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Kein Zeichen: kein Advent, weil Einer fehlt

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Nichts. Der Blick in die Hütte zeigt auch heute morgen keine Veränderung. Nur das Stück entrindeter Baumstamm, das da schon lange rumliegt und auf dem man zur Not sitzen kann. Wo bleibst du? Mann! Wenn du nicht doch noch kommst, fällt Waldadvent aus. Ausgerechnet. Gerade dieses Jahr, wo wir beschlossen haben: jetzt wird’s fotodokumentiert, von Anfang an, bis endlich Blogweihnachten ist. Was das heißen soll? Okay, kleiner Zeitschritt zurück. Für alle, die den Adventszauber des Frankfurter Stadtwalds nicht kennen – hier die Geschichte:

Schon vor dem ersten Advent (keine Ahnung seit wann genau) bewegen sich rund um den kleinen Unterstand am Kesselbruchweiher die zersägten Stammstücke umgestürzter Bäume. Rücken irgendwie zusammen. Wie beim Kinderspiel „Ochs am Berg“, oder wie ein ausgeschüttetes Puzzle, bei dem jemand die Teile durchwühlt und schon mal paar Stücke rauslegt. Am ersten Advent dann die Hirten. Stammholz als Körper, kleinere Holzstücke als Köpfe draufgepackt und den (Hirten-)Stock drangelehnt. Bis zum vierten Advent bevölkert sich die Hütte weiter mit Hirten und Tieren, Josef und Maria, und mit Heiligen. Alles liebevoll aus Holzfunden, Farnwedeln und Moosen arrangiert. Natürlich fehlt auch die Krippe nicht und schließlich, am 24. abends, legt der Adventsmann, niegesehn und unerkannt, das Kind ins Farnstroh: Ein geschnitztes Holzstück, mit weißem Stoff umhüllt, mit glänzend rotem Band gewickelt. Einfach schön.

Die Hütte selbst ist ein zugiger Ort, ein Dach auf Stelzen, ein Unterstand bei Regen. Im Winter aber, im Dezember wird sie zur Waldkrippe. Zum Ziel der Advents- und Weihnachtsspaziergänger. Die stehen dann, gucken, stellen umgefallene Hirten wieder auf. Und staunen über dieses echte kleine, alljährliche Wunder.

2007 hängte der unbekannte Waldkünstler auch mal ein Schild mit den eingekerbten Worten „Bäume haben Beine“ auf, bevor er aus dem Treibholz des Stadtwalds die Figuren zauberte. Und vor zwei Jahren haben Besucher nach Weihnachten Dankeszettel an die Hütte gepinnt. Die den Krippenbauer wohl tatsächlich erfreuten. Das jedenfalls sagte das Zeichen, das er hinterließ: Dankesworte auf einem kleinen laminierten Foto, das uns einen Motorroller in einem Garten zeigte. So war es bisher, aber ich fürchte: es ist Geschichte.

Ich habe mir immer vorgestellt, dass du ein Mann bist. Fürchte, dass es dir schlecht geht. Womöglich sehr schlecht. Womöglich gar nicht mehr? Vielleicht bist oder warst du der Mann, der im vorletzten Jahr noch im Herbst drei Obstbäume gepflanzt hat? Den ich immer für den größten Spießer aller Zeiten hielt, über den ich mal ein Gedicht schreiben wollte. Ein Gedicht über den Wahn des perfekten Grasschnitts. Wehe nämlich dem Gewächs, das in diesem Garten wagte, eine festgelegte Maximallänge zur überschreiten. Jeden Morgen kam er mit seinem Roller dahergebraust. Stutzte, werkelte, ordnete und bepflanzte seinen Schreber-Nippes: Ein Arrangement für Geranien und zwei akkurat symmetrisch ausgerichtete Plastikstörche mit Nest (Josef und Maria?). Irgendwann kam eine groteske, bikinitragende Metallstangenfrau dazu. Brüche waren ihm nicht fremd. Eine unheimliche Gesichtsmaske markiert bis heute die Grenze zum Nachbargarten.

Seit Mitte letzten Jahres schon verlottert das Grünfeld. Die Wiese wuchert erschreckend normal vor sich hin. Der General ist fort. Die Obstbäume sind zum Glück angewachsen und lassen mich an das Lutherwort denken: „Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Vor dem Garten steht eine schmale Bank – Halt auf offener Strecke für müde Spaziergänger. Secondhandtresen auch, wo Leute schon mal saubere aber überflüssig gewordene Weckgläser aussetzen. Diese Bank war sein Aushängeschild: penibel und knatschtürkis gestrichen. Und dann: sie ließ Farbe. Plackenweise. Bis jemand – der Sohn? – sie jägerzaunbraun angemalt, ihr ein neues Standbein und eine zusätzliche Sitzplatte verpasst hat. Die Bank als eine andere. Persönlicher, mit knorrigen Astansätzen am Bein und doppeltem Brett – als suche sie Halt, oder einen neuen Freund. Fast unbemerkt fehlt da einer. Wie in der Waldhütte.

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