26. August 2015
von Sylvia
Keine Kommentare

Dementia Road

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Sprünge in der der Haut: Wo bin ich?
Zuhause, Mutter.
Hier? Nein!
Warum habt ihr mich weggeschickt?
Schwamm im Ohr,
fernmündlich ausgesogen
Wann kommt ihr?

Jetzt.
fahrn, fahrn, fahrn – hin-wo
die Alten sind
unterwegs so viele
Niemands
Warnplakate und Baken
100, 120 und Stau
Wann? Warten

Warten. Blakes
Rapid Ukraine
..
ich lege, setze, ordne
ich sammle: Solidaris,
Wir fahren Ihr Gut,
Blumen
– von Tyfoon?
und Ultras
heimische Früchte

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Schön dass ihr da seid!
Der Kühlschrank? Weiß nicht
Kaffee geht noch, bis Kuchen und früher –
aber dann der Zweistundensprung.
Da ist ein Schwamm vor meinem Gesicht.
Wo ist mein Schlüssel?
Ich kann nicht mehr!
Angst frisst Herz
Mein Schlüssel! Geklaut? mein Geld!
Mein Wo-Ich im Schwamm

Wir finden nichts
back on the road: The good will out
Gefangen in der Transzone
fahrn wir, fahrn, fahrn
neben uns Sportpferde
die Buswand träumt Bügellaternen,
wie schön

Wahrschauwem
Nomen est Omen und Zeichen:
POKAL + Puton,
OKTAN
und Serum
BOSCH! (mein Favorit)

Im Diez-Loop überholt Cyrill Zuber
Gartner
rastet
Unicorn ist fort.
Bleibt: das Grauen im Schwamm
und die A3

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22. August 2015
von Sylvia
Keine Kommentare

Villa Monte – Foto(Essay)-Band von Beat Streuli

villamonte_cover_g_1Uh wie quietschig! Das war mein erster Gedanke, als ich den Buchtitel im Internet fand, den Bernd Pulling mir empfohlen hatte. Ich hatte nach Buchtipps für den Artikel gefragt, den ich gerade über „unsere“ Montessori-Naturschule in Ettenheim schrieb, zu dessen Gründern und Akteuren Bernd gehört. „Schau es dir an“, meinte er. Diese Schule sei so was wie ein Vorbild…

Ich klickte durch die Website des Schweizer Verlags: Architektur, Design, Fotografie, Kunst… Und mittendrin ein Buch über eine (Schweizer) Alternative Schule? Als ich es dann endlich in der Hand hielt, war die Überraschung komplett: ein richtiges Buch. Nicht billig-quietschig, sondern edel-modern. Fester, matter Karton. Ein Fotoband. Mit great shots in verdammt gutem Druck. Kein Wunder, dass Bernd, der Architekt, Vater, Schulgründer, es empfiehlt. Bin sofort drin in diesem Fotoessayband. Mit Bildern wie Beat Streuli sie von dieser Schule gemacht hat, sind wir auch von den Ettenheimern zurückgekehrt.

Sofort wusste ich daher, was diese Kinder dort tun, wie sie lernen. Dieses Hintergrundwissen aber muss man gar nicht haben, die Bilder sprechen selbst. Aber quatschen nicht zu. Genauso wenig wie die Pädagogen, die an alternativen Schulen arbeiten. Das ist ja die Kunst: Zuhören, nicht Machtspielchen spielen. Ein solches Buch ist in der pädagogischen Verlagslandschaft undenkbar (zumindest in der deutschen). Ein Buch, das einen Fotografen in anspruchsvoller Bildsprache erzählen lässt. Ein Verlag, der das nicht nur mitträgt, sondern mit seinem Programm „Schule des Sehens“ mittreibt. Chapeau! Für uns besonders beeindruckend, denn wir wissen wie es ist, an dieser Stelle totgequatscht und enteignet zu werden.

