Süßes Gift ohne Grenzen

25. September 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Mindy Zhang

Mindy Zhang vor einem Bild von Karin Kück

(See English version below)

Verbote, Schießereien, Blut… Als ich den Raum betrat war Stille und Aufmerksamkeit. Eine Frau türmte die Ungerechtigkeiten der Welt in Worten auf und riss diese Babeltürme auch wieder mit Worten in Stücke. Las ein kraftvolles Plädoyer für Freiheit und Frieden. Die stolze Exil-Chilenin und Poetin Silvia Cuevas Morales ließ das Blatt sinken – und die Zuhörer klatschten. Ich saß zwar mittendrin, doch ich war zu spät gekommen. Mein Navi hatte das Schillerhaus nicht gekannt, den Tagungsort des 1. Poesie-Festivals in Rödermark. Knapp zwei Dutzend Dichter um mich herum. Ich gehörte dazu, war aber noch nicht im Bild.

Was war das hier, ein Manifest? Ich wusste, dass eine Vorstellungsrunde vorgesehen war. Gut, ich war eine Viertelstunde zu spät, aber sie konnten doch nicht schon alle vorgestellt sein, und gemeinsam ein Papier erarbeitet haben? Der Organisator und Initiator Peter Völker rief den Nächsten nach vorne: Julio Pavaretti. Der lächelte in die Runde und begann sein Gedicht „The naked city“ zu lesen. Was für ein wunderbarer Titel. Danach Annabel Villar mit „Für sie ist es nicht der Samt“ und die Nächste – und mir dämmerte, dass auch ich irgendwann aufgerufen würde. Darauf war ich nicht gefasst, meine englischen Gedichtversionen lagen zuhause. Ich hasse Vorstellungsrunden, aber diese hier war gut. Ich wollte dabei sein, auch die Stimme erheben. Handy? Internet? Internet. Handy. Wenig Power, aber es sollte reichen. War ich froh, dass ich meine drei Stücke einige Tage zuvor auf Behance eingestellt hatte, also konnte auch ich mich vorstellen. Und die Stimme trug.

Valérie Fourges

Valérie Fourges vor einem Bild von Yochen Schwarz

Trug mich zu jedem einzelnen der Internationals. Zu Mesut Şenol, der Vereiner, der eine Literaturzeitschrift herausgibt, zu Maria Juliana Villafaňe, mit der ich am Tag zuvor schon gefrühstückt hatte, zu Françoise Roy, mit den mexikanischen Ohrringen und den kahloesken Augenbrauen, zur zarten Kanadierin Valérie Fourges mit den goldenen Schuhen – und zu Mindy, Mindy Zhang, die den schwersten Koffer hatte und sich zu jeder Lesung sorgsam stylte. Zu jeder und jedem bewahre ich ein besonderes Erlebnis, eine spezielle Geschichte. Darunter den Handkuss des olivenhäutigen Derwischs Ion Dumitru.

Poetry Festival Rödermark #3
 
Doch zunächst ging es ums Zuhören, ums Verständigen über und durch Poesie. Keine Textform vermag mehr Geschichten einem einziges Wort einzuprägen. Vom „süßen Gift“ hat Ilma Rakusa andernorts in diesem Jahr gesprochen.

Als Mitglied der Jury gehörte ich nicht zu den Wettbewerbern, dafür aber hatte ich jedes Gedicht auf der Zunge gehabt. Es laut gelesen und bei jedem gefragt, woher kommst du, was willst du mir geben? In Mindys Gedicht fand ich einen Begriff, der mich googeln und einen Wald in China finden ließ. Darüber hinaus fand ich Spuren von einer mythischen Schöpfungslegende, die das Gedicht nachzubeten schien. Trotzdem es mich in Bann schlug, mich von Tonalität und Rhythmus mitriss, ich war enttäuscht. Als hätte man mir nur etwas vorgemacht, als hätte die Dichterin nur eine Matrix genutzt, ihre Worte hineinzufüllen.

