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21. Mai 2013
von Sylvia
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Das Porträt: Der Beseeler

Thomas Heidenreich
 
Ein Derwisch am Schlagzeug: Fliegende Haare, verschwitzt und verschmitzt wirbelt Thomas Heidenreich die Stöcke, bis der Mörtel zwischen den Backsteinen bröselt, bis Raum und Leute rhythmisch wogen. Der Mann ist Energie pur. Mag der Blick noch so blau, das Arbeitshemd noch so brav kariert sein, Thomas kennt keine Rampenscheu. Vielleicht weil er nicht nur Schlagzeuger ist, sondern auch Schauspieler, Animateuer und Lehrer. Sogar aus dieser Foto- wird ruck-zuck eine Jam-Session für Kamera, Rettungsring und Trommel: klack-schlack-klack – Drrrrt, didi-did, drrrrt! Trommeln kann man überall. Thomas ist für jeden Blödsinn zu haben, und dabei allzeit ernsthaft aufnahmebereit. Letztes Jahr hörten wir ihn zum ersten Mal inmitten einer Show, bei der er für die Firedancer den Takt setzte – das Ganze im Rahmen eines Kirchen-PR-Projekts. In einer Pause gestand er uns, „die genialsten Konzerte“ habe er in Kirchen gehalten. Trommeln und Kirche? Das interessierte uns, denn wir waren gerade kurz vor der Eröffnung unserer Ausstellung in der Offenbacher Stadtkirche – und die Wettervorhersage stand auf Regenwald. Dabei hatten wir uns ausgemalt, dass Trommler Terry Keegan zur Eröffnung die Leute anrappeln und in die Kirche locken sollte. Sah schlecht aus. Wir fragten deshalb den Experten: Trommeln in der Kirche, geht das? Antwort: „Na klar! Nix Halleluja… DRRRRR – das ist religiös!“ Tatsächlich schüttete es dann und der Straßenmusiker Terry saß zum ersten Mal mit der Trommel in einer Kirche. Trotzdem die Pfarrerin das Okay gab, spielte er vorsichtig, nur halbe Kraft. Bloggeschichte. Jetzt wollen wir von Thomas wissen, weshalb Trommeln und Theologie für ihn zusammen gehören. „Rhythmus ist Kommunikation. Mit anderen, mit mir selbst, mit Gott.“ Er demonstriert sein Vorbereitungsritual indem er einen der Schlegel zum Himmel streckt: „Dazu bete ich. Ich hole mir den Segen und dann ist kein Denken mehr, dann kommt Energie.“


 

Kirchenräume sind für ihn magische Orte – nicht nur wegen der Akustik. „Es herrscht eine heilige Atmosphäre dort“, versucht er das Gefühl zu fassen. Ziel jedes Auftritts mit seiner Schlagzeugband drumlet: das Publikum zum Mitmachen bewegen. „Ich übe mit ihnen kurze Silbenfolgen ein – und plötzlich singen sie einfach mit: kashi-kashi-kashishi – bongo-bongo-bongo…“ Vocal-Percussion. Springt der Funke über, werden sie neben den vier Musikern auf der Bühne zum fünften Bandmitglied. „Wenn wir dann im Hintergrund leiser werden – und das Publikum musiziert, ist das der Höhepunkt.“ Derzeit arbeitet er am Konzept „Grooving Church“. Sein Traum wäre ein Bachchor, begleitet nur von Trommeln. Bach? „Also, weißte, Bach! Das hat einen Groove, das kannst du dir nicht vorstellen.“ Weißte… Wie Sylvester Stallone in Rocky.

Gefunden hat sich die Band vor sechs Jahren über „Gospecials“, Großgottesdienste einer Gemeinde in Niederhöchststadt. Die werden seit 1995 jeden Monat zu einem anderen Thema gehalten, etwa über das Böse in uns, zu New York Gangs oder Homosexualität. Mittlerweile für rund 500 Besucher und meist in einem großen Kinosaal. Aber auch bei anderen Auftritten der evangelischen Kirche sind die drumlets dabei. Am meisten schwärmt Thomas von der „Rosenkirche“. Das erste Themenkirchenprojekt auf dem Hessentag, Ist schon sechs Jahre her. „Da haben die uns vor die Kirche gestellt und extra beleuchtet. Trommeln und Rosen – die Leute sind ausgerastet. Die haben alle gerufen und gebrüllt. Das war toll. Wo man sich schon fragt, wie kriegt man das so super zusammen…“ Der gemeinsamer Nenner in all diesen Fällen: kirchenferne Menschen sollen Kirche mal anders erleben – als überraschende Klang- und Gemeinschaftserfahrung, verbunden mit einem besonderen Zugang zu Spiritualität.