© Beat Streuli
© Beat Streuli

© Beat Streuli

Drei Fotos aus dem besprochenen Band: © Beat Streuli


 
100 Seiten Bilder erzählen also, bevor die ersten Texte kommen – vier Seiten Statements von den Schulgründern und von Eltern. Die Gründereltern der Schule sind Rosmarie Scheu (Schwester des Fotografen) und Harry Kool. Im Interview gibt Rosmarie Einblick in ihr Lernen. (Dazu kurz vorweg: In der Villa Monte müssen Kinder nicht aufräumen oder putzen.) Einmal bat Rosmarie eine Schülerin, etwas wegzukehren. Das Mädchen half oft freiwillig beim Aufräumen, aber nun weigerte es sich: „Zuerst glaubte ich, mich verhört zu haben und bat nochmals. Erneut sagte es laut und deutlich: ‚Nein‘. – Beim dritten Mal fügte es an, ‚weil ich es nicht heruntergeworfen habe.‘ – Erst auf dem Nachhauseweg begriff ich, was ich da Wunderbares erlebt hatte: ein Kind, das mich gerne hat, hatte es gewagt, Nein zu mir zu sagen. Mir wurde klar, dass ich die Weigerung als Kompliment zu verstehen hatte.“

Dann wieder Bilder, die verdeutlichen, was an dieser Schule geschieht und wie, bevor der große Kinderarzt und Forscher Remo Largo das Wort ergreift. Wie sein deutscher Kollege Herbert Renz-Polster und der Fotograf gehört er zum „Patronatskomitee“, dem Fürsprecher-Team der Schule. Außerdem berichtet eine Mutter. Unter andrem von ihrer Sorge, ob sie da auch wirklich das Richtige gemacht hat. Das kann ich gut nachvollziehen. Solche Schulen sind anders. Fühlen sich mehr wie ein pädagogisches Experiment an, als all die unausgegorenen Experimente, die nach unzähligen Regelreformversuchen an deutschen und offenbar auch Schweizer Schulen laufen.

Die Villa Monte gibt es schon seit 30 Jahren als vom Staat zugelassene Modellschule. Mit diesem Buch halten alle Beteiligten Rückschau. Außerdem wollten sie auch genau wissen: was ist aus unseren Kindern geworden? Der Anhang gibt Auskunft. Die Schulabgänger sind offenbar patente Menschen, tummeln sich in allen Berufen – so wie ihre Eltern (Friseurin, Designerin, Golflehrer, IT-Experten, Kauffrau, Koch, Tanzlehrerin, Waldpädagogin…).

Eine Art Vorbild, sagt Bernd von „unserer“ Naturschule. Doch die Schweizer betonen: die Villa Monte sei unkopierbar. Und bedauern es nicht, denn: „sie haben keine Mission zu erfüllen“. Aber irgendwie tun sie das doch. Die Bilder zeigen es.

Villa Monte
Schule der Kinder
Herausgegeben von Rosmarie Scheu und Harry Kool
mit Fotografien von Beat Streuli und
Texten von Remo Largo und Ursula Eichenberger
Lars Müller Publishers, Zürich 2015, 288 S. 30 Euro

 

Posh Blitz! Ausstellung GDT 2014

17. August 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Gleich das erste Bild, auf das ich zusteuere, bleibt mein Favorit: Halsbandsittiche über einem Londoner Friedhof. „Posh pidgeons – schicke Tauben“ lautet der Titel. Posh, weil sie für die Londoner Normalo-Vogelwelt überirdisch grün sind; Pigdeons, weil sie in dieser Gegend Englands mittlerweile so zahlreich sind wie Tauben, erklärt Fotograf Sam Hobson. Er hat ihnen nachrecherchiert, die abendlichen Flugroute zu ihren Schlafplätzen entdeckt. Gewartet – und märchenhaft geblitzt!

In diesem GDT-Ausstellungs-Jahr wurden viele märchenhafte Unschärfe-Bilder ausgezeichnet. Manchmal nur Schemen, die den Bewegungsmoment ans Herz funken. Wie jedes Jahr finde ich den Ausstellungsort genial. Die Bahnhofspassanten betreten geradezu magisch angezogen das Schaukästen-Karree. Natürlich zücken sie die Handys: ich war hier! Etwa beim Bärenbild, wo ein Eisbär durch eine Öffnung in der Schiffswand schaut. Eine fotografiert, die Zeitung untern Arm geklemmt und nimmt die Gepardin mit, die eine Gazelle jagt. Über uns riesige i-Phone-Foto-Werbebanner. Solche Bilder sind hier unten in der GDT-Welt kein Thema.