Dann kam Mindy auf mich zu: „Du liest mein Gedicht?“ Ja. „Du musst es so lesen: schnell und fast ohne Atem zu holen. Nur die Worte ‚Once upon a time‘ – wie heißt das im Deutschen? Und Mutter oder Großmutter, sollen herausstehen…“ Sie instruierte mich, briefte mich, den ganzen Nachmittag. Und ich – lernte ihr Gedicht lesen. Lernte, dass sie über dieses Poem ihre Würde zurückholte. Sie sagte: „Ich lebe in einem rassistischen Land. Dort gehöre ich zu einer Minderheit, weil ich gelb bin. Erst seitdem ich dort lebe, ist mir bewusst, dass ich Chinesin bin.“ Gelb. Fahle Sonne. Sie, die im Land der unendlichen Trumps lebt, zeigte auf ihren Arm, der weiß aus ihrem blütenübersäten Kleid blitzte. „Dort gehöre ich zu einer wenig geachteten Minderheit, dabei stehen Millionen von Menschen hinter mir. Das chinesische Volk.“ Ich dachte, „No borders!“ die Frau deren Vorname „Ming Di“ auf deutsch „Sonne-Mond“ bedeutet, erzählte noch mehr. Und ich verstand. Ich soll davon jedoch nicht sprechen, denn: ein Gedicht, das man erklären muss, ist kein Gedicht – so wie ein gutes Bild nicht erklärt werden will.

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Unsere Stimmen. Kommunikation durch Nuancen, durch Blicke durch den Willen zu verstehen und zur Verständigung. Und durch die Anwesenheit an einem sicheren Ort. Sogar der Garten des Bürgermeisters gab sich lyrisch.

Als Überraschung für die Internationals stand anderntags das Treffen mit „ihren“ Künstlern auf dem Programm – Künstler des örtlichen Kunstvereins in Rödermark KiR und Künstler des nordhessischen Kunstvereins Meerholz hatten sich der Aufgabe gestellt, Gedichte zu illustrieren. Zu viert lasen wir die Poeme auf deutsch, sie selbst ihres in ihrer Muttersprache – und dann fielen sich die Künstler, die wochen- oder monatelang, Gedichte eingesogen hatten, um sie danach in Bilder zu fassen, und die Dichterinnnen, deren innerster Ausdruck plötzlich ein Bild aufwarf, in die Arme. Fast spürbar dieses getauschte Glück. Das Begegnen in den Parallelwelten des Rauschens und der Suche nach Wahrhaftigkeit.

Als Teil der Jury wusste ich ja, wer einen Preis bekommen würde. Und das war unsere Wahl:

3. Platz: Mindy Zhang

Mein Stammbaum

Es war einmal ein Wald,
mein Stammbaum mittendrin
zehn Sonnen brannten
über den Wipfeln jede Nacht –
und Großmama konnte nicht schlafen;
jede Nacht nach zwölf

gebar sie ein Kind,
bis unser Baum keine Blätter mehr hatte,
die sie ihnen geben konnte.
Großpapa raste vor Zorn, verjagte die Sonnen,
neun auf einen Streich. Nur eine einzige
blieb am Himmel zurück, die uns
die Geschichte erzählte.
Es war einmal eine Geschichte: Jeden Abend
verbarg sich die Sonne in einen Baumstumpf,
und jeden Morgen
stieg sie heraus, meine Großmama zu sehen,

eine immerjunge Frau aus einem sagenhaften Wald.
Wie ein Berg lag sie da, voller Lebenskraft
So viele Kinder hatte sie geboren,
dass die Sonne nicht von ihr lassen,
ihre heißen Blicke nicht von ihr wenden konnte.
Großvater tobte und wollte

die letzte Sonne töten, da traf ihn der Schlag –
und er starb. Der Himmel riss auf.
Zehntausend Jahre lang
versank meine Familie in Trauer,
alle Kinder gingen unter

und wurden Wasserhyazinthen. Schließlich erhob
sich Großmama, stand auf, und wurde groß, so groß,
dass der Duft ihres Körpers
die Löcher im Himmel verschloss.

Die Flut ging zurück, es wurde friedlich,
die Sonne ging wieder auf und blickte
fünftausend Jahre lang
auf meine Großmama
mit dem fahlen Gelb ihres Auges – Tag und Nacht.

Tag und Nacht langweilte sich Großmama
und knetete Menschen aus Lehm und Split,
viele, viele Menschen,
mit der Haut der Sonne, den Augen der Nacht,
mit vollen Händen verstreute sie sie,
mehret euch Tag und Nacht,
und einer davon war mein Vater.

