Aus name zustand: 17.000 friedliche Protester!

19. März 2015 von Sylvia | 2 Kommentare

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Feuer und Gewalt! Morgens um 7 ist die Welt schon angeraucht. Eine halbe Stunde nachdem der erste Heli übers Haus geknattert ist, laufen die ersten Meldungen über Twitter. Wie? Brennende Autos und Barrikaden? „Shit! Keine Gewalt!“ Bittet @Muschelschloß auf twitter. Ja, Scheiße. Bleibt aber Ausreißer von immerhin 1000 Hool-Köpfen, die für Randale gekommen sind. Da hat Frankfurt schon anderes erlebt, selbst wenn jetzt alle Medien schnappatmen. Und das heftigst, untermalt von den feurigsten Szenen und Fotos von den steinewerfendsten Schwarzer Block-upyern. Vom Machtdemonstrations- oder Self fulfilling Prophecy-Charakter des „Schutzkonzepts“, das unsere Stadt schon seit Montag in eine Festung verwandelt hat – nichts. Vom Ausschluss der Presse bei der Eröffnungsfeier – nichts. Nicht die Demonstranten haben die Innenstadt wegen Brandschatzens und Marodierens lahmgelegt, wie man angesichts der Berichterstattung denken könnte, sondern die großzügige Absperrung der Innenstadt durch die Polizei.

Ausreißer hin oder her, der Morgen war krass. Autos haben gebrannt, es gibt diverse Scherben, Emotionen, Feindbilder aufzukehren. Und wieder zeigte sich, dass Streitkultur fehlt, dass Konflikte vor allem eins auslösen: Angst. Traditionell wurde also nach rechts und links sortiert – und besonders dort gemobbt und gepöbelt, wo es am wenigsten soziale Kontrolle gibt, im Netz.

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Um 14 Uhr auf dem Römer jedenfalls wars pickepackevoll und alle hatten beste 1.-Mai-Stimmung. Der Attac-Slogan „My big fat greek Solidarity“ war einfach gut, für Kinder gabs blau weiße Herzchenballons. Kurz: Schuldenschnitt mit Herz. Junge und mittelalte Leute waren da, Friedenstäubchen mit Pace-Fahnen und Hardcore-Aktivisten mit denselben Sturmhauben wie die Polizei. Rund zehntausend fasst der Römer. Rund um den Paulsplatz waren nochmal so viel, flankiert von nochmal so vielen Einsatzkräften. Später in der Tagessschau (die Jungs haben vor mir gefilmt) sieht man davon im Schatten von Randale und Feuerbildern nur eine Pflichtsekunde lang. Heiligs Blechle!

Die Zeil wurde von Aktivisten wie bei Occupy vor zwei Jahren mit diversen Aktionsspots aufgemischt. Wellenbewegungen von Demonstranten und Polizisten. Geführt von einer Sambatruppe in rosa. Die wird zweimal eingekesselt – doch weiter geschieht nichts, beide Seiten machen ihre Demo, verhandeln und halten sich zurück. Es geschieht ohnehin nichts, was nicht gesehen, dokumentiert und getwittert wird. Von hinten sieht man nur emporgereckte Arme und Smartphones, oder das Teleskopstativ mit Kamera der Polizei. Gerangel. Hin- und Hergewoge. Sie rufen: „This is how – demo-cracy looks like! This is how – demo-cracy looks like…“ – und ich wundere mich, dass nicht alle mitschreien. Nee, mitschreien ist oldschool. Dafür wird aufgezeichnet.

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Ansonsten ist es gespenstisch leer in der Stadt. Manchmal begegnet man einem Trupp Polizisten, die wie eine Phalanx irgendwohin marschieren, manchmal einem Trupp Demonstranten, die sich mit Proviant eingedeckt haben. Manchmal beidem… Mittwoch autofrei – das hat mir gut gefallen. Konsumfrei teilweise auch – Kaufhof und diverse andere hatten geschlossen (sicher mal sicher). Das bereinigt die Demostatistik. Hatte mal recherchiert, dass an einem Occupy-Aktionstag mehr Leute bei Kaufhof waren als auf der Demo. Gestern nicht.

