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Fotolyric: Red&Blue

13. Juli 2014 von Sylvia | Keine Kommentare

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Red&Blue

Die sieben Himmel der See
und die sieben des Lands
Blau und Blau und Rot und Gelb.
Das Leben streifen
mit Strandsohlen, Moosgummiballen, Regenlidern
mit Mal so hungrig
so riesig, Großmutter wo ist dein Mohn?

Wo deine Erinnerungen?
Die unbeschwerten Rufe, Küsse, die
Lichterketten des Abends
Neuheit, Neugier wo?
Tour de Force durch all die Jahre
alle Windungen
Gleichnisse
als Marker gegen Schwenksicht

Und wir sehen, fühlen
unter der weißen Wüste das Bersten, die Katastrophe.
Ein Nachglühen wie zerrauschte Träume.
Schwelt es noch? Alles fort, Bäume, Büsche…
Wie die Vögel flohen!
Hier war es! Hier wütete die Blume des Feuers -
und für diesmal die Retter
eilten nicht in die schäumende See

Wie surreal die weißen Wolken! Wie froh!
Wir finden die Pfade, wir baden die Sohlen
In blauem Ruß
Und, wie alle, folgen dem Leuchten,
ziehen den achten Himmel
Nacht

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Die “Blume des Feuers” ist ein Gedankensprung zu Cees Nooteboom

Bild des Monats: Juni 2014

2. Juli 2014 von Sylvia | Keine Kommentare

Uwe Brede, Niederbeisheim 2014

Uwe Brede, Niederbeisheim 2014


Wir haben einen Biobauern mit Weitblick besucht: Uwe Brede hat sich vorgenommen, seine Kollegen zu überzeugen, dass schon Saatgut bio sein muss, wenn man klimasauber arbeiten will. Dafür hat er die “Bäuerliche Öko-Saatgut Genossenschaft” gegründet. Eine echte Aufgabe – und sie wird getragen von einer Lebenseinstellung, die Saatgutkonzernen wie Bayer oder Monsanto (mittlerweile?) völlig fremd ist: nämlich dass auf lange Sicht nicht Bevormundung hilft, sondern Gemeinsinn. Natürlich gehört dazu auch, dass man die Arbeit des andern (des Züchters in diesem Fall) honoriert. Stichwort Urheberrecht… Wir kennen das, ist einfach eine Frage der Fairness und gilt für jeden kulturellen Lebensbereich. Wir rufen: Geno-Power to the Bauer!

14. Juni 2014
von Sylvia
Keine Kommentare

Mach mal müßig

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Null. Kein brauchbarer Gedanke nichts. In solchen Notfällen muss ich weg vom Bildschirm. Zum Glück habe ich einen Balkon. Wind schuckelt zartgrünes Blattgefieder, Bienen beschwirren Blüte um Blüte und Sonne blitzt Schattenmuster. Langsam rutsche ich auf Standby. Hups?! Bin sofort … will eben noch… muss gleich… Ach, was! Ich lehne mich zurück, schau ins kondensverschleierte Blau. Wolkenzug, Vogelflug… Mal eben nichts wollen, nichts müssen, nur sein. Ja.

Bis das Telefon heult und ich – mit tanzenden Sonnenflecken vor Augen – hineingurre: „Nein, nein. Sie stören nicht.“ Wie bitte? Auftrag hin, guter Kunde her. Ist doch glatt gelogen, kräht im Hirnkastel mein Lazy-Ich; feixt und lässt die Worte holpern. „Ja klar. Mail Ihnen. Äh. Gleich. Ihnen was. Tschühüss.“ Und jetzt? Weiter im Text oder noch mal kurz abdöseln? Ja. Schön wär’s. Doch: Nein. Die Deadline drängt.

