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33 Shades of Green – Auftanken im Stadtgarten

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Vom Glück des Kindischseindürfens im Garten schreibt Eva Demski. Kindisch? Aber ja! Oder was sonst soll das sein, wenn ich etwa kiekse „Komma gucken!“, nur weil sich, parbleu, mitten aus den Lanzenschwertern meiner Iris, urplötzlichst, weil bis eben unerkannt, eine flach gefaltete Blüte schiebt. So geschehen im Mai. Ja, da werde ich ein bisschen schwachsinnig vor Freude. Schließlich hatte sie drei Jahre nicht geblüht. Dazu blieb mir sogar noch eine Spannungsfrage: Gelb oder blau? Denn: eine meiner beiden Iris-Töpfe wurde mir während deren Herbstruhezeit aus dem Treppenhaus geklaut. Doch zum Glück hilft so ein Garten, versichert Demski, gegen Ärger und Grübeleien gleichermaßen. Sogar die Erderwärmung lässt sich vergessen, schließlich geht es hier um Verantwortungsübernahme: „Gießen. Mich. Jetzt.“ Eine Aktivität, bei der sich sogar krass verzwirbelte Synapsen entspannen – auf dass später und tatsächlich auch globales Denken wieder flutscht.

Versteh gar nicht, weshalb ich Demskis Gartengeschichten erst jetzt für mich entdecke. Wohl, weil Gartenbücher mich eigentlich wenig locken. Jedenfalls die Sorte, die sich mit perfekt gestylten Bildern zum Wennmirsonstnichtseinfällt-Geschenk anbiedert. Hochglänzende Langeweile. Bisher gab es in meiner grünen Bücherecke nur „Freude mit Kakteen“ (1954) – vom Opa. Damit habe ich Kakteen lieben und umtopfen gelernt. Daneben stand „der Eipeldauer“ (ca. 1981), jahrelang mein ultimatives Handbuch für alle Zimmerpflanzen. Viel später kam „Geheimnisse aus dem Klostergarten“ (2005) dazu, mit einem praktischen Rezept für Brennesseljauche (Bahh!). Dann Elsemarie Maletzkes „Neue Literarische Gartenlust“ (2006) – und nun Demski.

Diese beiden eint, dass ihre Weisheiten aus den eigenen Frankfurter Stadtgärten stammen. Während Demski allerdings GärtnerInnen sammelt und selbst über sie schreibt, sammelt Maletzke Geschichten von Gärtnerliteraten. Demski ist eine davon, eine andere Vita Sackville-West, die auf Fernreisen Schößlinge tropischer Pflanzen in ihrem Kulturbeutel nach Hause transportierte. Sorgsam befeuchtet durch den Badeschwamm….

Die vom Nachbarn Maletzkes stammende Anregung, immer eine Beutetüte mitführen – und eine Schöpfkelle für Pferdeäpfel – habe ich aufgenommen. Pferdemist eigne sich als Dünger für Rosen… Okay…habs ausprobiert. Obs hilft, weiß ich nicht, aber man fällt ganz sicher auf. Damals hatte ich noch ein rosanes Röschen, Geschenk einer Freundin. Rosa! Mir. Demski beschreibt herrlich ein solches Blumengeschenk – Orchideen von einem Freund, „der mich wohl nicht gut kannte“. Wegschmeißen gehe nicht – da muss man dann sehen, wie lang man es miteinander aushält.


 
Ihre wunderbaren Gartengeschichten habe ich zufällig bei einer Recherche zu Stadtnatur entdeckt. Genau so stelle ich mir ein schönes Gartenblog vor. Anregungen für Gartengestaltung und Persönlichkeitsentwicklung sowie Kurse in Naturkunde. Dass Spatzen etwa „die Vögel der Aphrodite“ sind, hab ich vorher nicht gewusst. Auch nicht, dass Aprikosenbäume nicht alt werden, oder Rosen und Dill hervorragend harmonieren. Ihren Hinweis auf die üppig blühende Clematissorte Montana rubens hab ich für alle Fälle notiert, mit ihr könne man notfalls auch „sowas Hässliches wie das Frankfurter Polizeipräsidium zum Verschwinden bringen“.

