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Großartig: Die besten Naturfotografien Europas

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GDT_#2
 
Richtige Bilder. Frei von Kitsch oder Ichzeigdirwasknipserei, geladen mit jener wunderbaren Intensität, die Blicke anzieht. Wieder und wieder hält jemand inne und betritt das graue Karree der Stellwände. Sie zeigen die Siegerfotos der „Europäischen Naturfotografen des Jahres“ – dem jährlichen Wettbewerb der GDT. Die Menschen stolpern geradezu über diese Bilder, denn sie fallen erst beim zweiten, dritten Hinschauen auf. Eben noch schaute das Pärchen mit den Rollkoffern auf die Anzeigentafel: wann fährt mein Zug? Pünktlich? Plötzlich stehen die Rädchen still, die beiden staunen, lassen den typischen Lassmich-in-Ruh-Ausdruck, den Bahnhofsblick fahren, und sind ganz offenbar berührt. Hier!? Mitten im Trubel passiert, was durch sinkendes I-Stock-Bildniveau immer seltener gelingt: intensive Kommunikation zwischen Bild und Betrachter. Die Jury markiert diese Eigenschaft in dem einfach aber ansprechend gemachten Katalog als absolutes Auswahlkriterium für Siegerfotos.

Zwischen Fastfoodangeboten, Werbegeflatter und allgemeinem Menschengewusel wirkt die Ausstellung wie ein ruhender Pol. Eine eigene Welt, die hier in Frankfurt sehr dicht in das kleine Aktionskarree gepasst wurde (an Ostern hockte da noch ein überdimensionaler, aufgeblasener Hase). Die Fotos überraschen mit besonderen Perspektiven, sind zart oder auch mal lustig, mahnend oder einfach nur erhaben und schön. Wieder steuert ein Trolley die Insel an treibt schwerelos hinein und taucht an allen Stellwänden wieder auf, der Kaffee-to-Go wird immer langsamer geschlürft, das Handy zuckt. Kaum ist das erste Bild in den Smart-Fokus genommen, werden auch all die anderen aufgenommen – und geteilt: Hey Freunde guckt mal! Und zumindest den deutschsprachigen Betrachtern ermöglichen kleine Texte, dieses Zwiegespräch mit den Bildern zu vertiefen. Zu erfahren, wie es den FotografInnen erging, wie es ihnen gelang jenen einzigartigen Moment einzufangen.

GDT_#1
 
Die kleinen Texte, ebenfalls ganz im Sinne der Juroren, sind fern der sonst oft plumpen BUs (redaktionschinesisch für Bild-Unterschriften). Einblicke werden gewährt, Entstehungsgeschichten erzählt. Etwa die des Fotos von fünf in bunten Stoff gehüllten Tierbabys. Ein Anziehungsbild, das viele Eilende in Verweilende verwandelt. Die Wickelbabys sind sensible Flughundwaisen, die es wohl immer wieder gibt. Diese hier wurden im australischen Bat Hospital aufgezogen. Der Fotograf Roland Seitre sah dort ein Bild von jungen Flughunden und kam extra zur Geburtszeit wieder her, um diese besondere Fürsorge festzuhalten. Ein anderer Text erzählt die Geschichte des Bartkauz Gandalf. Flugvorführungen sollte er bereichern, dachte aber nicht für alle toten Mäuse der Welt daran sich zu prostituieren. Nun sitzt der coole Vogel mit dem Harry Potter-Namen in einem alten Ziegelhäuschen und guckt anderen Vögeln zu. Der Brite Mark Bridger hat ein schlichtes Bild von ihm gemacht, mit geradezu magischer Wirkung. Nichts pädagogisches haftet ihm an, aber es impliziert doch die Frage wie viel schräge Natur ist das? Wie viel noch schrägerer, menschlicher Eingriff? Und wie erträgt das eine den anderen?

Diese Frage wird oft gestellt im Naturfotografen-Kosmos. Mir klemmt sie besonders bei der fast allegorischen Szene im Hirn, die Martin Gregus festgehalten hat: ein gestrandeter Buckelwal, umringt von Schaulustigen. Ein Kameramann und dutzende Menschen beobachten das dunkelglänzende Tier beim Sterben. Drängen sich an einem gelben Absperrband, das sie einen knappen Meter und damit kaum auf Distanz hält – Heyhey! Hier ist was los! Im Vordergrund ein Mädchen, abgewandt. Das Bild erinnert mich an ein Schwarzweißfoto des Straßenfotografen Weegee, bei dem auch der Tod das Sujet war, und auch ein Mädchen im Vordergrund – allerdings eines, das fasziniert ein Mordopfer betrachtete. Nicht kaputt machen, nicht mit Respektlosigkeit behandeln… Mahnen wollen diese Bilder schon, aber es wird nicht moralisiert.

Nachdenken. Neugier. Kurz: Kreativität ist die Essenz. Und im Katalog schreibt Angel M. Fitor über ein ganz besonderes Paradox unserer leistungsschaugewohnten Zeit: „Fotowettbewerbe auf der ganzen Welt versuchen der Kreativität den ihr zustehenden Platz einzuräumen, aber sie legen damit auch Trends fest und tragen so zu einem Verlust von Kreativität bei.“ Im Namen der Jury verurteilt er die neue Spezies von Fotografen, die sich auf Wettbewerbe spezialisiert hat und Bilder extra so gestaltet, dass sie dort gut ankommen. Eigentlich nur effizient oder? Nein, sagt die Jury.

GDT_#3
 
Die will nicht begaukelt werden, die will Gehaltvolles. Und obwohl Bild-Einreichungen immer ohne Text bei ihr landen, könnte man denken, dass sie immer gerade die auswählt, bei denen es den persönlichen Antrieb gibt. Bei denen die Fotograf/innen mit großer innerer Motivation sich einer Region, einem Lebensraum oder einer Art geradezu anverwandeln. Wie Audun Rikardsen mit seinem Seeadlerfoto. Surreal. Wie ein royales Ölgemälde. Die kleine Entstehungsgeschichte sagt, dass er das Tele vermeiden wollte. Der jagende Vogel war nur zweieinhalb Meter von der Kamera entfernt.

Schön auch: Nicht nur Bilder von superspektakulären Orten gewinnen hier. Es kommen Ruhrpottfüchse ebenso vor wie das liebevoll eingefangene Steinkauzpaar auf dem Ziegeldach, oder der träumerische poetisch-unscharfe Kohlweißling an einer Kornblume. Außergewöhnliche Fotos, in einer gewöhnlichen Atmosphäre gezeigt. Eine Ruheinsel inmitten eines Knotenpunkts permanenter Menschenströmung – auch das ein guter Zug dieses Wettbewerbs. Bilder für alle, die schauen können. Kostenlos an einem Ort mit denkbar niedrigster Eintrittsschwelle. Hingehen. Ganz großer Bahnhof.

Nächster Halt:
In Frankfurt leider schon fast zu Ende (gerade aus dem Urlaub kommend haben wir die vorletzte Möglichkeit genutzt – nur noch bis 5. Juni kann man die Fotos in unserem Hauptbahnhof sehen). Danach reisen sie nach Köln (22.7. – 3.8.), dann weiter nach Halle (12. bis 26. September). Schlussankunft in Düsseldorf (3.- 12.11.).

Und: Den schönen Katalog gibt es – darauf könnte das Marketing-Team am nächsten Ort gerne besser hinweisen – ausschließlich in den Bahnhofsbuchhandlungen.
20 Euro (Tecklenborg Verlag).

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