Also zurück zum PC, wo mit einem Pling diese Email ankommt: „Schreiben Sie uns was über Müßiggang?“ Was? „Müßiggang“… Hört sich nicht gerade topaktuell an. Was heißt das denn überhaupt? „Aah! Sommerferien! Weißt du noch?“ Eine Freundin kommt allein beim Aussprechen dieses Worts ins Schwärmen und fügt genießerisch dehnend hinzu: „Lange-Wei-le…“ Macht aber gleich klar: aktuell könne sie das leider nicht. „So richtig gelassen sein. Nee.“ Die nächste Befragte denkt an Müßiggehen im wahrsten Wortsinn: „Im Rosengarten. Das würd ich zu gern mal wieder machen.“ Und wir kommen überein: Muße haben oder Müßiggehen bedarf der Freiheit.

Fand schon Cicero übrigens: „Der ist kein freier Mensch, der sich nicht auch einmal dem Nichtstun hingeben kann.“ Zwar täte ich als Freiberuflerin lieber mal sorgenfrei null und nichts, als auch noch darüber zu schreiben – doch da habe ich auch schon zugesagt. Man will ja nichts verpassen. Außerdem kann eine kleine Lektion in Sachen Müßiggang sicher nicht schaden. Denn: so einfach ist es ja offenbar nicht, wenn schon meine kleine Umfrage immer im Konjunktiv mündet: wollte, hätte, könnte…

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Die weitere Recherche ergibt wie so oft, dass dies nicht mal ein besonderes Phänomen unserer so gefühlt hyperaktiven Zeit ist. Schin Aristoteles mahnte, man müsse zum „würdigen Genuss der Muße“ erst erzogen werden. Wann und wie sonst sollten Erkenntnisse reifen? Viel später haben wir wohl noch immer keine gescheite Lehre des Besinnens geschaffen, dafür aber eine Menge Bonmots. Darunter dies von Oscar Wilde: “Nichts tun, ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.”

Auf englisch mutet die Sache ja auch gleich viel hipper an: “How to be idle” würde ich diesen Text dann nennen. Genau das interessiert die Briten offenbar schon seit 21 Jahren. Solange jedenfalls gibt es das Magazin the idler. Das Thema Slow travelling war eines seiner jüngsten Hits. Doch Müßiggang ist wohl nicht nur als Vokabel vergessen, sondern gleich ganz aus unserer Kultur gefallen. Arbeit, Leistung, wenig Zeit – damit kann man imponieren. Aber Rumliegen. Nachdenken. Nichts vorhaben? Erfolg=Geldwert=Leistung. Nichtstun kommt in dieser Gleichung nicht vor. Möglicherweise auch, weil Männer wie Martin Luther die „größte Plage auf Erden“ darin sahen. In alten Redewendungen haftet ihr denn auch nur Negatives an: „Wer rastet, der rostet“, „Müßiggang bringt Schand’ und Not, Fleiß dagegen Ehr’ und Brot“ oder der Klassiker: „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ So wurden bei uns die Chaplinschen Modern Times eingeleitet. Dazu passt perfekt, dass „Fleiß“, dieses urdeutsche Attribut, bei den Lateinern industria heißt. Schon vor der Befleißigung, nein, Industrialisierung der Welt galt: Sich Regen bringt Segen. (Mehr Schönes hier bei otium bremen.de). Bloß nicht untätig sein.

Nachdenken im Park? Womöglich am helllichten Werktag, wenn andere hämmern, fräsen, mähen. Wie sieht das denn aus? Genau. Nutzlos. Als hätte man nichts zu tun. Blödsinn, aber es steckt einem in den Knochen. Aber ich arbeite daran. Täglich. Rolle auf meinem Fahrrad dahin, den Blick auf unscharf, Hände vom Lenker und ab durchs flatternde Blättergrün wie Kate Winslet am Bug der Titanic… Oder noch einfacher: mich auf den Liegestuhl gießen, in den Himmel blinzeln. Funktioniert aber nur, wenn man es nicht als neuen Wellnesstrick betrachtet, um an der Marke Ich zu feilen. Merke: Müßiggang klappt nur, wenn hinten nichts rauskommen muss. Selbstbestimmtes Tun. Ohne Druck. Ungeschminkt, unplugged, an und für mich.