 
Gemeinschaft mal anders ist jetzt sein Spezialgebiet. Auch Arbeitgeber mit einem Händchen für Mitarbeiter (Bahn, Lufthansa, Fuji) wünschen sich so was und buchen die Band für Drum-Events. Kurzübersetzung: „Arbeit mal anders“. Langversion: „Da donnern wir mit denen zwei Stunden lang die Hände blutig und die Köpfe frei. Die kommen oft mit Null musikalischem Grundwissen an und dann machen wir Jazz.“ Für den Musiker ist es dieselbe Form der Spiritualität, nur in einem anderen Rahmen. Wenn dort der Energiefunke überspringt, macht ihn das genauso glücklich: „Einmal haben wir in einer Veranstaltung für Führungskräfte erlebt, wie plötzlich eine Frau triolische Schläge hinlegte, „sie würde Jahre brauchen, wollte sie das bei mir lernen.“ In dem Fall war es ausgerechnet die Sekretärin, die plötzlich für ihre Chefs den Ton angab. Die hierarchische Struktur ist der Band egal. „Wir gehen von der Musik aus.

Ich höre genau hin, und wenn irgendwas kommt, greifen wir das sofort auf – dafür gibt es bestimmte Signale, wir benutzen die Technik Drumcircle von Arthur Hull. „Wenn es diesen Spirit gibt, produzieren die Leute aus dem Nichts die komplexesten Klangfolgen. Das erleben wir auch mit Jugendgruppen, dass ganz unerwartet das kleinste Rädchen im Getriebe, der Unscheinbarste, zum Star des Abends wird.“


 
Unvorstellbar, aber so ein Stiller und Unscheinbarer soll der Hüne mit dem Bodybuilder-Schultern selbst mal gewesen sein. Jedenfalls, bis er neun war, mitten in einem Feld ein Wasserloch entdeckte, das für ihn die Existenz Gottes bewies – und im Wohnzimmer seiner Eltern der Radetzky-Marsch auf die Tischkante hämmerte. Heidenreich legt den Schlegel an die Stirn und erinnert sich, wie ihn der Rhythmus packte und seine Mutter irgendwann rief, „der Junge braucht ne Trommel!“ Als seine Klassenlehrerin im selben Jahr fragte, wer schon ein Instrument spielt, war Klein-Thomas dabei. Näselnd parodiert er ihre darauffolgende Bitte, diese Instrumente zur nächsten Stunde mitzubringen. „Eigentlich bisschen knapp von der Zeit… Aber mit meinem Kumpel Frank hab ich dann die Trommel von zuhause geholt.“ Und? Riesenärger wegen unerlaubtem Entfernen von der Schule. Erst die nächste Wochenstunde war gemeint…. Dafür entschädigte ihn dann die nächste Party: „Da hab ich Dong-do-do-dak, dong-do-go-dak mein Schlagzeug gespielt – und die Klasse hat um mich herum getanzt.“

Dann Musikschule: Bumm, Tschack, Bumm-Bumm, Tschack. Bumm, Tschack, Bumm-Bumm. Danach Mitglied in zwei Kirchenbands. Thomas ist Protestant, aber… die Katholiken hatten lange Haare, spielten Heavy Metal und – hatten ein Schlagzeug. „Ich hab dann gewartet, bis mal der Pfarrer weg war und den Organisten irgendwie rumgekriegt. Das waren meine allerersten Kassettenaufnahmen – oben die Orgel unten ich: Boff. Baff. Bumm-Bumm Baff!“ Dann am Konservatorium und schließlich Privatunterricht bei Keith Copeland. Sein musikalisches Entrée war The Wall. „Bei Musik interessiert mich immer auch das Transzendente, Bewusstseinserweiternde, Psychedelische. Egal ob ich mit Gruppen trommle oder mit meinen Kurzen. Raus aus dieser Wirklichkeit – wir bauen eine eigene mit dem Trommeln auf!“


 
Dass Thomas jetzt wieder in der Schule sitzt und trommelt, verdankt er seinen Kindern Philippa und Jasper, sechs und vier Jahre alt. Bevor sie geboren wurden, war Thomas ständig unterwegs. Hanauer Festspiele, Krimitheater, Shakespeare, Piratenshow im Freizeitpark, Musiktheater in Stuttgart… Das geliebte Nomadendasein passte allerdings nicht zu einem Familienleben. Also, Plan B. Der ursprünglich, als er Theologie auf Lehramt studierte und mit Kindern arbeiten wollte mal als Plan A gedacht war. So fand die jüdische Privatschule Frankfurt einen neuen Klassenleiter und bekam den Trommellehrer gleich dazu. Seine erste Aktion dort: Trommeln kaufen. „Mich kriegt man nicht ohne“, grinst er.

In seiner Klasse wird regelmäßig getrommelt. Klar, das kanalisiert überschüssige Energie, aber fast nebenbei vermittelt er den „Kurzen“ so auch die sozialen und spirituellen Komponenten von Musik. Zwar sind sie anfangs so fasziniert vom eigenen Tun, dass sie gar nicht auf die anderen achten, doch als Pädagoge weiß er schon, wie er sie zusammenbringt: „Bleib mal kurz still, hör mal, was die anderen machen. Klink dich ein, versuche sie zu unterstützen.“. So zieht er das Bewusstsein für gemeinsam gebildete Klangfolgen. So entsteht Musik. Neben seiner Energie und Empathie kann Heidenreich dafür auch auf eine Grundvertrautheit bauen. Denn: das erste rhythmische Klopfen nimmt jeder Mensch schon als Ungeborener wahr, den Herzton seiner Mutter. Bu-bumm bu-bumm. Das Ursprünglichste. Vielleicht kommen deshalb bei seinen Veranstaltungen auch musikalisch Unbeleckte ganz schnell zu Erfolgserlebnissen.

