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Strickrebellen und Strickwissenschaftlerinnen

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Strick-Graffiti

Strick-Graffiti copyright Pat Meise

Farbe wo nie Farbe war: bunte Einerkörbchen-BHs, Mützchen und Badeanzüge lassen die schönen sieben Nackten im Rothschildpark leuchten. Gut 55 Jahre waren sie erhaben, traurigschön und dunkel. Seit diesem Sommer tragen sie Strick und sehn aus wie neugeborn. Wahrscheinlich das Werk der Frankfurter Strickguerilla. An der Sitzbank gegenüber allerdings ging ihr wohl Esprit oder Wolle aus. Denn die nach lieblosem Schnellstrick aussehenden Teile sind da nur irgendwie drumgemurkelt. Da geht noch was.

Kurz zuvor hatte ich überhaupt erst vom Streetart-Ableger Strick-Graffiti gehört und gedacht, Oh-Kay. Nett. Hier bei uns gibts das aber nicht. Von wegen. Überall sprießt und mäandert plötzlich Maschenwerk. Sowohl von Schnellstrick- Garnbombern, als auch von hingabevolleren Aktivistinnen, die Schilderstangen umstricken oder Nicht-auf-dem-Gehweg-Parken-Bügel. Letzterer steht bei uns um die Ecke, und ich sah beim Einstricken zu. Unglaublich beruhigender Anblick, wie Oma beim Apfelschälen, und das mitten an einer Pendlereinfallstraße. Dass beide Geduldsfrauen zum Stoffladen dahinter gehörten, lag nahe. „Aber wir sind nicht von der Strickguerilla!“ Und dann noch mal genauer hingeschaut – Das sind ja Stoffbänder! „Wir haben immer so viele Reste, das war eine gute Möglichkeit, die mal aufzubrauchen.“ Sich die Welt anverwandeln, ihr neue Augenblicke bescheren und sie bunter machen – das ist für die meisten Stricker das Ziel. Sollte mich da mal der Ehrgeiz packen, werde ich Mützchen für Poller stricken oder Rückgratwellen für Amtsschimmel und Behördenzäune. Bis dahin habe ich aber noch ne Menge anderer Projekte auf der inneren Liste.

Seit neustem hole ich mir Anregungen bei der ravelry Gruppe „scientific knitters“. eine von ihnen ist Alice Bell und sie gehört zu einer ganzen Reihe von Wissenschaftlerinnen, die sich von Anatomie, Neurologie oder Genetik inspirieren lassen. Kennen gelernt habe ich diese Subkultur durch Recherche zum Thema Nanotechnologie. Andrew Maynard, Leiter des Risk Science Center der University of Michigan schrieb sein mittlerweile meistgelesenes Post darüber auf seinem Blog Science 2020: Irgendwo mittendrin ehrt er die Strickerinnen mit dem Satz „Interested in DIY-microbes? Forget synthetic biology – just download a knitting pattern!”

Muster sammle ich seit zwei Jahren, seit es mich nach dekadentlanger Nadelabstinenz akut erwischte. Eine Frau in der Bahn ist schuld, die unfassbar schöne Topflappen produzierte, far away von Muttertag. Ganz in Bann geschlagen forschte ich nach Anleitungen. Erste Adresse: Buchladen. Klar, hatten die da Topflappenbücher. Aber für wen bloß? Mit Gänschen und Hühnchen und Teekesselchen als Einstrickbilder und dazwischen große Löcher zum Verbrennen. In den Strickheften derselbe Mist. Bis der I-Groschen fiel. Wer Muster sucht, muss ins Netz.

Strick-Graffiti

Strick-Graffiti copyright Pat Meise

Strickblogs wie Julimond, von-stroh-zu-gold, Wollhuhn waren die ersten Quellen meiner Inspiration. Durch sie kam ich auf Socken. Socken? Ausgerechnet. Wie geht das denn? Sockenwolle war schnell gefunden, allein die Farbauswahl im Wolladen macht mich schon kirre. Das ganze Spektrum in einem farbsprühenden Zauberknäuel, unwiderstehlich. Und wie war das noch mit den Nadeln? Hab ich noch? Zum Glück hatte ich nicht. Jetzt besitze ich feinste, modernste Designernadeln aus Rosen- und Birkenholz. Marmoriert eingefärbt schnurren die in meinen Fingern – sofern ich sie beim Fersenstricken nicht zerbreche. Passiert  leider öfter, denn ich habe das Fersenstricken bei Elizzza, der österreichischen Bumerangfersenqueen, per Video gelernt: „gaanz feste anziehen, sonst gibt Löcher.“ Nachdem die ersten Socken tatsächlich tragbar waren, suchte ich bei anderen Bloggerinnen nach Anspruchsvollerem. Und fand „Osnabrücker Socken“ zum Beispiel, das genialschöne Lochmuster heißt auch „spanisches Muster“. Irgendwann werde ich ein Tuch damit stricken. Seitdem ich Ravelerin bin, denke ich, meine Zeit wird kaum reichen, um all die Ideen umzusetzen.

Schon wegen der Science Knitters…  Wahnsinn, was Wissenschaftlerinnen sich so vornehmen: zu den Werkstücken der Soziologin und Medienwissenschaftlerin Alice Bell etwa gehört eine DNA-Jacke und ein Illusionsschal, ebenfalls von einer DNA-Helix-inspiriert. Außerdem Klaviertastensocken und ein Blätterschal. Die Mathematikerin Daina Taimina hat 1997 entdeckt, dass das Häkeln von Rüschen wunderbare Anschauungsmodelle ergibt für das Verständnis hyperbolischer Ebenen (nicht euklidische, sozusagen gekräuselte Räume, in denen sich Parallelen schneiden). Margret Weinstein, eine andere Mathematikerin, die mit ihrer Schwester Chris das Institute for Figuring betreibt, hat an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Bildung und Kunst aus Taininas Häkelanleitung ein ganzes Korallenriff erschaffen. Als Zeichen und Warnung gegen Klimawandel und Umweltverschmutzung…

Strick-Graffiti

Strick-Graffiti, copyright Pat Meise

Weil Maynard auch zu American Scientific linkte, habe ich das gestrickte Gehirn der Psychiaterin Karen Norberg aus Cambridge, Massachusetts gesehen. Diese Wahnsinnsarbeit liegt in einem Museum. Die Psychologin Marjorie Taylor von der University Oregon wiederum war von Gehirn-Computerbildern derart fasziniert, dass sie eine Großhirnrinde aus Samt und Satin auf einen Quilt applizierte.

Vom Nano-Blog weiß ich jetzt auch, dass es Strickregeln für Wissenschaftskonferenzen und Meetings gibt. Würden Wissenschaftlerinnen in Deutschland sich das auch wagen? Ich habe auf noch keiner Tagung je Irgendeine stricken sehen. Die Amimädels könnten da gern mal für etwas Empowerment sorgen… schließlich sind sie Vize-Weltmeisterinnen.

3 Kommentare

  1. Hallo!
    Das sind wunderschöne Fotos von diesen sehr ausgefallenen Bestrickungen.
    Wir sind begeistert…so begeistert, dass wir gerne einen eigenen Blogbeitrag einstellen würden über diese sehr ästhetisch anmutenden Bestrickungen der Skulpturen.
    Dürfen wir die Bilder verwenden dafür?
    Liebe Grüße aus dem bestrickenden Aachen
    Das Team von Aachenstricktschoen.com

  2. eine tolle Idee! Sehr stilsicher!

  3. gefällt mir, lieben Gruß
    Andrea

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