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Das Porträt: Der Beseeler

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Thomas Heidenreich
 
Ein Derwisch am Schlagzeug: Fliegende Haare, verschwitzt und verschmitzt wirbelt Thomas Heidenreich die Stöcke, bis der Mörtel zwischen den Backsteinen bröselt, bis Raum und Leute rhythmisch wogen. Der Mann ist Energie pur. Mag der Blick noch so blau, das Arbeitshemd noch so brav kariert sein, Thomas kennt keine Rampenscheu. Vielleicht weil er nicht nur Schlagzeuger ist, sondern auch Schauspieler, Animateuer und Lehrer. Sogar aus dieser Foto- wird ruck-zuck eine Jam-Session für Kamera, Rettungsring und Trommel: klack-schlack-klack – Drrrrt, didi-did, drrrrt! Trommeln kann man überall. Thomas ist für jeden Blödsinn zu haben, und dabei allzeit ernsthaft aufnahmebereit. Letztes Jahr hörten wir ihn zum ersten Mal inmitten einer Show, bei der er für die Firedancer den Takt setzte – das Ganze im Rahmen eines Kirchen-PR-Projekts. In einer Pause gestand er uns, „die genialsten Konzerte“ habe er in Kirchen gehalten. Trommeln und Kirche? Das interessierte uns, denn wir waren gerade kurz vor der Eröffnung unserer Ausstellung in der Offenbacher Stadtkirche – und die Wettervorhersage stand auf Regenwald. Dabei hatten wir uns ausgemalt, dass Trommler Terry Keegan zur Eröffnung die Leute anrappeln und in die Kirche locken sollte. Sah schlecht aus. Wir fragten deshalb den Experten: Trommeln in der Kirche, geht das? Antwort: „Na klar! Nix Halleluja… DRRRRR – das ist religiös!“ Tatsächlich schüttete es dann und der Straßenmusiker Terry saß zum ersten Mal mit der Trommel in einer Kirche. Trotzdem die Pfarrerin das Okay gab, spielte er vorsichtig, nur halbe Kraft. Bloggeschichte. Jetzt wollen wir von Thomas wissen, weshalb Trommeln und Theologie für ihn zusammen gehören. „Rhythmus ist Kommunikation. Mit anderen, mit mir selbst, mit Gott.“ Er demonstriert sein Vorbereitungsritual indem er einen der Schlegel zum Himmel streckt: „Dazu bete ich. Ich hole mir den Segen und dann ist kein Denken mehr, dann kommt Energie.“


 

Kirchenräume sind für ihn magische Orte – nicht nur wegen der Akustik. „Es herrscht eine heilige Atmosphäre dort“, versucht er das Gefühl zu fassen. Ziel jedes Auftritts mit seiner Schlagzeugband drumlet: das Publikum zum Mitmachen bewegen. „Ich übe mit ihnen kurze Silbenfolgen ein – und plötzlich singen sie einfach mit: kashi-kashi-kashishi – bongo-bongo-bongo…“ Vocal-Percussion. Springt der Funke über, werden sie neben den vier Musikern auf der Bühne zum fünften Bandmitglied. „Wenn wir dann im Hintergrund leiser werden – und das Publikum musiziert, ist das der Höhepunkt.“ Derzeit arbeitet er am Konzept „Grooving Church“. Sein Traum wäre ein Bachchor, begleitet nur von Trommeln. Bach? „Also, weißte, Bach! Das hat einen Groove, das kannst du dir nicht vorstellen.“ Weißte… Wie Sylvester Stallone in Rocky.

Gefunden hat sich die Band vor sechs Jahren über „Gospecials“, Großgottesdienste einer Gemeinde in Niederhöchststadt. Die werden seit 1995 jeden Monat zu einem anderen Thema gehalten, etwa über das Böse in uns, zu New York Gangs oder Homosexualität. Mittlerweile für rund 500 Besucher und meist in einem großen Kinosaal. Aber auch bei anderen Auftritten der evangelischen Kirche sind die drumlets dabei. Am meisten schwärmt Thomas von der „Rosenkirche“. Das erste Themenkirchenprojekt auf dem Hessentag, Ist schon sechs Jahre her. „Da haben die uns vor die Kirche gestellt und extra beleuchtet. Trommeln und Rosen – die Leute sind ausgerastet. Die haben alle gerufen und gebrüllt. Das war toll. Wo man sich schon fragt, wie kriegt man das so super zusammen…“ Der gemeinsamer Nenner in all diesen Fällen: kirchenferne Menschen sollen Kirche mal anders erleben – als überraschende Klang- und Gemeinschaftserfahrung, verbunden mit einem besonderen Zugang zu Spiritualität.


