meiseundmeise-blog

25. März 2014
von Sylvia
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Ypsilon rising: Einmal mit alles bitte!

Pano_High Inn #01
 
Was machen diese Y-Kinder bloß, wenn mal kein Strom da ist? Vor zehn Jahren noch ging es uns als Eltern wie so vielen: um alles, was uns wichtig war, wurde gerungen. Also, um computerspiel-freie Zeiten (hatten trotzdem keine Chance gegen GTA, Warcraft, Hitman), um rücksichtsvollen Umgang mit Strom, Wasser, Essen (trotzdem keine Chance gegen Dusch-Séancen oder Burger vom Meckes), und Schule. Mit der kämpfte man sowieso, ob wie oder dass sie was Ordentliches auf die Beine stellt. Vor allem die Jungs standen ja immer in der Kritik. Und haben auch für die entsprechenden Aufreger gesorgt, denn: Mann, war das cool so. Voll verkabelt, immer was am Laufen… Leistung? Bah.

Was sollte das geben? Und jetzt? Baut unserer seinen Bachelor mit 1,0. Bah. Hut ab. Und drei Tage später auf dem Airport wie zuhause. Inmitten der Freundescrew den letzen Check und: ab. Abgehoben zum Praktikum in Südafrika… Nehmt das, ihr drei bis fünf Gymnasiallehrerfuzzies, gegen die ich damals bloß deswegen nicht mit Glossen geschossen hab, weil es dann echt persönlich gekommen wäre.

Was treibt die Kinder denn jetzt? Die Negativ-Vorhersage der Lehrer oder die Ermutigung der Alten? Die jüngste GfK-Konsumentenstudie (2012) zeigt, dass die jungen Erwachsenen jetzt vor allem genug haben vom Inszenierungsdruck. Genug davon, sich so gut wie möglich verkaufen zu müssen auf jedem Markt, den es so gibt. Es gebe einen Wunsch nach mehr Privatheit, mehr Nachhaltigkeit, mehr Authentizität im Leben. Die Studie sagt auch, dass jenes Angeödetsein von Verkaufe nun auch schon auf die Y-Eltern übergreife, den 50plussern.

Gekauft. Kommt sie jetzt, die längst angekündigte Generation Y und zeigt uns, was alles geht? Wo man überall spielen kann, und wie weit die Welt? Irgendwie verwirrend sind sie ja schon. Wenn Party, dann bis morgens um sechs. Wenn Lernen, dann ebenfalls volle Kanne, und wenn Arbeiten – dito. Von wegen Leistungsverweigerung. Dazu switchen sie zwischen den Welten, dass einem schwindlig wird.

Wie sie im Arbeitsalltag rangehen, steht in zwei neuen Büchern: Glück schlägt Geld von Kerstin Bund und Ohne Uns von Ursula Kosser. Die RTL-Frau Ursula Kosser schreibt aus Mutter- und Vorgesetztensicht über Ypsiloner. Und erlebt staunend wie bei Bewerbungsgesprächen als erstes danach gefragt wird, ob man auch ein Sabbatical machen kann oder ob es die Möglichkeit gibt, dass man weniger arbeitet, wenn man ein Kind bekommt. Bei Recherchen fand sie, dass die einfach kündigen, wenn sie keine Lust mehr auf eine blöde Arbeit haben. Hierarchien flößen ihnen offenbar keinen Respekt ein.

Zur selben Zeit trieb wohl auch Kerstin Bund, Wirtschaftsredakteurin bei der Zeit, das Thema um. Sie selber ist Ypsilon, Jahrgang 82. In ihrem gerade erschienenen Buch “Glück schlägt Geld” betont sie an einer Stelle „Anders als die 68er wollen wir das Establishment nicht stürzen, wir sind schlicht ohne eines aufgewachsen.“

Zwei ausgefuchste Medienfrauen, zwei mal guter Lesestoff. Bei Kosser hab ich viel gelacht – ist wohl die Muttererlebnisschiene -, Bunds Schreibe dagegen hat mich im wahrsten Sinn im Sturm erobert. Sie schreibt nämlich sehr temporeich. Was die beiden verbindet, ist der persönliche Antrieb, genau das genau jetzt mal loszuwerden. Und das sehr fundiert. Besonders schön sind die Szenen zum Thema Emanzipation/Gender. Ursula Kosser etwa schreibt, wie „Sabine“, frisch angestellt bei einem TV-Sender, von der Frauenbeauftragten des Hauses mütterlich in Empfang genommen wird mit Hinweis auf Frauentelefon, Beschwerdemanagement und anders mehr – und darauf nur entgeistert antwortet: „Ich brauche das nicht.“ Bisschen verblüfft beschreibt Kosser weiter, wie alles, das der Frauenbewegung hoch und heilig war, über den Haufen geworfen und irgendwie anders gewollt wird.

