5785 Hektar = Heimat durch X

23. Februar 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Was ist Heimat? Zum Beispiel “5785 Hektar Stadtwald” – so heißt unser Langzeitprojekt. Hier ein Zwischenstand, gefasst zu fünf Triptycha. Jedes ist als Rundblick mit Brüchen konzipiert. Unsere Füße als menschliche Klammer, damit stehen wir stellvertretend für all die regelmäßigen Waldgänger, die sich wie wir in einem Stadtwald heimisch fühlen. Jene, die dem Ort und einander verbunden, sich dort morgens, mittags, abends treffen, sich grüßen und kennen, auch wenn sie kaum mehr als ein Wort wechseln. Unsere fünf Bildtafeln folgen wie Eyetracker dem menschlichen Schweifen durch den Wald – und entdecken eine Welt, die direkt vor unserer Haustür liegt. Eine Welt, die manchem Frankfurter ferner ist als etwa der malaiische Regenwald, in dem er vorgestern noch über eine Hängebrücke lief… Eine Welt, die für den Durchschnittstädter eine nahezu unbekannte Fremdartigkeit birgt.

Die Verwandlung etwa eines Rehs in ein exotisches Wesen, oder ganz allgemein die Entfremdung von der Heimat war Auslöser dieses Projekts. Seit 25 Jahren erkunden wir den Frankfurter Stadtwaldgürtel zu Fuß oder mit dem Rad auf verschiedenen Strecken – und sehen in der letzten Zeit eine gefühlt stetig ansteigende Zahl von Menschen, die dort joggen, Hunde ausführen, spazieren gehen, auf Bänken in der Sonne sitzen oder Vögel füttern… Immer wieder freuen wir uns über das hingabevolle Staunen der Menschen, wenn plötzlich vor ihnen ein Damhirsch den Weg kreuzt. Und sind verwundert, wie wenige den Unterschied zwischen Reh und Hirsch kennen oder wissen, wie wichtig der Wald für die Metropole Frankfurt ist. Vielleicht weil es keine „Heimatkunde“, sondern nur noch Sachkundeunterricht gibt?

Klar wird der Wald auch genutzt. Und leider nimmt auch das stetig zu. Förster und Privatleute ernten Holz, denn auch Forste müssen Profit abwerfen. Doch der stadtnahe Wald kann einiges mehr als Holz oder Bärlauch aufziehen. Für Städter ist er ist Luftfilter, Wasserreservoir, Lärmschutz und Erholungsgebiet in einem. Einmal im Fokus bietet uns der Stadtwald jedes Mal ein anderes Bild. Entdecken wir immer wieder Unbekanntes in dieser von Menschen gestalteten und genutzten Natur. Neues, zuvor nie Wahrgenommenes wie die Harztropfen auf geschlagenen Baumstämmen, einen in den Wald geworfenen, mit der Zeit moosüberzogenen Polsterstuhl, oder die Verschmelzung eines Nacktschneckenpaars zu Ying und Yang. Mit unserem Projekt wollen wir diese Welt aufschließen. Und zeigen wie wertvoll sie ist. Dazu passt der Begriff von Heimat von Ernst Bloch: „Die vergesellschaftete Menschheit im Bund mit einer ihr vermittelten Natur ist der Umbau der Welt zur Heimat.“

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20. Februar 2015
von Sylvia
Keine Kommentare

Buchkritik: Kinder machen von Andreas Bernard

Cover A. BernardSchwanger werden durch Fremdsamen – ist das Ehebruch? Das war die erste Frage, die die Gründern der weltweit ersten Samenbank 1936 in den USA zu klären hatten. Heute reißt die Injektion einer Samenzelle niemanden mehr vom Hocker, denn unter allen machbaren künstlichen Befruchtungsmethoden ist sie mittlerweile die simpelste. Heute dringen Methoden und Fragen weit tiefer in die Körper der Beteiligten – und damit in den Körper der Gesellschaft ein. Mit Samenspender, Eizellspenderin, Leihmutter, Embryologin oder Retortenkind gerät die alte Vater-Mutter-Kind-Familie zum komplexen Konstrukt. Der Journalist und Kulturwissenschaftler Andreas Bernard fragt in seiner als Buch veröffentlichten Habilschrift, ob – und wenn ja, wie – sich dadurch das Bild der Familie verändert. Was bedeutet es, wenn ein Kind bis zu fünf Elternteile haben kann? Die sich noch dazu in biologische und soziale Eltern aufspalten? Und wie veränderet sich die Funktion, die Rolle oder die Identität aller ihrer Angehörigen?

