6. Februar 2016
von Sylvia
Keine Kommentare

Gelesen: Scham (ein unterschätztes Gefühl)

u1_978-3-10-035902-5Beschämt sie und rettet die Welt! Jennifer Jacquet erforscht, was Kooperation braucht und Scham kann – und hat sieben Tipps für wirklich wirksame Kampagnen

Eine Vorliebe für Tunfischsandwiches führte Jennifer Jacquet zu dem ungewöhnlichen Mix ihrer Forschungsfelder: Fischerei, Kooperation und Scham. Und war letztlich Auslöser für dieses engagierte Buch. Als Neunjährige sah sie Bilder von Delfinen, die durch Tunfischfang qualvoll getötet wurden. Damals habe sie dafür gesorgt, dass ihre Familie nur noch Tunfisch mit dem Siegel „delfinfrei“ kaufte. Heute ist sie überzeugt, dass schuld-bewusster Konsum nichts bringt. Es werde zwar gern von der Macht des Konsumenten gesprochen, doch deren Verhaltensänderung etwa beim Tunfischkauf habe prinzipiell nichts an den Praktiken der Fischerei geändert. Die kindliche Empörung mag noch rumoren, die Autorin hat jedenfalls das Ziel ein Werkzeug zu bieten, das wirklich greift.

Ob Überfischung der Weltmeere oder Klimaschutz-Maßnahmen – seit Jahren ist klar, was zu tun wäre für eine bessere Welkt, aber es bewegt sich nichts. Was hält Staaten, Unternehmen, Einzelne davon ab, zum Wohl der Gemeinschaft das Naheliegende zu tun – oder zu lassen? Jennifer Jacquet analysierte Studien und führte selbst Experimente zum Thema Kooperation durch. Die zentralen Erkenntnisse waren nicht gerade überraschend: Einzelne können eine Gruppe sprengen, Trittbrettfahrer und Parasiten rufen negative Emotionen hervor, Fehlverhalten steckt an.

Interessanter waren da schon Experimente, die sich mit Verhaltensänderungen befassten – und zeigten, dass finanzielle Anreize oder Strafen nicht unbedingt das gewünschte Ergebnis bringen. Darunter ein Versuch mit zehn israelischen Kindertagesstätten, die Eltern zu mehr Pünktlichkeit „erziehen wollten“. Manche Eltern nämlich holten ihre Kinder einfach nicht pünktlich ab. Warum auch immer – Wissenschaftler sollten eine Lösung finden. In fünf Einrichtungen legten sie eine Geldstrafe pro Zuspätkommen und Kind fest. Doch anders als erwartet stieg die Zahl der unpünktlichen Eltern sofort weiter an und blieb hoch, auch als die Sanktion wieder abgeschafft wurde. Was war in sie gefahren? Das Vorgehen nach marktwirtschaftlichem Prinzip hatte die Norm verändert. Die Geldstrafe war offenbar wie ein Ausgleich für die Schuld aufgefassgt worden und dadurch weniger wirkungsvoll, „als Schuldgefühle oder Scham“, kapierte Jennifer Jacquet.

Also: Nur wenn der eigene Ruf und damit die Identität gravierend Schaden nehmen könnten, sind Privatpersonen wie Unternehmen bereit, auch gegen ihre eigenen Interessen zun handeln. Ein weiteres Beispiel Jacquets zum Thema Steuerhinterziehung illustriert das besonders deutlich: Der Bundesstaat Kalifornien drohte 2007, eine Liste der 500 größten Steuersünder zu veröffentlichen – sie zahlten fast sofort. Die Aktion brachte knapp 400 Millionen Dollar in die Kasse und wurde von anderen Staaten übernommen. Auch in diesem Fall waren nicht Geldstrafen oder Schuldgefühle das Mittel zum Erfolg, sondern „die Furcht vor Beschämung“. Beschämung sichert also das Prinzip Kooperation. Dass man dabei an den Normen drehen und so das Verhalten beeinflussen kann zeigt sie am Beispiel Organspende: 99 Prozent der Österreicher haben einen Organspende-Ausweis, wer dies nicht will, muss sich aktiv dagegen aussprechen. In Deutschland tragen nur 12 Prozent einen Ausweis, der Unterschied: bei uns mus man sich aktiv dafür aussprechen.