 

Neue Impulse gab es dabei auch für den Protestanten Heidenreich. Als erstes streifte er das Vorurteil ab, die jüdische Religionsausübung sei konservativ und starr. Stattdessen lernte er eine lebensfrohe Gemeinde kennen. Zwar gebe es auch hier mal Querelen und Streit – „doch sie akzeptieren einander, sie bekämpfen sich nicht.“ Dabei beherbergt die Synagoge sowohl die konservativ-orthodoxe Gruppe als auch die modern ausgerichtete Rabbinerin. Neu für ihn war auch Simchat Tora, das Thorafreudenfest. Es wird gefeiert, sobald die Thora fertig gelesen ist, wieder aufgerollt und weggepackt wird. „Dann hört man Klarinetten, der Rabbi hüpft durch die Schule und alle Kinder küssen die Thora. Das ist reine Lebensfreude. Nicht, wie bei uns im Christentum, separat und privat, sondern wie ich es auch bei Muslimen kennen gelernt habe: Religion als zentrale, spirituelle Kraft.“ Keine Trennung zwischen Leben, Religion, Arbeit. Das schwebt ihm schon lange vor. Schon beim Theologiestudium, als er für sich Rudolf Ottos Ansatz des „Heiligen“ als faszinierendes Mysterium entdeckte. Damals hat er noch geschauspielert um das Studium zu finanzieren. Die Examensarbeit handelt davon, wie sich mit dem Verständnis des Heiligen ein zeitgemäßer Religionsunterricht gestalten lässt. Das wird jetzt umgesetzt. Zwar sei auch „unsere Kultur durchdrungen von Religion, aber nicht mehr Teil des Alltags. Deshalb fehlt uns die Rückversicherung ans Transzendente.“ Di-di-dit drrrrrrt, lässt er die Stöcke wirbeln. Trommeln ist sein missing link.
 

 
 

4. Mai 2013
von Sylvia
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Spargel-Pizza mit Blümchen-Salat



 
Es reicht. Definitiv. Der blöde Kunde (eigentlich ein guter ) meldet sich nicht, eine Honorarzahlung ist im schwarzen Loch “Ich-wars-nicht” verloren gegangen und der zweitunterste Nachbar hat sich gerade tüchtig ausgeheult (der Psychiater seiner Frau gehört verteert und zerfedert). Und jetzt noch Pizza kochen?? Selbst? Dass wir uns das ausgerechnet für Freitagabend vorgenommen hatten? UaH! Dabei können wir uns grad nicht mal zum Pizzaholen aufraffen.

Schsch… Schon gut. Alla hopp, sagt der Hesse. Genug geheult, auf geht’s. Schließlich hat der eine schon eingekauft, die andere schon Wildkräuter gepflückt. Außerdem ist unsere Pizza ein Pas de deux: immer abwechselnd wird geschnippelt und geschmurgelt, bis wir schlussendlich und gemeinsam alles auf den Teig häufeln.
Spargelpizza allerdings hatten wir noch nie. Und Spargel dies Jahr erst, nachdem der Preis von satten 12 Euro das Pfund auf erträgliche 4-5 gesunken ist. Ich mag Spargel. Noch. Noch so lange jedenfalls, wie ich noch nichts von üblen Nachwirkungen weiß, die die neue permanente Form des Spargelanbaus unter Folie auf mein Gewissen haben könnte oder müsste. Als ich kürzlich auf der A 5 durchs mittelhessische Ried fuhr, schien mir jedenfalls die spanische Almeria bedenklich nah. Plastik soweit das Auge reicht. Fünf Jahre sollen die Planen halten und danach zu Verpackungsmaterial recycelt werden. Hm.
Aber noch ist Spargel angesagt. Als feine Frühjahrskur, die des Körpers Wasserkanäle durchspült – und dazu gesund, lecker und regional ist. Genauso wie Knoblauchsrauke und Vogelmiere übrigens – und die wiegen obendrein das Plastik-Unbehagen auf, weil wild und ohne jede beschleunigende Maßnahme aufgewachsen. Man muss nur aufpassen, dass man sie abseits von Hunde-Gassirouten pflückt.

 

Naturgemäß passen die weißen und grünen Frühjahrsputzer jetzt am besten auf den Speiseplan. Wie viele Wildkräuter hat meine Auswahl (je 100 Gramm) mehr Vitamin C und Mineralstoffe zu bieten als irgendein schnöder Salatkopf. Die Knoblauchsrauke ist mit Senf und Kresse verwandt, also eine ganz Herzhafte. Im Mittelalter, als Salz noch irre teuer war, galt sie als das sprichwörtliche Salz in der Suppe. In England soll sie bis heute wegen ihres salzig-senfig-knoblauchigen Geschmacks ein gängiges Würzkraut sein – kann ich nicht bestätigen, hab ich dort nie gegessen. Hier aber auch nicht, bis ich das Buch Wildpflanzensalate von Steffen Guido Fleischhauer in die Finger bekam (AT-Verlag, Baden/München 2006). Dort habe ich auch zum ersten Mal gelesen, dass man Vogelmiere essen kann. Eine echte Entdeckung: knospig, saftig, feinsäuerlich – lecker! Und erst die Raukeblüten… Hier die Anleitung, um einen abgewrackten Mon, Diens-, Donners- oder Freitagabend wieder in den Grünen Bereich und zum Knacken zu bringen:

Also, wir brauchen für ein Blech Pizza und 2 Portionen Salat: nix fertig!