Ein Bastard der Tang-Zeit mit vielen Namen.
War er betrunken, sang er
von phantasierten Mädchen und Monden,
War er traurig, beklagte er Sandstürme und Staub.
Es war einmal ein Li Bai,
und wenn es keinen Mond am Himmel gab,

dachte er so lange angestrengt daran,
bis der Mond für ihn aufging.
Es war einmal ein Du Fu, der sich die Flüsse selber malte,
eenn gerade keiner da war – zuerst den Gelben Fluss,
der durch die Ebene fließt, und dann den Yangtse,
der über den Himmel strömt. In der alten Zeit

hörten alle Flüsse auf ihn, er winkte einmal,
und sie rannen nach Osten, ins chinesische Meer,
und selbst der Wind und das Schilf folgten ihm –
was ihn so langweilte, dass er nach Hause ging
und Landwirtschaft betrieb,
dass er Himmel und Erde in Rechtecke schnitt,
um Reis und Weizen anzubauen.

Eines Abends stieg meine Mutter vom Mond
und folgte den quadrierten Feldern,
ihr ganzer Körper war Jasmin, und um sie
das Licht der Weberin.
Vater wollte sie begrüßen, wusste aber nicht,
unter welchem Namen er gegenüber treten sollte.

Er zögerte, und sie stieg weiter hinab,
in ihrem weißen Kleid trug sie den Glanz
von hundert Jahren Einsamkeit.
Sie streckte die Hand aus,
berührte meinen Vater – ich habe ihn nie gesehen –
und kaum hatte sie ihn berührt, wurde er zu Stein,

wurde unsterblich. Es war einmal ein Stein,
auf dem die Menschen sich paarten,
regellos, eine Berührung genügte,
oder ein kurzer Blick: ein Blick, ein Blinzeln, eine Berührung –
schon gab es Leben, gab es Tod,
gab es Liebe, gab es Trennung
auf Leben und Tod.

Wie man eine Chrysantheme anknipst,
so hat diese Frau im Mond mich
geboren. Ich öffnete die Augen und sah,
wie sie in meinem Licht nach oben entschwebte,
zurück in ihren kalten Himmel, eine Pipa
mit gerissenen Saiten in den Armen.

Darum heiße ich Sonne-Mond: Eine Art Licht
aus zweierlei Quellen, die sich gegenseitig
blank reiben, und spielen,
die nie ihre Fehler eingestehen – niemals friedlich sind.
Ich kam in ein neues Land,

wo es Steine und Stelen und Statuen gab,
überall, und den ganzen Frühling lang roch es nach Tod.
Ich hob den Kopf und sah meine Mutter –
im April, wenn der Himmel tiefhängt,

höre ich sie atmen, höre den Klang
ihres Spiels, der auf die Berghänge fällt,
die Berghänge eines fremden Landes.
Ich schreibe Sonne, und eine Sonne
in meiner Farbe geht auf,

ich schreibe Mond, und der einsame
Mond meiner Vorfahren geht auf.
Meine Orakelknochen-Schriftzeichen,
meine Piktogramme sind Steine,
die bei Berührung zu Blüten werden –

in dieser Jahreszeit stirbt der Tod kein zweites Mal.
Alle Blüten an allen Bäumen öffnen die Augen,
sehen meine Ahnen, leben in meiner Haut.
Es war einmal meine Haut, auf der ein Schatten lag,
Es war einmal ein Schatten, ein Baum und dann
ein Licht.

Da ist immer ein Schatten,
bevor das Licht kommt.

(Übersetzung: Ruppert Mayer, Lea Schneider, Sylvia Meise)

Zweiter Preis: Nahid Ensafpour

Die Brücke
Auf der anderen Seite des Ufers
hörte ich ihren lauten Schrei
verwirrt, unwissend,
wie konnte ich ihr helfen nur,
niemand war da, der ihr beistand,
lauter und lauter wurde ihr Aufschrei,
eine stürmische Kraft überkam mich
ich wuchs und wuchs über mich hinaus
und beugte mich über den Fluss,
selbst wurde ich zur Brücke,
doch als sie mich überqueren wollte,
brach ich.

