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Wo bleibt das Bleiberecht?

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Lieber will ich all mein Silbergeräte verkaufen, als diesen armen Leuten die Aufnahme versagen.
(auf einem Denkmal in Bad Homburg für Landgraf Friedrich II., der 1687 den wegen ihrer Religion aus Piemont und Frankreich vertriebenen Hugenotten Asyl gewährte.)

Wump, Wump, wump. Töne wie Herzklopfen. In einem verdunkelten Saal sitzen 150 Leute, doch es kommt kein Mutterleibsgefühl auf. Wump, wump, wump – das Pochen ist Angst, ist aggressionsgeladen, ist Spannung. In der Mitte des mehrreihigen Stuhlkreises liegen vier Schauspieler auf Hände und Füße gestützt, jeder einen Ellbogen angewinkelt. Bei jedem Herzton stoßen sie sich vom Fußboden ab und mit rufen kurze, atemlose Sätze: „Kommen sie?“ „Die Zähne fallen mir aus!“ „Ich kann nicht mehr!“ „Sei still!“ Es soll beklemmen, es beklemmt. Die meisten Zuschauer sind wie gebannt, weil ihnen die Leute vom Peripherietheater mit ihrem Stück „Die im Dunkeln“ direkt aus dem Herzen spielen. In einer anderen Szene heißt es: „Sie wollen mich zurückschicken – wohin denn? Ich bin überall Ausländer.“ In wieder einer anderen spielt Hatice Bayval beispielhaft das Schicksal einer jungen Asylbewerberin, die bei der Familie eines ehemaligen Kommilitonen arbeitet, dort „seiner Oma den Arsch abwischt, statt weiter Medizin zu studieren.“ Studieren dürfe sie nicht mehr, weil die Ausländerbehörde fand, sie könne ihren Abschluss nicht innerhalb des bewilligten Aufenthaltszeitraums beenden. Gehe sie nicht freiwillig, drohten „aufenthaltsbeendende Maßnahmen.“

Die Vierertruppe erzählt von Verfolgung und Amtsschwachsinn und tränkt ihr Spiel mit schmerzhafter Unlust, die dem Gefühl entspringt, unerwünscht zu sein. Tränkt es mit bebender Wut, die jener Minderheit im Saal unter die Haut fährt, die bisher nie damit konfrontiert war. Alle anderen hier aber wissen, wie sich das anfühlt. Es ist ihr Leben. Alle andern gehören zu Jugendliche ohne Grenzen , junge Flüchtlinge, die sich 2005 zu einer Bewegung zusammengeschlossen haben, weil sie nicht auf den good Will von guten Menschen warten wollen. Selbst ist der Mensch.

Das Thema „Abschiebung“, das hier so impulsiv vorgetragen wird, trifft sie alle ins Mark. Sie kennen die Nacht- und Nebel-Aktionen der Ausländer-Polizei, die – man will es nicht wahrhaben – wahrlich an Nazigeschichten erinnern. Geschichten, bei denen Menschen aus Krankenhäusern geholt werden, oder Sonntagmorgens um sechs aus dem Bett. Geschichten von konzertierten Aktionen, bei denen ganz effizient, aus allen Ecken Deutschlands, verängstigte Menschen an kasernenartige Orte verfrachtet werden. Wo man sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit leichter prüfen, nach ihren Papieren fragen und am besten gleich in den Bus zum nächsten Flieger setzen kann.

Die jungen Leute, die sich bei JoG zusammentun haben genug davon. Sie kämpfen für ein Bleiberecht ohne wenn und aber. Wehren sich gegen „diskriminierende Gesetze“, die Ausländer ohne legalen Status ständig zwingen, sich ausweisen und durchsuchen lassen zu müssen. Sie sind jung und lehnen das Prinzip „Festung Europa“ leidenschaftlich und aus Prinzip ab (hört denn Europa in Rom auf?). Sie tun das mit Wut und mit Leichtigkeit zugleich, denn: sie wollen eine Zukunft, und schließlich auch Spaß im Leben haben. Sie sind gekommen, „nicht nur um zu bleiben, sondern um mitzugestalten“, steht auf ihren pinkfarbenen Infoblättern mit dem „Bleibi“-Bär. Deshalb treffen sie sich seit Gründung der Bewegung in Berlin jährlich zweimal zur gleichen Zeit wie Deutschlands Innenminister.

Das erste Treffen dient der Vorbereitung des zweiten, der „Jugendkonferenz“ während der gegen Abschiebungen demonstriert wird und der abschreckendeste, der „Abschiebeminister“ gekürt wird. Letztes Jahr bekam Thomas de Maiziére diesen Preis, zuvor gewann ihn schon zwei Mal der Niedersachse Uwe Schünemann, der Roma gleich massenhaft abschiebt. Dieses Jahr hat ihn der CSU-Mann Joachim Hermann verdient, finden die Mitglieder von Jugendliche ohne Grenzen.

Und das Positive? Private Initiativen mit Herz für Menschen. Leute wie du und ich, die sagen: bis hier her und nicht weiter. Die finden, dass kranke Kinder, oder Menschen mit Angst vor einem „Zuhause“, das längst nicht mehr ihres ist, dort bleiben dürfen sollten, wo sie heimisch geworden sind. Drei solche private Initiativen wurden ausgezeichnet (ich habe für Publik Forum darüber berichtet).

Was den drei Preisträgern auf der Seele liegt, (weshalb sie auch ausgewählt werden) ist das Prinzip Mutmachen: „Wenn ihr vor Ort etwas seht, was getan werden muss, wartet nicht, dass es andere tun, macht es selbst!“, meint Hans-Karl Kaufner (der Vertreter der Coburger Gemeinde, die einer Familie Kirchenasyl gewährte). Und auch Katharina Rieger von der Mittelpunktschule Hartenrod(, die einen neunjährigen, schwer kranken Tschetschenen vor Abschiebung bewahrte,) will gern andre anschubsen.

Und doch gibt es Distanzen. „Wenn wir vor Deutschen spielen, müssen wir das anders machen,“ meint der Frankfurter Theaterdarsteller Adil Khadri in der Pause und lächelt. Anders? Klar, weniger emotional, dass man sich nicht fürchtet auf dem feinen Theatersessel, das leuchtet mir ein. „Aber hier hat uns das Publikum mitgetragen, die wussten genau worum es geht.“

Die Gala, die Jog veranstaltet, ist nicht nur bemerkenswert, weil sie Frust und Freude vereint und von großer Improvisationskunst geprägt ist (keine JoG-Gala ohne Stromausfall, heißt es, als kurz vor Beginn Licht und Computer abschmieren), sondern weil die Jugendlichen alles locker selbst im Griff haben. Die Reden sind kurzweilig, die beschämend krassen Fakten treffsicher vor der Abschiebeministerwahl platziert: 18 Tote bei Abschiebungen, 14.687 Tote von 1988 bis 2009 beim Aufgreifen an den Grenzen Europas (und noch ein paar Zahlen mehr). Und die Minister werden von jungen Flüchtlingen aus den jeweiligen Regionalgruppen der Bundesländer vorgestellt.

Durch den Abend leiten übrigens superprofessionell Marina und Rena in einem Outfit, in dem sie auch gegenüber bei Innenministers Einlass gefunden hätten, jedenfalls, bis die Schuhe drückten. Was soll ich sagen – „I love Bleiberecht“.


 
 

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