2. Juli 2015
von Sylvia
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Wiesbadener Fototage 2015: HeimatX

Wiesbadener FototageBleib! Schau. Mich an. Wenn Bilder so zu mir sprechen, selbst wenn sie „Wurschtbud“ sagen, haben sie mich am Haken. Drei Serien gibt es bei den diesjährigen Wiesbadener Fototagen, bei denen ich blieb und schaute: „Wester World“ von Eckart Bartnik (darunter das Foto mit der Wurschtbud), „Breeda en Sestre – Brüder und Schwestern“ von Mika Sperling und „Empty Spaces“ von Katerina Belkina – außerdem mochte ich die Montagen von Brice Bourdet. Vielleicht, weil ich derzeit selbst gern mit Überblendungen arbeite. Gibt ja Leute, die das Gebastel nennen. Ficht. Mich nicht an.

Doch, bevor ich erzähle, was wir in den vier von fünf Ausstellungshäusern gesehen haben, noch mal eben auf Los. Ich zitiere aus der Ausschreibung des Wettbewerbs, denn er passt gerade zu gut. Es gab zwei Leitplanken, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen – hier der „Europäische Ansatz“. So wie gerade die europäische Idee an ihrem Geburtsort vergewaltigt wird, lohnt es sich unbedingt diesen Part nochmal zu lesen:

„Die Europäische Union wird von vielen Bürgerinnen und Bürgern lediglich als Wirtschafts- und Verwaltungsraum wahrgenommen. Je mehr dieser ausgebaut wird und je mehr auch die Globalisierung alle Bereiche unseres Lebens durchdringt, um so dringlicher scheint das Bedürfnis vieler Menschen, sich zu „verorten“. Allgegenwärtig ist der Wunsch, Überschaubarkeit in Lebenszusammenhängen herzustellen, die heute in der Verflechtung nicht mehr zu überschauen sind. – Was bildet heute unsere sozialen und historisch-kulturellen Beziehungsmuster? Wo finden wir sie in unseren Städten? Ist Heimat eine Idee, ein Gefühl, ein Ort…?”

Ich verstehe es so: Heimat – also daheim, zuhause, Vertrautheit – kann überall sein, aber doch nur da, wo ich verwurzelt bin, und wo meine Kraft herkommt. Ein soziales Bindegewebe, für das man sich allerdings einsetzen, an dem man arbeiten muss. Reicht also nicht, regionale Wurst zu kaufen oder dem Nachbarn keinen Müll in den Garten zu werfen. Meine Nachbarn… Kenne ich sie überhaupt? Weiß ich, was sie machen? Interessiert mich, was mit dem Viertel geschieht?

Wester World ist eine Serie, die dorthin zielt. Eckart Bartnik schaut die Menschen genau an und lässt sie ihrerseits glasklar zurückschauen. Bleib! Sein Blick auf die Leute ist liebevoll direkt, der auf die Landschaften Caspar-David-Friedrich-mäßig verklärt, der auf die Dorfstraßen-Stills purer Realsurrealismus. Kurz: Wester World ist auf unserer Shortlist for Publikumspreis.

Mehr soziales Bindegewebe zeigt Mika Sperling. Sie porträtiert, ausgehend von ihrer eigenen mennonitisch-deutsch-russischen Großfamiliengeschichte andere Großfamilien in Deutschland, Russland und Kanada. Bleib! Das Thema Migration leuchtet hier. Auch die großen Bilder von Nora Bibel – was für ein Name! – laden zum Bleiben ein. Sie hat das Thema dreifach verknotet und Vietnamesen aus Deutschland in ihrer Heimat Vietnam fotografiert.

Die beiden Themen „Heimat in dem Kaff, wo ich als Deutscher herkomme”, oder “Heimat als Flüchtling in Deutschland” wurden überwiegend gespielt. Oft allerdings an der Oberfläche ohne das Thema oder den Betrachter wirklich zu berühren. Bilder etwa, auf denen – aus weißdeutscher Sicht – Flüchtlinge zu sehen sind oder das Chaos ihrer Zimmer. Die Fotos von Heimatdörfern wirken teilweise, als habe man sich wegen des Wettbewerbs an früher erinnert.