Anders. Genau das ist der Ansatzpunkt von Kerstin Bund. Aber der Reihe nach: In der Einleitung beschreibt sie erstmal die gängigen Vorurteile gegenüber ihrer Generation: leistungsscheu, verwöhnt, unpolitisch… Nichts davon wahr, betont sie. „Wir sind nicht faul. Wir wollen arbeiten. Nur anders. Im Einklang mit unseren Bedürfnissen. Wir lassen uns im Job nicht versklaven, doch wenn wir von einer Sache überzeugt sind (und der Kaffeeautomat nicht streikt), geben wir alles.“ Vielleicht gelingt es ihnen ja, wenn sie überhaupt an eine Arbeitsstelle kommen. Da hakt es da ja noch. Weil auf den alten Arbeitsplätzen nun mal noch die Alten sitzen. Aber Kerstin Bund jammert nicht, sie will Ermächtigungsstrategien bieten, Teil einer Ermunterungs- und Aufbruch-Kampagne sein. Deswegen kommt in ihrem Buch nicht vor, dass es eine Menge Ausnutzung, Warteschleifen oder Scheitern gerade am Anfang gibt. Etwas, wofür man verdammt viel Geduld braucht. Oder eben Flexibilität. Wenn sie Recht hat, haben einige Ypsiloner dann eben ne andre Idee. Vielleicht wird das kommende Jahrzehnt das der Start-ups sein. Im Gespräch sagte sie mir, sie habe erst gedacht, sie schriebe ein Generationenbuch, Motto: „Hey – Wir sind anders!!“ Am Ende aber habe sie gemerkt: „So anders sind wir nicht.“

Die was ändern, werden jedenfalls nicht die sein, die super-straight durchgestartet sind. Sondern die sich auch trauen, mal auf die Nase zu fallen. Und zu träumen. Kosser zitiert am Ende ihres Buchs einen kursierenden Ypsilon-Tweet: „Wo kämen wir denn hin, wenn alle immer sagen, wo kämen wir denn hin, und niemand
hingeht und nachsieht, wo wir denn hinkämen.“ und kommentiert: “Die Generation Y geht nachsehen. Notfalls auch – ohne uns.” Das können nur welche, die wirklich selber flexibel sind und das nicht nur von anderen erwarten. Solche wie unserer, der uns gezeigt hat, dass auch ohne Strom noch was geht. Dass man in Schottland drei Wochen verbringen kann, unplugged! Danach kam er vollkommen entspannt zurück – und hat offenbar ganz nebenbei für alle folgenden Reise-, Praktikums-, Whatever-Projekte gelernt, was für ein Glück es ist, zu leben. Und konkret jetzt? Ein Film-Projekt in Südafrika. Mach ich, Lern ich, simst er. Go!
 

9783832197407.jpg.20193Ursula Kosser: Ohne uns
Die Generation Y und ihre Absage an das Leistungsdenken
190 Seiten, 19,99 Euro

bund_72dpi_rgbKerstin Bund: Glück schlägt Geld
Generation Y: Was wir wirklich wollen
200 Seiten, 19,99

18. Februar 2014
von Sylvia
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Biofach 3.0: Unterm Pflaster liegt die Farm!

