22. Mai 2015
von Sylvia
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endlich / unendlich – Brita Kunstpreis 2015

© Annette und Martin Goretzki / Brita Kunstpreis 2015

© Annette und Martin Goretzki / Brita Kunstpreis 2015


 
Ein Kulturschock. Die Bilder dieser Ausstellung heischen, kreischen, knallen nicht. Aber packend präsent. Dicht und tiefenscharf. Beredte Bilderstatements, wie ich sie im normalen Wust der Anschläge oder den Medienangeboten fast nie wahrnehme. Ausgezeichnet mit dem Brita Kunstpreises 2015, Leitthema Nachhaltigkeit.

Feuer

Die Islandserie zeht uns rein. Ein Bild trägt den coolen Titel „Elfen und Kapitalismus“. Fotografiert hat Martin Sigmund “nach der Wirtschaftskrise” monumentale Natur, gespickt mit Menschlein. Schön, und doch: die Exotik Islands, so scheint mir, reicht bereits für ein Skandic-Feeling. So wie die Weite der nordamerikanischen Gegend für ein Roadmovie (ausfotografiert und ausgekrimit).

Wasser

Ganz anders die Seestücke von Wulf Winckelmann: Meer. Himmel, Wellen, nichts weiter. Und unterschiedlich groß. In der Hängung sind sie verbunden durch die Linie des Horizonts. Himmel also, Meer, Niemand. Der Blick in den Beipackzettel verrät: erst fotografiert, dann abgemalt, dann das Abgemalte wieder fotografiert. Zum Beispiel den “Pazifik vor Fukushima“. Surreal. Sieht man das wirklich? Oder ist‘s wie bei optischen Täuschungen – wenn du es einmal weißt, wirst du die Kipp-Bilder nie mehr los, wird dein Hirn sie nie mehr anders sehn. Kaum also gelesen, dass dieses Meer vor mir fukushimagrün strahlt, hab ich unheilvolles Sirren im Kopf, unverständliche Reden, Sturmböen… Fu-ku-shima, Remember my name…

Luft

Die Montagen von Laura Stark gefallen uns sehr. Wenn das Nachhaltigkeit ist, dann ist Nachhaltigkeit luftig-leicht. Ein Traum? Nein. Ihre Idee ist die Darstellung von Gleichgewicht. Balance, absolut. Mit raffinierter Doppel-Expo-Technik lässt sie das Schwere des Anspruchs, oder der damit verbundenen Probleme weit hinter sich. Nimmt die Naturwaage in den Fokus, lässt sie oszillieren wie die Spaceships der Odyssee 2001.

Erde

Auf der Rückseite dieser Traumwand entdecken wir die Serie „Unfailing Power“ von Annette und Martin Goretzki. Bilder, die von landfressender oder ressourcenschonender Energiegewinnung erzählen. Sind uns sofort nah. Vielleicht weil es ein Paar ist, unser Alter… Die beiden haben den Publikumspreis bekommen. Publikum? Belegschaft. Die MitarbeiterInnen des Taunussteiner Unternehmens. Gute Idee.

Nur zwei von elf Projekten, denen ich gar nichts abgewinnen kann. Pfingsten in der Nähe von Wiesbaden? Dann unbedingt noch hingehn, selber sehn:

BRITA Kunstpreis 2015
Endlich und unendlich – Natur als wertvolle ökonomische Ressource im Wandel
24. April bis 24. Mai 2015
Kunsthaus Wiesbaden, Schulberg 10, 65183 Wiesbaden
Eintritt frei

© Wulf Winckelmann /Brita Kunstpreis 2015

© Wulf Winckelmann /Brita Kunstpreis 2015


 
 

Die Müllsammlerin

16. Mai 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Kreuzig der Irrgang – weißlippig – harnsauer
Schultern bewachsen mit Müll
Sie schleudert Gummifinger

Aus reinen Augen quellen Müllberge – sie sammelt
gleichmütig – unbeirrbar – sie füttert
milchig lächelnd die Abfallbehälter
kennt alle in der Stadt – kreuzt Müll – fängt Ekel
die Augen auf unscharf

An ihren Händen kleben die
Blicke der andern – sie indes greift und packt ungerührt
beugt sich, scharrt zusammen
sieht nicht die krausen Münder, gezückten Brauen, Rüschenheere
sieht sie nicht

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Dann ein Schimmern – sie lächelt von der Straße hinter
ihrem Hirn, Milchmädchenhirn, runde Stirn
Wer gab ihr mein Grün?

