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Hahn hacks – Luftgraffiti #3

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Wie aus dem Nichts. Als sei ein heimatloser Flugplatz im Sperrgebiet gelandet. Sanfte Wiesenrundungen, Pferde, Felder und im Hintergrund die Hügelkette des Hunsrück – besetzt mit derart vielen Windrädern, dass man kapiert, was Leute mit Verspargelung meinen. Und dann plötzlich diese Armybauten. Kasernen in Ocker mit ochsenblutfarbenen Halskrausen, jeweils geschmückt mit einem stilisierten Kampfjet-Emblem. Zugewucherte Vorplätze, eingeschlagene Fensterscheiben – das Gelände rund um den Flughafen Hahn ist ein Dorado für Jungs, die ihre Testosteronschübe ausleben oder einfach mal unbeobachtet sein wollen. Ebenso wie für Papas, die mit ihren Söhnen statt auf der Kartbahn im Nirgendwo landen und staunend herumcruisen – und natürlich für uns, die wir bizarre Orte lieben.

 
Zutritt verboten? Als wir vor einem halben Jahr auf Locationsuche waren, hing das Schild da nicht, ganz sicher. Wir treiben an einer Fichte vorbei, der der letzte Sturm ihr oberes Drittel abgerissen hat, streifen Riesenfliegenpilze – und öffnen schließlich ein Portal, betreten einen, ja, sakralen Raum. Wie Archäologen stoßen wir auf stumme Zeugen einer zerfallenden Welt, fremd und vertraut zugleich. „Danger Mines!“ ächzt eine Filmspule in meinem Hirn. Produziert ein klammes Gefühl, gespeichert vor Jahren, beim Erkunden alter Bunkeranlagen in der Normandie – auch die viel zu faszinierend verboten. „Der Krieg war mein Vater, war meine Mutter“, schrieb der französische Militärphilosoph Paul Virilio später, als er einen Fotoband über diese Betonlinie am Atlantik veröffentlichte.
Wir kennen nur den kalten Krieg. Jetzt stehen wir in der ehemaligen Militärkapelle, erkennen Reste künstlicher Tannenzweige und Lametta auf dem Boden. Weihnachten vor zwanzig Jahren. Um uns schweben Putzflocken. Handtellergroß. Eine Schneeschüttelkugel voller Traumlose, Cartes blanches. Nebenan Kabel wie zerfetzte Arterien, abgeschlagene Waschbecken. Vandalismus hacks. Und draußen singt die Wacholderdrossel.

 
Ein Ort zum Meditieren. Wachstum. Verlassenheit. Die Betonflächen des Militärgeländes werden peu á peu in Parksegmente verwandelt. Kontrollierter Abriss oder gar Sanierung der Gebäude? Unbezahlbar. Manches wird gemietet und instandgesetzt. Leihwagenstationen, Shuttlebushaltestellen und Imbissbuden, so wird ein bisschen Geld verdient. 10.000 Arbeitsplätze sollte „Hahn Airport“, der ursprünglich Rhein-Mosel-Flughafen hieß, nach seinem Wechselschritt in die zivile Internationale Luftfahrt bringen. „Der Hahn“ war als kleiner Entlastungsbruder der großen Schwester Rhein-Main geplant. Am Ende sind’s dann nur rund 3000 Arbeitsplätze geworden. Kennt man irgendwoher. Genauso wie das Vorantreiben des Ausbaus, auch wenn es noch keine endgültige Erlaubnis gibt. Die Bäume waren schon gefällt, aber die Straße endet im Nichts, weil nicht gebaut werden durfte. Grund? Die Mopsfledermaus. Jetzt rühmt sich HHN genau wie FRA – rund um den Flughafen gedeihe die Natur besser, denn je. Zum Teil stimmt das wohl, denn ob Tiere Hörschäden kriegen weiß man nicht, aber – Zutritt verboten – vor Menschen sind sie geschützt. Auch dass das Für und Wieder unversöhnlich gegeneinander einander steht: „Schließen!“ „Zieht doch weg!“ – ganz wie bei uns. Erstaunlich, dass es das kleine Häuflein der Gegner überhaupt noch gibt, und sich bei aktueller Sachlage – knappe Finanzen, rückläufige Fracht- und Passagierzahlen – aufreibt beim Suchen von Ungereimtheiten und Zählen von Militärmaschinen, die am Zivilflughafen HHN zwischenlanden.

 
Sie mögen es arrogant finden, doch wer Frankfurter Verhältnisse gewohnt ist, dem erscheint es idyllisch hier. Je nach Wochentag 20 bis 30 Flüge am Tag, in Frankfurt mehr als Tausend. Der Ex-Hahner Harald Kaspar bestätigt: „Das ist gar nichts gegen früher.“ Vor Jahren ist er wegen des Fluglärm weggezogen. Nur drei Kilometer liegt die Start und Landebahn vom Rathausplatz des namensgebenden Dorfs entfernt. In den 80ern und 90ern kreischten die Düsenjäger permanent und in unberechenbaren Takt „wann immer es ihnen einfiel“ über die Schieferdächer. Aber er betont auch, dass man „prinzipiell nicht ablehnend eingestellt war.“ Damit erklärt er meine erstaunte Frage, wie es dazu kam, dass die Hahner ausgerechnet einen Düsenjet in ihrem Wappen tragen. Kaspar hat es 1985 im Auftrag der Verantwortlichen entworfen. Eingerahmt wird der schwarze Jäger von „Ähren und Schlägel“ als Referenz für die bis heute das Umland prägende Landwirtschaft sowie dem früher brotgebenden Schieferabbau, erklärt der Urheber. Ein anderer Gestaltungsvorschlag mit Kirchturm in der Mitte wurde verworfen. Es sollte ein modernes Wappen sein, mit Bezug auf die aktuelle Zeit. Das Dorf steht zu „seinem“ Airport.