Mittlerweile sind sie wieder zuhause die 900 Sonderzuzügler aus Berlin. Die Italiener, Spanier, Franzosen und Griechen werden wohl noch hier sein. Die Medientitel am Kiosk melden Feuer und Randale! Wenig, was Menschen mehr in Alarmzustand versetzt. Und Zeitungen wollen ja verkauft sein. Auf twitter bedauerte einer, es werde bleiben, dass man besser mit dem einen Prozent an Reichen leben kann, als mit den 99 % Bekloppten. Yep. Das ist der zentrale Befund des Tages. die Diskussion geht nicht dahin, wieso wir einen Verarmungskurs mittragen, wieso wir alles tun, dass das Geld nur ja ausschließlich bei uns bleibt (Griechenland den Griechen! Haben ja eh alle nur geprasst. Zum Schämen wie dieser Schäubleplan eines Flüchtlingslagers in Nordafrika – was ist extrem?). Nein, es wird nicht über auskömmliche Lohnkosten, faire Behandlung oder ähnliches diskutiert, sondern – über gewaltbereite Linke, respektive Ausländer.

Es soll auch Verletzte unter den Polizisten gegeben haben (laut @polizei_ffm abends schon wieder alle fit. Der Tagesspiegel meint, vom selber versprühten Pfefferspray). Gewalt macht Gewalt. Daher ist doch die Frage, wie klug das Konzept war. Wie gut die Idee, die Bank wie eine Festung schon zwei Tage vorher zu verrammeln und zu verbarrikadieren und die Stadt mit 10.000 Polizisten aus ganz D aufzurüsten, die in ihren Rüstungen wie eine Kreuzung aus Bulldogge und Footballspieler aussehen. Dass die Protester aus Südeuropa sich nicht aufhalten lassen, wenn sie dem kapitalistischen Machtzentrum ihre Meinung kundtun wollen – Überraschung! Heute ist die Stadt wieder uns, der Aufräumdienst war schnell, von Frankfurt in Schutt und Asche keine Spur. This is how democracy looks like…
 

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Stadtgedicht: Aussicht

14. März 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

Zur Feier des Tages (12.3., an dem der erste Lyriker den Leipziger Buchpreis gewann..): Hach Lyrik. Analoges twitter.

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Aussicht

Balkons gegenüber
Kinder spielend
Sonne im Nebel – Reflexe bizarrer Schönheit
des Balkons gegenüber
Mosaike der Lebenswahl, je tiefer desto
besser der Blick über die
Brüstung des Balkons gegenüber
eindringend in fremdes Leben, fremde Horizonte
der Brüstung des Balkons gegenüber
solange Gott dieses Detail nicht im Griff hat, sagt W.
hab ich nichts mit ihm zu tun
Von der Brüstung des Balkons gegenüber
springt ein Mädchen.

 
 

5785 Hektar = Heimat durch X

23. Februar 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Was ist Heimat? Zum Beispiel “5785 Hektar Stadtwald” – so heißt unser Langzeitprojekt. Hier ein Zwischenstand, gefasst zu fünf Triptycha. Jedes ist als Rundblick mit Brüchen konzipiert. Unsere Füße als menschliche Klammer, damit stehen wir stellvertretend für all die regelmäßigen Waldgänger, die sich wie wir in einem Stadtwald heimisch fühlen. Jene, die dem Ort und einander verbunden, sich dort morgens, mittags, abends treffen, sich grüßen und kennen, auch wenn sie kaum mehr als ein Wort wechseln. Unsere fünf Bildtafeln folgen wie Eyetracker dem menschlichen Schweifen durch den Wald – und entdecken eine Welt, die direkt vor unserer Haustür liegt. Eine Welt, die manchem Frankfurter ferner ist als etwa der malaiische Regenwald, in dem er vorgestern noch über eine Hängebrücke lief… Eine Welt, die für den Durchschnittstädter eine nahezu unbekannte Fremdartigkeit birgt.