Damit gehören gleich zwei der schwierigsten Dinge überhaupt dazu: Freiheit und Selbstreflexion. Manche kommen ja am besten zurecht, wenn Vorgaben klar und berechenbar sind. Andere haben entsetzliche Angst vor dem Nichtstun, weil sie dann in einen Abgrund der Leere schauen. Doch eine Arbeitswelt – und zunehmend auch eine Lebenswelt –, in der alle Schritte, eng getaktet und breiig vorgekaut sind, hindert am Nachdenken. Auch über sich selbst. Wer bin ich? Warum mach ich? Was soll bleiben? „Die großen Fragen“, sagte mir vor kurzem Professor Niels van Quaquebeke zum Thema Respekt, „wurden lange nicht mehr gestellt.“

Vielleicht ein Fehler in unserer Matrix. Das Menschenhirn kann einfach nicht nichts tun. Tagsüber registriert es alle Vorkommnisse, sortiert nach gewöhnlich, ungewöhnlich, bemerkenswert – übernacht wird verarbeitet. So läuft Wertung, Erinnerung, Verhalten. Wir lernen permanent, können gar nicht anders, sagen Hirnforscher wie Manfred Spitzer oder Gerald Hüther. Sogar in der Schule übrigens. Und auf was wir Menschen besonders gut vorbereitet sind, ist Troubleshooting. Alarm!! funkt das Hirn, noch bevor wir richtig erfassen, was los ist. Mist gebaut? Ärger provoziert? Bei Breaking News bringt uns das Hirn umgehend in Fahrt. Schüttet alles vorhandene Dopingzeug ins Blut und während wir noch überlegen, was wir tun sollen, rast schon das Herz und der Körper ist zu Angriff oder Flucht bereit.

Am anderen Ende dieser Drucksäule müsste ja, nach gelungener Gefahrenabwehr, das Glück warten. Es soll die Maßeinheit der Muße sein. „Aktives Nichtstun“ nannte Siegfried Lenz diesen Zustand vor 52 Jahren (im Vorwort zu Ben Witters Tagebuch eines Müßiggängers). Mit Langeweile oder gar Faulheit habe das nichts zu tun, betonte er: „Dem Müßiggang hingegen liegt eine definitive Entscheidung zugrunde: Man ist bereit, das Nichtstun auszukosten, auszubeuten, auf absichtslose Weise aktiv zu sein. Somit ist Müßiggang alles andere als eine Ermattung des Geistes.“ Das Nichtstun ausbeuten. Genial. Allerdings kannte er ja weder Handy noch Whatsapp oder das Pling neuer Emails, das ein gut gedrilltes Wahrnehmungssystem sogar durch geschlossene Türen vernimmt… Es soll Leute geben, die können privat wie beruflich die Finger nicht von ihrem Handy lassen, weil es da immerzu brummt, piepst und blinkt. Tut sich mal nichts auf ihrem Handy, kriegen sie glatt Phantomvibrationen. Oder klappen zusammen. Es gibt die These, dass wir vor lauter Bereitschaftsgepiepse in einer Art Daueralarm leben – und daher verlernt haben zu entspannen. Ja-ha, sowas kenn ich. Wenn gerade ein Projekt geschafft ist. Dann bin ich zwar platt, aber mein Hirn kreiselt. Statt auszuruhen und aufzutanken werde ich immer hibbeliger, finde keine … Muße.

