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Gelesen: Scham (ein unterschätztes Gefühl)

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u1_978-3-10-035902-5Beschämt sie und rettet die Welt! Jennifer Jacquet erforscht, was Kooperation braucht und Scham kann – und hat sieben Tipps für wirklich wirksame Kampagnen

Eine Vorliebe für Tunfischsandwiches führte Jennifer Jacquet zu dem ungewöhnlichen Mix ihrer Forschungsfelder: Fischerei, Kooperation und Scham. Und war letztlich Auslöser für dieses engagierte Buch. Als Neunjährige sah sie Bilder von Delfinen, die durch Tunfischfang qualvoll getötet wurden. Damals habe sie dafür gesorgt, dass ihre Familie nur noch Tunfisch mit dem Siegel „delfinfrei“ kaufte. Heute ist sie überzeugt, dass schuld-bewusster Konsum nichts bringt. Es werde zwar gern von der Macht des Konsumenten gesprochen, doch deren Verhaltensänderung etwa beim Tunfischkauf habe prinzipiell nichts an den Praktiken der Fischerei geändert. Die kindliche Empörung mag noch rumoren, die Autorin hat jedenfalls das Ziel ein Werkzeug zu bieten, das wirklich greift.

Ob Überfischung der Weltmeere oder Klimaschutz-Maßnahmen – seit Jahren ist klar, was zu tun wäre für eine bessere Welkt, aber es bewegt sich nichts. Was hält Staaten, Unternehmen, Einzelne davon ab, zum Wohl der Gemeinschaft das Naheliegende zu tun – oder zu lassen? Jennifer Jacquet analysierte Studien und führte selbst Experimente zum Thema Kooperation durch. Die zentralen Erkenntnisse waren nicht gerade überraschend: Einzelne können eine Gruppe sprengen, Trittbrettfahrer und Parasiten rufen negative Emotionen hervor, Fehlverhalten steckt an.

Interessanter waren da schon Experimente, die sich mit Verhaltensänderungen befassten – und zeigten, dass finanzielle Anreize oder Strafen nicht unbedingt das gewünschte Ergebnis bringen. Darunter ein Versuch mit zehn israelischen Kindertagesstätten, die Eltern zu mehr Pünktlichkeit „erziehen wollten“. Manche Eltern nämlich holten ihre Kinder einfach nicht pünktlich ab. Warum auch immer – Wissenschaftler sollten eine Lösung finden. In fünf Einrichtungen legten sie eine Geldstrafe pro Zuspätkommen und Kind fest. Doch anders als erwartet stieg die Zahl der unpünktlichen Eltern sofort weiter an und blieb hoch, auch als die Sanktion wieder abgeschafft wurde. Was war in sie gefahren? Das Vorgehen nach marktwirtschaftlichem Prinzip hatte die Norm verändert. Die Geldstrafe war offenbar wie ein Ausgleich für die Schuld aufgefassgt worden und dadurch weniger wirkungsvoll, „als Schuldgefühle oder Scham“, kapierte Jennifer Jacquet.

Also: Nur wenn der eigene Ruf und damit die Identität gravierend Schaden nehmen könnten, sind Privatpersonen wie Unternehmen bereit, auch gegen ihre eigenen Interessen zun handeln. Ein weiteres Beispiel Jacquets zum Thema Steuerhinterziehung illustriert das besonders deutlich: Der Bundesstaat Kalifornien drohte 2007, eine Liste der 500 größten Steuersünder zu veröffentlichen – sie zahlten fast sofort. Die Aktion brachte knapp 400 Millionen Dollar in die Kasse und wurde von anderen Staaten übernommen. Auch in diesem Fall waren nicht Geldstrafen oder Schuldgefühle das Mittel zum Erfolg, sondern „die Furcht vor Beschämung“. Beschämung sichert also das Prinzip Kooperation. Dass man dabei an den Normen drehen und so das Verhalten beeinflussen kann zeigt sie am Beispiel Organspende: 99 Prozent der Österreicher haben einen Organspende-Ausweis, wer dies nicht will, muss sich aktiv dagegen aussprechen. In Deutschland tragen nur 12 Prozent einen Ausweis, der Unterschied: bei uns muss man sich aktiv dafür aussprechen.

Verantwortungsbewusste Führungspersonen könnten mit Hilfe des Instruments Scham also wesentlich dazu beitragen, wie eine Gemeinschaft tickt – Jennifer Jacquet hat ihnen „sieben Wege der effektiven Beschämung“ aufgeschrieben. Die Anleitung beginnt damit, dass der Regelverstoß die „angesprochene Öffentlichkeit betreffen sollte“ und „absehbar nicht juristisch belangt werden“ wird, außerdem „sollte der Täter unbedingt der Gruppe angehören, die ihn bloßstellt“ und die Beschämung selbst sollte durch eine anerkannte Instanz erfolgen und gewissenhaft umgesetzt werden… (siehe Kalifornien). Dabei mahnt sie, maßvoll mit dem Instrument umzugehen, es sollte sich nicht gegen Ausgegrenzte richten und „in erster Linie schlechte Praktiken brandmarken und nicht einzelne Personen.“

Es könnte funktionieren. Beschämung in Form von Bloßstellung ist eine machtvolle Strafe die ins Mark trifft, denn sie beschädigt den Ruf oder die Identität. Umfragen zeigten der Forscherin, dass das Internet ein guter Ort dafür ist. Die digitale Beschämung, eine Art Schandpfahl 3.0, wäre fraglos viral – müsste allerdings moderiert und kontrolliert werden. Auch wenn Jacquet bisweilen sehr genau schreibt, gegen wen ihre Empörung besonders schwelt, ist das Buch kein Mittel um anzuklagen. Sie will Lösungen aufzeigen, denn sie sieht ein neues Weltzeitalter anbrechen, das dringend neue Regeln braucht. Man kann dieses anregende, informative und kurzweilig geschriebene Buch durchaus als Anleitung lesen, sich die Verbraucherwürde zurückzuholen.

Jennifer Jacquet: Scham – Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls.
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2015, 223 S., 18,99 Euro

Die Rezension wurde für Psychologie heute geschrieben und ist gerade erschienen (März 2016)

Ein Kommentar

  1. Hallo. Da du hier den Organspende-Ausweis erwähnst, möchte ich hinzufügen, dass es zwar eine persönliche Entscheidung ist, ob man einen machen lässt oder nicht, dennoch sollte man darüber informiert sein, was dieser überhaupt ist. Auf http://www.meinetransplantation.at/organspender gibt es mehr Infos dazu. Es ist wirklich so, dass bei uns in Österreich jeder Organspender ist, sofern er nicht Widerspruch geleistet hat…
    LG

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