Hängengeblieben sind mir: die Eule im Dunkel; der kleine (Schmetterlings)Fuchs in der Kirche: das Schneckenauge, umgeben von traumhaft schönen Lichtreflexen; dass laichende Korallenriff (nie bewusst gemacht, dass Riffe laichen); der planktonfischende Rochen als ein abgefahrenes Raumschiff; der Sonnenuntergang auf dem Eis; die goldenen Schatten der Kiefern in Norwegen oder Finnland… Bilder, bei denen man wünschte, alle sähen ein, welches Juwel wir zu Füßen haben und stellten alles umweltzerstörende Verhalten ein. Umgehend. (Soundtrack: Some-times I feel – like a mo-therless child.)

Am meisten aber berührt, wenn die Schnittstelle zwischen Mensch und Natur aufscheint. Letztes Jahr darunter mehr mahnende Bilder, scheint mir. Der traurige Affe auf der Bühne etwa oder der sterbende Wal. Dies Jahr mehr Momente des Alltags, die ja auch zunehmend in der Natur Platz nehmen. So wie die poshgrünen Sittiche oder die beiden Singschwäne, die sich in der Glasfassade des Reijkjaviker Harpa-Theater spiegeln.

Anhalten, gucken. Frankfurt/M. Hbf ist vorletzte Station – noch bis 21 August hängen die Bilder in der Halle des Hauptbahnhofs, danach weren sie noch im Bahnho Dresden Neustadt gezeigt (23. August bis 1. September).
Gibt auch wieder einen schönen Katalog:

 Umschlag 2014
 Europäischer Naturfotograf des Jahres 2014
 und Fritz Pölking Preis 2014
 144 Seiten, 109 Abbildungen, 20 EUR
 Tecklenborg Verlag

 

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Max, 19 Jahre, leicht dement

12. August 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

Unser Seniorkater Max war ja immer schon etwas gaga, aber jetzt – ist er altersgaga

Kater Max
 
Es kommt direkt aus dem Bauch: Wiauurouhh-aah!! Wiauurouhhhaa! Selbstvergessen, Oooommm pur sozusagen. Minutenlang. Ein sattes Röhren, das am Ende oft in haltloses Geschrei kippt. Ziege? Pfau? Baby? Nein! „Was Sie da hören, ist meine Katze…“ Fast jedes meiner Telefon-Interviews startet mit diesem Hinweis. Und immer öfter höre ich dann: „Ohja, kenne ich. Wir haben auch so eine.“ Max und seine greisen Mitkatzen und Mitkater sind raus aus dem lustigen Youtube-Clip Alter, sie sind dement und das ist nicht immer komisch.

Bis vor fünf Jahren noch redete niemand von dementen Haustieren. Doch je besser die medizinische Versorgung, die stressfreie Haltung, das Futter, desto so älter werden Haustiere. Und desto mehr Alterskrankheiten bekommen sie. Ganz wie der Mensch. Tierärzte beobachten das schon länger, doch die Tierbesitzer trifft der Elchtest in Sachen Pflege meist unvorbereitet. So wie uns an Silvester. Unser älterer Kater war schon immer sehr speziell in Sachen Futter. Kleine Häppchen, am liebsten vom Feinsten, bloß nix Unbekanntes, aber auch bloß nicht immer dasselbe. Doch nun ging gar nichts rein. Dafür kotzte er sich die Seele aus dem Leib. Also Tierarzt.

Aufbauspritze. Bluttest. „Kommense morgen wieder, wenn er nicht frisst.“ Am Neujahrstag? „Ja klar.“ Der Kater fraß nicht, war nur mehr ein Häufchen Elend. Also tatsächlich an Neujahr wieder zum Arzt. Wieder Spritze. Wieder „Kommense morgen wieder.“ Und dann die Diagnose: „Niereninsuffizienz“ verbunden mit dem Kommentar: „Als Mensch müsste er zur Dialyse. Als Hund wär‘ er schon tot.“

Und als Katze? Kriegt er bis heute Elektrolytlösung unter die Haut gespritzt, denn diese Flüssigkeit bleibt dem Stoffwechsel erhalten, auch wenn der Magen sich umstülpt. dazu Nierentabletten, Diätfutter (dreimal so teuer wie normal), Verdauungspaste. Nach vier kostenintensiven Tagen kam mir der Arzt entgegen: Wenn wir das Spritzen selber übernehmen wollen, würde er mir jetzt zeigen, wie es geht. Was? Mir?