 
Gemeinschaft mal anders ist jetzt sein Spezialgebiet. Auch Arbeitgeber mit einem Händchen für Mitarbeiter (Bahn, Lufthansa, Fuji) wünschen sich so was und buchen die Band für Drum-Events. Kurzübersetzung: „Arbeit mal anders“. Langversion: „Da donnern wir mit denen zwei Stunden lang die Hände blutig und die Köpfe frei. Die kommen oft mit Null musikalischem Grundwissen an und dann machen wir Jazz.“ Für den Musiker ist es dieselbe Form der Spiritualität, nur in einem anderen Rahmen. Wenn dort der Energiefunke überspringt, macht ihn das genauso glücklich: „Einmal haben wir in einer Veranstaltung für Führungskräfte erlebt, wie plötzlich eine Frau triolische Schläge hinlegte, „sie würde Jahre brauchen, wollte sie das bei mir lernen.“ In dem Fall war es ausgerechnet die Sekretärin, die plötzlich für ihre Chefs den Ton angab. Die hierarchische Struktur ist der Band egal. „Wir gehen von der Musik aus.

Ich höre genau hin, und wenn irgendwas kommt, greifen wir das sofort auf – dafür gibt es bestimmte Signale, wir benutzen die Technik Drumcircle von Arthur Hull. „Wenn es diesen Spirit gibt, produzieren die Leute aus dem Nichts die komplexesten Klangfolgen. Das erleben wir auch mit Jugendgruppen, dass ganz unerwartet das kleinste Rädchen im Getriebe, der Unscheinbarste, zum Star des Abends wird.“


 
Unvorstellbar, aber so ein Stiller und Unscheinbarer soll der Hüne mit dem Bodybuilder-Schultern selbst mal gewesen sein. Jedenfalls, bis er neun war, mitten in einem Feld ein Wasserloch entdeckte, das für ihn die Existenz Gottes bewies – und im Wohnzimmer seiner Eltern der Radetzky-Marsch auf die Tischkante hämmerte. Heidenreich legt den Schlegel an die Stirn und erinnert sich, wie ihn der Rhythmus packte und seine Mutter irgendwann rief, „der Junge braucht ne Trommel!“ Als seine Klassenlehrerin im selben Jahr fragte, wer schon ein Instrument spielt, war Klein-Thomas dabei. Näselnd parodiert er ihre darauffolgende Bitte, diese Instrumente zur nächsten Stunde mitzubringen. „Eigentlich bisschen knapp von der Zeit… Aber mit meinem Kumpel Frank hab ich dann die Trommel von zuhause geholt.“ Und? Riesenärger wegen unerlaubtem Entfernen von der Schule. Erst die nächste Wochenstunde war gemeint…. Dafür entschädigte ihn dann die nächste Party: „Da hab ich Dong-do-do-dak, dong-do-go-dak mein Schlagzeug gespielt – und die Klasse hat um mich herum getanzt.“

Dann Musikschule: Bumm, Tschack, Bumm-Bumm, Tschack. Bumm, Tschack, Bumm-Bumm. Danach Mitglied in zwei Kirchenbands. Thomas ist Protestant, aber… die Katholiken hatten lange Haare, spielten Heavy Metal und – hatten ein Schlagzeug. „Ich hab dann gewartet, bis mal der Pfarrer weg war und den Organisten irgendwie rumgekriegt. Das waren meine allerersten Kassettenaufnahmen – oben die Orgel unten ich: Boff. Baff. Bumm-Bumm Baff!“ Dann am Konservatorium und schließlich Privatunterricht bei Keith Copeland. Sein musikalisches Entrée war The Wall. „Bei Musik interessiert mich immer auch das Transzendente, Bewusstseinserweiternde, Psychedelische. Egal ob ich mit Gruppen trommle oder mit meinen Kurzen. Raus aus dieser Wirklichkeit – wir bauen eine eigene mit dem Trommeln auf!“