Die Recherche rund um die „assistierte Empfängnis“, die zunehmend nicht nur eine künstliche, sondern vor allem eine „optimierte Reproduktion“ darstellt, macht frappierend klar, wie sehr die eigentlichen Protagonisten, Eltern und die Kinder, aus dem Blickfeld geraten sind. Im sterilen Umfeld des Labors wird der Umgang mit Samenzellen, Nährflüssigkeiten und Pipetten zur Routineangelegenheit. Emotionen haben hier nichts verloren. Der jüngste Trend des social freezing, bei dem Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen (können? sollen? wollen?), die erst Karriere, dann Kinder aus eigenen jungen und gesunden Eizellen haben wollen, ist nur ein weiterer Dreh an dieser soziobiologischen Verfasstheit.

Bernard erzählt vom Vorantasten der frühen Forscher und dem Einfluss des Christentums auf ihre Vorstellungen. Kaum zu glauben, wie Tabus und Ängste bis heute unser Bild von Mütterlichkeit, Ehe oder Familie prägen. Die Entdeckung des Spermiums (1677 in Delft) ist ein packend erzähltes Stück Sexualgeschichte und mancher mag die darauf folgende Entdeckung (150 Jahre später) des Säugetier-Eis eklig finden. Bis dahin hielt man Frauen für zeugungsunfähige, minderwertige Männer. Exakt noch einmal 150 Jahre vergehen, lässt uns Bernard staunen, bis Louise Brown, das erste Retortenbaby der Welt, geboren wird. Dass ihre Eltern dabei nicht mal ahnen, dass ihr Kind eine Sensation ist, ist bezeichnend für die Diskrepanz zwischen dem Tempo des medizinischen Fortschritts und der Langsamkeit, mit der wir ihn begreifen. Ganz zu schweigen von der Fähigkeit einer Gesellschaft, derartige Veränderungen in ihre traditionellen Konzepte zu integrieren.

Der wortgewandte Autor nimmt LeserInnen mit an Orte, zu denen sonst niemand Zutritt hat, etwa zur Münchner Embryologin, die in ihrem Labor schon über 10 000 Kinder gezeugt hat. Was er wiedergibt ist filmreif: Wie sie mit den Zellen redet oder dass sie diese am liebsten verschmilzt, während sie Wagner hört… Gespräche mit weiteren Medizinern, Geschäftsführern von Samenbanken oder Leihmutter-Agenturen machen deutlich: Aus dem sehnsüchtigen Kinderwunsch von Paaren, die ungewollt kinderlos bleiben, lässt sich ein gutes Geschäft machen. Zwischen ein paar hundert Euro für eine Samenspende und über 100 000 Euro für Eizellen- und Samenspende plus Leihmutter können ein deutsches Paar die Dienstleistungen rund ums Kinderkriegen kosten.

Ob Kinder mit ihrer Herkunft Probleme haben oder nicht, hängt nach einer Studie mit Kindern homosexueller Paare vor allem von der Akzeptanz ihres Umfelds ab – und die fällt sehr unterschiedlich aus, bis vor 100 Jahren waren solche Familien undenkbar, und Kinder aus Samenspenden wurden als „Monster“ tituliert.

Genug Stoff zum Nachdenken. Als Magazinjournalist weiß Bernard spannend zu erzählen, als Kulturwissenschaftler interessiert ihn die Verknüpfung des Heute mit dem Gestern. Das ist ein besonderer Ansatz – und das Ergebnis sehr lesenswert. Es wirft neues Licht auf eine Debatte, die gerade beim Thema Wunschkind/Kinderwunsch gerne besonders erregt verläuft. Zeigt aber auch: Den richtigen Dreh, diese neue, ausgelagerte Form von Intimität emotional zu verarbeiten und aufzufangen, haben wir als Gesellschaft noch nicht gefunden. Vielleicht wirkt das Ende deshalb so zerfasert und unentschlossen.

 

Andreas Bernard: Kinder machen. Neue Reproduktionstechnologien
und die Ordnung der Familie. Fischer Verlag, Frankfurt 2014, 543 S., 24,99 Euro.

 

Die Rezension ist in ähnlicher Form in der März-Ausgabe von Psychologie Heute 2015 erschienen.

Urban Poetry: Uns

18. Februar 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Uns

Die Frühe. Die Straße. Nur uns.
Der Nachbarin, die zur Schicht eilt, der Schlaflosen,
dem Zeitungsmann, vermummten Radlern, Bauarbeitern – uns.

Die Bahnen ihr,
der dicken Schwimmerin.
Die im allmorgendlichen Ritualbad
sich treiben lässt. Ihr Glück
für eine Viertelstunde
la Reine, la Delphine! Nur Sie.
Textor zum Tag. Leicht, unbeglotzt, frei.

Die Fenster. Im Atem der Fremden.
Himmel löst Welt. Löscht Nacht. Im Nebel dunkler denn je.
Die Straße der Frühe.

Uns

 
 
 

Schwarmeleganz: Bergfinken

14. Februar 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Hier der Link zur Galerie: Bergfinken im Winterquartier (15 pics)

Da sind sie! Erst die kleine Vorhut, rund 50 der heiß erwarteten Bergfinken, dann eine Zeit lang wieder nichts. Dann ein weiterer Vogelschwarm, und kurz drauf die nächste Vogelwolke. Tausende, abertausende Vogelleiber im Formationsflug. Zum ersten Mal zeigen sich Bergfinken hier in Hessen. Bieten uns ein ungewohntes Bild: unerschöpfliche, unfassbare und dazu magisch schöne Überfülle.

