Lieberger Liebste

30. April 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Wildtulpe #1
 
Lichtgelb, zierlich und frei von Streifen, Fransen oder was Züchtern sonst seit dem Barock so eingefallen ist – die Urfom der Tulpe ist einfach perfekt. Wie sie nach Gau-Odernheim gekommen ist? Warum sie sich vor vielen Jahrzehnten aus der Türkei kommend via Spanien, Italien und Österreich gerade hier zum größten Vorkommen nördlich der Alpen versammelt hat? Weiß niemand so genau. Vielleicht weil ein früherer Apotheker sie spezieller Eigenschaften wegen kultivierte. Oder weil der Lieberg einfach der Wildtulpen liebster Weinberg ist. Auf jeden Fall auch, weil die Pfälzer Winzer sie nicht mit Herbiziden ausrotten – darauf einen Lieberger!

Wildtulpe #2

 
 
 

The only Limit – im Buchladen

11. April 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

The only Limit: "Spielgrund" im Buchladen
 

Eine kleine Ausstellung im Buchladen unseres Vertrauens: Meichsner&Dennerlein
Diesmal die Serie The only limit is the Sky… Wir freuen uns und empfehlen diesen Lesegrund, der beharrlich entgegen dem Buchladensterben-Trend gedeiht, aufs Wärmste.

The only Limit is the Sky: "Freiheit" im Buchladen
 
 
 

30. März 2016
von Sylvia
Keine Kommentare

Gelesen: Dschihad – made in Europe

Was treibt eine ganze Generation junger Menschen, die in westeuropäischen Ländern aufgewachsen sind, in die Fänge radikal-islamischer Scharlatane? Warum werden vermeintlich sanfte Jungs zu Selbstmordattentätern? Weshalb greifen Mädchen, die eben noch im Tattoo-Studio waren, zum Ganzkörperschleier? Zwei aktuelle Veröffentlichungen widmen sich diesem Phänomen. Die Autorin Petra Ramsauer nennt sie „Dschihad Generation“, der Autor Ahmad Mansour „Generation Allah“. In beiden Büchern werden Ausgrenzung und Entfremdung als Hauptursache der Radikalisierung skizziert. Der „Islamische Staat“ IS ziehe sie als heilbringende Parallelwelt an, die verspricht, woran es den Jugendlichen mangelt: Geborgenheit, Anerkennung, Sinn, Gemeinschaft und Identität. Beide Bücher sind klug geschrieben und liefern Hintergrundinformationen für die überfällige Debatte über dieses Thema. Dabei sind die Einblicke, die sie geben, sowie die Antworten, die sie finden, durchaus verschieden.

ramsauer_coverAls Nahost-Reporterin recherchiert Petra Ramsauer kenntnisreich die Fakten und setzt die Puzzleteile des IS als bedrohliches Szenario zusammen. Zu Beginn des Buchs gesteht sie, dass sie aus persönlicher Betroffenheit schreibt: Anlass des Buchs sei der Mord an ihrem Kollegen Jim Foley gewesen – der vor laufender Kamera von einem jungen Mann enthauptet worden ist. Der Mörder, der unter dem Decknamen „Jihadi John“ bekannt wurde, ist in London aufgewachsen. Wie können europäische Demokratien Dschihadisten wie ihn hervorbringen? Um das zu verstehen hat sie mit Müttern gesprochen, die krank vor Sorge um ihre Kinder sind, die sich von ihnen abwenden – sowie mit Aussteigern, die von ihren Träumen erzählen und wie sie an der vorgefundenen Realität verzweifelten. Um all das im politischen oder sozio-psychologischen Kontext einzuordnen, lässt die Autorin Extremismus-Experten, Psychologen und auch einen Militär in Syrien zu Wort kommen.