Und schließlich die dritte visuelle Variante von Heimat: der eigene Körper. Als Fluchtpunkt, von dem aus man erst Heimat suchen oder finden kann. Dazu zwei Serien im Frauenmuseum, die ich eher peinlich fand – und eine geradezu luzide Variante von Katerina Belkina. Bleib! Eine Bildersequenz, bei der Leere, Einsamkeit und Perfektionsfanatismus einen unberechenbaren Faktor wie Heimat ausradieren. Zeugnisse der Abwesenheit oder des Verlusts von Heimat? Identitätsflüchtlinge? Ich sehe auch Suche nach dem Verlässlichen. Ich. Bin. Hier.

Vier Ausstellungsorte haben wir besucht: in der Sparkassenversicherung hingen Eckart Bartniks Wurschtbud, die Montagen von Brice Bourdet (der junge Menschen in ihren Studi-Zimmern auf dem Bett porträtiert, und diese Porträts mit Landschaftsbildern ihrer ursprünglichen Herkunft überblendet. Schöner Effekt – und es ist ja so, dass die heimatliche Landschaft das Denken prägt) sowie Nora Bibels Vietnam. Im Ministerium für Wissenschaft und Kunst die deutsch-russischen Brüder und Schwestern sowie die verlorene Heimat der Katarina B. Unsere letzten beiden Stationen waren Frauenmuseum und Kunsthaus. Vor der dazwischen gelegenen Apotheke standen Menschen Schlange. Eine Frau nickte mir zu – doch das ist eine andere Geschichte.

Jetzt erstmal: Hingehen! Noch bis 12.7. läuft die Ausstellung immer am Wochenende und immer eintrittsfrei.

22. Mai 2015
von Sylvia
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endlich / unendlich – Brita Kunstpreis 2015

© Annette und Martin Goretzki / Brita Kunstpreis 2015

© Annette und Martin Goretzki / Brita Kunstpreis 2015


 
Ein Kulturschock. Die Bilder dieser Ausstellung heischen, kreischen, knallen nicht. Aber sie sind packend präsent. Dicht und tiefenscharf. Beredte Bilderstatements, wie ich sie im normalen Wust der Anschläge oder den Medienangeboten fast nie wahrnehme. Ausgezeichnet mit dem Brita Kunstpreis 2015, Leitthema Nachhaltigkeit.

Feuer

Die Islandserie zeht uns rein. Ein Bild trägt den coolen Titel „Elfen und Kapitalismus“. Fotografiert hat Martin Sigmund “nach der Wirtschaftskrise” monumentale Natur, gespickt mit Menschlein. Schön, und doch: die Exotik Islands, so scheint mir, reicht bereits für ein Skandic-Feeling. So wie die Weite der nordamerikanischen Gegend für ein Roadmovie (ausfotografiert und ausgekrimit).

Wasser

Ganz anders die Seestücke von Wulf Winckelmann: Meer. Himmel, Wellen, nichts weiter. Und unterschiedlich groß. In der Hängung sind sie verbunden durch die Linie des Horizonts. Himmel also, Meer, Niemand. Der Blick in den Beipackzettel verrät: erst fotografiert, dann abgemalt, dann das Abgemalte wieder fotografiert. Zum Beispiel den “Pazifik vor Fukushima“. Surreal. Sieht man das wirklich? Oder ist‘s wie bei optischen Täuschungen – wenn du es einmal weißt, wirst du die Kipp-Bilder nie mehr los, wird dein Hirn sie nie mehr anders sehn. Kaum also gelesen, dass dieses Meer vor mir fukushimagrün strahlt, hab ich unheilvolles Sirren im Kopf, unverständliche Reden, Sturmböen… Fu-ku-shima, Remember my name…

Luft

Die Montagen von Laura Stark gefallen uns sehr. Wenn das Nachhaltigkeit ist, dann ist Nachhaltigkeit luftig-leicht. Ein Traum? Nein. Ihre Idee ist die Darstellung von Gleichgewicht. Balance, absolut. Mit raffinierter Doppel-Expo-Technik lässt sie das Schwere des Anspruchs, oder der damit verbundenen Probleme weit hinter sich. Nimmt die Naturwaage in den Fokus, lässt sie oszillieren wie die Spaceships der Odyssee 2001.

Erde

Auf der Rückseite dieser Traumwand entdecken wir die Serie „Unfailing Power“ von Annette und Martin Goretzki. Bilder, die von landfressender oder ressourcenschonender Energiegewinnung erzählen. Sind uns sofort nah. Vielleicht weil es ein Paar ist, unser Alter… Die beiden haben den Publikumspreis bekommen. Publikum? Belegschaft. Die MitarbeiterInnen des Taunussteiner Unternehmens. Gute Idee.