Dünnlippig die Porzellanaugen betasten den Raum
den Raum, blau, zwischen den Brauen und Mündern,
direkt durch den Ekel blitzt sie
spitzt
jagt jedem ihren Müllhaken unter die Haut.

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Aus name zustand: 17.000 friedliche Protester!

19. März 2015 von Sylvia | 2 Kommentare

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Feuer und Gewalt! Morgens um 7 ist die Welt schon angeraucht. Eine halbe Stunde nachdem der erste Heli übers Haus geknattert ist, laufen die ersten Meldungen über Twitter. Wie? Brennende Autos und Barrikaden? „Shit! Keine Gewalt!“ Bittet @Muschelschloß auf twitter. Ja, Scheiße. Bleibt aber Ausreißer von immerhin 1000 Hool-Köpfen, die für Randale gekommen sind. Da hat Frankfurt schon anderes erlebt, selbst wenn jetzt alle Medien schnappatmen. Und das heftigst, untermalt von den feurigsten Szenen und Fotos von den steinewerfendsten Schwarzer Block-upyern. Vom Machtdemonstrations- oder Self fulfilling Prophecy-Charakter des „Schutzkonzepts“, das unsere Stadt schon seit Montag in eine Festung verwandelt hat – nichts. Vom Ausschluss der Presse bei der Eröffnungsfeier – nichts. Nicht die Demonstranten haben die Innenstadt wegen Brandschatzens und Marodierens lahmgelegt, wie man angesichts der Berichterstattung denken könnte, sondern die großzügige Absperrung der Innenstadt durch die Polizei.

Ausreißer hin oder her, der Morgen war krass. Autos haben gebrannt, es gibt diverse Scherben, Emotionen, Feindbilder aufzukehren. Und wieder zeigte sich, dass Streitkultur fehlt, dass Konflikte vor allem eins auslösen: Angst. Traditionell wurde also nach rechts und links sortiert – und besonders dort gemobbt und gepöbelt, wo es am wenigsten soziale Kontrolle gibt, im Netz.

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Um 14 Uhr auf dem Römer jedenfalls wars pickepackevoll und alle hatten beste 1.-Mai-Stimmung. Der Attac-Slogan „My big fat greek Solidarity“ war einfach gut, für Kinder gabs blau weiße Herzchenballons. Kurz: Schuldenschnitt mit Herz. Junge und mittelalte Leute waren da, Friedenstäubchen mit Pace-Fahnen und Hardcore-Aktivisten mit denselben Sturmhauben wie die Polizei. Rund zehntausend fasst der Römer. Rund um den Paulsplatz waren nochmal so viel, flankiert von nochmal so vielen Einsatzkräften. Später in der Tagessschau (die Jungs haben vor mir gefilmt) sieht man davon im Schatten von Randale und Feuerbildern nur eine Pflichtsekunde lang. Heiligs Blechle!

Die Zeil wurde von Aktivisten wie bei Occupy vor zwei Jahren mit diversen Aktionsspots aufgemischt. Wellenbewegungen von Demonstranten und Polizisten. Geführt von einer Sambatruppe in rosa. Die wird zweimal eingekesselt – doch weiter geschieht nichts, beide Seiten machen ihre Demo, verhandeln und halten sich zurück. Es geschieht ohnehin nichts, was nicht gesehen, dokumentiert und getwittert wird. Von hinten sieht man nur emporgereckte Arme und Smartphones, oder das Teleskopstativ mit Kamera der Polizei. Gerangel. Hin- und Hergewoge. Sie rufen: „This is how – demo-cracy looks like! This is how – demo-cracy looks like…“ – und ich wundere mich, dass nicht alle mitschreien. Nee, mitschreien ist oldschool. Dafür wird aufgezeichnet.