Gefängnisse, Schulen und Fitnessstudios ortet sie als neuralgische Punkte, an denen die Menschenfischer des IS, die Salafisten, agieren. Sie bieten haltlosen Jugendlichen, was ihnen fehlt: Gemeinschaft, einen sicheren Ort und eine Aufgabe (die Werbetrommel rühren). Dann werden sie auf radikalmuslimischen Kurs gebracht. Die Bindung zu den Eltern wird gekappt, sie werden kontrolliert, unter Druck gesetzt. Die Parallelen zu rechtsextremen, faschistischen Organisationen sind überdeutlich. „Anders als al-Kaida, die sich als elitäre Vorhut empfand, will der IS Massenbewegung sein“, fasst Ramsauer zusammen. Die Faszination des Dschihad als Protestkultur sei größer, als gemeinhin vermutet. Junge Männer inszenierten sich als Helden, handelten aber als „sexbesessene, mordlüsterne und narzisstische Cowboys“.

Und am grausamsten jene, die in den demokratischen Ländern Europas aufgewachsen sind. Ein Kapitel handelt von der Faszination, die der IS auf junge Frauen ausübt. Ein englischer Extremismus-Experte wird mit den Worten zitiert: „Der Punk des 21. Jahrhunderts trägt eine Niqab“ (den Vollschleier). Mit ihrem Verhalten unterstützen diese Frauen Gesetze, die jungen Männern erlauben minderjährige Gefangene zu vergewaltigen. Diese würden von den Radikalmusliminnen wie Ware verwaltet, konstatiert die Autorin. Protestbewegung? Pop-Dschihad? Punk? Plakative Worte, die bei jungen Migranten, die sich heimatlos und ausgegrenzt fühlen, womöglich genau das befördern, was Petra Ramsauer eigentlich nicht möchte: dem Heldenkult Nahrung bieten. Bei allen anderen lösen die Begriffe ein umso größeres Nichtbegreifen aus: Wie kann man nur sein freies Leben gegen Bevormundung und Unterdrückung einzutauschen?

u1_978-3-10-002446-6Auch der Psychologe Ahmad Mansour beschreibt eine krasse Unterschätzung des Problems. Doch anders als Ramsauer spricht er in seinem Alltag mit gefährdeten Jugendlichen. Sein Plus als Muslim: sie vertrauen ihm. Er erlebe dann wie sie lebhaft über Dinge reden, die ihnen auf der Seele brennen. Und schließt aus den Reaktionen, dass sie nicht gewohnt sind, dass man ihnen Interesse entgegenbringt. Diese Ignoranz der Erwachsenen sei „das Versagen unserer Gesellschaft“. Gerade hat der Autor für seine Arbeit den Moses-Mendelssohn-Preis zur „Förderung der Toleranz“ erhalten. Mansour, der als Palästinenser selbst angeworben wurde und den Kipp-Punkt zwischen Religion und Radikalisierung genau kennt, warnt vor der Wir-ihr-Haltung: „Wer etwas verändern will, muss diese Jugendlichen dazuzählen.“

Entfremdung sei das Resultat von Erfahrungen. Und der erste Schritt zur Radikalisierung. Ein weiterer wesentlicher Wegbereiter sei Angst. Wie früher die Katholiken schürten muslimische Eltern heute Angst, um Gehorsam zu erzwingen und tabuisierten alles Körperliche bis hin zur einfachen Umarmung. Die Unterdrückung von Sexualität ist in seine4n Augen der eigentliche „Schlüssel zur Radikalisierung“. Familien seien oft streng patriarchalisch ausgerichtet. Väter von gefährdeten Jugendlichen agierten meist entweder zu stark und kontrollierend oder seien zu schwach und abwesend. Angst und Unterdrückung aber verhindern die Entwicklung einer selbstbewussten Identität. Mansour kennt selbst die verbalen Androhungen von Höllenqualen. Sie würden sich gerade bei Kindern einbrennen, weil sie zu quälenden Alptraum-Bildern werden – etwa „Haare die zu Schlangen werden.“