Die Verwandlung etwa eines Rehs in ein exotisches Wesen, oder ganz allgemein die Entfremdung von der Heimat war Auslöser dieses Projekts. Seit 25 Jahren erkunden wir den Frankfurter Stadtwaldgürtel zu Fuß oder mit dem Rad auf verschiedenen Strecken – und sehen in der letzten Zeit eine gefühlt stetig ansteigende Zahl von Menschen, die dort joggen, Hunde ausführen, spazieren gehen, auf Bänken in der Sonne sitzen oder Vögel füttern… Immer wieder freuen wir uns über das hingabevolle Staunen der Menschen, wenn plötzlich vor ihnen ein Damhirsch den Weg kreuzt. Und sind verwundert, wie wenige den Unterschied zwischen Reh und Hirsch kennen oder wissen, wie wichtig der Wald für die Metropole Frankfurt ist. Vielleicht weil es keine „Heimatkunde“, sondern nur noch Sachkundeunterricht gibt?

Klar wird der Wald auch genutzt. Und leider nimmt auch das stetig zu. Förster und Privatleute ernten Holz, denn auch Forste müssen Profit abwerfen. Doch der stadtnahe Wald kann einiges mehr als Holz oder Bärlauch aufziehen. Für Städter ist er ist Luftfilter, Wasserreservoir, Lärmschutz und Erholungsgebiet in einem. Einmal im Fokus bietet uns der Stadtwald jedes Mal ein anderes Bild. Entdecken wir immer wieder Unbekanntes in dieser von Menschen gestalteten und genutzten Natur. Neues, zuvor nie Wahrgenommenes wie die Harztropfen auf geschlagenen Baumstämmen, einen in den Wald geworfenen, mit der Zeit moosüberzogenen Polsterstuhl, oder die Verschmelzung eines Nacktschneckenpaars zu Ying und Yang. Mit unserem Projekt wollen wir diese Welt aufschließen. Und zeigen wie wertvoll sie ist. Dazu passt der Begriff von Heimat von Ernst Bloch: „Die vergesellschaftete Menschheit im Bund mit einer ihr vermittelten Natur ist der Umbau der Welt zur Heimat.“

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20. Februar 2015
von Sylvia
Keine Kommentare

Buchkritik: Kinder machen von Andreas Bernard

Cover A. BernardSchwanger werden durch Fremdsamen – ist das Ehebruch? Das war die erste Frage, die die Gründern der weltweit ersten Samenbank 1936 in den USA zu klären hatten. Heute reißt die Injektion einer Samenzelle niemanden mehr vom Hocker, denn unter allen machbaren künstlichen Befruchtungsmethoden ist sie mittlerweile die simpelste. Heute dringen Methoden und Fragen weit tiefer in die Körper der Beteiligten – und damit in den Körper der Gesellschaft ein. Mit Samenspender, Eizellspenderin, Leihmutter, Embryologin oder Retortenkind gerät die alte Vater-Mutter-Kind-Familie zum komplexen Konstrukt. Der Journalist und Kulturwissenschaftler Andreas Bernard fragt in seiner als Buch veröffentlichten Habilschrift, ob – und wenn ja, wie – sich dadurch das Bild der Familie verändert. Was bedeutet es, wenn ein Kind bis zu fünf Elternteile haben kann? Die sich noch dazu in biologische und soziale Eltern aufspalten? Und wie veränderet sich die Funktion, die Rolle oder die Identität aller ihrer Angehörigen?

Die Recherche rund um die „assistierte Empfängnis“, die zunehmend nicht nur eine künstliche, sondern vor allem eine „optimierte Reproduktion“ darstellt, macht frappierend klar, wie sehr die eigentlichen Protagonisten, Eltern und die Kinder, aus dem Blickfeld geraten sind. Im sterilen Umfeld des Labors wird der Umgang mit Samenzellen, Nährflüssigkeiten und Pipetten zur Routineangelegenheit. Emotionen haben hier nichts verloren. Der jüngste Trend des social freezing, bei dem Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen (können? sollen? wollen?), die erst Karriere, dann Kinder aus eigenen jungen und gesunden Eizellen haben wollen, ist nur ein weiterer Dreh an dieser soziobiologischen Verfasstheit.