Yoga? Oder Tai-Chi? Machen sie in China ja zu Dutzenden im Park. Aber, ist sowas denn schon Müßiggang? Nein, eher das Vorspiel dafür… Und dazu gehört im Grunde alles, was von Wiederholungen lebt, und uns abtauchen lässt ohne den Verstand zu verlieren. Brotbacken, Bügeln, Spülen. Mir persönlich hilft Radfahren, Spazierengehen oder Gartenarbeit. Regelmäßig. Ich leere damit gewisse rumorende Kanäle im Hirn, beseitige das unerwünschte Hintergrundrauschen. Vorher nichts Neues. Denn (Franz Kafka schießt mir den Schlussvogel): „Müßiggang ist aller Laster Anfang und aller Tugenden Krönung.“

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(Geschrieben für das Online-Mag von Kulturmanagement Network: KM Magazin Nr. 90, Schwerpunktthema war Freizeit)

2. Juni 2014
von Sylvia
Keine Kommentare

Großartig: Die besten Naturfotografien Europas

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Richtige Bilder. Frei von Kitsch oder Ichzeigdirwasknipserei, geladen mit jener wunderbaren Intensität, die Blicke anzieht. Wieder und wieder hält jemand inne und betritt das graue Karree der Stellwände. Sie zeigen die Siegerfotos der „Europäischen Naturfotografen des Jahres“ – dem jährlichen Wettbewerb der GDT. Die Menschen stolpern geradezu über diese Bilder, denn sie fallen erst beim zweiten, dritten Hinschauen auf. Eben noch schaute das Pärchen mit den Rollkoffern auf die Anzeigentafel: wann fährt mein Zug? Pünktlich? Plötzlich stehen die Rädchen still, die beiden staunen, lassen den typischen Lassmich-in-Ruh-Ausdruck, den Bahnhofsblick fahren, und sind ganz offenbar berührt. Hier!? Mitten im Trubel passiert, was durch sinkendes I-Stock-Bildniveau immer seltener gelingt: intensive Kommunikation zwischen Bild und Betrachter. Die Jury markiert diese Eigenschaft in dem einfach aber ansprechend gemachten Katalog als absolutes Auswahlkriterium für Siegerfotos.

Zwischen Fastfoodangeboten, Werbegeflatter und allgemeinem Menschengewusel wirkt die Ausstellung wie ein ruhender Pol. Eine eigene Welt, die hier in Frankfurt sehr dicht in das kleine Aktionskarree gepasst wurde (an Ostern hockte da noch ein überdimensionaler, aufgeblasener Hase). Die Fotos überraschen mit besonderen Perspektiven, sind zart oder auch mal lustig, mahnend oder einfach nur erhaben und schön. Wieder steuert ein Trolley die Insel an treibt schwerelos hinein und taucht an allen Stellwänden wieder auf, der Kaffee-to-Go wird immer langsamer geschlürft, das Handy zuckt. Kaum ist das erste Bild in den Smart-Fokus genommen, werden auch all die anderen aufgenommen – und geteilt: Hey Freunde guckt mal! Und zumindest den deutschsprachigen Betrachtern ermöglichen kleine Texte, dieses Zwiegespräch mit den Bildern zu vertiefen. Zu erfahren, wie es den FotografInnen erging, wie es ihnen gelang jenen einzigartigen Moment einzufangen.

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Die kleinen Texte, ebenfalls ganz im Sinne der Juroren, sind fern der sonst oft plumpen BUs (redaktionschinesisch für Bild-Unterschriften). Einblicke werden gewährt, Entstehungsgeschichten erzählt. Etwa die des Fotos von fünf in bunten Stoff gehüllten Tierbabys. Ein Anziehungsbild, das viele Eilende in Verweilende verwandelt. Die Wickelbabys sind sensible Flughundwaisen, die es wohl immer wieder gibt. Diese hier wurden im australischen Bat Hospital aufgezogen. Der Fotograf Roland Seitre sah dort ein Bild von jungen Flughunden und kam extra zur Geburtszeit wieder her, um diese besondere Fürsorge festzuhalten. Ein anderer Text erzählt die Geschichte des Bartkauz Gandalf. Flugvorführungen sollte er bereichern, dachte aber nicht für alle toten Mäuse der Welt daran sich zu prostituieren. Nun sitzt der coole Vogel mit dem Harry Potter-Namen in einem alten Ziegelhäuschen und guckt anderen Vögeln zu. Der Brite Mark Bridger hat ein schlichtes Bild von ihm gemacht, mit geradezu magischer Wirkung. Nichts pädagogisches haftet ihm an, aber es impliziert doch die Frage wie viel schräge Natur ist das? Wie viel noch schrägerer, menschlicher Eingriff? Und wie erträgt das eine den anderen?