Verantwortungsbewusste Führungspersonen könnten mit Hilfe des Instruments Scham also wesentlich dazu beitragen, wie eine Gemeinschaft tickt – Jennifer Jacquet hat ihnen „sieben Wege der effektiven Beschämung“ aufgeschrieben. Die Anleitung beginnt damit, dass der Regelverstoß die „angesprochene Öffentlichkeit betreffen sollte“ und „absehbar nicht juristisch belangt werden“ wird, außerdem „sollte der Täter unbedingt der Gruppe angehören, die ihn bloßstellt“ und die Beschämung selbst sollte durch eine anerkannte Instanz erfolgen und gewissenhaft umgesetzt werden… (siehe Kalifornien). Dabei mahnt sie, maßvoll mit dem Instrument umzugehen, es sollte sich nicht gegen Ausgegrenzte richten und „in erster Linie schlechte Praktiken brandmarken und nicht einzelne Personen.“

Es könnte funktionieren. Beschämung in Form von Bloßstellung ist eine machtvolle Strafe die ins Mark trifft, denn sie beschädigt den Ruf oder die Identität. Umfragen zeigten der Forscherin, dass das Internet ein guter Ort dafür ist. Die digitale Beschämung, eine Art Schandpfahl 3.0, wäre fraglos viral – müsste allerdings moderiert und kontrolliert werden. Auch wenn Jacquet bisweilen sehr genau schreibt, gegen wen ihre Empörung besonders schwelt, ist das Buch kein Mittel um anzuklagen. Sie will Lösungen aufzeigen, denn sie sieht ein neues Weltzeitalter anbrechen, das dringend neue Regeln braucht. Man kann dieses anregende, informative und kurzweilig geschriebene Buch durchaus als Anleitung lesen, sich die Verbraucherwürde zurückzuholen.

Jennifer Jacquet: Scham – Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls.
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2015, 223 S., 18,99 Euro

Die Rezension wurde für Psychologie heute geschrieben und ist gerade erschienen (März 2016)

Beat the beach! Strandrace in Egmond aan Zee

20. Januar 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Wer am Strand Rennen fahren will, muss natürlich im Winter ran. Also, wenns knackig bläst und kalt ist (und keine Touris am Strand brutzeln). Ehrlich: Nie gehört vorher, dass es solche Rennen gibt. Erst waren nur ein paar Radler mehr da. Plötzlich waren sie überall. Tag und Nacht. Bis wir kapierten: die meinen das ernst, die trainieren… Strandrace Egmond-Pier-Egmond, las ich online. Verrückte müssen das sein. Egobiker, Leistungsfreaks. Oder? Denk ich, als ich auf der Website des Küstenorts entdecke, was ansteht: eines der „bekanntesten, größten Mountainbike-Wettbewerbe in Benelux!“, 18. Rennen – rund 3500 Teilnehmer. Und dann sind wir, mitten im Urlaub, mittendrin.

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Über Nacht füllt sich der nachsaisonal von deutschen Touristen erschöpfte Ort mit Menschen. Holländer, Belgier, paar Deutsche sind auch noch da. Alles belegt, überall radelt wer rum, und Samstag (9.1.16, 11 Uhr), gehts ab… Startschuss am Leuchtturm. Warum liegen hier Strohballen?, fragt ein Junge, und schon zischen sie vorbei, es wird gejubelt, gerufen, geklatscht. Rennfieber pur.

