Schwierigste, das wissen auch die Autoren Markus Varesvuo, Jari Peltomäki und Bence Máté. Drei echte Cracks in Sachen Vogelfotografie. Sie leben davon. Varesavuo hat sich auf Winter und Action spezialisiert, Peltomäki auf Eulen – und Máté hat das Vorbereiten von Tarnhöhlen oder -hütten zu Wasser zu Lande und in der Luft zu seiner hohen Kunst gemacht. Was alle eint sind atem-be-raubende Fotos.

Da sie in diesem Buch sowohl ihr Profi-Wissen als auch die Ergebnisse teilen, ist das „Handbuch“ aufregender Fotoband und anregendes Lehrbuch (Fotografie plus Ornithologie) in einem. Außerdem empfehlen sie besondere Orte für besondere Beobachtungsmöglichkeiten von Norwegen über Israel bis New Mexico. Doch sie spielen nicht nur die Lock-Karte besonders exotischer Tiere und Orte, sondern zeigen: auch in einem Park in London kann man beeindruckende Fotos machen. Die aber, auch gute, gebe es massenhaft – also müsse sich etwas einfallen lassen, wer das Besondere möchte. Zu meinen Lieblings-Beispielen gehört das Bild eines Vollmonds mit einem Zug Enten davor, die winzig wirken, wie Perlen an einer Schnur. Oder jenes, auf dem Grünfinken im Flug ein verwischtes, zartes Muster ergeben, sowie das Foto eines Fischadlers, auf dem fast nur dessen Schwanzfedern zu sehen sind und – erst auf den zweiten Blick – ein Fischkopf!

Auch das Thorshühnchen mag ich, das von rotschimmerndem Wasser gerahmt wird. Es blieb mir in Erinnerung, weil die schöne Farbe, die das Bild prägt, aus einer ziemlich unspektakulären Quelle stammt: Der Begleiter des Fotografen Markus Varesvuo hatte eine knallrote Jacke an, die sich im Wasser spiegelte…
Entscheidend sei übrigens weniger das Equipment als die Hingabe. Also die Zeit die man bereit ist aufzuwenden, inklusive dem Wissen, das man bereit ist, sich über den Ort sowie die zu beobachtenden Tiere anzueignen. Weiterer Tipp: nicht zu den Hotspots der Beobachtung gehen, denn dort treffe man meist viele Hobby-Ornithologen, die Vogelfotografen per se unterstellen, alles kaputt zu machen…

Der teils wirklich rüpelhafte Umgang mit Natur, die teils wirklich krasse Einengung der Lebensräume, die daraus resultierende Notwendigkeit von Naturschutz – alles krass wichtige Themen, die angesprochen werden, aber neu sind sie nicht. Das zeigt das alte, schwarz-weiße Pendant zum Handbuch: Mit Kajak und Kamera von Emil Sonnemann und Kurt Gentz. Mein Vater bekam es 1949 zu Weihnachten geschenkt. Nur ein Farbdruck ist drin, alle anderen Fotos sind schwarz-weiß. In Sachen Anpirschen, Naturschutz und Verstecke bauen waren diese Autoren ebenso findig und wie ihre modernen Kollegen. Die technischen Möglichkeiten hatten sie damals natürlich noch nicht, aber die Hingabe, mit der sie ihre Passion teilen, ist dieselbe: „Stundenlang kann man an so einem Maimorgen im Grase liegen…“ oder Das Habicht-„Weibchen kümmerte sich mit rührender Zärtlichkeit um Jungen“. Leider wurden nach 25 Tagen dieser Beobachtung die Jungen vom Förster aus dem Nest geworfen und getötet, weil der um sein Geflügel bangte. ist es zu fassen?

Als Versteck nutzen sie ein Boot und sogar einen aus Pappe gebastelten Ochsen… Dazu derselbe Tipp, den auch die Autoren des aktuellen Handbuchs parat halten: Das Versteck zu zweit aufsuchen. Wenn der zweite weggeht, wähnen sich die Vögel wieder allein, weil sie nicht mitzählen.

Diestelfink go!
 

Dsssiii, Dssiii. Pssst Ein Distelfink! Ich schlängele mich wieder durchs Sichtfeld, schlüpfe in unser Spätsommerversteck mit idealem Blick auf den Sonnenblumenkernliebhaber. Tief durchatmen, Menüknopf auf „C“ drehen (Vogeleinstellung), die von den Profis empfohlene Schnellschuss-Einstellung: Blende 5.6, 500stel Verschlusszeit sowie automatisch berechnete ISO-Zahl ist hier gespeichert. Klacklack! er spaltete ungerührt seine Kerne. Klack-klack! Hab dich!