An jenem Tag war ich mit dem Kater alleine da. Also bekam ich den Exklusiv-Workshop und seitdem ist Spritzen mein Ding. Anfangs zweimal täglich vier Pullen á 20 Milliliter. Ausgerechnet. Ich. Die früher beim Tierarzt umkippte. Kann kein Blut sehen, da macht mein Blutdruck schlapp. Tja. Was dann so alles doch geht. Die Arschkarte habe übrigens der, der den Kater festhalten muss, merkte der Tierarzt an. Und die hat mein Mann. Dem sollte man jetzt übrigens nicht blöd kommen, gibt ordentlich Muckis die Katzenhalterei. Max, dieses alte Knochenhemd, das kaum noch drei Kilo wiegt, kann noch gut gegenhalten. Alles im Kopf kann eben Willenskraft werden. Selbst bei Katzens.

Kater Max
Kater Max
 
Das Aufreibendste aber war, die Balance wieder herzustellen. Da Max immer knochiger wurde, kriegte er zu fressen, wann und was immer er wollte. Sein Katerkumpel Robbie dagegen, der immerhin auch schon 12 Jahre bei uns ist, bekam dann nichts. War ich besorgt oder genervt oder besorgt und genervt wurde er schon auch mal weggeschubst. Das Ergebnis war wenig überraschend: voll neurotisch. Keiner liebt mich, dachte er und leckte so lange an seinem Bauch, bis der wund war….

Mittlerweile haben wir Routine. Robbie ist rund und gesund, und Max bekommt Spritzen, sobald wir erfühlen, dass er sie braucht. Als bester Ort dafür hat sich, entgegen allen Empfehlungen, ein Weidenkorb erwiesen, der auf dem Boden steht und sein Rückzugsort ist. Wir warten, bis er richtig schläft und überraschen ihn dann. Klappt nicht immer, denn Max Holzauge ist wachsam. Da er taub ist, muss er geradezu riechen, was wir vorhaben. Manchmal meckert er. Anfangs hab ich das mit „Aua!“ übersetzt, geschwitzt und gedacht: der Arme! Aber unser Tierarzt schüttelte nur den Kopf. „Der kennt Sie und trickst. Es tut nicht weh.“

Manche Verwandte und Freunde verbinden mit Spritzen nur Schmerzen und Blut. Und fragen immer wieder: Wie lange wollt ihr das noch machen? Soll heißen, wann lasst ihr ihn endlich einschläfern? Mich nervt diese Frage mehr als Max. Und die Tierarztcrew betont: „Dürfen wir gar nicht. Seit 2013 gibt es ein neues Gesetz, das vorschreibt: einschläfern nur bei Indikation.“ Immer mehr Leute aber kämen, weil sie genug hätten von der Arbeit mit dem alten, kranken Tier. „Wir machen das nicht, aber es gibt genug andere.“

Überraschende Erkenntnis: Tiere machen Arbeit. Vor allem wenn einer wie Max das Katzenklo nicht findet. Vielleicht auch gar nicht sucht. In einem Katzenratgeber den Tipp gelesen, alten Katzen einfach mehr Klos hinzustellen… Öhm. Wir haben zwei, die ständig gesäubert werden. Dazu bräuchte Max eins vorm Bad, eins vor der Haustür, allein drei im ehemaligen Kinderzimmer: eins vorm Fernsehsofa, eins in der stillen Ecke und eins vor der Heizung, dazu schließlich noch je eins vorm Herd und vorm Kühlschrank.

Kater Max
Kater Max
 
Meist kotzt oder pisst er frühmorgens, was die Sauberkeit unseres Haushalts enorm erhöht. Luft anhalten, gelbe Gummihandschuhe überstülpen, einatmen, lila Putzmittel ins Wasser spritzen, ausatmen, nicht aufregen – und alles wird gut. Domestic Stories… Urlaub gibt’s seit zwei Jahren nicht mehr. Denn natürlich kann man die beiden so niemandem zumuten.