Um Jugendliche vor Radikalisierung zu bewahren, rufen Ramsauer und Mansour die Politik und die demokratischen Gesellschaften dringend zum Handeln auf. Er wird dabei jedoch als Praktiker konkreter als sie: zehn Handlungsempfehlungen gibt er der Leserschaft mit. Als politisches Signal fordert er die Einrichtung eines Amts für „Prävention und Bekämpfung ideologischer Radikalisierung“. Unter den weiteren Punkten sind etwa die Forderung nach der „Etablierung einer Mäeutik“, einer Debattenkultur in Schule und Universität; einer Fortbildung von Lehrenden, die ihnen bessere Werkzeuge an die Hand gibt als die nutzlosen Phrasen von mehr Wertschätzung und Ermutigung; außerdem Elternarbeit, um muslimische Eltern in die Gesellschaft einzubinden. Und nicht zuletzt fordert er die Muslime zur Selbstreflexion auf. Eine Reform des Islam sei dringend erforderlich.

Abgesehen von den direkt an Muslime gerichteten Punkten, lesen sich diese Leitlinien wie Ausrisse aus einem reformpädagogischen Konzept. Kritisches Denken und Debattieren lernen, die Einbindung von Eltern und die verbindliche Anwesenheit von Erwachsenen – alles Aspekte, die allen Jugendlichen auf dem Weg des Erwachsenwerdens zugutekämen. Man könnte es auch Kooperatives Lernen nennen. Beide Bücher rütteln auf und helfen verstehen. Ahmad Mansour ist dabei sehr praxisorientiert. Setzt früher an und geht dann einen Schritt weiter als Petra Ramsauer.

Ahmad Mansour: Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2015, 256 Seiten, 19,99 Euro.

Petra Ramsauer: Die Dschihad Generation. Wie der apokalyptische Kult des islamischen Staats Europa bedroht. Verlagsgruppe Styria, Wien/Graz/Klagenfurt 2015, 208 Seiten, 24,90 Euro

Die Rezension habe ich für Psychologie heute geschrieben, sie ist gerade erschienen (Heft 04/16).

 
 

Schau. Mich. An. – 10 Porträts

29. März 2016 von Sylvia | 2 Kommentare

Das Kameraauge schreckt sie wenig – zumindest am Waldsee, wo die meisten Vögel beim Anblick von Zweibeinern nur das Eine im Sinn haben: Brötchen. Gibt es von uns nicht. Aber ein bisschen Modelhonorar in Form von Rosinen, Haferflocken oder Buchweizen ist schon drin. Vor allem wenn man so hinreißend aussieht. Erst seit kurzem weiß ich, dass Schwäne hellbraune Augen haben, Eichelhäher eine Iris wie Bergkristall und Ringeltauben eine, die an weiße Jade denken lässt. Blaue Augen sind bei Tierens ja eher selten – aber Dohlen schauen aquamarin drein und Hausgänse mögen plumpe Füße haben, aber ihr Blick ist der Himmel in vergissmeinnicht…

Bruno, die wahrscheinlich Bruni heißen müsste, führt die Reihe an. Einige Wochen lang hielt sie Hof an einem unserer Weiher, an dem zuvor noch nie Schwäne gesehen wurden. Ganz zu Anfang handelte sie sich vermutlich eine Vergiftung ein. Warum auch immer, zum Glück rief ein zupackender Jogger den Tiernotarzt und Bruni kam wieder auf die Füße.
 

Birds_1 - Höckerschwan
Birds_4 - Ringeltaube
Birds_9 - Nilgans
Birds_5 - Dohle
Birds_2 - Mandarinerpel
Birds_7 - Kanadagans
Birds_8 - Mandarinente
Birds_6 - Eichelhäher
Birds_3  -Stockente
Birds_10 - Hausgans
 
 
 

Vestiges – Hand und Schuh

22. März 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

„Take only photographs. Leave only footprints!“ Ein Schild mit dieser Aufschrift erinnert auf der dänischen Insel Fur Strandläufer und Inselhopser, dass sie Gäste sind. Wäre dies eine universell gültige Regel, würde sie auch noch beherzigt – wo würde das hinführen? Aber nein, uncooler Gedanke. Weshalb sich immerzu höchst erstaunliche Dinge finden. Hier ein Set von 20 Dingen, die frontal vor mir auftauchten. Einfach so.