Sie kommen her zum Schlafen, satt von Bucheckern, die es letztes Jahr reichlich gab (sprenkeln uns mit weiß-zimtnen Klecksen). Mal ähneln sie einem Band, das sich spiralig windet, mal wenden sie, als hätten sie genau diese Choreografie für genau jene Sekunde ausgezwitschert. Geflogene Partituren. Der Himmel gefüllt mit Strichen und Punkten. Zeichen so fremd und zugleich so vertraut, man möchte mitsingen, mittanzen, fliegen…

Ausbreiten, falten, anlegen, Fahrt gewinnen! Dabei sind sie kaum zu hören. Ein überirdisches Rauschen, ein flattriges Flirren wenn sie genau über unseren Köpfen sind, mitten durch die Menschen zu fliegen scheinen, oder zum Steigflug ansetzen um endlich ihren Schlafplatz auszusuchen. Ausbreiten, falten, anlegen. Mit angelegten Flügeln wie Fischlein. Luftfische. Silbern, schwarz und orange. Und wie sie uns in Erstaunen versetzen. Aufstiebend Schleifen ziehen ohne je aus dem Takt zu geraten. Jedes Einzelgeschöpf im angemessenen Abstand zum je anderen – und landen. Und das alles nur mit Hilfe ihres Kleinhirns wie sich in „Ornis“, dem letzten Buch von Vogelversteher Josef H. Reichholf nachlesen lässt. Und wir reden von “Schwarmintelligenz”. Wären unsere Synapsen so wendig wie ihre, gäbe es keine Verkehrsunfälle.

Unten auf der Wiese kommen wir langsam wieder zu uns. Die Menschentraube, die sich auflöst in der Dämmerung. Entspannt, gebannt, beglückt.

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Urban Landscapes: Fünf

9. Februar 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Fünf

Gott was für ein Licht!
Leitfeuer. Leuchtspur. Gepunktet.
O Glück!
Die Kreuzung so still
so tief – nebelzart
im Eishauch

2 Stunden noch
dann wieder Stoß und Stoß
Rot und Rot. Warten.
Warten. Warten.
Minority Report
War da was? Gestern?
Nacht im Kopf – Coffee to go
Voll heiß.
Voll kalt – Slow-Mo

Warte. Noch ist
Zeit.
Vereist die Bühne. Traumkalt, leer
zerwischt
Orangnes Leuchten
Urban stills
Memes all over

Guck. Die im Fenster
wie aufgezogen
Steht. Kaffee. Schicht
Dreht im eignen Rhythmus,
wie nie von dieser Welt.
Sortiert, ordnet, häuft
Brezel und Brötlich
ne andre
matscht im Nudelsalat
schabt, formt, pampt
so fort

2 Brücken weiter
Schlag auf Schlag. Ein Riese
Boden bebt
Metall blaut
rammt – tief ins Stadtherz – rafft
Main-Erde
rasselt, rummst, rockt
schlägt ab
häuft das Gebrock, dampft und schnauft

neongelb die Arbeiter
kurz angezuckt
vom Blau der Retter
…vorbei…
Mögen ihre Hände ruhig sein

 

4. Februar 2015
von Sylvia
Keine Kommentare

Erleuchtet: Minutes to Midnight von Trent Parke

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Schon der Einband dieses Fotobuchs fasziniert: Zarte Figuren mit durchscheinenden Flügeln. Ein Schwarm Flughunde oder Fledermäuse. Kleine Ikarusse gedruckt auf grauem Leinen. Drinnen unzählige Geschichten in buntestem schwarz-weiß. Strahlende Bilder, die mal atemlos wirken, mal hechelnd geballte Lebenskraft versprühn – eingefangen vom Magnum-Fotografen Trent Parke. Ein Lichtfänger dieser Mann. Mitten unter den Menschen, Aug in Aug oder durch sie hindurch. Seine Bilder strahlen surreale Direktheit. Es geht um Liebe, Geburt, Schmerz, Tod. Was sonst wäre wichtig. Was sonst würde taugen in den Minuten bis Mitternacht. Minutes to midnight, die uns bleiben bis zum Tag X der globalen Katastrophe. Oder auch nur der persönlichen. Man erfährt nicht mehr, als das, was man in der Lage ist, selbst zu sehen. Wir haben dieses Buch zusammen mit einem der ungewöhnlichsten Ausstellungskataloge geschenkt bekommen, die wir je hatten. Kein teurer Tiefdruck, sondern billiges Faltwerk aus „Massenpapierhaltung“ für zweisechzig. Gemeinschaftswerk der Süddeutschen und Gerhard Steidl zur Ausstellung von Robert Frank in München. Mit keineswegs billigen Texten. Sie begleiten uns jetzt seit sechs Wochen. Unter anderen der von Walker Evans (über The Americans): „For the thousandth time, it must be said that pictures speak for themselves, wordlessly, visually – or they fail.” Wie das auch auf dieses Buch passt. Vielleicht, weil es auch vom Steidl-Team gemacht wurde. Ohne Seitenzahlen ohne erklärenden Text, lediglich eingangs ein kurzes Zitat (aus einer Meldung der australischen Zeitung „The Sunday Mail“), in der es um ein unerklärliches Lichtphänomen geht.