Spargel-Pizza
Sofrito
1 Zwiebel, Knoblauch nach Geschmack
1 Dose ganze , geschälte Tomaten
1 Teel. Sambal Oelek
Kräuter der Provence
Oliven
Pizzateig aus 200 g. Mehl, ca. 100 ml Wasser, halber Teel. Trockenhefe, Salz
Belag
300 g Spinat – waschen, dicke Stängel raus-, Blätter klein schneiden und 3 Minuten blanchieren
400 g Spargel, geschält, in Brühe ca 15 Min. fast gar dünsten
4 Scheiben gekochter Schinken
Cocktailtomaten
150-200 g. geriebenen Emmentaler

1. Sauce aufsetzen: Zwiebeln in Öl und Oelek anbraten und glasig werden lassen, Knobi dazu. Dann die Dosentomaten, Oliven und Kräuter. Noch? Vielleicht sind noch frische Tomaten da oder Saucen-Reste, die dazu passen, immer rein damit. Ein Sofrito (ungarisch Sugo) ist eine je-länger-desto-besser-Sauce. Je eher man’s schafft, sie aufzusetzen, desto intensiver der Geschmack.
2. Währenddessen den Hefeteig ansetzen: Vorteig aus Hefe, bisschen Zucker und Mehl anrühren. Sobald der schäumt, zusammen mit so viel Wasser in das Mehl rühren, dass ein elastischer Teig entsteht – 20-40 Minuten gehen lassen – zusammenkneten, ausrollen, aufs geölte Blech legen – wieder ca. 30 Minuten gehen lassen.
3. Währenddessen die Spargeln schälen, dünsten und abgießen (die Brühe aufbewahren für den Salat): Spinat in leicht gesalzenem Wasser mit einem Spritzer Zitronensaft blanchieren; Schinken in Streifen schneiden; Käse reiben.
4. Sauce auf dem Teig verteilen (möglichst zehn Minuten vorher vom Herd) und alles andere darauf verteilen – für 25-30 Minuten in den vorgeheizten Ofen bei etwa 210 Grad (oder Umluft etwa 190). Während die Pizza backt, gehts an den Salat:

Wildblümchensalat
4 Salatblätter, 3 Chicoreeblätter
3 Stängel Knoblauchsrauke mit Blüten,
3 Stängel Vogelmiere
2 Stücke getrocknete Tomate in feine Streifen geschnitten
Dressing
Die Spargelbrühe mit 1 EL Joghurt und 1 Teel. Creme Fraîche verrühren.
Würzen mit 1 Spritzer Zitrone, Balsamicoessig, schwarzem Pfeffer, Salz, 1 Prise Zucker, geriebener Muskatnuss, Kurkuma und gemahlenem Senf.
Salatblätter klein rupfen, Chicoree in Streifen schneiden, Vogelmiere zerpflücken, Knoblauchsrauken-Blätter in Streifen, die Blüten abzwicken und beiseite legen. Kurz vorm Auftischen die Sauce drüber gießen und mit den Rauke-Blüten dekorieren.

Alla Hopp – wilden Appetit!

 

28. April 2013
von Sylvia
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Wechselbilder – Trompe-l`ésprit

 

Faszinierender Gedanke, dass der effektivste Zensor im eigenen Hirn sitzt. Alles, was an Reizen und Infos auch nur unseren äußersten Blickwinkel streift, wird permanent gescannt, mit vorhandenem Datenmaterial abgeglichen und auf Plausibilität geprüft. Bei Abweichung: Oha, was Neues oder Alarm! Gefahr. Wir bewegen uns in und mit Bildern. Wir denken von uns und von den anderen in Bildern. Seit je, um schnell handeln zu können. Damit der Oberstübchenalarm aber nur im Bedarfsfall schrillt, gibt’s Vorgefertigtes. Schablonen, Urteile , Schubladen. Hilfreiche Kategorien, mit denen sich die Lage ratz-fatz einschätzen lässt. Energiesparmaßnahme das. Verwirrend wird’s erst, wenn das Bild zum Wechselbild kippt. Das eigene Denken sich der Einstellungen bewusst wird…