Diese Frage wird oft gestellt im Naturfotografen-Kosmos. Mir klemmt sie besonders bei der fast allegorischen Szene im Hirn, die Martin Gregus festgehalten hat: ein gestrandeter Buckelwal, umringt von Schaulustigen. Ein Kameramann und dutzende Menschen beobachten das dunkelglänzende Tier beim Sterben. Drängen sich an einem gelben Absperrband, das sie einen knappen Meter und damit kaum auf Distanz hält – Heyhey! Hier ist was los! Im Vordergrund ein Mädchen, abgewandt. Das Bild erinnert mich an ein Schwarzweißfoto des Straßenfotografen Weegee, bei dem auch der Tod das Sujet war, und auch ein Mädchen im Vordergrund – allerdings eines, das fasziniert ein Mordopfer betrachtete. Nicht kaputt machen, nicht mit Respektlosigkeit behandeln… Mahnen wollen diese Bilder schon, aber es wird nicht moralisiert.

Nachdenken. Neugier. Kurz: Kreativität ist die Essenz. Und im Katalog schreibt Angel M. Fitor über ein ganz besonderes Paradox unserer leistungsschaugewohnten Zeit: „Fotowettbewerbe auf der ganzen Welt versuchen der Kreativität den ihr zustehenden Platz einzuräumen, aber sie legen damit auch Trends fest und tragen so zu einem Verlust von Kreativität bei.“ Im Namen der Jury verurteilt er die neue Spezies von Fotografen, die sich auf Wettbewerbe spezialisiert hat und Bilder extra so gestaltet, dass sie dort gut ankommen. Eigentlich nur effizient oder? Nein, sagt die Jury.

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Die will nicht begaukelt werden, die will Gehaltvolles. Und obwohl Bild-Einreichungen immer ohne Text bei ihr landen, könnte man denken, dass sie immer gerade die auswählt, bei denen es den persönlichen Antrieb gibt. Bei denen die Fotograf/innen mit großer innerer Motivation sich einer Region, einem Lebensraum oder einer Art geradezu anverwandeln. Wie Audun Rikardsen mit seinem Seeadlerfoto. Surreal. Wie ein royales Ölgemälde. Die kleine Entstehungsgeschichte sagt, dass er das Tele vermeiden wollte. Der jagende Vogel war nur zweieinhalb Meter von der Kamera entfernt.

Schön auch: Nicht nur Bilder von superspektakulären Orten gewinnen hier. Es kommen Ruhrpottfüchse ebenso vor wie das liebevoll eingefangene Steinkauzpaar auf dem Ziegeldach, oder der träumerische poetisch-unscharfe Kohlweißling an einer Kornblume. Außergewöhnliche Fotos, in einer gewöhnlichen Atmosphäre gezeigt. Eine Ruheinsel inmitten eines Knotenpunkts permanenter Menschenströmung – auch das ein guter Zug dieses Wettbewerbs. Bilder für alle, die schauen können. Kostenlos an einem Ort mit denkbar niedrigster Eintrittsschwelle. Hingehen. Ganz großer Bahnhof.

Nächster Halt:
In Frankfurt leider schon fast zu Ende (gerade aus dem Urlaub kommend haben wir die vorletzte Möglichkeit genutzt – nur noch bis 5. Juni kann man die Fotos in unserem Hauptbahnhof sehen). Danach reisen sie nach Köln (22.7. – 3.8.), dann weiter nach Halle (12. bis 26. September). Schlussankunft in Düsseldorf (3.- 12.11.).

Und: Den schönen Katalog gibt es – darauf könnte das Marketing-Team am nächsten Ort gerne besser hinweisen – ausschließlich in den Bahnhofsbuchhandlungen.
20 Euro (Tecklenborg Verlag).