Nur zwei von elf Projekten, denen ich gar nichts abgewinnen kann. Pfingsten in der Nähe von Wiesbaden? Dann unbedingt noch hingehn, selber sehn:

BRITA Kunstpreis 2015
Endlich und unendlich – Natur als wertvolle ökonomische Ressource im Wandel
24. April bis 24. Mai 2015
Kunsthaus Wiesbaden, Schulberg 10, 65183 Wiesbaden
Eintritt frei

© Wulf Winckelmann /Brita Kunstpreis 2015

© Wulf Winckelmann /Brita Kunstpreis 2015


 
 

Die Müllsammlerin

16. Mai 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Kreuzig der Irrgang – weißlippig – harnsauer
Schultern bewachsen mit Müll
Sie schleudert Gummifinger

Aus reinen Augen quellen Müllberge – sie sammelt
gleichmütig – unbeirrbar – sie füttert
milchig lächelnd die Abfallbehälter
kennt alle in der Stadt – kreuzt Müll – fängt Ekel
die Augen auf unscharf

An ihren Händen kleben die
Blicke der andern – sie indes greift und packt ungerührt
beugt sich, scharrt zusammen
sieht nicht die krausen Münder, gezückten Brauen, Rüschenheere
sieht sie nicht

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Dann ein Schimmern – sie lächelt von der Straße hinter
ihrem Hirn, Milchmädchenhirn, runde Stirn
Wer gab ihr mein Grün?

Dünnlippig die Porzellanaugen betasten den Raum
den Raum, blau, zwischen den Brauen und Mündern,
direkt durch den Ekel blitzt sie
spitzt
jagt jedem ihren Müllhaken unter die Haut.

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Aus name zustand: 17.000 friedliche Protester!

19. März 2015 von Sylvia | 2 Kommentare

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Feuer und Gewalt! Morgens um 7 ist die Welt schon angeraucht. Eine halbe Stunde nachdem der erste Heli übers Haus geknattert ist, laufen die ersten Meldungen über Twitter. Wie? Brennende Autos und Barrikaden? „Shit! Keine Gewalt!“ Bittet @Muschelschloß auf twitter. Ja, Scheiße. Bleibt aber Ausreißer von immerhin 1000 Hool-Köpfen, die für Randale gekommen sind. Da hat Frankfurt schon anderes erlebt, selbst wenn jetzt alle Medien schnappatmen. Und das heftigst, untermalt von den feurigsten Szenen und Fotos von den steinewerfendsten Schwarzer Block-upyern. Vom Machtdemonstrations- oder Self fulfilling Prophecy-Charakter des „Schutzkonzepts“, das unsere Stadt schon seit Montag in eine Festung verwandelt hat – nichts. Vom Ausschluss der Presse bei der Eröffnungsfeier – nichts. Nicht die Demonstranten haben die Innenstadt wegen Brandschatzens und Marodierens lahmgelegt, wie man angesichts der Berichterstattung denken könnte, sondern die großzügige Absperrung der Innenstadt durch die Polizei.

Ausreißer hin oder her, der Morgen war krass. Autos haben gebrannt, es gibt diverse Scherben, Emotionen, Feindbilder aufzukehren. Und wieder zeigte sich, dass Streitkultur fehlt, dass Konflikte vor allem eins auslösen: Angst. Traditionell wurde also nach rechts und links sortiert – und besonders dort gemobbt und gepöbelt, wo es am wenigsten soziale Kontrolle gibt, im Netz.

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Um 14 Uhr auf dem Römer jedenfalls wars pickepackevoll und alle hatten beste 1.-Mai-Stimmung. Der Attac-Slogan „My big fat greek Solidarity“ war einfach gut, für Kinder gabs blau weiße Herzchenballons. Kurz: Schuldenschnitt mit Herz. Junge und mittelalte Leute waren da, Friedenstäubchen mit Pace-Fahnen und Hardcore-Aktivisten mit denselben Sturmhauben wie die Polizei. Rund zehntausend fasst der Römer. Rund um den Paulsplatz waren nochmal so viel, flankiert von nochmal so vielen Einsatzkräften. Später in der Tagessschau (die Jungs haben vor mir gefilmt) sieht man davon im Schatten von Randale und Feuerbildern nur eine Pflichtsekunde lang. Heiligs Blechle!