Erinnert mich an Zeiten, als es noch das 1. Mai-Rennen rund um den Henningertum gab. Hach! Jaja, weiß schon, dass dort Rennräder, nicht Mountainbikes unterwegs waren. Aber, die Atmosphäre war dieselbe. Auch da standen schon Tage vorher überall Absperrgitter rum. Die Kollegen vom HR rückten mit Hubkränen an und standen auf dem Holiday Inn für den Überblick… Es gab Radlerbier für alle und die Straßen in unserem Viertel waren pickepackevoll mit Menschen. Oben kreisten Hubschrauber, unten quakte der Moderator aus dem Lautsprecher… Da kribbelt‘s und man klatscht und ruft einfach mit… Hophop! Mooi! Super! Sagt der Holländer. In Sachsenhausen klang das genau wie hier…

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Achtung! Sie kommen! Der Kollege vom nordholländischen Tageblatt schmeißt sich in den Sand. Andere Pressefritzen fahren bei den Motorbikern oder auf Strandbuggys mit. Und wusch! Ruckzuck sind sie weg, die Profis. Und dann kommen die wahren Helden, die Jedermänner und -frauen. Gefühlt stundenlang ziehen sie vorbei – Hey Jasper! Ho! Ninaa, ho!! Schrei‘n sie neben mir… Und dann johlt und jubelt wieder ein anderer Clan.

Mit Kind, Hund und Kegel, zum Anfassen und Gucken – so muss Rennen sein. Und so isses auch viel schöner, als bei „um den Finanzplatz Eschborn“. Viel. Und, ehrlich gesagt, wir sind angefixt. Was haben wir vor paar Wochen noch gegrinst, als Expatriat Sebastian sein Kuschelbike im Flieger aus NY mit nach FFM brachte – und hier nix anderes zu tun hatte als mit Freunden auf Tour zu fahren… Ich nehms zurück, Seb! Mal sehn, mitmachen.. wär schon.. cool. Echt jetzt.

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Aber, bevor ich weiterträum, noch die Gewinner: schnellste Frau war Roxane Knetemann – sie haute die 36 Kilometer in 58,35 Minuten weg – und schnellster Mann Timothy Dupont. Er trat nach 57,12 Minuten ins Ziel. Höchstgeschwindigkeit auf deren Tachos: 50 bis 60 Sachen (mehr hier). Damit haben sie gleich noch den Streckenrekord niedergerockt. Nix für mich, schon klar. Aber, Yeah: Bravo Roxanne und Tim! Yeah!

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Sechs mal, Demenz und app

16. Januar 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

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Auszeit poliert Kontraste. Oder vielleicht ist man einfach nur beim Neustart, sogar nach einem Kurzurlaub, blitzmedienblank. Um so heftiger pulsen am Tag eins die kabellosen Freunde: #geheimnis, #ausnahmslos und #rigaer94. Muss man erstmal kapieren. Während die Speicherkarte Double Exes, Dohlen und Dünen einspeist, während Tweets und fb-Posts auflaufen, die „Ich weiß was!“ zwitschern, „Hier bin Ich!“ oder „Kauf mein XY (Text/Bild/Buch sowas), also während all das piept und brummt und lädt, bleibt es auf der Strecke. Fällt es, das big picture. Die Vision, was mal bleiben soll und was man hinterlassen, besser: mitgestalten möchte. Mankell ruft uns das nach, (Niels) Quaquebeke vor – nur, die Mehrheit möchte nicht. Will nur spielen und „Ich bin dran“ rufen.

Und natürlich Tipps verkaufen, wie man das Spiel am Laufen hält. Hinkriegt, nein, optimiert, sodass so viele wie möglich sich den eigenen Auftritt angucken, liken und reliken. Scheine und Likes (schein breit like Deimonds, deidelt das Autoradio nach der Grenze, bevor ich auschalte). Optimierung. Auf dass alles satt und sauber wird. Gibs durchdachte Strategien und Workshops für. Mit Neurohintergrund. Denn die Hirnforschung hat festgestellt, dass Mozart, Geigen, und die Farbe Rot universelle Aufmerksamkeitshammer sind. Dass der gemeine Mensch sich drei, fünf, sechs (uiuiui), sieben oder Doppelsex, also ein Dutzend, Tipps am besten merken kann. Weshalb Checklisten, Tipps oder Ratschläge mit 3, 5, 6 oder 7 Punkten, Spiegelstrichen oder fetten Markern am einträglichsten seien, und Teaser mit Reizwäscheworten á la Sex-Skandal, Geheimnis, Diät oder Mör-der-blut am grabschigsten teasen. Nach dem Urlaub fällt mir das wieder besonders auf. Erinnert mich an vorappiale Zeiten. Oder an Wettbewerbe der taz-Wahrheit. Wer mitmachte, war gefordert extrem bekloppte Worte in einem Text unterbringen – und wer krass gut darin war, dem winkte eine Flasche Cognac. Hieß es. Den hat die Wahrheit sicher selbst gesoffen, @besserdeniz großgezogen und an die Welt weitergereicht.