 
 

Markus Varesvuo / Jari Peltomäki / Bence Máté:
Handbuch der Vogelfotografie
dpunkt.verlag Heidelberg, 44,90 Euro

 
 

Ausstellung: War on Wall

5. August 2016 nach m&m | Keine Kommentare

Wow_03
 
Auszeit. Ein Tag Berlin auf dem Mauerweg, auf Locationsuche für ein Panorama. Mauer also. Beton. Eisenstangen. Sogar die Reste irritieren noch. Wir passieren einen alten Wachturm – links eine Hochzeit mit Herzchenballons und Korkenknallen, dahinter Roma auf Klappstühlen und rechts auf einer Infotafel aus Plexi alte Fotos. So hat es früher ausgesehen. Etwa 30 Jahre her. Als ich geboren wurde, ist diese Mauer hochgezogen worden, als unser Sohn geboren wurde, wurde sie durchbrochen.

Dann wieder ein Stück Beton und Berlin und plötzlich quietschbunt: die East Side Gallery. Graffiti vom Feinsten. Schönes, Psychedelisches, Abgefucktes, Poetisches – alles, was die Scene so drauf hat. Die Mauergalerie ist – Geschichte? – durch hohe Zäune geschützt. „Zerstörung“, warnen Schilder „werde verfolgt“ und bestraft. Ich fahre Mietrad, sauge Farbe, lese Kronkorken. Ein Hund pflückt ein Frisbee aus der Luft.

Es ist heiß in Berlin. Das Gras gelb und und wir folgen der Mauer und plötzlich sind wir hier: War on Wall – Kai Wiedenhöfers Syrien-Doku. Fast dran vorbeigefahren. Riesige Panorama-Fotos. Still aber berstend vor Gewalt. Kobanes Straßen in Schutt und Asche. Zerfetztes Welllblech, Trümmer, zerbombte Häuser. „So sah es auch mal in Europa aus“, erinnert der Berliner Fotograf und schreibt, dass er immer wieder nicht glauben könne, was Menschen einander antun.

Packender Einführungstext. Sein erklärtes Ziel: den Betrachtern die Menschen nahe zu bringen. Zwischen seinen Wahnsinns-Panoramen der kaputten Stadt in gedeckter Schutt-Farbe ragen deshalb überlebensgroße, und sehr farbige Porträts auf. Gehen ins Auge, unter die Haut. Das Mädchen etwa, 11 Jahre, das durch eine Fassbombe seine ganze Familie und ein Auge verlor. Kleinkinder, Teenager, junge Männern und Frauen, alte Frauen und Männer – mit furchtbaren Verletzungen, mit Arm- oder Bein-Prothesen und mit Blicken aus Metall. „Die Medien“, schreibt Kai, die Medien informierten nicht mit ihren Nachrichten, sie klärten nicht auf. Im Gegenteil: Die absurd und zugleich obszön unverständlichen und damit sterilen Zahlenblöcke seien ein Schleier, der echte Tote und echte Verletzte verbirgt. Seien letztlich das Schmiermittel für weitere Kriegshandlungen, weitere Tote und Verletzte, weiteres Leid.

Wand auf Wand: Als ich die Geigerin sehe, knickt mir alles weg. Ein kleines auf eine Hauswand gemaltes Bild, die zugehörige Wohnung weggesprengt. Nur diese Mauer steht noch. Voller Einschüsse. Doch das Mädchen im himmelblauen Kleid führt noch den Bogen. Wer hat das gemalt? Romeo, 08. Schwarzes Haar, ernstes Gesicht um sie herum wachsen Bäume in einen schwefelgelben Himmel.

Später lese ich in der Photo-News, dass der Fotograf die Ausstellung verschiedenen Institutionen und Museen angeboten hat. Keins wollte die Ausstellung. Ja, die Geschehnisse in Syrien sind schlimm. Aber… Als Ausstellung? Krieg auf der Wand? Die Time habe ein paar Porträts von Verletzten online zeigen wollen, erzählt Kai Wiedenhöfer im Interview. Wollte 500 Dollar dafür zahlen – „einfach ein Witz“.

Dann lieber hier. Und besser hätte der Ort nicht gewählt sein können. Der brutale Abriss der Stadt Kobane an der Grenzlinie zum IS direkt vor den Kränen und dem irren Wachstum Berlins. Vor dem blendenden Mercedes-Stern. Die Flaneure werden still. So viele Betrachter wie hier – vor allem so viel unterschiedliche, wie Kai Wiedenhöfer selbst betont – die ihren Schritt verlangsamen, denen er ein Peace-Korn mitgibt, hätte ihm kein Museum eingebracht. Wir folgen der Mauer. Der Geschichte. Berlin.

WoW_02
 

War on Wall – Fotografien vom Krieg in Syrien auf der Berliner Mauer
Noch bis Ende September und frei zugänglich
Mühlenstraße, West Side Gallery
(so heißt, die der Spree zugewandte Rückseite der East Side Gallery )

Es gibt auch ein Buch vom mehr Städte umfassenden Wall on Wall-Projekt – denn Behindernde gibts überall, daher überall auch Mauern, Grenzen..
Das Buch: Confrontiers