 
Dass Thomas jetzt wieder in der Schule sitzt und trommelt, verdankt er seinen Kindern Philippa und Jasper, sechs und vier Jahre alt. Bevor sie geboren wurden, war Thomas ständig unterwegs. Hanauer Festspiele, Krimitheater, Shakespeare, Piratenshow im Freizeitpark, Musiktheater in Stuttgart… Das geliebte Nomadendasein passte allerdings nicht zu einem Familienleben. Also, Plan B. Der ursprünglich, als er Theologie auf Lehramt studierte und mit Kindern arbeiten wollte mal als Plan A gedacht war. So fand die jüdische Privatschule Frankfurt einen neuen Klassenleiter und bekam den Trommellehrer gleich dazu. Seine erste Aktion dort: Trommeln kaufen. „Mich kriegt man nicht ohne“, grinst er.

In seiner Klasse wird regelmäßig getrommelt. Klar, das kanalisiert überschüssige Energie, aber fast nebenbei vermittelt er den „Kurzen“ so auch die sozialen und spirituellen Komponenten von Musik. Zwar sind sie anfangs so fasziniert vom eigenen Tun, dass sie gar nicht auf die anderen achten, doch als Pädagoge weiß er schon, wie er sie zusammenbringt: „Bleib mal kurz still, hör mal, was die anderen machen. Klink dich ein, versuche sie zu unterstützen.“. So zieht er das Bewusstsein für gemeinsam gebildete Klangfolgen. So entsteht Musik. Neben seiner Energie und Empathie kann Heidenreich dafür auch auf eine Grundvertrautheit bauen. Denn: das erste rhythmische Klopfen nimmt jeder Mensch schon als Ungeborener wahr, den Herzton seiner Mutter. Bu-bumm bu-bumm. Das Ursprünglichste. Vielleicht kommen deshalb bei seinen Veranstaltungen auch musikalisch Unbeleckte ganz schnell zu Erfolgserlebnissen.

 

Neue Impulse gab es dabei auch für den Protestanten Heidenreich. Als erstes streifte er das Vorurteil ab, die jüdische Religionsausübung sei konservativ und starr. Stattdessen lernte er eine lebensfrohe Gemeinde kennen. Zwar gebe es auch hier mal Querelen und Streit – „doch sie akzeptieren einander, sie bekämpfen sich nicht.“ Dabei beherbergt die Synagoge sowohl die konservativ-orthodoxe Gruppe als auch die modern ausgerichtete Rabbinerin. Neu für ihn war auch Simchat Tora, das Thorafreudenfest. Es wird gefeiert, sobald die Thora fertig gelesen ist, wieder aufgerollt und weggepackt wird. „Dann hört man Klarinetten, der Rabbi hüpft durch die Schule und alle Kinder küssen die Thora. Das ist reine Lebensfreude. Nicht, wie bei uns im Christentum, separat und privat, sondern wie ich es auch bei Muslimen kennen gelernt habe: Religion als zentrale, spirituelle Kraft.“ Keine Trennung zwischen Leben, Religion, Arbeit. Das schwebt ihm schon lange vor. Schon beim Theologiestudium, als er für sich Rudolf Ottos Ansatz des „Heiligen“ als faszinierendes Mysterium entdeckte. Damals hat er noch geschauspielert um das Studium zu finanzieren. Die Examensarbeit handelt davon, wie sich mit dem Verständnis des Heiligen ein zeitgemäßer Religionsunterricht gestalten lässt. Das wird jetzt umgesetzt. Zwar sei auch „unsere Kultur durchdrungen von Religion, aber nicht mehr Teil des Alltags. Deshalb fehlt uns die Rückversicherung ans Transzendente.“ Di-di-dit drrrrrrt, lässt er die Stöcke wirbeln. Trommeln ist sein missing link.
 

 
 

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