Dass unser Mäxchen das noch mitmacht liegt an seiner Zähigkeit, unserem Arzt und unserer Flexibilität dessen Anweisungen situationsgerecht umzusetzen. Daran, dass wir es schaffen Spritzen zu verabreichen, selbst unter Streit oder Stress, oder gar unter dem Schulterblick von Schwiegermüttern; sowie der Fähigkeit zu arbeiten, auch wenn der Schreikater an schlechten Tagen jeden kreativen Gedanken niederplärrt.

Bei alten Katzen ist es ähnlich wie bei Menschen: Demente schreien. Hunde tun das nicht, die stehen eher versonnen vor der Tür und haben vergessen, warum. Unsere Tierarztassistentin findet deshalb demente Katzen „viel interessanter“. Stimmt. Ist kaum zu toppen: Vom Röhren und Schreien übers Maulen und Meckern bis zum Quäken, das ich nun wirklich hasse. Denn es meint mich. Trifft zielsicher mein Ich-raste-gleich-aus-Zentrum. In Kurzintervallen ausgestoßen will es mich aus dem Bett, vom Bildschirm oder Telefon sprengen. Einatmen, ausatmen, ruhig bleiben. Schließlich ist es die Ansage, die wir schon seit Jahren kennen: Personaa-al! Essen hinstel-len! Sofo-ort! Nur penetranter.

Obwohl… Wenn ich zurückdenke… Als Max noch ein süßes, federleichtes Katzenbaby war, raste er ratzratz die Wände hoch. Zum Prusten komisch, wenn man von den Kratzspuren auf der Tapete absah. Als die Wohnung renoviert war, der Kater älter und schwerer, rupfte er die Tapete dann einfach auf Tatzenhöhe in Fetzen. Immer genau neben der Tür, die gerade geschlossen war. „Mensch ey! raus aus dem Bad!“, hieß das dann – oder, „Kommt endlich nach Hause!“ – oder eben „Raus aus dem Bett! Verdammte Kralle!“

Wie lange noch? Solange er frisst, keine Schmerzen hat, aus vollem Hals brüllt, sich uns trotz all der blöden Spritzen auf den Schoß schmeißt und allerliebst schnurrt, sich also offensichtlich wohl fühlt. Wir wetten, er wird 20. Wahrhorrouruhu!

 
 
 
(Diese Katzen-Demenzreportage gabs am 8. August in der taz am Wochenende)

5785 Hektar for 13. Schömberger Fotoherbst!

6. August 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

Mit unserer Serie „5785 Hektar – Stadtwald Frankfurt“ sind wir beim 13. Schömberger Fotoherbst, dem Internationalen Festival für serielle Reise- und Reportagefotografie. Schwarzwald wir kommen! (9. Oktober bis 8. November 2015)

Überquerung

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Waldstuhl

Frosch

Baumharz
 

Barfuß auf der Borke, bäuchlings im Farn oder mit dem Tele wartend im Gebüsch: wir haben ein besonders enges Verhältnis zum Frankfurter Stadtwald. Seit 25 Jahren erkunden wir fast täglich das Grün vor unserer Haustür zu Fuß oder mit dem Rad. Erleben ihn immer wieder anders, entdecken Unbekanntes – oder genießen das Ritual der Wiederholung auf bekannten Wegen. Für manchen Städter dagegen ist schon ein Reh ein exotisches Wesen, ihm ist der Naherholungsforst ferner als der malaiische Regenwald, in dem er vorgestern noch über eine Hängebrücke lief… Diese fortschreitende Entfremdung bewegte uns dazu, unser Langzeitprojekt zur Serie „5785 Hektar – Stadtwald“ zu bündeln. Der stadtnahe Wald fasziniert uns, weil er so viele Facetten birgt. Trotz der starken Nutzung und der Geringschätzung, die manche nur für ihn übrig haben, erfüllt er tagtäglich zahlreiche Funktionen: ist Luftfilter, Wasserreservoir, Lärmschutz, Erholungsgebiet – Kultur- und Lebensraum zugleich.