1. Geerdet

Vestiges-1
Vestiges-2
Vestiges-3
Vestiges-4
 
2. Asphaltrosen

Vestiges-5
Vestiges-6
Vestiges-7
Vestiges-8
 
3. Verweht

Vestiges-9
Vestiges-10
Vestiges-11
Vestiges-12
 
4. Blocksatz

Vestiges-13
Vestiges-14
Vestiges-15
Vestiges-16
 
5. Aus

Vestiges-17
Vestiges-18
Vestiges-19
Vestiges-20
 
 
 

Graffiti gegen Fremdenhass

13. März 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Osthafenmole, Graffiti Panorama 
Jogger machen Selfies, Spaziergänger können den Blick nicht wenden, Mütter und Väter, die kinderwagenschiebend am Main flanieren, stoppen für ein Handyfoto – das neue Graffiti an der Frankfurter Osthafenmole (hier das vorherige) ist schon von weitem sichtbar und lässt niemanden kalt. Zu bekannt ist das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskinds Aylan, das die Vorlage war.

Nach dem Interview, das die beiden Frankfurter Graffiti-Künstler Justus Becker alias Cor und Oğuz Şen alias Bobby Borderline der Hessenschau gegeben haben, war genau das ihr Ziel: die Menschen zu bewegen und dazu beizutragen, dass das Elend der Flüchtlinge nicht vergessen wird. Die Hafeninsel habe sich angeboten, weil sie vom Wasser umspült an die türkische Küste erinnert – und genau gegenüber der EZB gelegen ist, die somit sehr passend das eingeigelte Europa vertritt. Cor hält es für wichtig, das Bild genau „hierherzubringen, weil es die Leute erst interessiert, wenn es vor ihrer Haustür passiert.“

Es gab einen medialen Wirbel vor einem halben Jahr: Darf man dieses Foto zeigen? Muss man? Manche haben sich um die Antwort gedrückt und den Jungen verpixelt. Die türkische Fotoreporterin Nilüfer Demir sagte damals in Interviews, sie habe den stummen Schrei des Kindes sichtbar machen wollen. Sie erzählte, dass sie seit 15 Jahren das Elend von Flüchtlingen sieht – und dass sie zeigen wollte, dass diese Kinder ohne jeden Schutz waren, als sie ertranken. Keine Rettungswesten, nichts. Das Bild ist zu einer Art Sontag’schem Nachweis geworden („Fotos liefern Beweismaterial”, schrieb Susan Sontag 1973 in ihrem Essay „Über Fotografie“. „Etwas, wovon wir gehört haben, woran wir aber zweifeln, scheint ‚bestätigt‘, wenn man uns eine Fotografie davon zeigt.“ Das ist auch in Zeiten digitaler Fakes noch so. In diesem Fall der Nachweis der Grausamkeit an den europäischen Grenzen. Die Künstler haben für uns gewählt. Ein Bild für Frankfurt.

Osthafenmole, Cor und Oguz Sen
 
 
 

7. März 2016
von Sylvia
Keine Kommentare

3 Bücher: Kindheit ist… nicht Krankheit!

31198-7_Die-Kinderkrankmacher_U1_print.inddZu dick, zu dünn? Zu klein, hektisch, ungeschickt? Sobald Eltern das Gefühl haben, ihr Kind entwickle sich nicht wie andere, rumort in ihnen die Fage: Ist das normal? So weit so klar – das gehört zum Elternsein. Wenn aus diesen Überlegungen jedoch Angst wird und daraus Etiketten wie „gestört“ oder „hyperaktiv“, ist definitiv Schluss mit normal. Drei Bücher hab ich dazu für Psychologie Heute (August 2015) gelesen, darin ziehen zwei Kinderärzte und drei Journalistinnen eine Bilanz ihrer Arbeit. Fazit: Wenn es ein Problem, gibt, dann ist es der Optimierungs- und Normierungswahn!

