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Limits of Control – Du siehst, was du willst

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Irgendwas passt nicht. Ein Reh stupsstill im Wasser. Ein Mädchen, das Küken jagt. Ein Vater, der ungerührt zuschaut… Vier, fünf Kinder rennen herum – alles seine? Zu viele zum Aufpassen? Und schon wieder die Kleine. Wedelt mit den Armen die Küken weg. Dabei zuckersüß. Geputzt mit Strohhütchen und dunkelrosa Kleid.

Es muss der Tag der drei Ebenen sein. Das Geschehen, die Zeit, das Verstehen – scheibchen- und stapelweise. Jetzt nämlich rückt der tatsächlich zugehörige Vater mit kleiner Schwester in den Blick. Drei Strohhüte jetzt: Zweimal klein und niedlich beschleift, einmal groß und trilbysmart. Aber auch dieser Papa ungerührt. Dafür zieht er die Ältere aus dem Bann der Jagd. Fischt eine Feder aus dem Wasser – vielleicht das Wunder der Leichtigkeit, der Zartheit preisend. Federn zu Segelschiffchen. Jedenfalls lernt der Nachwuchs fürs Leben: die Küken über Menschen, die Mädchen über Physik.

Bleibt das Reh. Das sich nicht rührt. Aber doch für den Augenblick echt genug ist. Für atemloses Staunen. Passiert den Zensor im Hirn trotz allem Widersinn. Trotz seiner grünen Haut, den Augen, die in die Ferne schauen und dem Hyänenblick.

Wir lassen es stehn. Ziehn weiter, obschon wir genug Zeit haben, bis die Ausstellungen der Wiesbadener Fototage öffnen. Zwischenzeit, Freiraum, Wartepause. Während wir die Wege im Park erkunden, einen guten Platz suchen, kreuzen Väter ein. Kinderwagen schiebend, radfahrend, hüpfend, rasselnd und tanzend… Ein ganzer mediterran-arabesker Spielmannszug. Immer mehr. Es treibt sie hin zum Spielplatz mit Sandloch und Klettergerüst, zum Picknick mit oder ohne Mama. Sonntag halt.

Piano. Langsam und fließend. Wir passen uns diesem Rhythmus an. Ein Steinrund bringt uns zur Mosel, die zieht unten leis vorüber, die gelben Enziane kurz vor der Blüte, das Gras hier etwas höher, als sonst im Park. Kitzelt die Beine. Erinnert die Haut an den Sommer. Sitzen. schauen. Nichts. Bis wir irgendwann beschließen: jetzt passts. Wir steigen auf die Räder – die Ausstellung am Bahnhof öffnet gleich – und passieren kurz drauf eine seltsame Spielszenerie. Was machen die? Ein Kind schreit, ein Mann rennt. Ein Hund. Der arme. Wird rumgescheucht? Was spielen die? Und warum glotzt der Mann vor mir so? Denkt es mir, bis eine Kinderstimme markkratzend aufjault. Emergency Call! Hilfe?!?

Es passt nicht. Doch plötzlich rutschen Ton und Bild in eine Spur – und rasten zusammen aus: „Weg! Weg! Weg!“ Kreischt der Mann und tritt nach dem taschenkleinen Hund. Das Kind rennt und schreit wie angestochen, Tier und Vater ebenfalls. „Weg! Weg! Weg!“ „Weff! Wreff! Wreff!“ „Weg! Weg! Weg!“ Der Mann schwingt jetzt Ball und Sandschaufel, schimpft und wirft Ball nach Hund. Man kann es riechen. Er ist außer sich. Am liebsten würde er den Kläffer in der Luft zerreißen und auffressen oder doch wenigstens mit dem Turnschuh zerquetschen. „Geh weg! Weg! Weg!“ „Weff! Wreff! Wreff!“

Wem gehört der Hund? Warum leint keiner ihn an? Mann und Hund rasen wie irre im Kreis. Drei Mädchen drücken sich an den Rand – ich begreife: ihnen gehört das Tier, sie haben Angst. Vor dem Mann. Angst. Jetzt geht nichts mehr. Ich sage: Gehen Sie! „Der hat meinen Sohn! Gebissen!“ Gehen Sie! Er weicht nur, weil jetzt Erwachsene da sind. Fangt den Hund! Nichts. Leckerli? Ein Passantenpaar mit Hund hat welche. Die Frau warnt ihren Mann: „Pass auf, dass er dich nicht beißt: Der ist giftig.“ Die zwei Besitzerinnen völlig verstört. Jetzt! Kleine, pack ihn! Ist doch dein Hund… Ja! Gut gemacht.

Von fern schnaubt der irre Vater, die Mutter kommt: „ich kann ja nicht überall sein.“ Hat er wirklich gebissen? Er hat. „Polizei!“ giftet jetzt die Passantin. Der Hund grinst. Hechelt auf dem Arm des Mädchens. „Polizei!“ Wir fahren. Der Vater noch immer außer sich. Die Mutter eine Ruhe. Ich begreife. Er konnte ihn nicht beschützen. Seinen Sohn! Das dornt. “Wir wohnen hier gleich um die Ecke”, sagt sie. Ich denke: Rechtsanwalt. Später, aber noch vor dem Frauenmuseum, in dem das beste Bild das eines springenden Hundes ist, sehe ich die Frau vor der Notfallapotheke anstehen. Ich hebe die Brauen, sie nickt. Der arme Junge. Die armen Mädchen. Der Vater wird gerade am Schmerzensgeld arbeiten.

Nach allen Bildern dann treten wir den Rückweg an. Durch Neros Park natürlich. Der Tatort liegt jetzt still. Das Reh noch immer in die Ferne schaut. Aber erst zuhause seh ich, dass es fest auf seinen fünf Beinen steht – und schreibe die andere Geschichte.

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