Das Buch könnte auch The Australians heißen. Ich sehe eine fotografische Leuchtspur. Eine ultimative Aufforderung das Leben zu lieben. Gerade in den letzten Minuten vor dem Tag X. Drei Minuten haben wir noch bis zwölf, sagt die Doomsday-Experten-Uhr. Ist das der Titel? Die Atmosphäre im Buch jedenfalls wie in dem Film Melancholia, allerdings in magischem Schwarz-Weiß. Darunter eine Doppelseite Nacht. Tiefschwarz. Sonst nichts. Trent Parke klinkt sich ein in Parallel-Zeiten, Parallel-Leben. Menschen. Einzeln. In Gruppen. Beim orgiastischen Feiern, beim Knutschen, beim Schlafen, im Schlamm oder nachdenklicher Zwieschau mit dem Fotografen. Tiere. Einzeln,in Schwärmen, tot. Landschaften wüst oder geheimnisvoll. Und alle streift, durch alle strömen diese Photonenschleier. Aufgeschrieben hab ich das eigentlich nur wegen Martin Gommel von kwerfeldein, der am Ende seines 5 Fotobücher des Monats-Posts auffordert, wem noch was fehlt, möge es gerne sagen. Okay. Ich sage: Trent Parke (den wir nur kennen, weil es in Berlin diesen wunderbaren Fotobuchladen 25books gibt und unseren Sohn).

Trent Parke: Minutes to Midnight
Steidl Verlag Göttingen, 2014 (2. Auflage) 96 Seiten, 38 Euro.

 
 

Bild des Monats: Januar 2015

4. Februar 2015 von Sylvia | 1 Kommentar

Frankfurt 2015

Frankfurt 2015

Sie sehen uns öfter als unsere Freunde: die Markthändler unseres Vertrauens. Einmal mindestens, manchmal sogar dreimal die Woche, sogar wie hier bei minus 2 Grad. So sehen echte Helden aus. Best Äppel in town – und best Gemüse sowieso. Seit 20 Jahren. Sie nennen uns “die Sachsenhäuser” – wir nennen sie “die Marktjungs”.

Das Quappen-Tagebuch

31. Januar 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Achtzehn könnten sie heute sein – oder tot. Ich sage: sie leben noch. Schließlich hatten sie eine Powerkinderzeit – bei uns. Achtzehn Jahre ist das schon her, dass wir den Förster fragten, ob wir uns Kaulquappen holen dürften. „Klar, sowas muss ein Kind doch mal erlebt haben“, lautete die Antwort. Erst nach unserer Quappenaufzucht belehrte uns dann ein anderer Forstmann, “sowas” sei verboten. Alle Amphibien stünden unter Naturschutz! Weil: Leider sei die Überlebensquote ziemlich gering, und sogar Schulklassen mit offizieller Erlaubnis bei der Kaulquappenaufzucht wenig erfolgreich. Daran musste ich jetzt wieder denken, als ich “Die Tage des Gärtners” von Jakob Augstein las. Schönes Buch. Bin zwar an verschiedenen Stellen gar nicht seiner Meinung – Rhododendron etwa würde ich nie pflanzen. Nie. Rittersporn dagegen überall. Bei der Funkien dagegen sind wir uns wieder einig. Und herzlichen Dank auch für die Info mit der Kletterhortensie – aber das wäre ein anderer Text.

Hier jetzt will ich vom Frühling reden! Sechs krasse Wochen noch, bevor er endlich kommt. Reden von der „unerhörten Würde des Lebens, das nach vorne drängt, nach oben, an die Luft, ans Licht.” Das hat Jakob Augstein schön geschrieben. Denn er hat ebenfalls illegal und ebenfalls mit seinem Nachwuchs Kaulquappen zuhause gehabt. Im Gegensatz zu uns wollte er nur Frösche, die er heimlich aus dem Gartencenter holte. Echt lustige Geschichte. Allerdings, im Gegensatz zu uns gelang dieser Familie die Aufzucht nicht. Weniger lustig. Bestärkt die Verbieter. Deshalb jetzt unsere Quappengeschichte vom pulsenden Lebenswunder. Zwar hatten auch wir einen Verlust zu beklagen, doch von unseren fünf Kröten- und zwei Molchlarven haben wir alle bis auf eine durchgekriegt. Wie? Unser damals Achtjähriger hat alles aufgeschrieben:

1. Tag
Heute haben wir Kaulquapen geholt, um zu beobachten. Die Kaulquappen haben den Mund unten wie Rochen, Ich will, das sie sich wie zu Hause fülen. Es sind übrigens 5.