Die Zeil wurde von Aktivisten wie bei Occupy vor zwei Jahren mit diversen Aktionsspots aufgemischt. Wellenbewegungen von Demonstranten und Polizisten. Geführt von einer Sambatruppe in rosa. Die wird zweimal eingekesselt – doch weiter geschieht nichts, beide Seiten machen ihre Demo, verhandeln und halten sich zurück. Es geschieht ohnehin nichts, was nicht gesehen, dokumentiert und getwittert wird. Von hinten sieht man nur emporgereckte Arme und Smartphones, oder das Teleskopstativ mit Kamera der Polizei. Gerangel. Hin- und Hergewoge. Sie rufen: „This is how – demo-cracy looks like! This is how – demo-cracy looks like…“ – und ich wundere mich, dass nicht alle mitschreien. Nee, mitschreien ist oldschool. Dafür wird aufgezeichnet.

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Ansonsten ist es gespenstisch leer in der Stadt. Manchmal begegnet man einem Trupp Polizisten, die wie eine Phalanx irgendwohin marschieren, manchmal einem Trupp Demonstranten, die sich mit Proviant eingedeckt haben. Manchmal beidem… Mittwoch autofrei – das hat mir gut gefallen. Konsumfrei teilweise auch – Kaufhof und diverse andere hatten geschlossen (sicher mal sicher). Das bereinigt die Demostatistik. Hatte mal recherchiert, dass an einem Occupy-Aktionstag mehr Leute bei Kaufhof waren als auf der Demo. Gestern nicht.

Mittlerweile sind sie wieder zuhause die 900 Sonderzuzügler aus Berlin. Die Italiener, Spanier, Franzosen und Griechen werden wohl noch hier sein. Die Medientitel am Kiosk melden Feuer und Randale! Wenig, was Menschen mehr in Alarmzustand versetzt. Und Zeitungen wollen ja verkauft sein. Auf twitter bedauerte einer, es werde bleiben, dass man besser mit dem einen Prozent an Reichen leben kann, als mit den 99 % Bekloppten. Yep. Das ist der zentrale Befund des Tages. die Diskussion geht nicht dahin, wieso wir einen Verarmungskurs mittragen, wieso wir alles tun, dass das Geld nur ja ausschließlich bei uns bleibt (Griechenland den Griechen! Haben ja eh alle nur geprasst. Zum Schämen wie dieser Schäubleplan eines Flüchtlingslagers in Nordafrika – was ist extrem?). Nein, es wird nicht über auskömmliche Lohnkosten, faire Behandlung oder ähnliches diskutiert, sondern – über gewaltbereite Linke, respektive Ausländer.

Es soll auch Verletzte unter den Polizisten gegeben haben (laut @polizei_ffm abends schon wieder alle fit. Der Tagesspiegel meint, vom selber versprühten Pfefferspray). Gewalt macht Gewalt. Daher ist doch die Frage, wie klug das Konzept war. Wie gut die Idee, die Bank wie eine Festung schon zwei Tage vorher zu verrammeln und zu verbarrikadieren und die Stadt mit 10.000 Polizisten aus ganz D aufzurüsten, die in ihren Rüstungen wie eine Kreuzung aus Bulldogge und Footballspieler aussehen. Dass die Protester aus Südeuropa sich nicht aufhalten lassen, wenn sie dem kapitalistischen Machtzentrum ihre Meinung kundtun wollen – Überraschung! Heute ist die Stadt wieder uns, der Aufräumdienst war schnell, von Frankfurt in Schutt und Asche keine Spur. This is how democracy looks like…
 

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Stadtgedicht: Aussicht

14. März 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

Zur Feier des Tages (12.3., an dem der erste Lyriker den Leipziger Buchpreis gewann..): Hach Lyrik. Analoges twitter.

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Aussicht

Balkons gegenüber
Kinder spielend
Sonne im Nebel – Reflexe bizarrer Schönheit
des Balkons gegenüber
Mosaike der Lebenswahl, je tiefer desto
besser der Blick über die
Brüstung des Balkons gegenüber
eindringend in fremdes Leben, fremde Horizonte
der Brüstung des Balkons gegenüber
solange Gott dieses Detail nicht im Griff hat, sagt W.
hab ich nichts mit ihm zu tun
Von der Brüstung des Balkons gegenüber
springt ein Mädchen.