Bernard erzählt vom Vorantasten der frühen Forscher und dem Einfluss des Christentums auf ihre Vorstellungen. Kaum zu glauben, wie Tabus und Ängste bis heute unser Bild von Mütterlichkeit, Ehe oder Familie prägen. Die Entdeckung des Spermiums (1677 in Delft) ist ein packend erzähltes Stück Sexualgeschichte und mancher mag die darauf folgende Entdeckung (150 Jahre später) des Säugetier-Eis eklig finden. Bis dahin hielt man Frauen für zeugungsunfähige, minderwertige Männer. Exakt noch einmal 150 Jahre vergehen, lässt uns Bernard staunen, bis Louise Brown, das erste Retortenbaby der Welt, geboren wird. Dass ihre Eltern dabei nicht mal ahnen, dass ihr Kind eine Sensation ist, ist bezeichnend für die Diskrepanz zwischen dem Tempo des medizinischen Fortschritts und der Langsamkeit, mit der wir ihn begreifen. Ganz zu schweigen von der Fähigkeit einer Gesellschaft, derartige Veränderungen in ihre traditionellen Konzepte zu integrieren.

Der wortgewandte Autor nimmt LeserInnen mit an Orte, zu denen sonst niemand Zutritt hat, etwa zur Münchner Embryologin, die in ihrem Labor schon über 10 000 Kinder gezeugt hat. Was er wiedergibt ist filmreif: Wie sie mit den Zellen redet oder dass sie diese am liebsten verschmilzt, während sie Wagner hört… Gespräche mit weiteren Medizinern, Geschäftsführern von Samenbanken oder Leihmutter-Agenturen machen deutlich: Aus dem sehnsüchtigen Kinderwunsch von Paaren, die ungewollt kinderlos bleiben, lässt sich ein gutes Geschäft machen. Zwischen ein paar hundert Euro für eine Samenspende und über 100 000 Euro für Eizellen- und Samenspende plus Leihmutter können ein deutsches Paar die Dienstleistungen rund ums Kinderkriegen kosten.

Ob Kinder mit ihrer Herkunft Probleme haben oder nicht, hängt nach einer Studie mit Kindern homosexueller Paare vor allem von der Akzeptanz ihres Umfelds ab – und die fällt sehr unterschiedlich aus, bis vor 100 Jahren waren solche Familien undenkbar, und Kinder aus Samenspenden wurden als „Monster“ tituliert.

Genug Stoff zum Nachdenken. Als Magazinjournalist weiß Bernard spannend zu erzählen, als Kulturwissenschaftler interessiert ihn die Verknüpfung des Heute mit dem Gestern. Das ist ein besonderer Ansatz – und das Ergebnis sehr lesenswert. Es wirft neues Licht auf eine Debatte, die gerade beim Thema Wunschkind/Kinderwunsch gerne besonders erregt verläuft. Zeigt aber auch: Den richtigen Dreh, diese neue, ausgelagerte Form von Intimität emotional zu verarbeiten und aufzufangen, haben wir als Gesellschaft noch nicht gefunden. Vielleicht wirkt das Ende deshalb so zerfasert und unentschlossen.

 

Andreas Bernard: Kinder machen. Neue Reproduktionstechnologien
und die Ordnung der Familie. Fischer Verlag, Frankfurt 2014, 543 S., 24,99 Euro.

 

Die Rezension ist in ähnlicher Form in der März-Ausgabe von Psychologie Heute 2015 erschienen.

Urban Poetry: Uns

18. Februar 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Uns

Die Frühe. Die Straße. Nur uns.
Der Nachbarin, die zur Schicht eilt, der Schlaflosen,
dem Zeitungsmann, vermummten Radlern, Bauarbeitern – uns.

