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Alles muss raus: Selfies und fickbare Mütter

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Dicht
 
Und hopp! Unruhig und temperamentvoll soll es sein, das Pferd, und als „Jahr des Pferds“ Stabilität und Bewegung bringen. Passt schon. Hab jedenfalls volldynamisch mit 1. Ausmisten, 2. Arbeiten und 3. Lernen angefangen. Also Archivdiät gemacht, alte Rechner und den (gleich am ersten Arbeitstag) durchgeknallten Router artig entsorgt. Kinderbücher und Koffer verschenkt… Weg, weg, weg. Supergefühl. Als würde man auch gleich das Hirnkastel nach haufenweise Recherche-Input für unterschiedliche Themen mit aufräumen. Selfies dazu hab ich übrigens nicht zu bieten. Vielleicht, weil ich das Kürzel für (Handy-)Selbstporträts erst seit letzter Woche kenne. Das Feuilleton der SZ informierte anlässlich des #MuseumSelfie day über einen neuen Trend. Über Leute, die vor allem deshalb ins Museum gehen, um sich dort vor Mona Lisa, Dürers Händen oder whatever selbst abbilden zu können. Die Botschaft war in eine schlicht geniale Überschrift gepackt: Ich war da.

Aber dann schon in der ersten Zeile dieses Texts der erste Faux pas: „Kannst du es besser?“, fragt die Website der BBC…. beginnt der Selfie-Artikel. Ein Zitat am Anfang! No go! Ein Faux pas, der mir nur auffällt (oder nur mir auffällt), weil ich gerade in einem Schreib-Workshop war. Gelernt: „Man“ fängt keinen Artikel mit einem Zitat an. „Der Leser“ mag das nicht. Nach nur einer halben Sekunde nämlich entscheide dessen Hirn: „Denk gar nicht dran weiter zu lesen“ oder „interessant, das les ich“. Und wenn Leser nicht wisse, wer ihn da anquatscht, lese er nicht weiter. So weit des Dozenten Zusammenfassung neurolinguistischer Medienanalyse. Wenn du, LeserIn, mir also jetzt noch folgst, hab ich irgendwas richtig gemacht.

Dass wir einen Zensor im Hirn besitzen, einen Blockwart also, der alle Umgebungsreize scannt, ratzfatz das Interessanteste herausfiltert und den Rest abpollert – wusste ich schon von früheren Recherchen zum Thema Erinnerung, Theory of Mind oder Synästhesie. Nun ist ja mein Schreiber-Standpunkt, dass Leser lesen wollen und deshalb was geboten bekommen müssen, aber der Seminarleiter findet das gestrig. Erklärt seinen Kunden (Verlage, Redaktionen, Journalisten), dass „wir“ derart platt konstruiert seien, dass Gefühls-, Sex- oder andere Zug-Wörter uns binnen Sekunden anziehen oder abstoßen von so einem Text.

Also: „Kannst du es besser?“ – ich hab trotz Workshop bis zur letzten Zeile gelesen. Ein Plus für die Autorin. Aber am Ende wusste ich nicht, was sie mir eigentlich sagen wollte. Frust. Minuspunkt. Immerhin weiß ich jetzt, was der Begriff Selfie bedeutet, dass es im Frankfurter Städelmuseum bald kostenloses W-LAN für alle gibt, und dass die Autorin nicht weiß, was sie davon halten soll. Dabei hatte sie sogar eine Studie (der Psychologin Linda Henkel) zur Orientierung: eine Gruppe Studenten waren mit dem Auftrag ins Museum geschickt worden, Dinge entweder zu fotografieren oder nur zu betrachten. Ergebnis: Wer die Exponate nicht fotografiert, sondern nur betrachtet hatte, konnte sich besser an sie erinnern. Was sich anhört wie ein schlagendes Argument für traditionelle Museumspädagogik und Bildungsbürgerschaft, spiegelte allerdings nur die Hälfte der Studien-Erkenntnisse. Tatsächlich ist es nicht das Fotografieren an sich, das die Erinnerung aushebelt, sondern die schiere Masse der tumben „Auslöser“- oder Beweis-Fotos. Zu viele und vor allem zu viele nichtssagende zwingen den Hirnzensor dem Overload Einhalt zu gebieten: Also weg mit dem Müll. Datenträgerbereinigung.

Viel besser als Knipsen, lerne ich eine Woche später im SZ-Mag, ist aufschreiben. So tue man nicht nur sich selbst, sondern auch noch der Welt Gutes – und wieder ist eine Studie der Auslöser des Artikels. Und? Was hat die Wissenschaft festgestellt? Dass man Ordnung in den Kopf bekommt, die Dinge klarer sieht, wenn man sie mal formulieren muss. (Yuppiee! Applaus! Done!)

Merke: es gibt nicht nur Auslöser- oder Beweisfotos, sondern auch ebensolche Texte. Und wer bis hier auf die „fickbaren Mütter“ gewartet hat… Auch die sind aus dem aktuellen SZ-Mag. Der Text „Unguter Hoffnung“ ist nicht nur lehrbuch- und workshopgemäß geschrieben, sondern richtig gut – trotz gruseligen Inhalts. Unbedingt lesen. Es geht darum, dass die Generation der magersüchtigen Teenies jetzt Kinder kriegt. Und alle Welt ihnen suggeriert, sie müsse zumindest von hinten „unschwanger“ aussehen, auf jeden Fall gut trainiert und sofort nach der Geburt wieder gertenschlank sein. Als Beispiel erzählt Autorin Lara Fritzsche von der Diskussion um Royal-Kates runden Bauch beim Präsentieren des Prinzen-Babys. Hab ich zwar nicht mitgekriegt, aber ich kanns mir vorstellen. Dass kaum noch jemand stinknormale, körperliche Vorgänge akzeptieren will, wissen wir mindestens seit Charlotte Roches Büchern. Die Kollegin schreibt trocken, dass all die angesagten Dos und Dont’s für Schwangere die Geburt selbst wie eine muntere Fitness-Trainingseinheit erscheinen lassen. Sidos Frau, schreibt sie, habe gar einen persönlichen Trainer, der zu den „MILF-Machern“ gehöre. MILF? „Mothers I’d like to fuck“. (Gelernt: Fickbar ist druckbar im Jahr des Pferds.)
 
 

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