Biofach _#03
 

Guerilla-farming? Der Mann auf dem Podium erklärt, wie er das meint: „Reißt die Pflastersteine raus, füllt die Lücke mit unserem Kompost, pflanzt was – und lasst euch dabei filmen! Am besten genau dann, wenn die Polizei euch verjagt.“ Video auf youtube einstellen und eine Reise nach Ägypten gewinnen, er überlegt kurz, „Ägypten… ähm, naja, vielleicht besser nach Syrien….“ Volkert Engelsmann, Chef des niederländischen Bio-Obst- und -Gemüsegroßhändlers eosta garantiert immer einen Vortrag, bei dem man gleichzeitig lachen und nachdenken muss. Diesmal spricht er für die neue Kampagne Rettet unsere Böden (Save our Soils). Denn: es ist vielleicht schwer vorstellbar, aber es gibt immer weniger Erde auf der Erde. Also, so schwarzes, fruchtbares Zeugs, Mutterboden eben, in dem Pflanzen gedeihen. Deshalb also jetzt nach save our seeds (SOS 1) save our soils – SOS 2. „Become soildiers!“ ruft er und schwenkt das lila Guerilla-Kit, die Tomatenpackung, die ein Kompostbeutelchen sowie Basilikumsamen enthält. Soll es bald in den Läden geben.

Vor ihm hat der Wissenschaftler Ulrich Köpke (Uni Bonn) mal eben in 10 Minuten erklärt, wie es zu diesem enormem Verlust von Böden gekommen ist und was die Schrumpfung vorantreibt: Demnach verliert die Welt pro Tag durch Verödung, Verschmutzung, Urbanisierung, Versiegelung oder ähnlichem eine Fläche von 30 Fußballfeldern pro Minute (hab ich mich da verhört? Greenpeace schrieb letztes Jahr von 24 Millionen Hektar pro Jahr, was der Größe Rumäniens entspreche.) Allein in Deutschland sollen es täglich knapp 90 Hektar sein, die für den Bau von Landebahnen, Häusern oder durch Industrienutzung verloren gehen.

 
Biofach_#02
 

Böden sollen künftig als Speicherplätze für CO2 genutzt werden. Doch glaubt man dem Bonner Wissenschaftler, kann man das vergessen. Im Gegenteil, ein weiteres Problem wird virulent: Die Versalzung der Böden durch Nitratüberschüsse etwa aus Abfallprodukten von Biogasanlagen. Vom Stickstoff hieß es früher, er sei essenziell um Böden fruchtbarer, Erträge größer zu machen – heute dagegen sei das Problem Stickstoffüberschuss dreimal so klimabedrohlich wie der CO2-Ausstoß.

Nur weiß das kaum jemand. Wenn ich es richtig verstanden habe, lautet die simple Konsequenz, die gleichzeitig fast unumsetzbar scheint: Humus is it! Humus, Humanitas, Homo – hängt alles sprachgeschichtlich zusammen. Erde zu Erde, Staub zu Staub… Wir werden uns damit beschäftigen müssen. Nach Köpkes Parforce-Ritt durch den aktuellen Wissensstand, lautet die Quintessenz natürlich doppelt: Hey Leute! Save our soils!

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Mein Mixtape vom Tage: „Organic 3.0: Bio in der Mitte der Gesellschaft verankern“, „Ökologische Tierhaltung zwischen Anspruch und Wirklichkeit – und deren Zukunft“, „Designspaziergang“… Wie bei vielen Kongressen, musste Raumhopping machen, wer auch nur einen Querschnitt der wirklich interessanten Dinge erhaschen wollte. So hab ich leider das Steinerausreißen durch Sarah Wiener auf dem Innenhof des Geländes verpasst. Wahrscheinlich bin ich grad mal wieder im Kreis gelaufen. Die Nürnberger Messe ist eine Desorientierungsmaschine.

Unterwegs beim Verpackungsdesign reingelauscht: Beerentöne sind in und auch Aquarell, Blümchentapete wieder out. Davert sowie Zotter machen designlehrbuchmäßig alles falsch und liegen dabei goldrichtig. Das gefällt mir. Dann zurück in die Hallen, fein geleitet durch die Töne, mit denen der Pianomann aus Fürth im Auftrag der Nürnbergmesse die Kongressbesucher zum Schwingen bringt. Hier Stück lecker Pfisterbrot, da ein Häppchen gnadenlos köstliches Sesamkonfekt (Govinda). Und dazu am Rande mitgenommen und getestet, was die Veggie-Szene so kreiert. Etwa das vegane Blutorangeneis (Helador), fein, auch wenn ich nur eine Messerspitze abbekam (Jungs, da müsst ihr noch was lernen in Sachen Marketing, echt jetzt); Tartex-Rote-Bete-Brotaufstrich, hm, ja und jetzt aber: der Crunch-Hit des Jahres, da wette ich: Rote Bete Chips.

