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Meine Arbeit, mein (Frei-)Zeichen – Code of Fairness

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We did it again: wieder auf der Straße. Diesmal für mehr Fairness zwischen Redaktionen und Freien Journalisten. Für die Himmel-und-Hölle-Kampagne der Freischreiber. Diesmal zu sechst plus Baby, als Delegation des Berufsverbands Freischreiber bzw. als „befreundeter Freier Fotograf“, der das Ganze fotografiert hat. Wir wollten ja nicht jammern, sondern augenzwinkernd darauf hinweisen, was wir uns unter fairen Arbeitsbedingungen so vorstellen. Darunter ist einiges so banal, dass fest Angestellte kaum glauben können, dass es uns fehlt. Deshalb haben wir Glückskekse verteilt, in denen unser Freienglück in Form weiser Sprüche eingebacken war. Die Glückskeks-Aktion lief vom 12. September bis heute, 16. in Hamburg, Bremen, Berlin, München – und hier, in Frankfurt:

Wo gehen wir denn hin? Haben wir Rhein-Main-Freischreiber im Vorfeld überlegt: Frankfurter Rundschau? Die Festen dort hätten gerade sicher auch gern eine Aktion für mehr Fairness im Haus. DPA? Deutscher Fachverlag? Journal Frankfurt, Frankfurter Neue Presse? Wir einigten uns auf FAZ und Hessischer Rundfunk.

15. September, 9:15h

Glückskekse! von Freischreiber! „Oh, ja gerne. Von wem?“, fragten vor der FAZ Redakteure, die einen Kindersitz im Auto, ein teures Klappfahrrad unterm Hintern oder einen offenen Blick hatten. Und Humor: „Sind Sie Redakteur?“ „Ja – muss ich den Keks jetzt zurück geben?“ Natürlich durfte er ihn behalten, musste aber versprechen, die Botschaft zu beherzigen – die konnte etwa lauten: „Fürchte Dich nicht, Texte zu kürzen oder über Bord zu werfen. Fürchte Dich nur, deshalb auch weniger Honorar zu bezahlen.“

Die anderen, Humorlosen fuhren uns fast über die Füße. Wir haben vor Ort schon mal die freundlichen Vertreter der Sportredaktion und der Wirtschaftsredaktion mit einem gefühlten Himmel-Anstecker versehen und über die Betonkopffahrer herzlich gelacht. „Die Freischreiber? Ihr beschimpft uns doch immer, weil wir Texte zweitverwerten und nicht bezahlen!“ Dieser FAZ- Mann outete sich als einer der genau dafür Verantwortlichen. Einen Keks drauf. Möge er in sich gehen. Etliche haben uns Rhein-Mainern aber auch das Herz gewärmt, darunter eine Feuilletonvolontärin, die als erstes den Arm rebellisch-solidarisch in die Luft stieß, um sich dann schnell das Haar zurechtzuzupfen – war ja ein Fotograf da. Auch ein entspannter Redakteur der Frankfurter Sonntagszeitung, die nette Sekretärin von Technik und Motor gehörten zu den netten und der Ressortleiter von Deutschland und die Welt Alfons Kaiser ermutigte uns gar: „Finde ich gut, dass ihr das macht“.

Der FAZ-Chef vom Dienst allerdings fand offenbar nichts an uns gut – ein kluger Kopf? Er verhalf uns jedenfalls dazu, die Erfahrungen der Londoner Straßenfotografen selbst und life in Frankfurt zu machen (das Video dazu haben wir im Text Stand your Ground schon mal erwähnt). „Bringen Sie ihm doch ein paar Glückskekse mit“, schlugen wir dem (sehr freundlichen) Sicherheitsbeauftragten vor. Doch der lächelte nur mildtraurig. Insgesamt besuchte er uns dreimal: Beim ersten Mal, zu hören, was wir da treiben, beim zweiten, uns zu erklären, wo wir uns aufhalten dürfen, und beim dritten Mal, um uns mit Nachdruck den öffentlichem – und damit erlaubten – Aufenthaltsbereich zu zeigen (den wir im Glückskeksfieber nicht eingehalten haben). Eine Redakteurin hat scheinbar Angst vor zu viel Freiem bekommen, erst wollte sie den Keks, dann rumorte wohl ihr Gewissen, denn sie rief: „Aber nicht mich veröffentlichen!“ – das führte zu Securitys Auftritt Nummer 3: „Wenn jetzt noch eine Meldung in der Sicherheitszentrale eintrifft, muss ich das vierte Revier einschalten.“ Sein Tipp, wir sollten doch zum Hessischen Rundfunk fahren – genau das stand auf unserer Liste.
Vorher jedoch erwischten wir noch einen Wirtschaftsredakteur von der Frankfurter Neuen Presse (FNP), deren mehr als maue Honorare kein Geheimnis sind. Nahm den Keks und schlug die FNP für den Himmelpreis vor: „Bei uns leben alle Freien im Paradies!“

Aber jetzt schnell, noch vor der Mittagspause zum HR. 11:15h

Der Pförtner (beim ehemals als Rotfunk beschimpften Sender) sah uns nicht als Problem, sondern wies glückskeksbewegt den Weg zur Kantine. Unser jüngster Aktivist Raphael hatte vor den Tiefgaragentoren der FAZ kein Auge geöffnet und den gesamten Vormittag subversiv auf verbotenem Terrain verbracht – beim HR erwachten bei ihm alle Sinne, und er stürmte uns voran. Die ersten Glückskekse landeten bei freien Pressemitarbeitern, Tontechnikern und Archivmitarbeitern.

Und dann kam, was wir selbst kaum glauben konnten und uns beim CvD der FAZ in den Knast gebracht hätte: wir schlugen uns quer durchs Gelände zur Kantine durch. Fragten dort artig um Erlaubnis, erhielten sie und – beglückten Redakteure in Scharen: Manche kriegten erstmal nen Schreck: „Möchten sie ein Glückskeks?“ „Nein. Oh, Einen Glückskeks? Doch, Ja.“ Von wem denn, warum? Wir haben geredet und geredet, und verteilt und verteilt, und unser jüngstes Redakteursglück Raphael verteilte das Beste: sein hinreißendes Lächeln.

Eine Bildungsredakteurin hat sich sogar den Code of Fairness in Ruhe durchgelesen. Wie viele andere hier ist sie Freie und Redakteurin. Das geht beim HR so fließend ineinander über, dass manche erst antworteten, „Ja ich bin Redakteur, Äh nein, ich bin Freier.“ Eine solche Feste und Freie bestärkte uns: „Finde ich gut, Eine nette Aktion!“

Das Feeling danach war wie nach der Strickkunst-Aktion: meine Stadt, meine Straße, mein Zeichen. Selbst ist der Mensch. Und, Werner Herzog im Sinn: Wem die Zunge brennt, dem brennen auch die Sohlen.

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