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Abschuss – von Krähen, Gärtnern und Journalisten

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Was? Die erschießen Krähen mit städtischer Erlaubnis? Und das schon seit drei Wochen und auch noch in unserem Revier?! Las ich heute morgen in einer Email. Ich wär vom Rad gefallen, hätte einer vor meinen Augen eine Krähe abgeschossen. Gebe mich hiermit als Vogelgucker und Krähenfan zu erkennen: Ich mag die schwarzen Kerls, die einen immer so genau anschauen und möglichst auf Abstand halten – außerdem habe ich gerade das Buch Krähen. Ein Porträt von Cord Riechelmann gelesen (eigentlich wollte ich heut das Buch vorstellen, mach ich noch – jetzt kommt erst die Krähenstory life). War mir bisher nicht bewusst, dass Krähen das Etikett Unglücksvogel haben. Oder dass manche Menschen glauben, Rabenvögel wie Elstern und Krähen dezimierten bösartig unsere Singvögel und fräßen Lämmer oder kleine Hunde. Schall und Mythen. Riechelmann erzählt das sehr eingängig.

Erfüllt vom neuen Krähenwissen entsetzt mich das Geschieße gleich doppelt: Idioten, mitten in meiner Stadt! denke ich daher zuerst, als ich den Onlineartikel zum Krähenmord anklickte. Der Link kam von einem bisher als seriös eingestuften Absender, nur deshalb las ich online im „Extra-Tipp!“, einem kostenlosen Anzeigenblättchen, das ich sonst nur als Altpapier der Rhein-Main-Region wahrnehme. Die brachten schon vor drei Wochen die fette Schlagzeile. „Jäger knallt Krähen ab, Stadt erlaubt’s!“


 


 
Der Artikel berichtet von einem Frankfurter Gärtner, der seine Ernte von den Krähen bedroht gesehen und deshalb einen „Jäger beauftragt“ habe, sie abzuschießen – und das „mitten in der Schonzeit“. Die Stadt habe eine Sondergenehmigung erteilt, die noch bis 31.7. gültig sei. Zwei empörte Frauen werden zitiert, von beiden Fotos gezeigt, auf denen sie geschockt aussehen. Sie erzählen nämlich, wie sie mit angesehen und -gehört, als ein Jäger am helllichten Tag im Stadtgebiet Krähen abballerte. Warum? Die Vögel seien dem Gärtner zu viel geworden. In Gewächshäusern hätten sie ihr Unwesen getrieben und auf dem Feld junge Pflänzchen ausgerissen um in den Pflanzlöchern nach Schmackhaftem zu suchen. „Hunderte von Euro“ hätte der Gärtner durch die Krähen verloren, schreibt Christian Richartz. Es klingt läppisch.


 
Wie mit Kanonen auf Spatzen. Am Schluss kolportiert der Schreiber, erste Krähenwaisen seien schon abgegeben worden. Schlimm. Entsprechend reagieren die Kommentatoren im Internet. Höhnisch prangern sie den Gärtner an: Wirtschaftsinteressen vor Naturschutz! Sie wünschen ihm die Plagegeister Wühlmaus, Erdgrille und Co. an den Hals. Wo er doch die Krähen erschießt, die die ja sonst fräßen. Könnte gut sein, dass der Gärtner am Ende mehr Verlust durch Boykott erleide, als durch die Krähen, schreibt eine süffisant.

Mein Boulevard-Ich schäumt: Frevel! Boykott! Fatwa über den Gärtner! Mein gemäßigteres Schreiber-Ich staunt und denkt. „Jäger mitten im Stadtgebiet“? Äh. Na ja, dieser Oberräder Gartenbetrieb liegt am Waldrand. Da wohnt niemand. Dann die die Erinnerung an einen Vorfall, wo ein Oberräder (!) einen Hund auf eine Jungkrähe hetzte und fortan, Tag für Tag, mitsamt seinem Hund Spießruten lief. Die aufgebrachten „Rabeneltern“ attackierten ihn, sobald er nur den Kopf aus dem Gartentor streckte. Seinen Antrag, die Verfolger erschießen zu dürfen, lehnte die Stadt ab. Er müsse warten, bis die Jungen flügge seien, dann werde sich der Zorn von selbst legen. Leichtfertige Abschusserlaubnis, von der Stadt? Hm. Nächste Assoziation: Wildschweine. Die werden geschossen, wenn sie überhand nehmen – und zwar die Ferkel zuerst. Was, wenn das mein Feld und Verdienst wäre? Was, wenn der Mann recht hätte?