Einstellung eins – Stop Motion

Im Wald herrscht Anarchie. Keine rote Ampel, keine weißen Streifen, Grün halt. Nur die nötigsten Regeln. Befreiend irgendwie, trotzdem muss man die Pfade teilen. Was tun als Radfahrer, wenn der Waldläufer mitten auf dem Weg träumt? Rechts vorbei? Links? Die offizielle Variante: Klingeln, damit der andre Platz macht. Waah! Schreit der Fußler erschreckt, torkelt genau vors Rad, hasserfüllt, knapp dem Infarkt entronnen. Also, umrunden beim nächsten Mal. Nervenschonend, klingellos. WAAHH!! Schreit sie und zetert erbost: Ham se keine Klingel??!! Mit der Zeit sortiert man nach Rückensicht: nett, verbiestert, dämlich. Nächste Hürde: Hunde. Kläffköter an Ausziehleinen, Hirtenhunde mit Hinterherziehleine, Kratzbürsten mit Radfahrerallergie – oft potenziert mit knurrendem Mensch. So viel zum eingefahrenen Muster. Und jetzt, Film ab: Mutter, Kind und Hund voraus. Sieht aus wie Psst! und vorbei. Aber auf einmal schreit die junge Mama los: „Hallo! Sie-he-da, ham Sie ne Klingel??“ Nee, oder? Normalerweise bleib ich Poker, trete schleunigst ab, sonst erschieß ich noch mal so ne blöde Kuh mit der Luftpumpe. Nee, oder? Ich bleib stehn, jetzt will ich’s doch mal wieder wissen. WAS Denn??!! Und Cut, Kipp, Klappe, die Erste: „Ach, das ist nett. Könnten Sie bitte noch mal an uns vorbei fahren und klingeln? Der Hund soll sich an Radfahrer gewöhnen“, blinkert sie freundlich – und Touché.

Einstellung zwei – Last Minute

Eine Woche nachdem sie gegenüber eingezogen waren, standen sie vor der Tür: „Dürfen wir reinkommen, einen Kaffee trinken?” Seltsame Art sich vorzustellen. Äh, was? Ich schrieb grade, den Abgabetermin im Nacken. „Äh, Nein danke“, oder was auch immer ich gesagt habe, und Türzu. Und dann lebten sie da. Guten Morgen, Guten Abend. Fete und laut, aber selten. Silvester auf dem Dach. Sonntags sah ich manchmal ihre niedlichen Füße in rosa Flipflops, die feuchten Haare ins Handtuch gepackt. Oft stand die Tür ein Stück auf, als käm gleich noch wer oder als gingen sie gleich. Seltsam schon, aber hier oben unterm Dach warn ja sonst nur wir. Sie eher taff. Er? Keine Ahnung. Also, Nachbarn wie du und ich. Ham se mal ne Zwiebel? Aber geredet haben wir nie. Irgendwann unten an der Straße ausgesetzte, weiße Geranien (eine hab ich noch), und dann ein Umzugswagen. Aber nur für die Nachbarin. Ich seh vom Küchenfenster aus zu und staune. Wieso hilft er ihr so nett, wenn sie sich trennen? Paar Wochen später klingelts. Haben Sie Packband? Jetzt zog er auch aus. Klar hab ich – und auf einmal reden wir. Und ich erfahre, dass der Mann Koch ist, die Frau vom Hotelfach. Dass sie jetzt in Liechtenstein ist, weil’s dort einen coolen Job gab, hier aber nix – und dass das Paar über Webcam kommuniziert jetzt; wie verdammt schwierig es ist, eine Stelle als Koch zu kriegen und die Wohnung für ihn allein leider zu teuer. Wie der wohl kocht? Hätten wir mal zusammen machen können. Nett. Nette Nachbarn waren das.

Einstellung drei – Action!

Los ihr Muskeln, ran an den Berg! feuert die innere Stimme. Von allen Nachausewegen mit dem Rad ist der hier der steilste… und ausgerechnet im oberen Drittel muss ich jetzt ausweichen: Papa mit Kinderwagen in Überbreite. Zwillinge, noch ziemlich lütt. Gleich ist der Anstieg geschafft. Im Vorüberfahren registriere ich Einen, der was an eine Schilderstange klebt und sich dann zum Zwillingspapa gesellt. Ich passiere den Aufkleber, hole Luft für die Zielgerade – da funkt vom Mülleimer an der Ecke ein zweiter Sticker derselben Sorte in mein Hirn. Vom Briefkasten daneben schreit der dritte: „NPD – und Sarrazin hat doch recht“. Das darf doch nicht… So ne scheinheilige Scheiße, Kinderwagenschieber, aha… Die Pedale sind in Schwung, der Lenker zeigt nach Hause, aber die innere Stimme rüttelt: Tu was! Nicht nur blöd gucken! Also kehrt. Runtergerollt zu den beiden, wobei die steile Abfahrt dem rasanten Anstieg des Adrenalinspiegels entspricht. „Wohnen Sie hier?“ Der Zwillingsvater guckt ablehnend, der andere antwortet „Nicht wirklich“. Ha. „Wir wollen das hier nicht!“, sag ich. Der Kleber – nettes Gesicht, treue Augen: „Wir machen das ja wieder weg.“ Der andre sehr abweisend. Will weg. Wie? Ich besteh drauf: hier nicht, so nicht, unerwünscht – der Kleber wiederholt beruhigend „Kinderspiel“ – „später wieder weg“. Auf einmal Kipp – und Klappe, die zweite: Nicht NPD-Aufkleber hat er in er Hand, sondern gestreiften Tesarollen. Zeichen klebt er. Kinderrallye. Endlich kapieren wir beide, was los ist. Wir lachen. „Ich hatte überlegt, die abzumachen“, sagt er. Alles gut. Aber innerlich zittere ich noch immer wegen dieser dreisten Kerle unter uns.

