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30. März 2016
von m&m
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Gelesen: Dschihad – made in Europe

Was treibt eine ganze Generation junger Menschen, die in westeuropäischen Ländern aufgewachsen sind, in die Fänge radikal-islamischer Scharlatane? Warum werden vermeintlich sanfte Jungs zu Selbstmordattentätern? Weshalb greifen Mädchen, die eben noch im Tattoo-Studio waren, zum Ganzkörperschleier? Zwei aktuelle Veröffentlichungen widmen … Weiterlesen

Schau. Mich. An. – 10 Porträts

29. März 2016 von m&m | 2 Kommentare

Das Kameraauge schreckt sie wenig – zumindest am Waldsee, wo die meisten Vögel beim Anblick von Zweibeinern nur das Eine im Sinn haben: Brötchen. Gibt es von uns nicht. Aber ein bisschen Modelhonorar in Form von Rosinen, Haferflocken oder Buchweizen ist schon drin. Vor allem wenn man so hinreißend aussieht. Erst seit kurzem weiß ich, dass Schwäne hellbraune Augen haben, Eichelhäher eine Iris wie Bergkristall und Ringeltauben eine, die an weiße Jade denken lässt. Blaue Augen sind bei Tierens ja eher selten – aber Dohlen schauen aquamarin drein und Hausgänse mögen plumpe Füße haben, aber ihr Blick ist der Himmel in vergissmeinnicht…

Bruno, die wahrscheinlich Bruni heißen müsste, führt die Reihe an. Einige Wochen lang hielt sie Hof an einem unserer Weiher, an dem zuvor noch nie Schwäne gesehen wurden. Ganz zu Anfang handelte sie sich vermutlich eine Vergiftung ein. Warum auch immer, zum Glück rief ein zupackender Jogger den Tiernotarzt und Bruni kam wieder auf die Füße.
 

Birds_1 - Höckerschwan
Birds_4 - Ringeltaube
Birds_9 - Nilgans
Birds_5 - Dohle
Birds_2 - Mandarinerpel
Birds_7 - Kanadagans
Birds_8 - Mandarinente
Birds_6 - Eichelhäher
Birds_3  -Stockente
Birds_10 - Hausgans
 
 
 

Vestiges – Hand und Schuh

22. März 2016 von m&m | Keine Kommentare

„Take only photographs. Leave only footprints!“ Ein Schild mit dieser Aufschrift erinnert auf der dänischen Insel Fur Strandläufer und Inselhopser, dass sie Gäste sind. Wäre dies eine universell gültige Regel, würde sie auch noch beherzigt – wo würde das hinführen? Aber nein, uncooler Gedanke. Weshalb sich immerzu höchst erstaunliche Dinge finden. Hier ein Set von 20 Dingen, die frontal vor mir auftauchten. Einfach so.

1. Geerdet

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2. Asphaltrosen

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3. Verweht

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4. Blocksatz

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5. Aus

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Vestiges-20
 
 
 

Graffiti gegen Fremdenhass

13. März 2016 von m&m | Keine Kommentare

Osthafenmole, Graffiti Panorama 
Jogger machen Selfies, Spaziergänger können den Blick nicht wenden, Mütter und Väter, die kinderwagenschiebend am Main flanieren, stoppen für ein Handyfoto – das neue Graffiti an der Frankfurter Osthafenmole (hier das vorherige) ist schon von weitem sichtbar und lässt niemanden kalt. Zu bekannt ist das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskinds Aylan, das die Vorlage war.

Nach dem Interview, das die beiden Frankfurter Graffiti-Künstler Justus Becker alias Cor und Oğuz Şen alias Bobby Borderline der Hessenschau gegeben haben, war genau das ihr Ziel: die Menschen zu bewegen und dazu beizutragen, dass das Elend der Flüchtlinge nicht vergessen wird. Die Hafeninsel habe sich angeboten, weil sie vom Wasser umspült an die türkische Küste erinnert – und genau gegenüber der EZB gelegen ist, die somit sehr passend das eingeigelte Europa vertritt. Cor hält es für wichtig, das Bild genau „hierherzubringen, weil es die Leute erst interessiert, wenn es vor ihrer Haustür passiert.“

Es gab einen medialen Wirbel vor einem halben Jahr: Darf man dieses Foto zeigen? Muss man? Manche haben sich um die Antwort gedrückt und den Jungen verpixelt. Die türkische Fotoreporterin Nilüfer Demir sagte damals in Interviews, sie habe den stummen Schrei des Kindes sichtbar machen wollen. Sie erzählte, dass sie seit 15 Jahren das Elend von Flüchtlingen sieht – und dass sie zeigen wollte, dass diese Kinder ohne jeden Schutz waren, als sie ertranken. Keine Rettungswesten, nichts. Das Bild ist zu einer Art Sontag’schem Nachweis geworden („Fotos liefern Beweismaterial”, schrieb Susan Sontag 1973 in ihrem Essay „Über Fotografie“. „Etwas, wovon wir gehört haben, woran wir aber zweifeln, scheint ‚bestätigt‘, wenn man uns eine Fotografie davon zeigt.“ Das ist auch in Zeiten digitaler Fakes noch so. In diesem Fall der Nachweis der Grausamkeit an den europäischen Grenzen. Die Künstler haben für uns gewählt. Ein Bild für Frankfurt.