 


 
Und schließlich: noch mal lesen, und plötzlich fällt mir der Titel der Rubrik auf: unscheinbar, mager und in kleiner Schrift steht obendrüber „Aufreger“. A-ha. Eine Rubrik, die nicht mal Bild zu bieten hat, und im „Extra-Tipp“ noch vor „Tiere“ und „Erotik“ rangiert. Was ist da wirklich los? Ich frag den Gärtner.

Die junge Verkäuferin im Laden erstarrt, wendet den Blick von mir, „Moment“ und verschwindet sofort. Ich warte und sehe mich um. Ich liebe ja Blumenhandlungen, hab hier schon oft eingekauft. In einer Ecke steht ein Tisch, darauf eine orangerote Decke, und wieder darauf wohlig zusammengekringelt eine Katze. „Ja?“ Der Mann in sonnenblumengelbem Pullover reicht mir die Hand. Eine Arbeitshand. Als ich mit dem Rad am Gelände vorbei fuhr, hat er auf dem Feld gerade noch Blumen geerntet. Morgen ist Markttag. Ich frag ihn: „Haben Sie Krähen schießen lassen und wenn ja, warum?“ Gerade habe er sich getroffen mit Vertretern der Jagdbehörde, Gartenkollegen und Stadt, erzählt er und schaut mir völlig geiferfrei in die Augen. „Ich kämpfe hier um meine Existenz.“


 
Er zeigt mir Handy Fotos vom Krähenschwarm auf seinen Feldern. Hundert habe er gezählt, manchmal komme noch ein zweiter Schwarm hinzu. Aber was machen die im Gewächshaus? Gehen die da aus Versehen rein? „Nein. die gucken, ob’s da was gibt, und dann hacken sie mir die Gurken klein“ – zu 20st oder 30st seien sie manchmal zugange. Und wenn einer die Panik kriege, kämen sie nicht wieder raus und krachten gegen das Glas, da blieben sie dann betäubt liegen und Bruch gebe es auch noch. Seine Frau kommt hinzu und auch sie gibt mir die Hand, „Wir sind keine Tierhasser“. Sie ist Mitglied im BUND und kriegt jetzt Drohbriefe. „Ihr wohnt hier nicht mehr lange.“ Anrufe auch, bei denen die Leute sagen, wenn es um ein paar Hundert Euro ginge, sollten sie doch Insolvenz anmelden. Nur ja aufpassen! sollten sie, Rabenmörder. Jetzt regt sie sich auf: „Ja, wenn wir weggehen, dann können die Krähen unser Land haben und die Hunde alles zuscheißen.“ Als ich noch sage, ich bin Journalistin, fällt sie beinah um. Mit Journalisten wolle sie nichts mehr zu tun haben. Versteh ich.

 


 
Die Kritiker im Internet schreiben ganz richtig, dass die Krähen nur deshalb dort Futter suchen, weil intensive Landwirtschaft ihnen die Lebensräume raubt. Genau. Aber müssen deshalb die Gärtner, die es besser machen, Wildschweine und Krähen durchfüttern? Wüsste gern, wo die Leute einkaufen, die hinterfotzige Drohbriefe schreiben. Wie viel Geld sie für Essen (und guten Journalismus) ausgeben, und ob sie ihre Hunde auf Heuwiesen und Salatfelder scheißen lassen. Leider beschränkt die eigene Erfahrung ja doch sehr intensiv den Horizont.

Aber… Himmel! Weggehen? Wenn hier in Oberrad die Gärtner dicht machten – und ich fürchte das schon lange, ginge ein Stück Regionalkultur verloren und ein Stück Grünland gleich mit, das nicht nur die Krähen lieben. Alle Bilder hier sind Oberrad. Oberrad ist gar nicht so weit – von Gezipark, Tahrirplatz, Snowdon. Mehr Respekt, Leute. Ich steig auf mein Rad, fahr nach Hause. Krähen sind keine da, es schüttet in Strömen.


 
 

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