Er kann eine Oase sein, doch er ist kein einsamer Ort. Von Joggern und Hundebesitzern wird er ebenso intensiv genutzt wie von Förstern und Wirtschaft. wir haben in den letzten Jahren Flughafen, Bahn, und Straße immer tiefer in den Wald vordringen sehen und in Reportagen auf den mangelnden Schutz und die wichtigen Funktionen des Waldes hingewiesen. Umso mehr freuen wir uns daher über das hingabevolle Staunen von Menschen, wenn plötzlich vor Ihnen ein Damhirsch den Weg kreuzt. Und sind verwundert, wie wenige den Unterschied zwischen Reh und Hirsch kennen oder wissen, wie wichtig der Wald für die Metropole Frankfurt ist. Mit unserem Reportageprojekt wollen wir diese Vielfältigkeit abbilden, diese wunderbare Welt aufschließen. Und zeigen wie wertvoll sie ist. Dazu passt der Begriff von Heimat von Ernst Bloch: „Die vergesellschaftete Menschheit im Bund mit einer ihr vermittelten Natur ist der Umbau der Welt zur Heimat.“

Hirsch

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Pressspan

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12. Juli 2015
von Sylvia
Keine Kommentare

Limits of Control – Du siehst, was du willst

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Irgendwas passt nicht. Ein Reh stupsstill im Wasser. Ein Mädchen, das Küken jagt. Ein Vater, der ungerührt zuschaut… Vier, fünf Kinder rennen herum – alles seine? Zu viele zum Aufpassen? Und schon wieder die Kleine. Wedelt mit den Armen die Küken weg. Dabei zuckersüß. Geputzt mit Strohhütchen und dunkelrosa Kleid.

Es muss der Tag der drei Ebenen sein. Das Geschehen, die Zeit, das Verstehen – scheibchen- und stapelweise. Jetzt nämlich rückt der tatsächlich zugehörige Vater mit kleiner Schwester in den Blick. Drei Strohhüte jetzt: Zweimal klein und niedlich beschleift, einmal groß und trilbysmart. Aber auch dieser Papa ungerührt. Dafür zieht er die Ältere aus dem Bann der Jagd. Fischt eine Feder aus dem Wasser – vielleicht das Wunder der Leichtigkeit, der Zartheit preisend. Federn zu Segelschiffchen. Jedenfalls lernt der Nachwuchs fürs Leben: die Küken über Menschen, die Mädchen über Physik.

Bleibt das Reh. Das sich nicht rührt. Aber doch für den Augenblick echt genug ist. Für atemloses Staunen. Passiert den Zensor im Hirn trotz allem Widersinn. Trotz seiner grünen Haut, den Augen, die in die Ferne schauen und dem Hyänenblick.

Wir lassen es stehn. Ziehn weiter, obschon wir genug Zeit haben, bis die Ausstellungen der Wiesbadener Fototage öffnen. Zwischenzeit, Freiraum, Wartepause. Während wir die Wege im Park erkunden, einen guten Platz suchen, kreuzen Väter ein. Kinderwagen schiebend, radfahrend, hüpfend, rasselnd und tanzend… Ein ganzer mediterran-arabesker Spielmannszug. Immer mehr. Es treibt sie hin zum Spielplatz mit Sandloch und Klettergerüst, zum Picknick mit oder ohne Mama. Sonntag halt.

Piano. Langsam und fließend. Wir passen uns diesem Rhythmus an. Ein Steinrund bringt uns zur Mosel, die zieht unten leis vorüber, die gelben Enziane kurz vor der Blüte, das Gras hier etwas höher, als sonst im Park. Kitzelt die Beine. Erinnert die Haut an den Sommer. Sitzen. schauen. Nichts. Bis wir irgendwann beschließen: jetzt passts. Wir steigen auf die Räder – die Ausstellung am Bahnhof öffnet gleich – und passieren kurz drauf eine seltsame Spielszenerie. Was machen die? Ein Kind schreit, ein Mann rennt. Ein Hund. Der arme. Wird rumgescheucht? Was spielen die? Und warum glotzt der Mann vor mir so? Denkt es mir, bis eine Kinderstimme markkratzend aufjault. Emergency Call! Hilfe?!?