(aus „Gesang des Augenblicks“, Frankfurter Verlagsgruppe, 2016)

Erster Preis: Maarja Kangro

Der Ex

Als unter der schwarzen Hose
eine weiße behaarte Wade hervorlugt,
schau’ ich da natürlich hin.
Ich schaue auf den Bauch unter dem Sakko,
nicht unbedingt dicker geworden.
Ich schaue auf die Hände: er hat die grazilsten von
allen, die auf der Bühne sitzen.
Bloß nicht zu lang in die Augen
schauen – aber es ist schon zu spät.
Als er anfängt zu reden,
spannt sich alles in mir an,
stockt sein Satz, rücke ich mit dem Stuhl.
Wie eine Mama beim Schulfest.

Nun reicht man Weintrauben und Gebäck.
In den anderen Raum gehe ich natürlich
bloß wegen der Getränke.
Schau mal einer an. Hallo.
Ich beobachte seine Augen, seinen Hals
und die Lenden: warm, nur einen Meter entfernt.
Ich überlege, ob ehemalige
Kolonisatoren ebenso schauen.
Dieses Land gehörte einst uns.
Wie rührt man es jetzt an?
Wie kommt ihr nun zurecht –
nicht gerade großartig, oder?
Bei euch herrschen Hunger und Epidemien,
Partisanenkriege und Diktatoren,
die wir in die Schranken weisen müssen.
Wir wissen von brennenden Hütten und Autos,
von Kindern mit aufgeblähtem Hungerbauch.

Seine Zähne faulen nicht,
die Wangen welken nicht,
keine geröteten Augen.
Dem Atem nach zu urteilen
hat er nicht angefangen zu trinken.
Die Kolonisatorin forscht akribisch.
Wo sind denn nun meine Spuren,
sein Trauma, meine historische Rechtfertigung?

Wir essen Weintrauben
und trinken Cognac,
okay, dann essen wir eben Weintrauben
und trinken Cognac

(aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt)

Maarja Kangro und Annelie Schnack

Maarja Kangro und Annelie Schnack

Drei Tage lang nichts als süßes Gift – am Ende vor öffentlichem Publikum im Urberacher Park bei „grenzenlos grün – Pinsel, Piano, Poesie“. Wir tranken Worte, machten uns gegenseitig zu Role Models und dann, zwischen Musik und Kunst trugen unsere Stimmen uns die Menschen zu. Wie sie still wurden, als Nahid Ensafpour sang. Ihr Liebeslied, wie sie ihren Gesang einatmeten, ihr Leuchten. Wie sie Maarja Kangro auf dem nordischen Pfad des Humors folgen, den Worten lauschten, die ihr von der estnischen Zunge purzelten. Und wie sie staunten, als Mindy Zhang die Schriftfahne mit ihren Orakelknochenzeichen-Gedichten entrollte. Ihr hättet sie hören sollen.

Alle Gedichte in dieser Anthologie:
Roland Kern, Peter Völker (Hrsg.):
Anthologie „Between our words… poetry overcomes borders“
Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 18 Euro.

 
 

Here the English version:

Bans, gunfights, blood… When I entered the room it was filled with close attention. In solemn silence the audience was listening to a woman putting blatant injustice into words. Piling them up like towers of Babel, just to take them down with another pack of powerfull protesting terms. And when the proud Expat from Chile and poetess Silvia Cuevas Morales let down the paper the audience started clapping. Quietly I sneaked in as I was too late. My navigation couldn’t find the Schillerhaus, location of the first Poetry-Festival in Rödermark. About two dozens of poets sitting around me clapping, while I orientated myself and tried to arrive where I belonged to.

But what the heck was going on here? Sure, I was late, but could they already have finished the first round of introductions? Could they already have worked out a manifesto? Peter Völker, head and initiator of the festival invited the next one to the fore: Julio Pavanetti. Who smiled and began to read his poem “The naked city”. Awesome title, by the way – then Annabel Villar followed with “Fate and orange blossoms” then the next, and suddenly I got it – one of the next turns would be mine. And I wasn’t prepared. My English versions at home in a pack of paper… I really hate instruction rounds but this time I definitely longed to participate, definitely wanted to let them hear my voice. So what? Mobile? Internet? Internet. Mobile. Power was low but it should work. So lucky that I just put my three English poems online on behance. So at last I arrived just by reading.