Die Bahnen ihr,
der dicken Schwimmerin.
Die im allmorgendlichen Ritualbad
sich treiben lässt. Ihr Glück
für eine Viertelstunde
la Reine, la Delphine! Nur Sie.
Textor zum Tag. Leicht, unbeglotzt, frei.

Die Fenster. Im Atem der Fremden.
Himmel löst Welt. Löscht Nacht. Im Nebel dunkler denn je.
Die Straße der Frühe.

Uns

 
 
 

Schwarmeleganz: Bergfinken

14. Februar 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Hier der Link zur Galerie: Bergfinken im Winterquartier (15 pics)

Da sind sie! Erst die kleine Vorhut, rund 50 der heiß erwarteten Bergfinken, dann eine Zeit lang wieder nichts. Dann ein weiterer Vogelschwarm, und kurz drauf die nächste Vogelwolke. Tausende, abertausende Vogelleiber im Formationsflug. Zum ersten Mal zeigen sich Bergfinken hier in Hessen. Bieten uns ein ungewohntes Bild: unerschöpfliche, unfassbare und dazu magisch schöne Überfülle.

Sie kommen her zum Schlafen, satt von Bucheckern, die es letztes Jahr reichlich gab (sprenkeln uns mit weiß-zimtnen Klecksen). Mal ähneln sie einem Band, das sich spiralig windet, mal wenden sie, als hätten sie genau diese Choreografie für genau jene Sekunde ausgezwitschert. Geflogene Partituren. Der Himmel gefüllt mit Strichen und Punkten. Zeichen so fremd und zugleich so vertraut, man möchte mitsingen, mittanzen, fliegen…

Ausbreiten, falten, anlegen, Fahrt gewinnen! Dabei sind sie kaum zu hören. Ein überirdisches Rauschen, ein flattriges Flirren wenn sie genau über unseren Köpfen sind, mitten durch die Menschen zu fliegen scheinen, oder zum Steigflug ansetzen um endlich ihren Schlafplatz auszusuchen. Ausbreiten, falten, anlegen. Mit angelegten Flügeln wie Fischlein. Luftfische. Silbern, schwarz und orange. Und wie sie uns in Erstaunen versetzen. Aufstiebend Schleifen ziehen ohne je aus dem Takt zu geraten. Jedes Einzelgeschöpf im angemessenen Abstand zum je anderen – und landen. Und das alles nur mit Hilfe ihres Kleinhirns wie sich in „Ornis“, dem letzten Buch von Vogelversteher Josef H. Reichholf nachlesen lässt. Und wir reden von “Schwarmintelligenz”. Wären unsere Synapsen so wendig wie ihre, gäbe es keine Verkehrsunfälle.

Unten auf der Wiese kommen wir langsam wieder zu uns. Die Menschentraube, die sich auflöst in der Dämmerung. Entspannt, gebannt, beglückt.

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Urban Landscapes: Fünf

9. Februar 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Fünf

Gott was für ein Licht!
Leitfeuer. Leuchtspur. Gepunktet.
O Glück!
Die Kreuzung so still
so tief – nebelzart
im Eishauch

2 Stunden noch
dann wieder Stoß und Stoß
Rot und Rot. Warten.
Warten. Warten.
Minority Report
War da was? Gestern?
Nacht im Kopf – Coffee to go
Voll heiß.
Voll kalt – Slow-Mo

Warte. Noch ist
Zeit.
Vereist die Bühne. Traumkalt, leer
zerwischt
Orangnes Leuchten
Urban stills
Memes all over

Guck. Die im Fenster
wie aufgezogen
Steht. Kaffee. Schicht
Dreht im eignen Rhythmus,
wie nie von dieser Welt.
Sortiert, ordnet, häuft
Brezel und Brötlich
ne andre
matscht im Nudelsalat
schabt, formt, pampt
so fort