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Ansonsten ist es gespenstisch leer in der Stadt. Manchmal begegnet man einem Trupp Polizisten, die wie eine Phalanx irgendwohin marschieren, manchmal einem Trupp Demonstranten, die sich mit Proviant eingedeckt haben. Manchmal beidem… Mittwoch autofrei – das hat mir gut gefallen. Konsumfrei teilweise auch – Kaufhof und diverse andere hatten geschlossen (sicher mal sicher). Das bereinigt die Demostatistik. Hatte mal recherchiert, dass an einem Occupy-Aktionstag mehr Leute bei Kaufhof waren als auf der Demo. Gestern nicht.

Mittlerweile sind sie wieder zuhause die 900 Sonderzuzügler aus Berlin. Die Italiener, Spanier, Franzosen und Griechen werden wohl noch hier sein. Die Medientitel am Kiosk melden Feuer und Randale! Wenig, was Menschen mehr in Alarmzustand versetzt. Und Zeitungen wollen ja verkauft sein. Auf twitter bedauerte einer, es werde bleiben, dass man besser mit dem einen Prozent an Reichen leben kann, als mit den 99 % Bekloppten. Yep. Das ist der zentrale Befund des Tages. die Diskussion geht nicht dahin, wieso wir einen Verarmungskurs mittragen, wieso wir alles tun, dass das Geld nur ja ausschließlich bei uns bleibt (Griechenland den Griechen! Haben ja eh alle nur geprasst. Zum Schämen wie dieser Schäubleplan eines Flüchtlingslagers in Nordafrika – was ist extrem?). Nein, es wird nicht über auskömmliche Lohnkosten, faire Behandlung oder ähnliches diskutiert, sondern – über gewaltbereite Linke, respektive Ausländer.

Es soll auch Verletzte unter den Polizisten gegeben haben (laut @polizei_ffm abends schon wieder alle fit. Der Tagesspiegel meint, vom selber versprühten Pfefferspray). Gewalt macht Gewalt. Daher ist doch die Frage, wie klug das Konzept war. Wie gut die Idee, die Bank wie eine Festung schon zwei Tage vorher zu verrammeln und zu verbarrikadieren und die Stadt mit 10.000 Polizisten aus ganz D aufzurüsten, die in ihren Rüstungen wie eine Kreuzung aus Bulldogge und Footballspieler aussehen. Dass die Protester aus Südeuropa sich nicht aufhalten lassen, wenn sie dem kapitalistischen Machtzentrum ihre Meinung kundtun wollen – Überraschung! Heute ist die Stadt wieder uns, der Aufräumdienst war schnell, von Frankfurt in Schutt und Asche keine Spur. This is how democracy looks like…
 

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Stadtgedicht: Aussicht

14. März 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

Zur Feier des Tages (12.3., an dem der erste Lyriker den Leipziger Buchpreis gewann..): Hach Lyrik. Analoges twitter.

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Aussicht

Balkons gegenüber
Kinder spielend
Sonne im Nebel – Reflexe bizarrer Schönheit
des Balkons gegenüber
Mosaike der Lebenswahl, je tiefer desto
besser der Blick über die
Brüstung des Balkons gegenüber
eindringend in fremdes Leben, fremde Horizonte
der Brüstung des Balkons gegenüber
solange Gott dieses Detail nicht im Griff hat, sagt W.
hab ich nichts mit ihm zu tun
Von der Brüstung des Balkons gegenüber
springt ein Mädchen.

 
 

5785 Hektar = Heimat durch X

23. Februar 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

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Was ist Heimat? Zum Beispiel “5785 Hektar Stadtwald” – so heißt unser Langzeitprojekt. Hier ein Zwischenstand, gefasst zu fünf Triptycha. Jedes ist als Rundblick mit Brüchen konzipiert. Unsere Füße als menschliche Klammer, damit stehen wir stellvertretend für all die regelmäßigen Waldgänger, die sich wie wir in einem Stadtwald heimisch fühlen. Jene, die dem Ort und einander verbunden, sich dort morgens, mittags, abends treffen, sich grüßen und kennen, auch wenn sie kaum mehr als ein Wort wechseln. Unsere fünf Bildtafeln folgen wie Eyetracker dem menschlichen Schweifen durch den Wald – und entdecken eine Welt, die direkt vor unserer Haustür liegt. Eine Welt, die manchem Frankfurter ferner ist als etwa der malaiische Regenwald, in dem er vorgestern noch über eine Hängebrücke lief… Eine Welt, die für den Durchschnittstädter eine nahezu unbekannte Fremdartigkeit birgt.