Auszeit also. Reduzierend wie gute Küche. Gut. Aber nur relativ gut, wenn es demente Verwandte gibt. Dann ist ansprechbar sein ein Muss. Kontakt. Halten. Sogar aus Vietnam wird 2x am Tag dorthin telefoniert. Nur um zu hören: Wer bin ich? Wo muss ich zum Essen hin? Was soll ich bloß machen? Kriegt man Angst vor der Zukunft – und Party und Kaffeeklatsch (twitter und fb) gerinnen zum hypersurrealen Quark. Wer berichtet eigentlich davon? Gibt Platz dafür? Redefreiheit? Wo nicht mal #Pflegenot genügend diskutiert wird.

Eine Woche lang nur die SpOn-App: Wohnung des Paris-Attentäters gefunden. Polen bestellt den deutschen Botschafter ein. Die “Ereignisse“ von Köln. Spuckt Botschaften, die wie surreal vorbeidriften. Weil man eigentlich nur die Kanäle leeren und allerhöchstens die allerwichtigsten Neuigkeiten will, um den Tagesplan auszurichten. Also: Wie wird das Wetter?

Zurück in die Zukunft katapultiert hat mich aber nicht die Ankunft in der Medienheimat, sondern „Radio Veronika“. Hätte nie gedacht, dass sich der Moderator des nordholländischen Senders genauso anhören könnte wie Schwester Marion oder Onkel Lars von HR1. Echt jetzt. Sogar die Werbung wie geklont. Dass man nicht alles, versteht ist ja normal. Ist man also doch und echt Europäerin?! Super! Medienoptimierung ohne Grenzen. Nur, die Veronika-Musik war besser. Aber da hatten wir eh keine Not, waren blauzähnig verkoppelt.

Dank App, Demenz und Wifi, blieb uns das Grundrauschen. Die mediale Nabelschnur, die nie abfällt. Zuhause aber, in der Brandung, wird grundoptimiert: Ich lösche die Freundschaftsanfragen derer, die ich nicht kenne und entfreunde mich von denen, die nie reagieren. Mit denen mich nichts verbindet. Nicht mal Demenz.
 
 

Heartbreaking News

30. Oktober 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

Der Tagesspiegel macht sich frei

Der Tagesspiegel macht sich frei


 
Mitten ins Herz: der Tagesspiegel schmeißt von heute auf morgen die Freien raus. Bin gespannt, wie sie jetzt ihre Seiten voll kriegen. Früher war überall mehr Lametta. Aber früher war ja manches anders. Manche Kollegen können da allerdings keine Witze drüber machen. Wenn einem ein Drittel der Einnahmen wegfällt…

Diese Woche vor Journalismus-Erstsemestern eine Gastvorlesung gehalten. Erzählt vom Leben als Freie und von Freischreiber. Etwa 50 Leute saßen vor mir, sehr interessiert. Viele Fragen, u.a. auch die wichtige nach dem Geld: Gibt es auch Journalisten, die richtig gut verdienen? Und dann fragte ich, wie viele ein Abo hätten, irgendwas – und? Einer. Glaub nicht, dass das neue Modell des TSP ein Geschäftsmodell ist.

Alles nur geträumt...