Osthafenmole, Cor und Oguz Sen
 
 
 

Kinder, Knete(n), Klagen – ein Zeitversuch

2. März 2016 von m&m | Keine Kommentare

Zeitlos
 
Krass aufregend, und dazu noch so hip minimalistisch. Aber dennoch wegen der Anbau-Ansätze nicht unpolitisch: Mehl. Ja, Mehl. Wollte ich schon immer mal drüber schreiben, weil ich zu gern Gebackenes in jeder Form esse – und ebenso gern selber backe. Jetzt habe ich es tatsächlich geschafft, eine Redaktion davon zu überzeugen – und drüber geschrieben. Nicht über meinem Gebäckkram, sondern über Mehl. Mehl ist nämlich ein echter Renner im Einzelhändlerregal. Bringt einfach so Kohle rein ohne beworben zu werden. Braucht halt fast jede und jeder in der Küche. Vergesst die Milch. Mehl machts!

Damit es kickt, hab ich dann natürlich von den besonderen Sorten geschrieben, die es jetzt zuhauf gibt: von Amaranth, Buchweizen oder Chia über Erdmandel, Hanf, Kokos bis Quinoa, Walnuss und Zwerghirse (alles glutenfrei übrigens). Im Zuge der Recherche hab ich gelernt, dass Chia die Samen von einem mexikanischen Salbei sind (was mich für das Zeug dann doch eingenommen hat), dass die äthiopische Zwerghirse „Teff“ je nach Gaumen rauchig, erdig oder nussig (nur letzteres steht auf der Packung) schmeckt, und mich bei dem deutschen Veganforum kaputt gelacht über ein Post, das davor warnte, sich Hanfmehl als Nahrungsergänzung einfach pur reinzupfeifen, weil man die Zeit danach mit „Rachenpeeling“ verbringt.

Selber ausprobieren ist natürlich King. Also wehrte ich mich nicht gegen eine Testmehlzusendung, auch mit Fertig-Backmischungen. Weil. Ich hatte der Pressefrau gesagt, dass ich im Leben noch nie eine Backmischung angerührt habe. Nie. Also jetzt ein erstes Mal – und zwar Schwarzbrot, glutenfrei von Bauckhof. „So schnell geht‘s“ sagt die Packung: Ein ganzes Päckchen Trockenhefe druntermischen (nehm ich sonst höchstens ein halbes), Wasser dazurühren – und das Ganze eine Viertelstunde gehen lassen. Eine Viertelstunde? Hm. Meine Brote gehen min-des-tens eine volle, in der Regel eher sechs bis zwölf Stunden. Gerne länger. Aber ich wollte ja wissen, ob‘s wirklich funktioniert. Also genau nach Anleitung gerührt. Und? Chapeau! Es roch prächtig. Buchweizen-Sauerteig und Guarkernmehl steckt in der Mischung. Und? Es schmeckt sogar prächtig. Werd ich unbedingt nochmal machen

Zeitgleich übrigens wurde ein Baguette nach dem Brotbackmeister Lutz vom plötzblog angesetzt. Baguettes sind paradoxes Zeug. Schnell gegessen, schnell trocken – aber langer Herstellungsprozess. Mindestens einen, besser drei Tage sollte der Teig in Ruhe vor sich hin reifen, wenn sie gut werden sollen. Während sich die Flüchtlinge an den Grenzen unseres UN-Europas die Seele aus dem Leib würgen, wegen zu viel Grenzschutz in Form von Wasser oder Reizgas, denke ich übers Brotbacken nach. Und über Missbrauch, aber das ist ein anderer Text. Teig kneten beruhigt. Warten, wie er Stunde um Stunde in seiner irdenen Schüssel besser wird. Ein Stück Zukunft, das man selbst beeinflussen kann.

Das Baguette habe ich zusätzlich angesetzt, weil wir für einen Eintopf ein Tunkbrot brauchten, was schwarzes Brot ja definitiv nicht ist. Aber gleichzeitig ist bei mir wohl unbewusst die Nummer „Gut Ding muss Weile haben“ gegen das Schnellfertig-Prinzip angefahren. Natürlich ist es etwas anderes, die Zutaten, die Menge, den Rhythmus selbst zu bestimmen. Oder die Themen beim Schreiben. Die Worte. „Ich kann ausdrücken, was mich bewegt“, hackte der autistische Junge, den Pat gerade für eine Reportage fotografiert hat, in seinen Schreibcomputer. Ein Junge mit besonderen Fähigkeiten oder wie das heute doubleverblinded heißt. Außerhalb der Schule wird er wahrscheinlich lediglich behindert. Genannt oder werden. Eine Redaktion würde er gern besuchen, politische Themen liegen ihm am Herzen. Die Flüchtlinge, das mache ihn fertig, hackte er wortbewusst. Ein Ich-will-verändern strömt da! Aber. Wer außer den Eltern, dem Lehrer lässt sich ein? Nimmt sich, gibt ihm – Zeit?

Dazu noch eine zeitnahe Zeitungsgeschichte, die ich vor zwei Tagen gelesen hab. Über Eltern, die sich Zeit nehmen für eine Klage, weil sie sich mehr Zeit nehmen müssen für ihr Kind, als geplant. Sie klagen gegen die Ärzte, die im Vorfeld nicht die Trisomie 21 erkannten. Das Kind sei ein Sonnenschein, aber hätten sie das gewusst… Der Kollege Michael Neudecker fragt (in der SZ): „Wie zur Hölle konnte es in unserer Gesellschaft soweit kommen, dass Eltern, die ihr Kind lieben, dagegen klagen, dass es geboren wurde?“ Das Kind als Schaden. Das hat womöglich mit Trauer zu tun. Wiedergutmachungssehnsucht. Als könnte Geld die Balance wieder herstellen.

Ich nehme einen neuen Packen Mehl, Teff, setze neues Brot an. Knete. Forme. Zeit, die nicht mit Geld aufzuwiegen ist.

Zeitsplit