25. März 2014
von Sylvia
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Ypsilon rising: Einmal mit alles bitte!

Pano_High Inn #01
 
Was machen diese Y-Kinder bloß, wenn mal kein Strom da ist? Vor zehn Jahren noch ging es uns als Eltern wie so vielen: um alles, was uns wichtig war, wurde gerungen. Also, um computerspiel-freie Zeiten (hatten trotzdem keine Chance gegen GTA, Warcraft, Hitman), um rücksichtsvollen Umgang mit Strom, Wasser, Essen (trotzdem keine Chance gegen Dusch-Séancen oder Burger vom Meckes), und Schule. Mit der kämpfte man sowieso, ob wie oder dass sie was Ordentliches auf die Beine stellt. Vor allem die Jungs standen ja immer in der Kritik. Und haben auch für die entsprechenden Aufreger gesorgt, denn: Mann, war das cool so. Voll verkabelt, immer was am Laufen… Leistung? Bah.

Was sollte das geben? Und jetzt? Baut unserer seinen Bachelor mit 1,0. Bah. Hut ab. Und drei Tage später auf dem Airport wie zuhause. Inmitten der Freundescrew den letzen Check und: ab. Abgehoben zum Praktikum in Südafrika… Nehmt das, ihr drei bis fünf Gymnasiallehrerfuzzies, gegen die ich damals bloß deswegen nicht mit Glossen geschossen hab, weil es dann echt persönlich gekommen wäre.

Was treibt die Kinder denn jetzt? Die Negativ-Vorhersage der Lehrer oder die Ermutigung der Alten? Die jüngste GfK-Konsumentenstudie (2012) zeigt, dass die jungen Erwachsenen jetzt vor allem genug haben vom Inszenierungsdruck. Genug davon, sich so gut wie möglich verkaufen zu müssen auf jedem Markt, den es so gibt. Es gebe einen Wunsch nach mehr Privatheit, mehr Nachhaltigkeit, mehr Authentizität im Leben. Die Studie sagt auch, dass jenes Angeödetsein von Verkaufe nun auch schon auf die Y-Eltern übergreife, den 50plussern.

Gekauft. Kommt sie jetzt, die längst angekündigte Generation Y und zeigt uns, was alles geht? Wo man überall spielen kann, und wie weit die Welt? Irgendwie verwirrend sind sie ja schon. Wenn Party, dann bis morgens um sechs. Wenn Lernen, dann ebenfalls volle Kanne, und wenn Arbeiten – dito. Von wegen Leistungsverweigerung. Dazu switchen sie zwischen den Welten, dass einem schwindlig wird.

Wie sie im Arbeitsalltag rangehen, steht in zwei neuen Büchern: Glück schlägt Geld von Kerstin Bund und Ohne Uns von Ursula Kosser. Die RTL-Frau Ursula Kosser schreibt aus Mutter- und Vorgesetztensicht über Ypsiloner. Und erlebt staunend wie bei Bewerbungsgesprächen als erstes danach gefragt wird, ob man auch ein Sabbatical machen kann oder ob es die Möglichkeit gibt, dass man weniger arbeitet, wenn man ein Kind bekommt. Bei Recherchen fand sie, dass die einfach kündigen, wenn sie keine Lust mehr auf eine blöde Arbeit haben. Hierarchien flößen ihnen offenbar keinen Respekt ein.