Aber eins nach dem andren: In „Die Kinderkrankmacher“ haben die ZDF-Journalistinnen Beate Frenkel und Astrid Randerath umfangreiches, zum Teil investigatives Recherche-Material in Sachen Pharma-Seilschaften zusammengestellt, das sie für diverse Frontal21-Sendungen gesammelt haben. Es geht ums Geschäft. Genauer um das systematische Geschäft mit dem Gesamtmarkt Kind. Dazu zählen Antibabypillen, die Teenagern als probates Mittel gegen Akne verkauft werden, Brustvergrößerungen für 18-Jährige oder Tabletten gegen ADHS. Die Autorinnen zitieren etwa die Studie einer Krankenkasse, in der auffiel, dass im Raum Würzburg doppelt so viele Jungen und Mädchen an ADHS leiden, wie in anderen Teilen Deutschlands. Warum? An der Uni Würzburg befasst sich ein Lehrstuhlinhaber mit den Erfolgen der Medikation bei ADHS. Offenbar hat er einen closed shop eröffnet: Lässt sich vom Hersteller sponsern, hat Absolventen, die in der Umgebung ihre Praxen eröffnen und wiederum von den ansässigen Schulen als Referenten zum Thema ADHS für Elternabende eingeladen werden. So lohnt sich lehren.

Außerdem kommen im Buch verschiedene Experten selbst zu Wort, darunter Schulpsychologin Rosemarie Straub. Zur ADHS-Medikation sagt sie: Die Gabe von „Ritalin ist eine Menschenrechtsverletzung“. Denn: Wie sollen Kinder lernen selbstverantwortlich zu handeln, wenn sie ständig gedopt werden? Das Kinderrecht auf Selbstbestimmung ist übrigens gemeint. Wenn man weiß, dass das Gros der Erwachsenen keinen blassen Dunst von den Kinderrechten hat (Details siehe hier beim Deutschen Kinderhilfswerk), ist das ein doppelt wichtiger Hinweis.

Hauch-Fischer-coverDas Buch „Kindheit ist keine Krankheit“ hat der Kinderarzt Michael Hauch zusammen mit seiner Frau, der Journalistin, Regine Hauch geschrieben. Auch hier ist ADHS ein wichitger Themenpunkt. Sie weisen darauf hin, dass heute jeder vierte Junge mindestens einmal in seinem Leben die Diagnose „Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung“ erhält – und dass es vor allem die Jüngsten eines Jahrgangs trifft. Auch wenn der Untertitel Empörung verspricht, ist der Ton des Buchs sachlich und informativ. Die Leitfrage lautet: „Wie kann es gelingen, die Probleme der Kinder aus der Medizin zurück in die Familien und die Pädagogik zu bekommen?“ Beiden Bereichen attestiert das Buch die fast totale alltagspraktische Überforderung. Das Ergebnis? Kinder, die ihrerseits vollkommen überfordert sind.

Das Autorenpaar bezieht sehr klar Position gegen vermeintliche Störungen und vorschnelle Medikation oder Therapierung von Kindern. Dafür schlüpfen sie in die Rolle der Aufklärer. Benennen Mängel von Entwicklungstests, die in Kitas Einzug gehalten haben, beschreiben den stressigen Alltag von Eltern und Pädagogen und wie sich beide auch noch gegenseitig Druck machen. Da Michael Hauch Kollegen kennt, die ruckzuck Pillen verschreiben, statt nach Ursachen für Symptome zu suchen und zusammen mit Eltern gute Wege zu finden, plädiert für eine bessere Ausbildung von Kinderärzten. Dazu warnt er vor den Nebenwirkungen von Diagnosen: „Man soll Kinder nicht in ihre Bestandteile zerlegen“ und bei etwaigen Defiziten „zu reparieren versuchen.“ Nicht zuletzt verweist auf die Gefahr von Stigmatisierung: Einmal ADHS, immer ADHS.