This reading carried me to every single one of the international poetesses and poets. Carried me to Mesut Şenol, editing an international literature magazine, to Maria Juliana Villafaňe with whom I already had a wonderful breakast time the day before, to Françoise Roy with her Mexican style earrings and the kahloesque eye brows, to the gentle Canadian Valérie Fourges in her golden sandals – and not least – to Mindy, Mindy Zhang, who had the heaviest luggage und who styled herself diligently whenever she read, underlining the effect by little details. To everyone of them I preserve a special memory, a particular moment or story. Among them the hand kiss from an olive colored dervish.

But first of all we were here to listen, to meet, to communicate by and through poetry. No other text format tells more in a lesser amount of words. In another place some months ago Ilma Rakusa one of my favorite writers, was to describe the attraction of poetry. She found the term ”sweet poison”.
Beinmg part of the jury I didn’t belong to the competitors, instead of competing I tasted each poem with my tongue. Recited every one loud and asked: „Where do you come from?“ „What will you tell me?“ In Mindys poem I read a Chinese name, googled and found it to be a real forest. Further I found traces of a Chinese myth of creation that, as I saw it then, seemed to just beeing retold by this poem. Although I was fascinated by the tonality and rhythm, I felt cheated as if she used a matrix to fill her words in. Kind of disappointed I turned away. Nevertheless she stayed on my mind.

Then Mindy came over to me. Asking: „You will be reading my poem?” Yes. “You must read it very fast, like I do. Only the words ‘once upon a time’ – how is that in German? – and ‚mother‘ or ‚grandma‘ shall stand out…” She instructed and briefed me the whole afternoon. And suddenly I realized what her poem was about. I learned that she took back her dignity by this poem. She said: “I live in a racist country: I belong to a not really appreciated minority just because my yellow skin.” She pointed on her white arm, sneaking out of her flowery dress. “Before I moved to the USA I never realized being an Asian.” She sounded breathless just the way she instructed me to recite her poem. While she was talking, the words “No borders!” blinked in my head. The woman who’s name “Min di” means “Sun-Moon” told me much more things, that will not emerge in this text, because: a poem is a poem and shouldn’t be explained. As well as a real good image never should be explained either.

So we carried on, carried by our voices. Communicated by nuances of the tone, by glances and by the will of understanding one each other. Being held by the presence of a secure place. Even the garden of the mayor showed itself as a poetic impression.

The next day a surprise for the internationals was planned: a meeting with “their” artists – artists from the local art association KiR and another one from Northern Hesse Kunstverein Meerholz. Artists from these associations met the challenge to illustrate the international poems. So the artists and the poetesses and poets stood side by side. The ones who absorbed the texts for weeks or months – and the ones who found their words unexpectedly expressed in bright colors were embracing each other. Great. Touching. Encounters in the parallel universes of sincerity and joy.

As I was part of the jury I already knew who was among the award winners. Yeah, and this was our choice:
Third price: Mindy Zhang
Second price: Nahid Ensafpour
First price: Maarja Kangro

Three days long nothing but the sweet poison of words. The third day we read at the art, music and poetry festival in the park „grenzenlos grün – Pinsel, Piano, Poesie“. We drank words, found role models in one another and, between art and music, let our voices carry our thoughts to the people. How they stopped talking, when Nahid sung. Sung her Poem of love and desire. How they were astouned to hear Maarjas dry humour tumbling from her Estonian tongue – and how they were surprised as Mindy enrolled the white banner with the oracle boned Chinese characters painted on. You should have heard all these voices. And the silence of attention too.

In this anthology you’ll find all the poems:
Anthologie „Between our words… poetry overcomes borders“
Roland Kern, Peter Völker (Hrsg.)
Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 18 Euro.

Congrats and thanks to everybody who made it happen.