Zur selben Zeit trieb wohl auch Kerstin Bund, Wirtschaftsredakteurin bei der Zeit, das Thema um. Sie selber ist Ypsilon, Jahrgang 82. In ihrem gerade erschienenen Buch “Glück schlägt Geld” betont sie an einer Stelle „Anders als die 68er wollen wir das Establishment nicht stürzen, wir sind schlicht ohne eines aufgewachsen.“

Zwei ausgefuchste Medienfrauen, zwei mal guter Lesestoff. Bei Kosser hab ich viel gelacht – ist wohl die Muttererlebnisschiene -, Bunds Schreibe dagegen hat mich im wahrsten Sinn im Sturm erobert. Sie schreibt nämlich sehr temporeich. Was die beiden verbindet, ist der persönliche Antrieb, genau das genau jetzt mal loszuwerden. Und das sehr fundiert. Besonders schön sind die Szenen zum Thema Emanzipation/Gender. Ursula Kosser etwa schreibt, wie „Sabine“, frisch angestellt bei einem TV-Sender, von der Frauenbeauftragten des Hauses mütterlich in Empfang genommen wird mit Hinweis auf Frauentelefon, Beschwerdemanagement und anders mehr – und darauf nur entgeistert antwortet: „Ich brauche das nicht.“ Bisschen verblüfft beschreibt Kosser weiter, wie alles, das der Frauenbewegung hoch und heilig war, über den Haufen geworfen und irgendwie anders gewollt wird.

Anders. Genau das ist der Ansatzpunkt von Kerstin Bund. Aber der Reihe nach: In der Einleitung beschreibt sie erstmal die gängigen Vorurteile gegenüber ihrer Generation: leistungsscheu, verwöhnt, unpolitisch… Nichts davon wahr, betont sie. „Wir sind nicht faul. Wir wollen arbeiten. Nur anders. Im Einklang mit unseren Bedürfnissen. Wir lassen uns im Job nicht versklaven, doch wenn wir von einer Sache überzeugt sind (und der Kaffeeautomat nicht streikt), geben wir alles.“ Vielleicht gelingt es ihnen ja, wenn sie überhaupt an eine Arbeitsstelle kommen. Da hakt es da ja noch. Weil auf den alten Arbeitsplätzen nun mal noch die Alten sitzen. Aber Kerstin Bund jammert nicht, sie will Ermächtigungsstrategien bieten, Teil einer Ermunterungs- und Aufbruch-Kampagne sein. Deswegen kommt in ihrem Buch nicht vor, dass es eine Menge Ausnutzung, Warteschleifen oder Scheitern gerade am Anfang gibt. Etwas, wofür man verdammt viel Geduld braucht. Oder eben Flexibilität. Wenn sie Recht hat, haben einige Ypsiloner dann eben ne andre Idee. Vielleicht wird das kommende Jahrzehnt das der Start-ups sein. Im Gespräch sagte sie mir, sie habe erst gedacht, sie schriebe ein Generationenbuch, Motto: „Hey – Wir sind anders!!“ Am Ende aber habe sie gemerkt: „So anders sind wir nicht.“

Die was ändern, werden jedenfalls nicht die sein, die super-straight durchgestartet sind. Sondern die sich auch trauen, mal auf die Nase zu fallen. Und zu träumen. Kosser zitiert am Ende ihres Buchs einen kursierenden Ypsilon-Tweet: „Wo kämen wir denn hin, wenn alle immer sagen, wo kämen wir denn hin, und niemand
hingeht und nachsieht, wo wir denn hinkämen.“ und kommentiert: “Die Generation Y geht nachsehen. Notfalls auch – ohne uns.” Das können nur welche, die wirklich selber flexibel sind und das nicht nur von anderen erwarten. Solche wie unserer, der uns gezeigt hat, dass auch ohne Strom noch was geht. Dass man in Schottland drei Wochen verbringen kann, unplugged! Danach kam er vollkommen entspannt zurück – und hat offenbar ganz nebenbei für alle folgenden Reise-, Praktikums-, Whatever-Projekte gelernt, was für ein Glück es ist, zu leben. Und konkret jetzt? Ein Film-Projekt in Südafrika. Mach ich, Lern ich, simst er. Go!
 

9783832197407.jpg.20193Ursula Kosser: Ohne uns
Die Generation Y und ihre Absage an das Leistungsdenken
190 Seiten, 19,99 Euro

bund_72dpi_rgbKerstin Bund: Glück schlägt Geld
Generation Y: Was wir wirklich wollen
200 Seiten, 19,99