Demski schreibt übrigens als Krauterprofi. „Eine Kennerin und Könnerin“, wunderte sich beim Besprechen 2009 eine FAZ-Rezensentin. Mit ihrer Expertise hält Demski dezent hinterm Zaun. Musst schon das ganze Buch lesen, um die kleinen feinen Tipps zu finden.

Sie beginnt den Geschichtenbogen im Grün der Mutter und endet beim eigenen: „Er hat mich mehr als einmal gerettet, der Garten.“ Beim Heulenmüssen, Gestresst- oder Kindischsein. Andererseits lasse jeder Gärtner auch dunkle Seiten ins Kraut schießen und schrille Blüten treiben. Demski dekliniert die sieben Todsünden einmal quer durch den Garten. Über die Wollust der Völlerei etwa schreibt sie: „Gartencenter ist wie nachts am Kühlschrank. Man weiß, dass es böse endet, aber es ist wunderbar.“ Ihre Beute – Rosen, Rittersporn und Lupinenstauden – lassen mich als Balkongärtnerin ja kalt, aber…


 
Jedes Frühjahr werd ich butterweich und packe in der schönsten Oberräder Gärtnerei orangerote Wandelröschen, allerliebste Million-Bells, dieses Jahr weiß-gelb wie kleine Markisen, Diamond Frost sowieso – und, natürlich, auch Nemesia tricolori ein. Wanke wollüstig durch Blumenreihen, die geschickt in Bauchhöhe platziert nimmerendende Fülle vorgaukeln, die sich zuhause mit den paar Pflänzchen nie und nimmer erzielen lässt. Egal.

Prinzipiell zählt jemand wie ich nicht wirklich als Gärtnerin. Besitze keinen Sitzrasenmäher, gehöre nicht zu den Gartenfreaks, die ihre Pfingstrosensträucher näselnd Päonien nennen, glamouröse Rosen und Rabatten pflegen oder gräfliche Trennketten mit Wein beranken lassen. Dagegen sind wir landlose Loser, die nicht mal Regenwürmer haben. Von Wühlmäusen und Schnecken ganz zu schweigen. Dafür müssen unsere Pflanzen wind- und wetterfest sein. Die können sich halt nicht auf 70 oder gar700 Quadratmetern ausbreiten, sondern knäulen ihre feinen Stadtwürzelchen elegant in 33 Töpfen und auf 7 Quadratmetern. Und doch reicht das, um Hummel, Honig-, Mauerbienchen sowie Schwebfliegen anzulocken. Die Amseln kommen, wenn der Wein reif ist und die Eichhörnchen holen sich im Winter bei uns Sonnenblumenkerne und vergraben Nüsse. Stadtgrün soll die Artenvielfalt mehr beflügeln als das rundumgespritzte Landleben. Auch auf Balkons.


 
Nichtsdestotrotz gibt es kein gescheites Balkongärtnerbuch – Anleitungen zum Urban Gardening oder Selbstversorgen meine ich nicht. Auch in Demskis Sammlung kommen wir nicht vor. Dafür berichtet sie von kinderhassenden Misanthropen – und Geizgärten. Herrlich! Auf Anhieb fallen mir jede Menge hirnlose Arrangements ein, die pflegeleicht sein sollen, aber nur abscheußlich knickrig und unterdrückend aussehen. Einer meiner Lieblingssätze des Buchs schließlich stammt aus der Geschichte ihrer Freundin Marianne. Von der spröden Gartenheldin aus dem Taunus lernte sie Pikieren – „eine Arbeit von so betörender Stumpfsinnigkeit, dass ich sie noch heute liebe.“ Als meditatives Balkonpendant empfehle ich: verwelkte Männertreublüten abknipsen, während die Wanderfalken schreien.
 
 

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