Die Verwandlung etwa eines Rehs in ein exotisches Wesen, oder ganz allgemein die Entfremdung von der Heimat war Auslöser dieses Projekts. Seit 25 Jahren erkunden wir den Frankfurter Stadtwaldgürtel zu Fuß oder mit dem Rad auf verschiedenen Strecken – und sehen in der letzten Zeit eine gefühlt stetig ansteigende Zahl von Menschen, die dort joggen, Hunde ausführen, spazieren gehen, auf Bänken in der Sonne sitzen oder Vögel füttern… Immer wieder freuen wir uns über das hingabevolle Staunen der Menschen, wenn plötzlich vor ihnen ein Damhirsch den Weg kreuzt. Und sind verwundert, wie wenige den Unterschied zwischen Reh und Hirsch kennen oder wissen, wie wichtig der Wald für die Metropole Frankfurt ist. Vielleicht weil es keine „Heimatkunde“, sondern nur noch Sachkundeunterricht gibt?

Klar wird der Wald auch genutzt. Und leider nimmt auch das stetig zu. Förster und Privatleute ernten Holz, denn auch Forste müssen Profit abwerfen. Doch der stadtnahe Wald kann einiges mehr als Holz oder Bärlauch aufziehen. Für Städter ist er ist Luftfilter, Wasserreservoir, Lärmschutz und Erholungsgebiet in einem. Einmal im Fokus bietet uns der Stadtwald jedes Mal ein anderes Bild. Entdecken wir immer wieder Unbekanntes in dieser von Menschen gestalteten und genutzten Natur. Neues, zuvor nie Wahrgenommenes wie die Harztropfen auf geschlagenen Baumstämmen, einen in den Wald geworfenen, mit der Zeit moosüberzogenen Polsterstuhl, oder die Verschmelzung eines Nacktschneckenpaars zu Ying und Yang. Mit unserem Projekt wollen wir diese Welt aufschließen. Und zeigen wie wertvoll sie ist. Dazu passt der Begriff von Heimat von Ernst Bloch: „Die vergesellschaftete Menschheit im Bund mit einer ihr vermittelten Natur ist der Umbau der Welt zur Heimat.“

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20. Februar 2015
von Sylvia
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Buchkritik: Kinder machen von Andreas Bernard

Cover A. BernardSchwanger werden durch Fremdsamen – ist das Ehebruch? Das war die erste Frage, die die Gründern der weltweit ersten Samenbank 1936 in den USA zu klären hatten. Heute reißt die Injektion einer Samenzelle niemanden mehr vom Hocker, denn unter allen machbaren künstlichen Befruchtungsmethoden ist sie mittlerweile die simpelste. Heute dringen Methoden und Fragen weit tiefer in die Körper der Beteiligten – und damit in den Körper der Gesellschaft ein. Mit Samenspender, Eizellspenderin, Leihmutter, Embryologin oder Retortenkind gerät die alte Vater-Mutter-Kind-Familie zum komplexen Konstrukt. Der Journalist und Kulturwissenschaftler Andreas Bernard fragt in seiner als Buch veröffentlichten Habilschrift, ob – und wenn ja, wie – sich dadurch das Bild der Familie verändert. Was bedeutet es, wenn ein Kind bis zu fünf Elternteile haben kann? Die sich noch dazu in biologische und soziale Eltern aufspalten? Und wie veränderet sich die Funktion, die Rolle oder die Identität aller ihrer Angehörigen?