1359_01_SU_Saul.inddAuch „Die ADHS-Lüge“ ist ein plakativer Titel. Und auch hier stellt ein Kinderarzt sein Praxiswissen zur Verfügung. Wie das Ehepaar Hauch hält Richard Saul ADHS für ein Konstrukt. Ein Etikett, das als Entschuldigung dient, wenn etwas nicht klappt. Wie leicht ein Kind Gefahr läuft, eine solche Diagnose durch einen unerfahrenen oder überforderten Arzt zu erhalten, wird deutlich, wenn man sich die von ihm gleich zu Beginn aufgelisteten 18 Symptome durchliest. Fünf davon müssen nach dem umstrittenen Diagnostischen Manual „DSM V“ zutreffen, um ADHS zu diagnostizieren. So könnte man etwa ein Kind haben, dass sich weigert Aufgaben zu erledigen, „die kontinuierliche geistige Anstrengung erfordern (zum Beispiel Hausaufgaben)“, nicht auf Details achtet „(macht beispielsweise Flüchtigkeitsfehler bei Schularbeiten)“, „sich leicht durch äußere Reize ablenken“ lässt sowie herumrennt oder klettert, wenn dies „nicht als angemessen erachtet wird“ oder ein Kind, das nicht abwarten kann, „bis es an der Reihe ist“. Dann kann der Arzt das Ganze noch drei Kategorien zuordnen: „vorwiegend unaufmerksamer“, „vorwiegend hyperaktiv-impulsiver“ oder den „Misch-Typus“. Er kenne Kollegen, die stolz von ihrer praktischen Zwei-Minuten-Checkliste erzählen, bemerkt der Autor.

Richard Saul ist ebenfalls ein erfahrenr Arzt. 1983 hat er in Chicago eine Praxis eröffnet, an die nur ADHS-Fälle überwiesen werden, mit denen andere nicht mehr zurechtkamen. Sein Fazit als Merksatz: „Behandlung verzögert – Behandlung verwehrt!“ Und darunter läuft für ihn jede Diagnose, die anstatt Ursachen zu suchen, Symptome unter dem Etikett ADHS verbirgt. Er berichtet ausführlich über 16 Fehldiagnose-Möglichkeiten, und zeigt anhand von Fallbeispielen, wie sie die Kindern das Leben schwer gemacht haben. Einer der häufigsten Gründe für ADHS-Symptome sei Kurzsichtigkeit – die Kinder können nicht sehen, was an der Tafel steht. Sie fangen an herumzuhibbeln und zu stören. Weitere mögliche Gründe sind etwa Hörprobleme, Lernstörungen, Tourette-, Asperger-Syndrom oder Hochbegabung.

Alle drei Bücher sollen die Gesellschaft mit der unbequemen Tatsache konfrontieren, dass sie selbst die Konsequenzen (er)tragen muss, wenn sie ihren Kindern die Möglichkeit nimmt, sich in der in ihnen angelegten Weise zu entfalten. Und alle drei tun dies auf je eigene engagierte Weise. Wer sich in das Problem ADHS und kindliche Entwicklung vertiefen will, sollte Saul und die Hauchs lesen, (nur die Hauchs allerdings nennen deutsche Statistiken). Wer einen nachdenklichen Blick hinter die Kulissen unserer Gesellschaft werfen will, ist bei Frenkel und Randerath richtig. Am Ende erinnern übrigens alle Autoren daran, wie wichtig verlässliche und selbstbewusste Erwachsene für Kinder sind. Nicht neu, aber man kann es nicht oft genug wiederholen: Jede gute Beziehung zählt.

Beate Frenkel, Astrid Randerath: Die Kinderkrankmacher. Zwischen Leistungsdruck und Perfektion – Das Geschäft mit unseren Kindern. Herder Verlag 2015, Freiburg, 256 Seiten, 19,99 Euro

Dr. Michael Hauch/mit Regine Hauch: Kindheit ist keine Krankheit. Warum wir unsere Kinder nicht mit Tests und Therapien zu Patienten machen dürfen. S. Fischer Verlag Frankfurt 2015, 318 Seiten, 14,99 Euro

Richard Saul: Die ADHS-Lüge. Eine Fehldiagnose und ihre Folgen. Wie wir den Betroffenen helfen. Klett-Cotta, Stuttgart 2015 (2. Auflage), 318 S., 19,95 Euro