 

20. April 2013
von Sylvia
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Bärlauch III: Hasta la Pasta Baby!

 

Die sind kurz vorm Platzen. Zwar ist’s grad eher ostkühlwindig, aber das wird schon… Wenige Tage noch, paar Grad mehr, dann öffnen sich die zarten Blütenknospenhüllen. Zu Füßen der alten Stadtwaldbuchen wandeln sich dann sattgrüne Bärlauchblattteppiche in weiße Blütenmeere – die immer noch verwirrend nach Knoblauch duften werden. Für Lastminute-Gerichte also am besten gleich noch am Wochenende ein paar händevoll holen. Sind die Blüten erst offen, ist die Saison gelaufen. Die Blattstruktur wird derber, der Geschmack strenger und der Nährstoffgehalt sinkt bis zum Vergilben und Absterben der Blätter im Mai oder Juni. Die Pflanzenwurzeln zieh’n ihre Kraft wieder ein. Giftig sind die Blätter übrigens in keiner Phase. Allerdings wachsen jetzt auch die Maiglöckchen – und deren Blätter sind nun wirklich giftig, sehen dem Bärlauch etwas ähnlich, riechen allerdings kein bisschen nach Knoblauch. (Mehr? Eine schöne Infoseite zum Bärlauch von Franz und Gisela Schmidt: klick). Wer lieber ganz viel Bärlauch in echt sehen und ein bisschen in echt mitnehmen will, sollte nach Eberbach am Neckar fahren. Da laufen einem die Augen über vor sattem Grün! Zwar sind vor Ort die traditionellen Bärlauchtage rum (wer hat schon mit einem so späten Frühling gerechnet), aber aglio orsolino ist noch frisch – und der Fernwanderweg Neckarsteig, an dem Eberbach liegt, gerade wonnig schön. Idyllische Streuobstwiesen, Gänse, Schafe, und mittendrin der mäandernde Neckar.

Auch nach Saisonende übrigens und unbedingt sehenswert: die Wolfsschlucht. Ein wildromantisches Stück Gegend. Wer den „Freischütz“ mag, hier soll Komponist Weber die Idee dazu gehabt haben. Damals natürlich noch ohne Seile als Handlauf und sträflichst ungesichert alles…

Und zuhause? Unser Last-Order-Gericht:

Bärlauch Pesto mit Spirellis

Mein Pesto ähnelt eher der Basilikumsauce „Pistou“ aus der Provence, was wiederum eine Abwandlung des Genueser Pestos sein soll, und statt wie in Genua mit Käse und Butter, mit gegrillten Tomaten zubereitet wird…

für zwei Leute brauchen wir : 150 g Nudeln, Bärlauch und Öl mindestens

12 bis 20 Bärlauchblätter, sorgfältig gewaschen und trockengeschleudert,
ein bisschen Petersilie
1 Teel. Sambal oelek
1-2 Teel. gemischte Salatkerne (Sonnenblumen-, Pinien-, Kürbis-Mischung) oder Walnüsse
1 Essl. geriebenen Parmesan
1 Spritzer Zitrone,
1 Teel. Essig
Salz, Pfeffer, Paprika, gemörserte oder geriebene Senfkörner – wie es passt
1 Essl. Salzwasser, damit die Sauce am Ende nicht zu trocken wird
alles in den Pürierbecher und fein pürieren und abschmcken.

Nudeln aufsetzen – nach dem Abschrecken wieder in den heißen Topf bis sie dampfen,
Pesto dazu und bisschen ziehen lassen.
Damit Farbe auf den Tisch kommt, dazu noch Kirschtomaten pur oder mit Essig und Öl.

Hasta la Pasta Baby!

 

8. April 2013
von Sylvia
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Lesestoff: Dann press doch selba…

Apfelgrün und pink rutschte mir diese unvermutete Buchsendung in die Hand: „Dann press doch selber Frau Dokta!” Geschrieben von der “furchtlosen Frauenärztin” Dr. Josephine Chaos. Natürlich dachte ich sofort an die „unerschrockene Lehrerin“ Frau Freitag. “Chill mal Frau Freitag” habe ich an einem Stück gelesen. Schon bevor es rauskam fand ich den Titel so witzig, dass ich es unbedingt haben wollte – aber dies hier? Hm. Kein Cover für mich. Gekauft hätte ich das nie (apfelgrün und pink, sechsarmiger Ärztewitz – Brr). Rezensieren wollte ich es auch nicht, denn: beim xten „Ächt jetzt“ oder „Nee, ist klar“ auf den ersten Seiten hatte ich schon fertig. Doch dann war da eines Abends die Wahl zwischen ABC (Arbeiten, Besaufen, Computerspielen). Ich wählte D wie Dr. Chaos – und lachte Tränen.