Alles nur geträumt…


 
 
 

Happy Crow and me – KiR-Kunstpreis 2015

27. Oktober 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Zurück Zeitrad, zehnmal zurück – und: Erinnerung sprich! Diesmal pur, direkt aus den grünen Schuhen, aus meiner Seel. Das Bild „Spielgrund“, aus meiner Serie für den KiR-Kunstwettbewerb „Gedankenwelten“, hat das Rennen gemacht. Dabei hatte ich auf „Fremde Welten“ gesetzt, dieses Viel-Ebenen-viel-Farben-Bild unser Freundin Karin (Kück). Aber langsam, Zeitrad, und zurück:

Es war von Anfang an ein intensives Inmir. Ein: was bist du Welt, und was ich in ihr? Wie umbilden und auslegen? Wie Farben und Formen finden für das, was sich denken und fühlen ließe… Natürlich müssten es Überblendungen sein, denn was passt besser zu „Gedankenwelten“ als Ebenen, die nicht parallel voreinander fliehen, sondern ineinander wirken? Bevor es zu fabulös wird: Es war früh im Jahr, als Karin fragte, ob wir am KiR-Kunstwettbewerb dieses Jahr teilnehmen wollten. Das traf genau den Zeitpunkt, an dem ich mich gerade für die Doppelbelichtungen von Brandon Kidwell begeistert – und selbst mit Montagen begonnen hatte. Also: Ja.

Und Monate später hat der Rödermarker Kunstverein KiR diese Ausstellung hingelegt. Und der Bürgermeister spricht zur Eröffnung Schiller: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“ und Kant: „Kunst ist schön, wenn sie aussieht wie Natur – und Natur ist schön, wenn sie aussieht wie Kunst.“

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Und wir, und auch das war besonders, streiften wieder und wieder durch diese Ausstellung. Haben uns dieses und jenes zum zweiten, dritten, vierten Mal angesehen. Die wunderbaren Bilder mit den Türchen im Kopf, hinter denen Träume steckten oder Fragmente eines inneren Monologs, oder auch – nichts. Einfach nichts. Dann dieses vorwiegend Rote mit den Streifen (aus Österreich), die Köpfe und Skulpturen… diese Ideenfülle. Und all die Künstler, Hand- oder Kopfwerker, umeinander flanierend. Ratend jeder für sich: wer passt zu wem? Also, zu welchem Bild, welcher Skulptur? Der Mann in Schwarz mit Pferdeschwanz – Na? Madame Grün mit roter Tasche – Und? Oder La Rouge mit dem Pünktchenkleid – Hm?

Rund 200 waren immer da, gaben der Ausstellung das Gezeitenfeeling. Strömten ein und aus, mal ein abgeschliffenes Holz, mal einen Korb Muscheln mitführend oder eine Brezel und einen Kaffee…
Die Hängordnung jedenfalls, das Zusammenfügen all der unterschiedlichen Bildstücke zum Ensemble „Gedankenwelten“ – Chapeau! Tetris ohne Anleitung.

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Und wenn man die Bilder erneut und wieder und nochmals anschaute, spielte man durch: was hat sich der/die gedacht. Oder auch: was gibt es mir, was löst es bei mir aus? Die Direkten, die Naiven, die Schrei-bunten, die Zarten und die Abstrakten. Insgesamt ein hohes Niveau. Und insgesamt die Zeit viel zu kurz. Viel zu kurz diese zwei Ausstellungstage, viel zu kurz! (Wie in Darmstadt, wenn Fototage sind. Sire, geben sie Gedankenfreiheit! Meint: Mannoamt! Senkt die Kosten für so‘ne Ausstellung!)

Bin sicher nie so oft durch eine Ausstellung gegangen. Noch und noch den glattweißen, den klarrunden Pinguin „Lost“ beäugt, angefasst und mich gewundert, warum die Platte zu seinen Füßen ausschaut wie sie ausschaut. Hab zugehört, wenn andere diskutierten und wünschte jedem eine derartige Anteilnahme an seinem innersten Werken, die mir so sonst nur beim Kreativen-Netzwerk Behance begegnet.