Gesucht und gefunden: ein Tümpel mit Hunderten von pechschwarzen Kaulquappen. Fünf davon schöpfen wir vorsichtig in ein Glas, und füllen auch gleich Teichwasser für den artgerechten Umzug ab. Der Papa mit dem Rennrad transportiert sie schnell im Rucksack nach Haus. Dort angekommen aber – oh! oh! – liegen die neuen Haustiere im Reise-Einmachglas wie tot. Und jetzt? Glück gehabt: Nur ein Überlebenstrick. Stunden später flitzen sie schon durch ihr neues Domizil: ein großes Bonbonglas mit der Aufschrift „Saloon“.

2. Tag
Die Kaulquapen haben die Nacht überstanden. Ich habe sie seher lieb. Ihre Augen sehen aus wie kleine vertifungen. Ich musste sie alle weken. Sie versuchen sich immer aufs Glas zu legen, leider klapt das ni, weil das Glas zu glat ist. Heut habe ich Wasserflöe aus dem Zoo Gescheft geholt, und ins Wasser zu den Kaulquappen getan.

Zunächst müssen die Kaulis wachsen. Abzusehen, dass der Saloon bald zu klein ist, deshalb erstehe ich für unsere neuen Mitbewohner auf dem Flohmarkt ein Wasserbassin mittlerer Größe. Umzug ist angesagt: Schon wieder tot stellen, was für eine Aufregung für die kleinen Kopfschwänzer. Die neue Wohnung wird begrünt und scheint ihnen zu gefallen. Meist liegen sie am Boden und schlafen. Oder saugen sich an Blättern fest und lassen sich schaukeln. Unbeweglichkeit als Tarnung. Wo sie herkommen nämlich, im Waldtümpel, gibt‘s Wassermonster, die kleine harmlose Quappen fressen. Traute mich gar nicht mehr atmen, als ich das sah. Und schielte zum Sohn, ob er auch es gesehen hätte. Zum Glück nicht, hätte sonst schön geheult. Überall lauern sie: Wasserläufer. Greifen sich so ein armes Quäppchen und Aus. Hach! So sentimental wird man, wenn man zu Hause Kaulquappen großzieht. Bücher wälzt, was sie alles brauchen und wer sie eigentlich sind.

Manchmal fahren wir einfach zum Tümpel und gucken, ob die anderen Hundertschaften von Brüdern, Cousins und Schwestern sich genauso entwickeln wie unsere Fünferbande. Jede Fahrt ein Abenteuer: vor Riesenkötern verstecken, Himbeeren pflücken, Wildschweinspuren lesen und: was war das? Hat sich da nicht eben ein Ast bewegt? Eine Blindschleiche! Wir beobachten sie bei ihrem Weg über den Weg. Glatt war’s ihr, viel zu glatt. Und so hat’s lang gedauert, sehr lang. Wir, voll frischer Beobachtegeduld, harrten aus. Bis sie drüben war, und dort und dann raseschnell zwischen Gräsern verschwand. Einen Augenblick, einen langen Waldaugenblick waren wir ganz nah dran. Am gleichen Tag sehen wir auch einen Fuchs. Zum Greifen nah sonnte er sich auf einem Baumstamm. Da standen wir still, Mutter und Sohn, lauschten, atmeten leise und hielten die Zeit an. Er schaute zu uns rüber und schien zu wissen: die sind harmlos.

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9. Tag
Toll! Nautilus hat Vorderbeine, sie stehen im echt gut. Wir haben einen größeren Stein ins Becken getan. Eine Kaulquappe lutscht den Stein immer ab, sie scheint sich für ihn zu intresiren.

Und das ist der Speiseplan: Fischfutter und Wasserflöhe. Das bekommt ihnen gut: rund und prall geistern die Larven durchs Becken. Natürlich brauchen sie auch Beckenbegrünung: „kanadische Wasserpest“ und anderes Gewächs kaufen wir im Zooladen. Außer den Kaulquappen füttern wir mittlerweile noch andere Wassertiere durch: zwei Molche, dazu noch je eine Posthorn- und Schlammschnecke. Die Schnecken weiden wie Nilpferde den grünen Algenrasen ab, der auf den Steinen und am Glas wächst. Die Flöhe wiederum fressen die Schwebteilchen, die das Wasser sonst trüben würden – ein perfektes Biotop.

15. Tag
Leider gibt es heute nichts zu erzelen. Ich hofe, es gibt morgen mer zum tema Kaulquappen zu erzelen. Aber man kann Jahre lang ins Becken gucken und man kriegt nie Langeweile.