Poetry Festival #7

 
 

Ausstellung: War on Wall

5. August 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

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Auszeit. Ein Tag Berlin auf dem Mauerweg, auf Locationsuche für ein Panorama. Mauer also. Beton. Eisenstangen. Sogar die Reste irritieren noch. Wir passieren einen alten Wachturm – links eine Hochzeit mit Herzchenballons und Korkenknallen, dahinter Roma auf Klappstühlen und rechts auf einer Infotafel aus Plexi alte Fotos. So hat es früher ausgesehen. Etwa 30 Jahre her. Als ich geboren wurde, ist diese Mauer hochgezogen worden, als unser Sohn geboren wurde, wurde sie durchbrochen.

Dann wieder ein Stück Beton und Berlin und plötzlich quietschbunt: die East Side Gallery. Graffiti vom Feinsten. Schönes, Psychedelisches, Abgefucktes, Poetisches – alles, was die Scene so drauf hat. Die Mauergalerie ist – Geschichte? – durch hohe Zäune geschützt. „Zerstörung“, warnen Schilder „werde verfolgt“ und bestraft. Ich fahre Mietrad, sauge Farbe, lese Kronkorken. Ein Hund pflückt ein Frisbee aus der Luft.

Es ist heiß in Berlin. Das Gras gelb und und wir folgen der Mauer und plötzlich sind wir hier: War on Wall – Kai Wiedenhöfers Syrien-Doku. Fast dran vorbeigefahren. Riesige Panorama-Fotos. Still aber berstend vor Gewalt. Kobanes Straßen in Schutt und Asche. Zerfetztes Welllblech, Trümmer, zerbombte Häuser. „So sah es auch mal in Europa aus“, erinnert der Berliner Fotograf und schreibt, dass er immer wieder nicht glauben könne, was Menschen einander antun.

Packender Einführungstext. Sein erklärtes Ziel: den Betrachtern die Menschen nahe zu bringen. Zwischen seinen Wahnsinns-Panoramen der kaputten Stadt in gedeckter Schutt-Farbe ragen deshalb überlebensgroße, und sehr farbige Porträts auf. Gehen ins Auge, unter die Haut. Das Mädchen etwa, 11 Jahre, das durch eine Fassbombe seine ganze Familie und ein Auge verlor. Kleinkinder, Teenager, junge Männern und Frauen, alte Frauen und Männer – mit furchtbaren Verletzungen, mit Arm- oder Bein-Prothesen und mit Blicken aus Metall. „Die Medien“, schreibt Kai, die Medien informierten nicht mit ihren Nachrichten, sie klärten nicht auf. Im Gegenteil: Die absurd und zugleich obszön unverständlichen und damit sterilen Zahlenblöcke seien ein Schleier, der echte Tote und echte Verletzte verbirgt. Seien letztlich das Schmiermittel für weitere Kriegshandlungen, weitere Tote und Verletzte, weiteres Leid.

Wand auf Wand: Als ich die Geigerin sehe, knickt mir alles weg. Ein kleines auf eine Hauswand gemaltes Bild, die zugehörige Wohnung weggesprengt. Nur diese Mauer steht noch. Voller Einschüsse. Doch das Mädchen im himmelblauen Kleid führt noch den Bogen. Wer hat das gemalt? Romeo, 08. Schwarzes Haar, ernstes Gesicht um sie herum wachsen Bäume in einen schwefelgelben Himmel.

Später lese ich in der Photo-News, dass der Fotograf die Ausstellung verschiedenen Institutionen und Museen angeboten hat. Keins wollte die Ausstellung. Ja, die Geschehnisse in Syrien sind schlimm. Aber… Als Ausstellung? Krieg auf der Wand? Die Time habe ein paar Porträts von Verletzten online zeigen wollen, erzählt Kai Wiedenhöfer im Interview. Wollte 500 Dollar dafür zahlen – „einfach ein Witz“.

Dann lieber hier. Und besser hätte der Ort nicht gewählt sein können. Der brutale Abriss der Stadt Kobane an der Grenzlinie zum IS direkt vor den Kränen und dem irren Wachstum Berlins. Vor dem blendenden Mercedes-Stern. Die Flaneure werden still. So viele Betrachter wie hier – vor allem so viel unterschiedliche, wie Kai Wiedenhöfer selbst betont – die ihren Schritt verlangsamen, denen er ein Peace-Korn mitgibt, hätte ihm kein Museum eingebracht. Wir folgen der Mauer. Der Geschichte. Berlin.