Die Recherche rund um die „assistierte Empfängnis“, die zunehmend nicht nur eine künstliche, sondern vor allem eine „optimierte Reproduktion“ darstellt, macht frappierend klar, wie sehr die eigentlichen Protagonisten, Eltern und die Kinder, aus dem Blickfeld geraten sind. Im sterilen Umfeld des Labors wird der Umgang mit Samenzellen, Nährflüssigkeiten und Pipetten zur Routineangelegenheit. Emotionen haben hier nichts verloren. Der jüngste Trend des social freezing, bei dem Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen (können? sollen? wollen?), die erst Karriere, dann Kinder aus eigenen jungen und gesunden Eizellen haben wollen, ist nur ein weiterer Dreh an dieser soziobiologischen Verfasstheit.

Bernard erzählt vom Vorantasten der frühen Forscher und dem Einfluss des Christentums auf ihre Vorstellungen. Kaum zu glauben, wie Tabus und Ängste bis heute unser Bild von Mütterlichkeit, Ehe oder Familie prägen. Die Entdeckung des Spermiums (1677 in Delft) ist ein packend erzähltes Stück Sexualgeschichte und mancher mag die darauf folgende Entdeckung (150 Jahre später) des Säugetier-Eis eklig finden. Bis dahin hielt man Frauen für zeugungsunfähige, minderwertige Männer. Exakt noch einmal 150 Jahre vergehen, lässt uns Bernard staunen, bis Louise Brown, das erste Retortenbaby der Welt, geboren wird. Dass ihre Eltern dabei nicht mal ahnen, dass ihr Kind eine Sensation ist, ist bezeichnend für die Diskrepanz zwischen dem Tempo des medizinischen Fortschritts und der Langsamkeit, mit der wir ihn begreifen. Ganz zu schweigen von der Fähigkeit einer Gesellschaft, derartige Veränderungen in ihre traditionellen Konzepte zu integrieren.

Der wortgewandte Autor nimmt LeserInnen mit an Orte, zu denen sonst niemand Zutritt hat, etwa zur Münchner Embryologin, die in ihrem Labor schon über 10 000 Kinder gezeugt hat. Was er wiedergibt ist filmreif: Wie sie mit den Zellen redet oder dass sie diese am liebsten verschmilzt, während sie Wagner hört… Gespräche mit weiteren Medizinern, Geschäftsführern von Samenbanken oder Leihmutter-Agenturen machen deutlich: Aus dem sehnsüchtigen Kinderwunsch von Paaren, die ungewollt kinderlos bleiben, lässt sich ein gutes Geschäft machen. Zwischen ein paar hundert Euro für eine Samenspende und über 100 000 Euro für Eizellen- und Samenspende plus Leihmutter können ein deutsches Paar die Dienstleistungen rund ums Kinderkriegen kosten.

Ob Kinder mit ihrer Herkunft Probleme haben oder nicht, hängt nach einer Studie mit Kindern homosexueller Paare vor allem von der Akzeptanz ihres Umfelds ab – und die fällt sehr unterschiedlich aus, bis vor 100 Jahren waren solche Familien undenkbar, und Kinder aus Samenspenden wurden als „Monster“ tituliert.

Genug Stoff zum Nachdenken. Als Magazinjournalist weiß Bernard spannend zu erzählen, als Kulturwissenschaftler interessiert ihn die Verknüpfung des Heute mit dem Gestern. Das ist ein besonderer Ansatz – und das Ergebnis sehr lesenswert. Es wirft neues Licht auf eine Debatte, die gerade beim Thema Wunschkind/Kinderwunsch gerne besonders erregt verläuft. Zeigt aber auch: Den richtigen Dreh, diese neue, ausgelagerte Form von Intimität emotional zu verarbeiten und aufzufangen, haben wir als Gesellschaft noch nicht gefunden. Vielleicht wirkt das Ende deshalb so zerfasert und unentschlossen.

 

Andreas Bernard: Kinder machen. Neue Reproduktionstechnologien
und die Ordnung der Familie. Fischer Verlag, Frankfurt 2014, 543 S., 24,99 Euro.

 

Die Rezension ist in ähnlicher Form in der März-Ausgabe von Psychologie Heute 2015 erschienen.