Es passt nicht. Doch plötzlich rutschen Ton und Bild in eine Spur – und rasten zusammen aus: „Weg! Weg! Weg!“ Kreischt der Mann und tritt nach dem taschenkleinen Hund. Das Kind rennt und schreit wie angestochen, Tier und Vater ebenfalls. „Weg! Weg! Weg!“ „Weff! Wreff! Wreff!“ „Weg! Weg! Weg!“ Der Mann schwingt jetzt Ball und Sandschaufel, schimpft und wirft Ball nach Hund. Man kann es riechen. Er ist außer sich. Am liebsten würde er den Kläffer in der Luft zerreißen und auffressen oder doch wenigstens mit dem Turnschuh zerquetschen. „Geh weg! Weg! Weg!“ „Weff! Wreff! Wreff!“

Wem gehört der Hund? Warum leint keiner ihn an? Mann und Hund rasen wie irre im Kreis. Drei Mädchen drücken sich an den Rand – ich begreife: ihnen gehört das Tier, sie haben Angst. Vor dem Mann. Angst. Jetzt geht nichts mehr. Ich sage: Gehen Sie! „Der hat meinen Sohn! Gebissen!“ Gehen Sie! Er weicht nur, weil jetzt Erwachsene da sind. Fangt den Hund! Nichts. Leckerli? Ein Passantenpaar mit Hund hat welche. Die Frau warnt ihren Mann: „Pass auf, dass er dich nicht beißt: Der ist giftig.“ Die zwei Besitzerinnen völlig verstört. Jetzt! Kleine, pack ihn! Ist doch dein Hund… Ja! Gut gemacht.

Von fern schnaubt der irre Vater, die Mutter kommt: „ich kann ja nicht überall sein.“ Hat er wirklich gebissen? Er hat. „Polizei!“ giftet jetzt die Passantin. Der Hund grinst. Hechelt auf dem Arm des Mädchens. „Polizei!“ Wir fahren. Der Vater noch immer außer sich. Die Mutter eine Ruhe. Ich begreife. Er konnte ihn nicht beschützen. Seinen Sohn! Das dornt. „Wir wohnen hier gleich um die Ecke“, sagt sie. Ich denke: Rechtsanwalt. Später, aber noch vor dem Frauenmuseum, in dem das beste Bild das eines springenden Hundes ist, sehe ich die Frau vor der Notfallapotheke anstehen. Ich hebe die Brauen, sie nickt. Der arme Junge. Die armen Mädchen. Der Vater wird gerade am Schmerzensgeld arbeiten.

Nach allen Bildern dann treten wir den Rückweg an. Durch Neros Park natürlich. Der Tatort liegt jetzt still. Das Reh noch immer in die Ferne schaut. Aber erst zuhause seh ich, dass es fest auf seinen fünf Beinen steht – und schreibe die andere Geschichte.

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2. Juli 2015
von Sylvia
Keine Kommentare

Wiesbadener Fototage 2015: HeimatX

Wiesbadener FototageBleib! Schau. Mich an. Wenn Bilder so zu mir sprechen, selbst wenn sie „Wurschtbud“ sagen, haben sie mich am Haken. Drei Serien gibt es bei den diesjährigen Wiesbadener Fototagen, bei denen ich blieb und schaute: „Wester World“ von Eckart Bartnik (darunter das Foto mit der Wurschtbud), „Breeda en Sestre – Brüder und Schwestern“ von Mika Sperling und „Empty Spaces“ von Katerina Belkina – außerdem mochte ich die Montagen von Brice Bourdet. Vielleicht, weil ich derzeit selbst gern mit Überblendungen arbeite. Gibt ja Leute, die das Gebastel nennen. Ficht. Mich nicht an.

Doch, bevor ich erzähle, was wir in den vier von fünf Ausstellungshäusern gesehen haben, noch mal eben auf Los. Ich zitiere aus der Ausschreibung des Wettbewerbs, denn er passt gerade zu gut. Es gab zwei Leitplanken, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen – hier der „Europäische Ansatz“. So wie gerade die europäische Idee an ihrem Geburtsort vergewaltigt wird, lohnt es sich unbedingt diesen Part nochmal zu lesen:

„Die Europäische Union wird von vielen Bürgerinnen und Bürgern lediglich als Wirtschafts- und Verwaltungsraum wahrgenommen. Je mehr dieser ausgebaut wird und je mehr auch die Globalisierung alle Bereiche unseres Lebens durchdringt, um so dringlicher scheint das Bedürfnis vieler Menschen, sich zu „verorten“. Allgegenwärtig ist der Wunsch, Überschaubarkeit in Lebenszusammenhängen herzustellen, die heute in der Verflechtung nicht mehr zu überschauen sind. – Was bildet heute unsere sozialen und historisch-kulturellen Beziehungsmuster? Wo finden wir sie in unseren Städten? Ist Heimat eine Idee, ein Gefühl, ein Ort…?“

Ich verstehe es so: Heimat – also daheim, zuhause, Vertrautheit – kann überall sein, aber doch nur da, wo ich verwurzelt bin, und wo meine Kraft herkommt. Ein soziales Bindegewebe, für das man sich allerdings einsetzen, an dem man arbeiten muss. Reicht also nicht, regionale Wurst zu kaufen oder dem Nachbarn keinen Müll in den Garten zu werfen. Meine Nachbarn… Kenne ich sie überhaupt? Weiß ich, was sie machen? Interessiert mich, was mit dem Viertel geschieht?

Wester World ist eine Serie, die dorthin zielt. Eckart Bartnik schaut die Menschen genau an und lässt sie ihrerseits glasklar zurückschauen. Bleib! Sein Blick auf die Leute ist liebevoll direkt, der auf die Landschaften Caspar-David-Friedrich-mäßig verklärt, der auf die Dorfstraßen-Stills purer Realsurrealismus. Kurz: Wester World ist auf unserer Shortlist for Publikumspreis.

Mehr soziales Bindegewebe zeigt Mika Sperling. Sie porträtiert, ausgehend von ihrer eigenen mennonitisch-deutsch-russischen Großfamiliengeschichte andere Großfamilien in Deutschland, Russland und Kanada. Bleib! Das Thema Migration leuchtet hier. Auch die großen Bilder von Nora Bibel – was für ein Name! – laden zum Bleiben ein. Sie hat das Thema dreifach verknotet und Vietnamesen aus Deutschland in ihrer Heimat Vietnam fotografiert.

Die beiden Themen „Heimat in dem Kaff, wo ich als Deutscher herkomme“, oder „Heimat als Flüchtling in Deutschland“ wurden überwiegend gespielt. Oft allerdings an der Oberfläche ohne das Thema oder den Betrachter wirklich zu berühren. Bilder etwa, auf denen – aus weißdeutscher Sicht – Flüchtlinge zu sehen sind oder das Chaos ihrer Zimmer. Die Fotos von Heimatdörfern wirken teilweise, als habe man sich wegen des Wettbewerbs an früher erinnert.

Und schließlich die dritte visuelle Variante von Heimat: der eigene Körper. Als Fluchtpunkt, von dem aus man erst Heimat suchen oder finden kann. Dazu zwei Serien im Frauenmuseum, die ich eher peinlich fand – und eine geradezu luzide Variante von Katerina Belkina. Bleib! Eine Bildersequenz, bei der Leere, Einsamkeit und Perfektionsfanatismus einen unberechenbaren Faktor wie Heimat ausradieren. Zeugnisse der Abwesenheit oder des Verlusts von Heimat? Identitätsflüchtlinge? Ich sehe auch Suche nach dem Verlässlichen. Ich. Bin. Hier.

Vier Ausstellungsorte haben wir besucht: in der Sparkassenversicherung hingen Eckart Bartniks Wurschtbud, die Montagen von Brice Bourdet (der junge Menschen in ihren Studi-Zimmern auf dem Bett porträtiert, und diese Porträts mit Landschaftsbildern ihrer ursprünglichen Herkunft überblendet. Schöner Effekt – und es ist ja so, dass die heimatliche Landschaft das Denken prägt) sowie Nora Bibels Vietnam. Im Ministerium für Wissenschaft und Kunst die deutsch-russischen Brüder und Schwestern sowie die verlorene Heimat der Katarina B. Unsere letzten beiden Stationen waren Frauenmuseum und Kunsthaus. Vor der dazwischen gelegenen Apotheke standen Menschen Schlange. Eine Frau nickte mir zu – doch das ist eine andere Geschichte.

Jetzt erstmal: Hingehen! Noch bis 12.7. läuft die Ausstellung immer am Wochenende und immer eintrittsfrei.