 
Dabei liegt der Flughafen gar nicht wie 1951 zunächst geplant auf Hahner Grund, sondern auf dem des Nachbarorts Lautzenhausen. Also hätte es 1952 korrekt „Lautzenhausen Airbase“ heißen müssen. Low-What? Ging gar nicht, fanden die Amis und tauften ihren Stützpunkt „Hahn Airbase“, kurz HAB. Sie kamen, flogen, siegten. Denn: sie brachten ein weltläufiges Flair in die verschlafene Hunsrückregion. Die Soldaten bauten nicht nur, sondern mieteten auch. Wohnungen und Häuser, brachten den Anrainern spannende PX-Ware mit und zechten (vermutlich) tüchtig in Walters Futterkrippe, New York oder Dolly. 13.000 Leute – Soldaten und ihre Familien – natürlich ließen sie ihr Geld in der Region. „Die Beziehungen waren gut“, erinnert sich Kaspar. Wie gut, kann man auf Marc Müller’s Website nachlesen. Eine gefühlvolle Hommage an good ole days.

 
Einen eher traurigen Rückblick gibt Dominic Teretto, ein Ehemaliger auf You Tube (klick). Hat dieselben Orte besucht wie wir, allerdings mit Insiderblick. Unterlegt mit getragener Musik, zeigt er eine Diashow des Verfalls. „This is so depressing!“, schreibt eine Kommentatorin. Vielleicht eine alte Habichtin aus der damaligen Staffel, die unter dem Code Namen „Salty Rooster“ für den Ernstfall die Höchstbelastung von Maschine, Mensch und Material testete. Sie übten Nonstop-Durchstarten und erreichten in einer Trainingswoche den Spitzenwert von fast 300 Flugbewegungen an einem Tag. Danach waren sie fertig – aber am Hahn hatte es geklappt. „Hahn can hack it überschreibt Müller die Rückschau auf Zeiten, in denen er nicht mehr schreiend davon lief (wie als Kind im Lautzenhausener Familienhausvorgarten), sondern seinen Vater, den Geländehausmeister begleitete und American Lifestyle schnupperte.

 
Auch wenn die Army den Hahn bis heute für Zwischenlandungen, Beladung oder Tankfüllungen anfliegt – Tiefflug-, Touchdown- und Schießübungen sind Geschichte, Durchfahrsperren außer Betrieb. Jetzt rumpelt es nur noch, wenn man das Checkpoint-Häuschen am „Koblenzer Tor“ passiert. Und es rumpelt oft auf dem Weg zur Kartbahn, zum Recycling-Unternehmen, das Sitzbänke aus altem Kunststoff herstellt, zur Aeroflot-Niederlassung oder oder. Trotzdem fällt das Checkpointhaus auf. Die Fenster sehen nach modernem, 20fach verstärktem Hochsicherheitsglas aus – und weisen Schussspuren auf, mit Sprüngen wie Spinnenbeine. Möchtegern-007s aus den umliegenden, idyllischen Weilern Bärendorf, Büchenbeuren, Sohren oder eben Hahn mögen hier versucht haben durchzudringen. Anspruchsvollere nutzen den Golfclub Hahn.

 
Auf der Straße zum Cargo-Bereich des Flughafens liegen alte Hangars wie Sandzungen in einem mäandernden Flussband. Vor einem ein glitzerndes Mosaik bunter Glasscherben. Glattgefahren und rundgeschliffen von tausendfachen Stops and Gos. Ein Bunkerhangar weiter pausiert ein Trucker. Die Vorhänge zugezogen, der Motor läuft. Kühlung oder Heizung? Wer weiß. Im nächsten dann ein Berg Holzpellets und daneben eine alte Halle mit Strohballen bis unters Dach. Zwischendrin hocken kleine Häuschen, mit Schaltbrettern der zugehörigen Technik. Allesamt umarmt von jungen Birken und Weiden, gepolstert von Moos und bezwitschert von Grünfink & Co. Das Beste: an dem alten Militärbeton klebt unser Strick-Graffiti wie Klett.

 
„Und Schuss!“ Feuert eine Hahner Mutter ihren Zweijährigen an, sich von der Rutsche zu stürzen. Wir sehen sie, als wir schließlich Pause machen, zurück sind an unserem Auto, das wir vor dem Spielplatz in der Dorfmitte geparkt haben. Das Wappen strahlt über der Schaukel, ein Hahn kräht und ein junger Feuerwehrmann wünscht freundlich: „Guten Tag!“ Hahn hacks, echt.

 
 

Ein Kommentar

  1. klasse, wieder eine gute Arbeit in dieser skurilen Umgebung. Klasse das du dein Thema weiter verfolgst. Gruß Dagmar

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