Aber weiter vor, Zweitrad, auf vor zehn Tagen, sechzehn Uhr. Der Juror, Arzt und Fotograf Frank Freytag spricht. Und alle lösen sich in seinen Worten auf. Die AIDA Formel hätten sie angewendet um die besten Bilder auszufiltern. AIDA? Die Formel für A wie Atttraction, I wie Interest, D wie Desire und A wie Action. Danach hätten sie sie ausgesucht. Er erzählt von den Diskussionen der Jury, den Beziehungen und Verliebtheiten zu und mit „ihren“ Bildern… und.. Ach Mensch, ich wollte doch… Hektisch krame ich mein Notizbuch aus der Tasche. Eigentlich hab ich frei, kurz jedenfalls, die Deadline für eine Textabgabe steht schon hinter mir und greint… Aber es soll doch aufs Blog…

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Und er, der Juror da vorn, lässt inspirierende und nachdenkliche Sätze frei. Und schon ruft er auf – „der Preis für Skulpturen geht an: Edith Bohland“. Applaus! Für ihre Skulptur des jungen, zukunftsgeladenen Denkens. Sie tritt vor, gerührt, voll Freude. Dann: Platz zwei für Bilder – „geht an Karl Pohl“ – wo ist er? Steht direkt neben dem Mikro und ist ebenso verblüfft. Applaus, Applaus! Der Schöpfer der „Ode an die Frau“. Altmeisterlich und doch mitten ins Herz der Moderne, wie der Juror Dr. Freytag ausführt. Und ich nehm wieder den Stift – und höre „erster Preis… Sylvia Meise.“ Und Touché. Für das Dunkle, meinen Spielgrund. Für meine Krähe, die bei Nacht über Kinderträume wacht. Verdammt, wie sich das gut anfühlt, und der Herr Freytag sprach so viele schöne Worte, die ich leider alle vergessen hab. An alle KiRler: Vielen Dank!

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Go, Stadtwald, go: 13. Schömberger Fotoherbst!

13. Oktober 2015 von Sylvia | 3 Kommentare

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Tiefblaubunt dieser Sonntagmorgen, Herbsttag deluxe. Und wir nicht per Velo im Stadtwald, sondern per Auto dran vorbei, um ihn uns genauer anzuschauen. Heißt? Wir fahren zur Ausstellung, dessen Teil er jetzt ist: zum 13. Schömberger Fotoherbst. Dem Reise- und Reportagefotografie-Festival, bei dem wir jetzt zum zweiten Mal vertreten sind. Nach zwei Stunden und zwei Staus wird’s endlich goldrotschwarzwaldig – Swabian Summer in Schömberg.

Kaum das Ortsschild passiert, sind wir Pünktchen im Gewühle. Umgeben von lebendigem Strömen, das den ganzen Tag anhält und uns mitreißen wird, sobald wir den letzten Parkplatz gefunden und das erste der Bilder im Kurpark gesehen haben. Unerwartet dieser Massenandrang – schon –, aber doch schön auch, das sich einfädeln und treiben lassen, sich finden auch. Das Gefühl des Fremdseins in der Heimat, die Lust des Auszeitnehmens vom Tagesgeschäft. Zimtzucker zwischen den Zähnen, Kindermund im Ohr. Und, achja: Bilder, Bilder, Bilder.

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Da wo die Bläser traditionellen Trachtenbeat in den Herbst pumpen ist der Herzpunkt der Ausstellung. Dort, man muss es sagen, endet das Geschiebe. Schön für die Betrachter, die jetzt ins Rathaus finden, schade für die dort (und an den anderen beiden Orten für die Profis) großartigen, gut zusammengestellten Serien. Wir ziehen drei heraus:

Mit „Wanna have love?“ erzählen Insa Hagemann & Stefan Finger visuell sehr berührend. Machen betroffen ohne das übliche Betroffenheitswerkzeug. Loten sich ein in die Tiefe der Kinderseelen, die Sextouristen auf den Philippinen zurücklassen: das blonde Baby, der blasse Teenager, der kaffeebraune Junge – alles Außenseiter in einem Land, das keine Migranten kennt, so die kurze Info zu diesem Projekt…

Direkt daneben Oliver Mezgers „Dreiundzwanzig“. Von ihm sehen wir dieses Jahr schon zum dritten Mal coole Fotos (2x in Wiesbaden). Hier seine lichtschöne Serie vom Naturpark Schwarzwald. Warum Dreiundzwanzig? In dreiundzwanzig Stunden entstanden. Ein paar Schritte weiter heißt es „Ich war hier“, eine gewagte, kluge Komposition von Werner Mansholt. Er beginnt mit einer 25.000 Jahre alten Felszeichnung und variiert das Thema durch Kritzeleien auf dem Kölner Domdach, Schädelhaufen im Gebeinhaus, mit Namen beritzten Bambusstangen bis hin zu den bunten Abdrücken von Kinderhänden auf einer Schulwand auf Kreta.

