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Altenheim Sündenpfuhl? Inspirieren statt bevormunden!

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Demenz-WG Ginkgo, LangenAlt sein. Altenheim. Ein graues Gefühl. Sitzt auf dem Bett, kriecht, riecht nach Putzmittel, staubigen Gardinen. Stille. Am Fenster sitzen. Tag für Tag. Kein Besuch, keine Lust, kein Leben.

Vorm Altenheim haben die meisten Deutschen eine Heidenangst. Nicht zu unrecht. Satt wird man dort meist, sauber gehalten auch – doch schon nach kurzer Zeit geht’s mit Körper, Geist und Seele bergab. Bald wird man mit dem Rollstuhl herumgefahren. Muss nicht sein, findet Angelika Zegelin, Pflegewissenschaftlerin an der Uni Witten/Herdecke, Kämpferin für ein würdiges Altenleben: „Diese Leute sind meist nicht gelähmt, sondern schwach. Sie verlernen das Laufen und Stehen, weil es nicht richtig gefördert wird.“

Und wieso laufen die Alten nicht einfach mal von selbst herum? (Ohne Fleiß kein Preis.) Wieso? Wieso eigentlich sollten sie ans Ende eines Ganges laufen – und wieder zurück? Würd ich auch nicht machen. Nur so, zum Trainieren? Für wen? Für was? Wenn es da aber – einen Spielautomaten gäbe, eine Bauecke, Sahnetorte… Bildergalerien am anderen Ende des Gebäudes oder Sitzinseln mit Kopfhörern, wo man sich Musik, Hörstücke oder Klangrätsel anhören könnte. Hui. Dann würde ich mich aufraffen, auch wenn die Knochen ächzen, die Hüfte schmerzt und das Hühnerauge drückt.

Wenn das Bewegen weh tut, muss das Ziel schon neugierig machen, findet Angelika Zegelin. Sie nimmt die Alten ernst: „Das können durchaus ‚schräge’ Sachen sein. Wir müssen zeigen, dass das Leben in einem Altenheim noch nicht zu Ende ist. Ich selbst würde jedenfalls lieber in ein Heim Namens ‚Sündenpfuhl’ einziehen als in das Heim ‚Abendfrieden’.“

Eine, die bei Alten an Menschen denkt, nicht an Pflegestufe, Arbeitsaufwand, Kostenfaktor. Ihre Ideen sind deshalb so wohltuend, weil sie normal und naheliegend sind. Und umsetzbar. Da sie selbst jahrelang ihren Mann gepflegt und als Pflegerin in Heimen gearbeitet hat, die sie jetzt als Forscherin besucht, weiß sie genau, wovon sie redet und wie es geht.

Betsan Corkhill ist auch so eine. Die englische Physiotherapeutin fand es entsetzlich, dass viele ihrer Patienten immer schwächer wurden, weil sie keinen Sinn darin sahen, das Haus zu verlassen, oder sich überhaupt zu bewegen. Der Tag lief aus in ein WozuWozuWozu? Wenn die Farben austrocknen, die Gardine das Leben aussperrt und die eigenen Gedanken sich in Endlosschleifen verheddern – ist nur noch Kaukummizeit. Warten. Warten auf den Tod, Und nicht mal der kommt.

Was würde ich tun? Muss sich Betsan gefragt haben, nachdem alle erprobten Methoden der Physiotherapie an diesen Alten abperlten. Als sie zufällig von Freunden gebeten wurde, bei der Produktion ihres Strickmagazins auszuhelfen. – Sorry, ist wirklich kein Strickblog hier, aber ich bin derzeit an diesem Thema – fiel der Penny. Plötzlich war die Antwort klar: Was würde ich tun? Handarbeiten! Sie hängte Alte, Depressive und Schmerzpatienten einfach an die Nadel. Und es ging ihnen besser.

Betsan gründete stichlinks Angelika Zegelin ein Mobilitätsprojekt. Inspirieren und Zuhören statt Bevormunden. Das ist der Schlüssel zu einem respektgeladenen, achtsameren Umgang – nicht nur mit Alten.

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