Über Schwester Notfall, Fancy Nancy die so metzelgeile wie arrogante Chirurgin und Dr. Sandmann, den guten Anästhesisten, den nur eine 2020-prozentige Ärztin so aus dem Takt bringen kann, dass er brüllt. Dr. Chaos beschreibt cool und mit verdammt viel Drive absurde bis melodramatische Klinikalltage. Wie sturzbiedere Frauen schreien: “Press doch selber! Kaiserschnitt sofort!” – Schuhe werfen und wüst fluchen, sobald sie Ärzten und Schmerzen ausgeliefert sind. Oder eben wie jene 2020-prozentige Ärztin – Bambi oder Rehlein genannt, weil sie nicht nur alles richtig machen, sondern auch von allen geliebt werden will – vom gutmütigen Sandmann zur Minna gemacht wird, während vor der Tür eine ganze Mannschaft horcht, die ihm dann prompt vor die Füße purzelt, als der abrupt die Nase voll hat. Kollegenbeobachtung vom Feinsten und zwar „aus einem mittelgroßen Krankenhaus irgendwo in Deutschland am Stadtrand“.

Sie nimmt alle auf die Schippe, auch sich selbst. Lässt kein gutes Haar an Patientinnen, die hysterisch sind, hypochondrisch, oder denen nachts um zehn einfällt, sie hätten so ein „Ziehen in der Scheide“… Schwestern, Ärzte und deren Seilschaften werden mit dem Zungenskalpell fein säuberlich in Scheibchen geschnitten und mit Rache, kalt und anonym serviert. Da braucht man ein Pseudonym, schon klar, auch wenn man zumindest einen Teil seiner Kollegen liebt. Dass das aber alles „frei erfunden ist“ muss frei erfunden sein. Das zeigen nicht zuletzt die Kommentare auf ihrem Blog.

Eine Ärztin, die derart komisch aus dem Schwesternzinmmer plaudert, ist verdammt erfrischend. Aber auch gruselig. Vor allem, wo sie recht eingängig eine Methode beschreibt, wie Ärzte aller Art Patienten loswerden. Patienten, bei denen sie nicht klar kommen, die nichts einbringen, oder auf die sie keine Lust haben. Schon mal Stunden in einem Krankenhaus verbracht? Surf und Turf – nennt Frau Dokta diese Methode. Ihr Snickers- und Kaffeebedarf wächst in solchen Augenblicken so stark wie der Wunsch, in Tischkanten zu beißen oder den Kopf an die Wand zu schlagen. Lesbar und lachfest bleibt das alles aber nur, weil sie ihren Beruf liebt – ebenso übrigens wie Frau Freitag (bei der übrigens auch am Anfang ein Blog stand: dieses hier). Humor ist da nicht nur Salz im Alltag, sondern das Mittel, das jeden lauteren Arbeitsmenschen durch all jene unregelbaren, verdammt menschlichen Erlebnisse trägt.

Am schönsten aber die Geburtszenen. Da offenbart sich die echte Ärztin hinter dem Alter Ego, da lehrt sie uns die Basics: wie vielfältig und stark das Leben ist und dass jeder Frau ein Wesen innewohnt, dass sich dann, und nur dann zeigt. Jepp. (Werden alle Eltern bestätigen). Dramaturgisch geschickt gipfelt das Buch in einer Mega-Nonstop-Geburtsshow, ganz großes Hebammentennis sozusagen, und life aus allen vier Kreißsälen gleichzeitig. Dieser Nachtschicht-Morgen endet mit der fünften und letzten Geburt: Frau Chaos bekommt ein Baby.

Später realisiere ich: das war das Buch! Stupid. Hier geht’s zu ihrem Blog und dieses Post (Verückt ist relativ) liefert den Chaos-Doppelpack Wissen und Komik. Hab ich’s schon gesagt? Abstriche geschenkt, Lesen lohnt! Vor allem Ärztinnen als Aggressions-Auslauf empfohlen.

 


Dann press doch selber, Frau Dokta!
Aus dem Klinik-Alltag einer furchtlosen Frauenärztin
Fischer Verlag, Frankfurt 2013


 

3. April 2013
von Sylvia
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Nur im Weltall ist es wirklich still – Buchkritikfeature

Am Anfang war das Ohr

 

Lärm ist immer und überall. Am Streit über Lärm und Ruhe verdienen Rechtsanwälte satt – aber gibt es auch eine Kultur von Lärm oder Stille? Die Autorin Sieglinde Geisel hat sich auf die Suche begeben, Zitate lärmgeplagter Menschen geschürft und einen Essay über dieses Thema verfasst. Sehr lesenswert. Kaum hatte ich „Nur im Weltall ist es wirklich still“ in der Hand, konnte ich es nicht mehr weglegen. Und Diverses dazu gelernt: Entfremdung vom selbsterzeugten Schall etwa ist Schizophonie (iPod und Co.)…

Was ich durch eigene Recherche für einen Text schon gelernt hatte: kein Lärm ist gleich. Sie macht das deutlich durch eingestreute Zitate oder vielmehr Antworten auf die Frage, was schlimmer Lärm ist. Wer hier antwortet steht nicht dabei, vielleicht weil das immer gleich persönlich wird… Spannende Idee jedenfalls, die ich gleich an ein paar Willigen ausprobiert habe – unglaublich, was die Menschen alles antworten: Krähengekreisch, Bahnbremsenquietschen, Computerspielgeräusche aus dem Nachbarzimmer. Die offizielle Definition gab mir Lärmforscherin Brigitte Schulte-Fortkamp: „Lärm ist belästigender, unangenehmer Schall.“ Schon klar, dass ein Motorradfahrer und ein Wanderer unterschiedliche Vorstellungen von Spaß am Feldberg haben.