Das Teichwasser hat es in sich. In der ersten Kanisterfüllung war nicht wie vermutet nur Wasser und bisschen Grünzeug. Winzig kleine, fürs bloße ungeschulte Auge zunächst unsichtbare Eier aller möglichen Tiere waren darin. Molchlarven etwa. Nach dem Schlüpfen zickzackten sie fast unsichtbar durchs Wasser, später glichen sie Baby-Forellen.

16. Tag
Heute habe ich festgestelt, das zwei Forellenartige Tiere in meinem Aquarium sind! Bei Nautilus sind die Beinchen schon sehr gut sichtbar. Die Kaulquappen gleiten manchmal wie Kondore durchs Wasser. Manchmal liegen sie auf den Grashalmen wie wir auf einem Bett.
18. Tag
Heute ist der größte horortag alerzeiten! Nautilus ist weg! Wir haben alle gesucht und ihn nicht gefunden. Das ist leider sehr traurig. Aber man muss der Tatsache ins Auge sehen.

Schlimm: Der Tag als unser größter Quapp spurlos verschwand. Der Sohn hoffte inständig, Nautilus möge auf wunderbare Weise über den Balkon entkommen sein und bald bei seinen Kumpeln am Tümpel eintreffen. Sein Papa hat da eher Familienkater Max im Verdacht und ich fürchtete den Tag, an dem ich im Beisein des jungen Forschers womöglich eine kleine ausgetrocknete Kröte fände (was nie geschah und den Mythos des Ausbüxens nährte). Um weitere mysteriöse Verluste zu vermeiden, wurde das Bassin abgedeckt.

Alle anderen Jungkröten aber haben wir eine nach der anderen wohlgenährt in die Freiheit entlassen. Die Rückreise traten sie – versteckt zwischen Moos und Erde – in einer alten luftlöchrigen Brotdose an. Dabei wurde uns der Weg zum Waldtümpel jedesmal vertrauter: erst die Himbeersträucher, dann weiter am großen Holzstapel vorbei, noch ein Stück und dann endlich das Wasserloch. Noch einmal schau‘n wir uns die Pfleglinge genau an, „Tschüss“ sagt der Sohn leise,“ macht‘s gut!“. Und die kleinen Hüpfer, als wären sie nie woanders gewesen, verschwinden zielstrebig im Gras.

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Hier der Link zur Galerie: Quappen (12 pics)

Anmerkungen:
1. Die Rechtschreibung in den kursiven Absätzen ist nicht falsch, sondern das Grundschuldeutsch der Erstschreiber. Die Kinder lernen Schreiben nach Gehör, man nennt es auch “Freies Schreiben”. Schöner Begriff eigentlich – und wie alle Freiheiten sehr umstritten.

2. Vor 12 Jahren veröffentlichte die taz unsere Quappengeschichte zu Ostern – und nannten uns “Quappenberichterstatter – unsere Lieblingsberufsbezeichnung von unserer damaligen Lieblingszeitung.

 
 

Dreizehn Stunden, dreizehn Kilometer: Wuppertal

15. Januar 2015 von Sylvia | 2 Kommentare

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Hier der Link zur Galerie: Wuppertal 2014 (35 pics)

 

Nein. Nicht Hamburg, Berlin oder Prag, sondern Wuppertal. Da sitzen wir jetzt. In der Schwebebahn, weil ich mir das zum Geburtstag gewünscht hatte. Mal einfach weg sein statt Fete. Nichts müssen, nur sein. Fanden unsere Freunde gut: Super Idee – wohin geht’s denn? Wuppertal. Bitte? Was? Wupp..? Das klang fassungslos. Und das passt ja. Zu dieser Stadt, die irgendwie gar keine ist. Wuppertal hat – und das ist deutschlandweit echt besonders – kein Stadtzentrum, sondern ein Stadtzentralband. Sieht man aus dem All, wie ein Satellitenbild auf Wiki zeigt. Also, nix Kirchturm als Orientierungspunkt, nix niedliche Altstadt, Rathaus, Marktplatz oder so. Voll suburban. Gegründet und dezentral geleitet von Delegierten jener sieben Städte, die im Tal der Wupper über die Jahrhunderte aneinandergewachsen sind. Langweilig? Cool! Fand schon Kaiser Wilhelm Zwo. Mit seiner Frau Auguste Viktoria weihte er 1900 die dreizehn Kilometer Schwebebahn-Strecke ein.

Knapp tausend Jahre früher war übrigens schon Karl der Große an diesem Ort strategisch interessiert. Heißes Grenzland damals. Zwischen Franken und Sachsen. Also ließ Kalle das Wuppertal schützen und befestigen… Kann man nachlesen alles. Als deutsche Touristin darf man sowas. Und weiter herausfinden, dass Friedrich Engels, Alice Schwarzer und Else Lasker-Schüler hier geboren sind, außerdem Johannes Rau und Pina Bausch. Muss ein inspirierendes Stück Gegend sein. Auch wenn der Himmel am Tag unseres Besuchs wenig erhellend wirkt. Grau halt. Und dabei bleibts.

