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Absurde Bindung

12. Mai 2016 von m&m | Keine Kommentare

Luminale, Frankfurt Airport
 
Weg damit? Ich halte inne, stoppe den fast schon automatisierten Entrümplungsablauf – Tasche-aufhalten-Papier-reinstopfen – und halte eine Seite aus der “Zeit” in der Hand. Ich beginne zu lesen. Mitten in meinem Recherche- und Medienmüll lese ich vom Traum des Kenzaburo Oe. Mit seinen Büchern bin ich nie warm geworden, aber dieser Einblick in die Beziehung zu seinem behinderten Sohn Hikari geht mir unter die Haut. Wie auch das Bild, das Mathias Bothor dazu gelungen ist. Ich entfalte das Zeit-Blatt, schaue aufs Datum und stutze: mein Archivfund ist genau zehn Jahre alt! 11. Mai 2006. Das Aufmacherzitat hatte mich angezogen: „Ich lernte mit dem Schweigen meines Sohnes zu leben. Jetzt sendet er mit seiner Musik Botschaften an seinen Vater und die Welt. Ein Glück, von dem ich nie gewagt hätte zu träumen.“ Ich lese mich fest. Der Sohn wurde als Baby operiert, die Diagnose der Ärzte: wegen fehlender Verbindungen zwischen den Gehirnhälftener werde der Junge nie Worte in Zusammenhang bringen können. Oe ist heute 81, sein Sohn 52 – wie es den beiden heute geht? Kann man wohl in Oes jüngstem Buch lesen (Licht scheint auf mein Dach, Fischer, 2014). Der Sohn komponiert und spricht mittlerweile… erfahre ich aus einem NZZ Artikel. Ich möchte dieses Buch lesen. Platz für Bücher haben wir ja jetzt wieder – nachdem wir zwei Drittel unseres Archivs in die Tonne gestopft und zig Bücher im öffentlichen Bücherschrank freigesetzt haben.

Das absurdeste Zeug hockte in allen Ecken und grinste matt unterm Staub. Unverschämt viel Energie war nötig, den Kram zu sichten und rauszuschaffen. Musste wohl sein, denn wer ordentlich Ballast mitführt, bei dem hat die eigentliche Fracht zu wenig Gewicht. Als gute Buchbinderenkelin hab ich‘s nicht mit dem Wegwerfen von Papier. Doch es galt: Augen auf und durch. Die gesamte Medienpädagogik ist jetzt weg. Und nach Tod und Teufel landeten die Archivmappen Wirtschaft und Zukunft am Ende unbesehen in der Tonne. Uff. Staub abschütteln, aufatmen und leere Hüllen sortieren. Gutes Gefühl das. Raum für Neues Licht… Das Camus-Zitat aus dem (geliehenen) Distelfink von Donna Tartt hüpft dazu in meinem Hirn: „Das Absurde befreit nicht, es bindet“.