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Auf den Podien wurde der Konsument durchgecruncht. Welche Verpackung mag er? Was kauft er? Wofür wird er/sie sich begeistern? Oder wie es brand eins provokativ auf dem aktuellen Titel zuspitzt: „Kauf, du Arsch“. Die Ökokundin scheint da nichts auszuzeichnen, sie wird genauso missschätzt wie die Erikamusterkundin von Aldi. Leitmotiv der Konsumenten sei nach wie vor „Billig? Kauf ich“, sprach der Verbrauchervertreter Georg Abel. Und dann wurden Sinusmilieustudien und Onlinebefragungen durchharkt und die Kunden standen dumm da. Interessant aber, dass nicht überall dasselbe herauskam. Besonders schön die Szene im Raum Riga, einem überfüllten Hörsaal par excellence, in dem sich gefühlte 200 Menschen drängten, wo nur 100 Platz hatten… Offenbar hatte man die Zugkraft des Themas Ökologische Tierhaltung gründlich unterschätzt. Auftritt Gerhard Sailer von Basic, der uns erzählt, dass es unfassbar sei, aber eine Studie der Uni Gießen habe ergeben, Kunden seien bereit für fast alle Bioprodukte mehr zu zahlen – außer für Fleisch. Ökologisch erzeugtes Schweinefleisch dümpele seit Jahren bei einem Anteil von 1-2 %. Ja, was will die Kundin denn? Billigschwein? Bah. Dann Auftritt Prof. Ulrich Hamm, Universität Kassel. Sorry für die „Kollegenschelte“, bedauert er, aber mit Verlaub, die Studie der Kollegin sei Mist, basiere zwar auf reellen Daten – „meinen Daten übrigens von 2011, ich weiß genau, was sie da benutzt“ – aber geschlampt. Die Hintergründe unterschlagen. Damals nämlich habe es schlicht nicht mehr Fleisch am Markt gegeben. Krise, Skandal usw.

Nicht der Kunde sei der Depp, sondern der Ökolandwirt, der zwar teures Bio verkaufen, aber nicht gut für seine Tiere sorgen will. Der Tierhalter nämlich, dem der Verbraucher wirklich glaubt, dass er Milch verkauft, für die keine Kälber sterben müssen, Eier anbietet, an denen Hennen nicht zugrunde gehen und Schweinefleisch von Tieren, die Platz hatten und ordentlich versorgt wurden – der werde auch mehr Geld bekommen. Ich zitiere Hamm sinngemäß aus dem Gedächtnis: „Früher haben die Leute Bio gekauft, weil sie dachten, dann geht es den Tieren besser. Und weil das jetzt oft nicht stimmt, wenden sie sich ab. “Wir müssen das Vertrauen wieder gewinnen. Und zwar bald. Ich hätte sie gern wieder, bevor sie alle zu Vegetariern und Veganern geworden sind.“ Tierwohl also und Humus für ein anständiges Leben. Man könnte auch sagen: Save our Souls, SOS.3.0.
 
Biofach_#5

 
 

9. Februar 2014
von Sylvia
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Eine Nummernwelt – in 36 Bildern

Frankfurt/Main 1987 Frankfurt/Main 1987 Frankfurt/Main 1987
 
(..die ganze Serie auf unserem Fotoblog: hier)

One, two three – what are we counting for?
Frag nicht, es ist ne Nummernwelt und
seit dreißig Jahren zähl ich mit.
Analog. Klein. Bild. Fünf oder mehr Roll’n pro Tag,
á sechs mal sechs Fotos und – jedes nummeriert.

150-tausend Shots weiter ist alles digital -
und noch mehr wird gezählt -
und noch mehr Nummern trifft, wer sucht:
173 Kleinbildklicks am Tag… Gibt
fünf Filme counting for … what we give a damn!