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War on Wall – Fotografien vom Krieg in Syrien auf der Berliner Mauer
Noch bis Ende September und frei zugänglich
Mühlenstraße, West Side Gallery
(so heißt, die der Spree zugewandte Rückseite der East Side Gallery )

Es gibt auch ein Buch vom mehr Städte umfassenden Wall on Wall-Projekt – denn Behindernde gibts überall, daher überall auch Mauern, Grenzen..
Das Buch: Confrontiers

 
 
 

Absurde Bindung

12. Mai 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Luminale, Frankfurt Airport
 
Weg damit? Ich halte inne, stoppe den fast schon automatisierten Entrümplungsablauf – Tasche-aufhalten-Papier-reinstopfen – und halte eine Seite aus der „Zeit“ in der Hand. Ich beginne zu lesen. Mitten in meinem Recherche- und Medienmüll lese ich vom Traum des Kenzaburo Oe. Mit seinen Büchern bin ich nie warm geworden, aber dieser Einblick in die Beziehung zu seinem behinderten Sohn Hikari geht mir unter die Haut. Wie auch das Bild, das Mathias Bothor dazu gelungen ist. Ich entfalte das Zeit-Blatt, schaue aufs Datum und stutze: mein Archivfund ist genau zehn Jahre alt! 11. Mai 2006. Das Aufmacherzitat hatte mich angezogen: „Ich lernte mit dem Schweigen meines Sohnes zu leben. Jetzt sendet er mit seiner Musik Botschaften an seinen Vater und die Welt. Ein Glück, von dem ich nie gewagt hätte zu träumen.“ Ich lese mich fest. Der Sohn wurde als Baby operiert, die Diagnose der Ärzte: wegen fehlender Verbindungen zwischen den Gehirnhälftener werde der Junge nie Worte in Zusammenhang bringen können. Oe ist heute 81, sein Sohn 52 – wie es den beiden heute geht? Kann man wohl in Oes jüngstem Buch lesen (Licht scheint auf mein Dach, Fischer, 2014). Der Sohn komponiert und spricht mittlerweile… erfahre ich aus einem NZZ Artikel. Ich möchte dieses Buch lesen. Platz für Bücher haben wir ja jetzt wieder – nachdem wir zwei Drittel unseres Archivs in die Tonne gestopft und zig Bücher im öffentlichen Bücherschrank freigesetzt haben.

Das absurdeste Zeug hockte in allen Ecken und grinste matt unterm Staub. Unverschämt viel Energie war nötig, den Kram zu sichten und rauszuschaffen. Musste wohl sein, denn wer ordentlich Ballast mitführt, bei dem hat die eigentliche Fracht zu wenig Gewicht. Als gute Buchbinderenkelin hab ich‘s nicht mit dem Wegwerfen von Papier. Doch es galt: Augen auf und durch. Die gesamte Medienpädagogik ist jetzt weg. Und nach Tod und Teufel landeten die Archivmappen Wirtschaft und Zukunft am Ende unbesehen in der Tonne. Uff. Staub abschütteln, aufatmen und leere Hüllen sortieren. Gutes Gefühl das. Raum für Neues Licht… Das Camus-Zitat aus dem (geliehenen) Distelfink von Donna Tartt hüpft dazu in meinem Hirn: „Das Absurde befreit nicht, es bindet“.
 
 
 

Lieberger Liebste

30. April 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Wildtulpe #1
 
Lichtgelb, zierlich und frei von Streifen, Fransen oder was Züchtern sonst seit dem Barock so eingefallen ist – die Urfom der Tulpe ist einfach perfekt. Wie sie nach Gau-Odernheim gekommen ist? Warum sie sich vor vielen Jahrzehnten aus der Türkei kommend via Spanien, Italien und Österreich gerade hier zum größten Vorkommen nördlich der Alpen versammelt hat? Weiß niemand so genau. Vielleicht weil ein früherer Apotheker sie spezieller Eigenschaften wegen kultivierte. Oder weil der Lieberg einfach der Wildtulpen liebster Weinberg ist. Auf jeden Fall auch, weil die Pfälzer Winzer sie nicht mit Herbiziden ausrotten – darauf einen Lieberger!

Wildtulpe #2