2 Brücken weiter
Schlag auf Schlag. Ein Riese
Boden bebt
Metall blaut
rammt – tief ins Stadtherz – rafft
Main-Erde
rasselt, rummst, rockt
schlägt ab
häuft das Gebrock, dampft und schnauft

neongelb die Arbeiter
kurz angezuckt
vom Blau der Retter
…vorbei…
Mögen ihre Hände ruhig sein

 

4. Februar 2015
von Sylvia
Keine Kommentare

Erleuchtet: Minutes to Midnight von Trent Parke

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Schon der Einband dieses Fotobuchs fasziniert: Zarte Figuren mit durchscheinenden Flügeln. Ein Schwarm Flughunde oder Fledermäuse. Kleine Ikarusse gedruckt auf grauem Leinen. Drinnen unzählige Geschichten in buntestem schwarz-weiß. Strahlende Bilder, die mal atemlos wirken, mal hechelnd geballte Lebenskraft versprühn – eingefangen vom Magnum-Fotografen Trent Parke. Ein Lichtfänger dieser Mann. Mitten unter den Menschen, Aug in Aug oder durch sie hindurch. Seine Bilder strahlen surreale Direktheit. Es geht um Liebe, Geburt, Schmerz, Tod. Was sonst wäre wichtig. Was sonst würde taugen in den Minuten bis Mitternacht. Minutes to midnight, die uns bleiben bis zum Tag X der globalen Katastrophe. Oder auch nur der persönlichen. Man erfährt nicht mehr, als das, was man in der Lage ist, selbst zu sehen. Wir haben dieses Buch zusammen mit einem der ungewöhnlichsten Ausstellungskataloge geschenkt bekommen, die wir je hatten. Kein teurer Tiefdruck, sondern billiges Faltwerk aus „Massenpapierhaltung“ für zweisechzig. Gemeinschaftswerk der Süddeutschen und Gerhard Steidl zur Ausstellung von Robert Frank in München. Mit keineswegs billigen Texten. Sie begleiten uns jetzt seit sechs Wochen. Unter anderen der von Walker Evans (über The Americans): „For the thousandth time, it must be said that pictures speak for themselves, wordlessly, visually – or they fail.” Wie das auch auf dieses Buch passt. Vielleicht, weil es auch vom Steidl-Team gemacht wurde. Ohne Seitenzahlen ohne erklärenden Text, lediglich eingangs ein kurzes Zitat (aus einer Meldung der australischen Zeitung „The Sunday Mail“), in der es um ein unerklärliches Lichtphänomen geht.

Das Buch könnte auch The Australians heißen. Ich sehe eine fotografische Leuchtspur. Eine ultimative Aufforderung das Leben zu lieben. Gerade in den letzten Minuten vor dem Tag X. Drei Minuten haben wir noch bis zwölf, sagt die Doomsday-Experten-Uhr. Ist das der Titel? Die Atmosphäre im Buch jedenfalls wie in dem Film Melancholia, allerdings in magischem Schwarz-Weiß. Darunter eine Doppelseite Nacht. Tiefschwarz. Sonst nichts. Trent Parke klinkt sich ein in Parallel-Zeiten, Parallel-Leben. Menschen. Einzeln. In Gruppen. Beim orgiastischen Feiern, beim Knutschen, beim Schlafen, im Schlamm oder nachdenklicher Zwieschau mit dem Fotografen. Tiere. Einzeln,in Schwärmen, tot. Landschaften wüst oder geheimnisvoll. Und alle streift, durch alle strömen diese Photonenschleier. Aufgeschrieben hab ich das eigentlich nur wegen Martin Gommel von kwerfeldein, der am Ende seines 5 Fotobücher des Monats-Posts auffordert, wem noch was fehlt, möge es gerne sagen. Okay. Ich sage: Trent Parke (den wir nur kennen, weil es in Berlin diesen wunderbaren Fotobuchladen 25books gibt und unseren Sohn).

Trent Parke: Minutes to Midnight
Steidl Verlag Göttingen, 2014 (2. Auflage) 96 Seiten, 38 Euro.