Dabei hatten wir natürlich den Rhythmus dieses Songs von Country Joe McDonald im Sinn: “Gimme an f…, gimme a u” unbedingt hören:

Yep! Das kommt dabei heraus, wenn man das Archiv neu auflegt und updated… Unser Portfolio #4

zählt bis 36 (die alten Filmrollen im Sinn) – und wer blättert, findet

Alles in Ordnung“:

 
 

3. Februar 2014
von Sylvia
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Alles muss raus: Selfies und fickbare Mütter

Dicht
 
Und hopp! Unruhig und temperamentvoll soll es sein, das Pferd, und als „Jahr des Pferds“ Stabilität und Bewegung bringen. Passt schon. Hab jedenfalls volldynamisch mit 1. Ausmisten, 2. Arbeiten und 3. Lernen angefangen. Also Archivdiät gemacht, alte Rechner und den (gleich am ersten Arbeitstag) durchgeknallten Router artig entsorgt. Kinderbücher und Koffer verschenkt… Weg, weg, weg. Supergefühl. Als würde man auch gleich das Hirnkastel nach haufenweise Recherche-Input für unterschiedliche Themen mit aufräumen. Selfies dazu hab ich übrigens nicht zu bieten. Vielleicht, weil ich das Kürzel für (Handy-)Selbstporträts erst seit letzter Woche kenne. Das Feuilleton der SZ informierte anlässlich des #MuseumSelfie day über einen neuen Trend. Über Leute, die vor allem deshalb ins Museum gehen, um sich dort vor Mona Lisa, Dürers Händen oder whatever selbst abbilden zu können. Die Botschaft war in eine schlicht geniale Überschrift gepackt: Ich war da.

Aber dann schon in der ersten Zeile dieses Texts der erste Faux pas: „Kannst du es besser?“, fragt die Website der BBC…. beginnt der Selfie-Artikel. Ein Zitat am Anfang! No go! Ein Faux pas, der mir nur auffällt (oder nur mir auffällt), weil ich gerade in einem Schreib-Workshop war. Gelernt: „Man” fängt keinen Artikel mit einem Zitat an. „Der Leser“ mag das nicht. Nach nur einer halben Sekunde nämlich entscheide dessen Hirn: „Denk gar nicht dran weiter zu lesen“ oder „interessant, das les ich“. Und wenn Leser nicht wisse, wer ihn da anquatscht, lese er nicht weiter. So weit des Dozenten Zusammenfassung neurolinguistischer Medienanalyse. Wenn du, LeserIn, mir also jetzt noch folgst, hab ich irgendwas richtig gemacht.

Dass wir einen Zensor im Hirn besitzen, einen Blockwart also, der alle Umgebungsreize scannt, ratzfatz das Interessanteste herausfiltert und den Rest abpollert – wusste ich schon von früheren Recherchen zum Thema Erinnerung, Theory of Mind oder Synästhesie. Nun ist ja mein Schreiber-Standpunkt, dass Leser lesen wollen und deshalb was geboten bekommen müssen, aber der Seminarleiter findet das gestrig. Erklärt seinen Kunden (Verlage, Redaktionen, Journalisten), dass „wir“ derart platt konstruiert seien, dass Gefühls-, Sex- oder andere Zug-Wörter uns binnen Sekunden anziehen oder abstoßen von so einem Text.

Also: „Kannst du es besser?“ – ich hab trotz Workshop bis zur letzten Zeile gelesen. Ein Plus für die Autorin. Aber am Ende wusste ich nicht, was sie mir eigentlich sagen wollte. Frust. Minuspunkt. Immerhin weiß ich jetzt, was der Begriff Selfie bedeutet, dass es im Frankfurter Städelmuseum bald kostenloses W-LAN für alle gibt, und dass die Autorin nicht weiß, was sie davon halten soll. Dabei hatte sie sogar eine Studie (der Psychologin Linda Henkel) zur Orientierung: eine Gruppe Studenten waren mit dem Auftrag ins Museum geschickt worden, Dinge entweder zu fotografieren oder nur zu betrachten. Ergebnis: Wer die Exponate nicht fotografiert, sondern nur betrachtet hatte, konnte sich besser an sie erinnern. Was sich anhört wie ein schlagendes Argument für traditionelle Museumspädagogik und Bildungsbürgerschaft, spiegelte allerdings nur die Hälfte der Studien-Erkenntnisse. Tatsächlich ist es nicht das Fotografieren an sich, das die Erinnerung aushebelt, sondern die schiere Masse der tumben „Auslöser“- oder Beweis-Fotos. Zu viele und vor allem zu viele nichtssagende zwingen den Hirnzensor dem Overload Einhalt zu gebieten: Also weg mit dem Müll. Datenträgerbereinigung.