Egal. Hier sind wir und packen das old Girl Schwebebahn bei den Türgriffen. „Old Girl“, so stellt die Stadttouristik sie den englischen Touris vor. Auf Deutsch dagegen heißt sie „alte Dame“. Wir nudeln mit ihr unser Tagesticket ab und fotografieren wie nur je ein Trupp Japaner. Sehen am späten Morgen hinaus, am Mittag, zur Rushhour abends – und immer dazwischen auch. Hin und her. Her und hin lassen wir uns schweben. Klobig die Stützbeine. Eisernes altes Mädchen. Kriechende schwangere Schwester des Eiffelturms. Kein Wunder, dass nicht jede Stadt so ein Monstrum haben wollte.

Das Ziel ist der Weg. Natürlich. Dreizehn Kilometer lang und vier bis zwölf Meter über Straßen oder Wupper. Augen und Ohren auf. Alles andere ruht. Man nennt es Schwebe-Zen. Natürlich sind wir dabei selten allein. 85.000 Passagiere pro Tag. Ein paar habe ich belauscht. Etwa diese Neunjährigen: „Welche Station findest du am schönsten?“ Will ein Junge von seinem Freund wissen. Stimmt, da sollte ich auch drauf achten. Nach kurzem Bedenken gibt der Befragte zurück: „Die meisten.“ Und dann quasseln sie los und einer hält dem anderen Vorträge zum Thema Ästhetik. Der Fragesteller übrigens findet Ohligs Mühle am schönsten. Wegen dem vielen Glas. Daraufhin kürt der Andere die „Kluse“ als Schönste. Von immerhin 20 Stationen zur Auswahl. Glas. Das verstehe ich. Kaum Schöneres als Spiegelungen. Allerdings nur die, die Licht und Glas hervorrufen. Hinter mir zwei Frauen haben keine Augen dafür. Die eine hat üble Probleme. „Magenspiegelung“, fasst sie plötzlich zusammen. „Sollte man mal machen.“ Mit Mal fallen mir Szenen aus Wenders‘ Himmel über Berlin ein. Wo er die Leute belauscht in der Hoch-Bahn und zuhause. Als ein über den Dächern und durch die Wände schwebender Engelsregisseur. Aber nichts Erhabenes weit und breit. Nur dieser im extraschmutzigen, alltagstrüben Schwarz-weiß gehaltene Alltagsscheiß. Sogar ein Mann dabei, der sich vom Hochhaus stürzt.

Was wir sehen? Heimat. Feucht-grauen Himmel über Wuppertal. Alltagsspuren. Oder wie die Wuppertalerin Pina Bausch sagte: „Eine Alltagsstadt, keine Sonntagsstadt.“ Wir passieren ein geschreddertes Ladenhaus. Verrücktes Bild, die Steine im Schaufester. Noch immer in aufmerksamkeitsheischendem rot-gelb der Hinweis: „Angebot der Woche!“ Rau aber Billig. Herzlich auch? Weiß nur, wer hier lebt. Zumindest spendiert einer im Café, das ich zum Aufwärmen brauche, einem einheimischen old Girl Kuchen. Schon bestellt zu ihrem Kaffee, aber sie kann ihren Zehneuroschein partout nicht finden. Eben war er noch da! Verunsichert durchforstet sie zum fünften Mal ihre Manteltasche. Da war er eben noch. Ich hatte einen Schein. So blöd ist man ja nicht!? Der junge Mann am Tresen beruhigt sie: „Der Herr hat‘s ausgelegt.“ So sind sie wohl hier. Südlich vom Pott. Anders. Kein großes Aufheben. Machen. Und doch geht der Stadtteil offensichtlich den Bach runter. Billigfriseur, Billiginternet, Billigklamotten.

Wieder in der Bahn sitzen wir auf der Grenzlinie zwischen Jungs und Mädchen. Sieben, acht Jahre alt. „Ich hab keine Freundin!“ „Doch hast du!“ Die Mädchen kringeln sich, der Junge rastet gleich aus. Zwei 13jährige Mädchen reden über ihren freien Tag morgen: Ich kann gar nicht damit umgehen, dass wir morgen keine Schule haben. Ein anderes Mädchen beschwert sich über ihre Lehrerin: Warum hasst sie mich so? Während draußen die Stahlstützen vorüberfliegen. Seegrün. Wie vor 113 Jahren. Und vor 65 als Tuffi, der junge Zirkuselefant aus der Schwebebahn in die Wupper fiel. Wie?! Ja. So steht‘s auf der Homepage der Bahn. Zum Glück kam er „mit einer Schramme am Po davon“.