Raus aus der Ausstellung rein in den ohrenbetäubenden Jahrmarkttrubel – und Halt! Das muss ich haben: An einem Stand werden dampfende, frisch gebackene „Kürtös“ angeboten. Sieht verlockend aus, wie Baumkuchen gekreuzt mit Stockbrot. Was ist das? Die Warteschlange verheißt: was echt Gutes. Nachdem ich dran bin und auf mein Kürtös warte, erklärt mir Standchefin Ines Balatoni: „Wir sind Ungarn und das ist eine Siebenbürger Spezialität, die auch in Ungarn noch manchmal auf Jahrmärkten verkauft wird. Im Original wird der Teig überm Holzfeuer gebacken – aber geht hier nicht wegen den Brandschutzbestimmungen.“ Supergeniales Zeug.

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Nach der Pause wieder zu den Bildern. Und würfeln: wo ist die Poststraße? Da nämlich, im Haus Bühler, da hängt unser Stadtwald. Ein eigenartig vertrautes Gefühl macht sich breit: Hallo Stadtwald. Gut machst du dich hier, inmitten der echt harten Konkurrenz… Zwei Zimmer weiter eine Islandserie, die das mittlerweile so ausfotografierte Land plötzlich wieder geheimnisvoll macht: Karl Huber sah „Island im März“. Und auch die NachwuchsfotografInnen sind hier beheimatet, darunter Elias Klein mit einer schönen „Billard“-Studie.

Schömberg, das ist Hingabe mit klarer Linie – alle haben dieselben Rahmenbedingungen im Wortsinn. Weiße Holzrahmen, weiße Schrägschnittpassepartous, höchstens zehn Bilder. Einziger Kritikpunkt an dieser Stelle – manchmal gab‘s erhellenden Begleittext, manchmal nicht. Das Quäntchen Zu-Text aber hätte allen Projekten gut getan. Denn: solche Info vermag doch oft den Blick zu weiten, sowie die Räume zwischen den Bildern zu verstehen.

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Auch bei den Amateurbildern, die im ganzen Ort verteilt in den Schaufenstern hängen. eine schöne Idee, die allerdings manchmal Grenzen hat (bei der die Bilder umgebenden Dekokunst). Doch so haben die Menschen, die wegen des verkaufsoffenen Sonntags hier waren, auf jeden Fall die Amateurserien gesehen. Von denen die tapfere Jury in der Sommerbruthitze dieses Jahres ebenso viele ausgewählt hat wie bei den Profis: je 25.

Zum Schluss nochmal ins Kurhaus. Von dort steckt mir noch die Qual in den Gesichtern von Sandra Hoyns „Letzten Orang Utans“ in den Knochen. Die Serie erinnert daran, dass nicht nur der Wald stirbt, sondern auch seine Tiere. Für das Palmfett in unseren Margarinen und Keksen und unzähligen Fertigprodukten. Einer im Käfig, der die Hand eines Menschen fest umklammert hat: Bleib bei mir! Einer auf dem Krankentisch – alle Menschen mit Mundschutz und Handschuhen. Die Bilder von den Rettungsaktionen, dem Bergen der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer fallen mir ein. Dass im Hintergrund die Kurkapelle zum Tanz aufspielt macht das Ganze komplett surreal. Kommen, sehen, denken. We’ll be back!
 
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13. Schömberger Fotoherbst
Internationales Festival für serielle Reise- und Reportagefotografie
Rathaus, Museum Haus Bühler, Kurhaus, Schaufenstergalerie in 75328 Schömberg
9.10. bis 8.11.2015