Viel besser als Knipsen, lerne ich eine Woche später im SZ-Mag, ist aufschreiben. So tue man nicht nur sich selbst, sondern auch noch der Welt Gutes – und wieder ist eine Studie der Auslöser des Artikels. Und? Was hat die Wissenschaft festgestellt? Dass man Ordnung in den Kopf bekommt, die Dinge klarer sieht, wenn man sie mal formulieren muss. (Yuppiee! Applaus! Done!)

Merke: es gibt nicht nur Auslöser- oder Beweisfotos, sondern auch ebensolche Texte. Und wer bis hier auf die „fickbaren Mütter“ gewartet hat… Auch die sind aus dem aktuellen SZ-Mag. Der Text „Unguter Hoffnung“ ist nicht nur lehrbuch- und workshopgemäß geschrieben, sondern richtig gut – trotz gruseligen Inhalts. Unbedingt lesen. Es geht darum, dass die Generation der magersüchtigen Teenies jetzt Kinder kriegt. Und alle Welt ihnen suggeriert, sie müsse zumindest von hinten “unschwanger” aussehen, auf jeden Fall gut trainiert und sofort nach der Geburt wieder gertenschlank sein. Als Beispiel erzählt Autorin Lara Fritzsche von der Diskussion um Royal-Kates runden Bauch beim Präsentieren des Prinzen-Babys. Hab ich zwar nicht mitgekriegt, aber ich kanns mir vorstellen. Dass kaum noch jemand stinknormale, körperliche Vorgänge akzeptieren will, wissen wir mindestens seit Charlotte Roches Büchern. Die Kollegin schreibt trocken, dass all die angesagten Dos und Dont’s für Schwangere die Geburt selbst wie eine muntere Fitness-Trainingseinheit erscheinen lassen. Sidos Frau, schreibt sie, habe gar einen persönlichen Trainer, der zu den „MILF-Machern“ gehöre. MILF? „Mothers I’d like to fuck“. (Gelernt: Fickbar ist druckbar im Jahr des Pferds.)
 
 

29. Dezember 2013
von Sylvia
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Von draus vom Walde…

Einbruch

Dezemberrauschen, zusammengeschnitten:

1.12.
Geschenkt. Je voller der Geldbeutel, desto weniger müssen die Leute ausgeben. Sogar Weihnachtsbäume bekommt so ein Banker umsonst. Schon klar, weil er ein guter Kunde ist. Trotzdem.

6.12.
Auf einer Strecke von etwa fünf Metern hängt fünf Mal der Aufruf (siehe Bild oben), sich zu melden, wenn man „wahrscheinlich männliche Personen im Wald oder auf dem Weg aus dem Wald raus“ “mit ausländischen Kennzeichen” (ohne Baum dafür mit blauer Reisetasche) gesehen hätte.

8.12.
Ein oder zwei Hirten unserer Waldkrippe sind umgefallen worden. Ein laminierter Zettel mahnt die Waldgänger nun, dergleichen zu unterlassen.

12.12.
An der Kasse bei Obi: Ein junges Pärchen versucht einen Weihnachtsbaum günstiger zu bekommen, steht da nicht – müsste es nicht…
Ein altes Pärchen beim Rausgehn: 29 Euro! Viel zu teuer für einen Baum, 19 wäre noch zu viel.
Wie viele Winter, wie viele Sommer, wie viel ist er wert, so ein Baum?

21.12.
Jetzt alle Topfbäume auf 50 % runtergesetzt, je Größe 3,99 oder 4,99. Kamen sicher alle aus China.

25.12.
Der erste Weihnachtsbaum schon wieder draußen, unausgepackt im Netz, obendran noch ein Schild. (Was war da?)

28.12.
Zelig gesehn. Und mich im Wohnzimmer in eine Tanne verwandelt. Mit der blauen Reisetasche wollte es nicht klappen. Zu viele ausländische Kennzeichen.