Das Vohwinkler Zentral-Café hat Kevin uns empfohlen. Danke. Sehr guter Tipp! Ausruhn. Orangenes Licht tanken, Leute gucken. Das Café in farbiger Hand. Und ich muss immer an dieses YT-Video denken, in dem die Rollen umgekehrt sind. Wo Farbige Weißen in die Haare grabschen, nur um mal zu fühlen, wie weich das so ist und dazu dämlich grinsen. Wo Farbige Weißen attestieren, sie sprächen ihre Muttersprache erstaunlich gut und dergleichen mehr. Wie verhalte ich mich gerade? Die Frau, die das Klo putzt wünscht mir nachdrücklich einen schönen Tag – äh, auch so! Und die Chefin guckt mich an als mache ich alles falsch. Als ich noch einen Tee haben will, bestelle ich ein Klo to Go. Endlich grinst sie.

Das vielfältige Innenleben des Cafés rettet den Nachmittag. Die Kunden: Wuppertaler. Türkische Rentner, deutsche Rentner, arabische Rentner. Deren aller Kinder mit ihren Kindern, ein Obdachloser und, ganz hinten in einer gemütlichen Ecke mit Panoramablick, ein Mädchen in rosa. Eine ausgefallene Schulstunde vielleicht. Oder sie sitzt da immer die Zeit zwischen Schule und Hort oder Schule und Mama-kommt-nach-Hause ab. Alles rosa an ihr und um sie herum. Mit ihren zum Dutt gedrehten Minizöpfchen und dem kleinen Speckbauch sieht sie wie ihre eigene Oma aus. Anders als diese aber fläzt sie frechfeist auf dem Sofa. Wie zuhause. Unverblümt. Und Handyhandy. Nur Spielen.

Auf der Straße beschwert sich eine alte Vettel. Oder ist‘s ein Mann? Voll Alki. Polizei. Kleiner Unfall enge Straße. Leerstände. Baustellen. Türkische Gemüseläden, türkische Döner. Telefonläden. Und immer wieder die grün gestrichenen Eisenfüße der Bahn. Nichts Zartes weit und breit. Nichts fein getrimmtes. Dazu Weihnachtsmarktkitsch und Gefühlsdudelmusik. Und plötzlich Verlorenheit. Wo bin ich? Die Zeit abgelaufen. Das Ziel aufgelöst im Zwischenfall. Die Menschen. Die Stunden. Das Du. Verloren?

Stopp und Fensterplatz für mich – wo doch Geburtstag ist. Und auch italienisches Gebäck. Wie viel die dolce? „Vier Öro fünfzich.“ Gekauft. „Wollen Sie aussuchen?“ Unterschiede gebe es nicht. Na dann bin ich bequem. „Ich bringe Sie Ihnen Madame.“ Schmeichler. Weiß genau was zieht. Jaha. Neben der „Madame“ natürlich das Gefühl auswählen zu dürfen. Wie sie die Mitte nährt, diese nette kleine Freiheit.

Und wieder: Fahrt ab (sehr leise übrigens). Irgendwie sieht dieses Verkehrsmittel ja schon verkehrt aus. Als habe ein Riese Spaß gehabt und die Bahn auf den Kopf gestellt. Ausgekochte Technik damals. Ursprünglich „Langener System“ genannt nach ihrem Erfinder Eugen Langen. Manche Zeitgenossen beschimpften es als Teufelswerk. Heute ist es Wahrzeichen und das Stadtmarketing punktet mit der Parole: „Wuppertal macht was anders“. Passt. Müde ist die Stadt jetzt. Vom Arbeiten. Vom Tag. Draußen vorm Fenster jetzt der schon bekannte Film und doch immer ein anderer. Mal heller mal dunkler. Allein das Schaukeln unbezahlbar. So anders fahren. Und so sanft wie auf einem Boot. Nie Angst. Nur zwei Unfälle in 113 Jahren. Wie kann nur ein Elefant da runter fallen??

Zum Träumen lädt es, das verwunschene Farbgewisch draußen vorm Fenster. Im schmalen Ufergartengrat zwischen Wupper und Arbeit stehen Tische und Bänke und Stühle zusammengestapelt. Angekettet. Ist ja kalt. Im Sommer muss das ein einziges Mittagspicknick sein. Oder Rauchertreff unterm Rauschen der Bahn. Plakate von Gestern. Balkenhohl was auch here. Monate her.

“Darf ich Sie was fragen?” An der Wendekehre spricht eine Einheimische mich an: “Fotografieren Sie als Hobby oder als Beruf?” Beides. Worauf sie mir erzählt, dass sie gerade von einem Kollegen, der so gerne fotografiert, einen Kalender mit Wuppertalfotos geschenkt bekommen habe. Ja haben heute denn alle Geburtstag? Einsteigen! Und schon beschlagen die Scheiben, weil plötzlich so viele drin sind, die zuvor durch den Regen mussten. So viele, dass wir stehen müssen. Japaner dabei, die Platz machen für eine Farbige mit Babywagen. Die lächelt zum Dank bevor sie erst den Platz nutzend den Wagen ins sichere Eck rangiert, dann aber wieder aufs Handy schaut. Nicht auf ihr Kind. Manno Mama! Das Kind unter Plastikschutz. Allein. Allein mit seiner Knisterflasche. Vielleicht aber auch geborgen?

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