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Bauern-Buy-out

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Leben wir nicht in wunderbaren Zeiten?! Kinder – alles ist möglich! Also, wir können reisen, auch wenn wir nicht in den gebrauchten Bundesländern leben, wir können essen so viel und billig wir wollen. Frauen können sich entscheiden – Teilzeitmutter, Kanzlerin oder sogar Aufsichtsrätin in einer Bank, hofft Viviane Reding. Monsanto kann sich ein Schweineschnitzel patentieren lassen – und jetzt gelten sogar Schimpansen als Erfindung des Menschen. Irre.

„Versklavung des Lebens auf der Welt“ nennt Vandana Shiva so was wie Urheberrecht auf Saatgut, Eizellen oder Schimpansen mit Insekten-Gen. Gerade hab ich über die indische Physikerin, Aktivistin und die Trägerin des alternativen Nobelpreises 1993 und ihre Kampagne „Befreit das Saatgut“ geschrieben – und dabei fiel auf, dass Sortenschutz oder Patentrecht auf Organismen (Tier, Pflanze, Einzeller) ebenso kompliziert sind wie das Urheberrecht bei Künstlern, Fotografen, Autoren. Wer darf eine Kartoffel aus welchem Samen ziehen? Wem gehört die Kartoffel dann? Und wem das Rösti, das daraus gemacht wird?

Sortenschutz heißt, wenn M. Santo eine Kartoffel gezüchtet hat, müssen die Bauern, die sie pflanzen, ihm Geld dafür bezahlen – aber danach sind es ihre Kartoffeln und sie dürfen sogar andere Kartoffeln daraus züchten. Man korrigiere mich, wenn ichs falsch verstanden habe. Beim Patentrecht kann oder darf der Bauer nichts mehr. Das neue Modell heißt Monsantisierung und geht so: Wenn ich Mais der Agrarchemie-Firma Monsanto anbaue, muss ich den komplett verkaufen, darf keine Körner zum Anbau im nächsten Jahr zurückbehalten, und auch keinen neuen Mais daraus züchten. Wenn ich als Bäuerin diesen Mais auf dem Feld stehen hätte und damit die Schweinezucht meines Dorfnachbarn belieferte, der wiederum meines Bruders Dorfwirtschaft belieferte – wir würden allesamt für alles, was wir aufgezogen oder hergestellt haben, Leasingraten an Monsanto bezahlen müssen – fiktives, aber nicht allzu fiktives Beispiel.

Eigentlich müssten gerade wir Freien – Schreiber, Fotografen, Künstler, Musiker, Grafiker – mit den Bauern zusammen auf die Straße gehen und den Himmel- und Hölle-Preis nicht nur an verantwortungsvoll faire, respektive verantwortungslos unfaire Redaktionen, sondern auch für himmlische und höllische Saatgutfirmen vergeben. Denn, was die Bauern beim Kauf ihrer Saaten unterschreiben müssen, entspricht unseren Verwertungsverträgen. So wie wir, haben auch sie die Frucht ihrer Arbeit komplett abzuliefern. Bauern-Buy-out. In Indien gab es Selbstmorde deswegen. Wer? Was? Es geht um Geld. Geld, Macht, Kontrolle. Dienstleistung. Cashflow. Da kriegt man Soziales schwer unter. Zum Thema Sklaverei sagte Ghandi 1901 „Wenn Gesetze unrecht sind, braucht man sie nicht zu befolgen.“ Im selben Jahr wurde übrigens die Chemiefabrik Monsanto gegründet.

Aber noch mal zu den Frauen. die meisten werden ja nun wohl nicht die Redingisierung der Aufsichtsräte anstreben, die meisten werden noch immer Frisörin. Vielleicht sogar Frisörinnenschefin. Ich weiß nicht wie viele Frisöre in Frankfurt oder Wiesbaden auf einen Einwohner kommen, aber an jeder Ecke gibt es ein Geschäft. Die gefühlte Frisörsdichte ist enorm. Ganz sicher ein harter Markt. Mittendrin eine junge Frau, nennen wir sie Sina. Bis vor einem Monat verdiente sie Dreifünfzig die Stunde und arbeitete in der Filiale einer lokalen Frisörskette. Die Chefin lockte die Kundschaft mit diesem Sparangebot: „Ohne Termin zahlst du drei Euro weniger, wirst sofort bedient, kannst dir aber nicht aussuchen, von wem.“

Hat gewirkt. Laden X ist immer rammelvoll, und die Mädels, die den Leuten die Haare kürzen, immer auf Abruf. Sinas Laune war mies, als ich sie dort zum ersten Mal traf. So kannte ich sie gar nicht. Was war los? Voll gestresst, keine Pause mehr, maulte sie. Immer wenn sie sich gesetzt hatte, kam jemand. Dann wurde Sina schwanger und ihre Laune noch schlechter, sie war noch in der Probezeit. Die Chefin stellte sie: Du bist doch schwanger, launisch wie du bist. Lügen ging schlecht. Es war ihr letzter Arbeitstag.

PS:
Himmel- und Höllepreis der Freischreiber: 24.11. in München
Demo Keine Patente auf Pflanzen und Tiere!: 30.11. auch in München,
Freigesetzte Frisörinnen? Überall auf der Straße

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