Bis zu meiner Recherche vor kurzem glaubte ich ja, Verkehrs- und anderer ständiger Lärm nehme stetig zu. Also: Früher.. jaul, jammer.. war alles leiser…. Tja, dann fand ich unter anderem dieses Zitat: „Ein Offenbacher Bürger schickte dem Direktor des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens eine Postkarte und machte seinem Zorn auf einen Piloten Luft, der “nachts um 3/4 vier das Gebiet zwischen Krankenhaus und Rosenhöhe” überflog: “Ich wünsche ihm nichts Schlechtes, aber er soll die Scheißerei acht Tage haben, 50 Prozent dünner wie das Mainwasser …” Von wann? Wer’s nachlesen will – hier: Der Spiegel, „Alles bebt“ vom 18. März 1968 (ja doch: achtundsechzig!). Und dann noch eins von Tucholsky: „Mein Hund macht keinen Lärm, der bellt nur.“ Es findet sich im „Traktat über den Hund sowie über Lärm und Geräusch.“ Die Absonderungen des genialen Hundebesitzerhassers wurden  1927 gedruckt (nachzulesen zum Beispiel hier.)

Die Lärmessayistin Sieglinde Geisel verfogt die Spur der Lärmplage bis zu den alten Römern, in deren Straßen ein geradezu infernalischer Krach geherrscht haben muss. Schlaflose Nächte soll die Mischung aus dem Rädergerumpel der Fuhrwerke, dem Trappeln von Pferdehufen und der Flucherei der Fuhrmänner ergeben haben. Jahrhunderte später schimpft Arthur Schopenhauer über Verkehrslärm – vor allem über das „Peitschengeknalle“, das sein Denken zerreiße. Geisel ist nicht die einzige, die Schopenhauer zum Thema Lärm zitiert, aber scheinbar doch die einzige, die auch die Zeilen vorher und nachher gelesen hat. Sie entlarvt den vermeintlich zartbesaiteten Denker als bourgoisen Schnösel. Lärm machten nach seine Hörart offenbar nur tumbe Arbeiter. Lärm steht also auch für sozialen Makel.

Am schlimmsten fanden Brigitte Schulte-Fortkamps Studienteilnehmer Lärm, den sie nicht kontrollieren konnten (sie übrigens ist die Krähenkreischhasserin). Wer sich hilflos gegenüber Krachmandeln fühlt, wird kribbelig bis aggressiv. Sieglinde Geisel erklärt sehr einleuchtend warum. Ich kürze mal auf: Wer den Lärm macht, hat die Macht. Wer zuhören muss, fühlt sich unterlegen, ohnmächtig, unterdrückt. Lärm ist also nichts anderes als die Reaktion auf unerwünschten Schall. Wie wer worauf reagiert ist derart subjektiv, dass es keine Lärmwirkungsforschung, nur eine über den Schall geben kann. Entsprechend einig sind sich die Ärzte: Lärm macht krank? Im Prinzip ja, aber…Geradezu fahrlässig sind aber Studien, die behaupten, aus Schall könnten Brustkrebs, Depressionen oder Herzinfarkte wachsen. Ist der Gedanke erst mal im Kopf… ist das wie Gift, denn: genau da wird Lärm zum krank machenden Faktor.

 

„Wir sind hier, wie sind laut, weil man uns die Ruhe klaut!“ schreien die Fluglärmgegner des Flughafens Rhein-Main Montag für Montag seit rund einem Jahr. Die werden sich schon dran gewöhnen, dachte das Management, doch der von Trillerpfeifen, Ratschen und Topfdeckelklappern begleitete Protest ebbt nicht ab. Schon klar, man will den Lärm zum Verursacher zurückbringen, aber auf Dauer ist auch das einfach nur laut. Am Rand einer Demo sah ich letztes Jahr eine Sanitäterin, die einen kleinen Jungen mit Ohrenstöpseln versorgte. Sogar manche Aktivisten verstehen nicht, warum der Antilärmprotest so brüllelaut sein muss. Verständigung? Bei Lärm? In jeder Hinsicht Fehlanzeige. Solidarisierung? Vergiss es. Denn: was schert mich das (Lärm-)Problem der andern? Solln sie doch wegziehn.

Das Wort selbst stammt übrigens vom italienischen all’ arme –zu den Waffen. Das Ohr funkt bei unerwartetem Radau ALARM ans Hirn und das schüttet dann genügend Adrenalin in die Blutbahn, dass wir schnellstmöglichst die Flucht ergreifen können – oder jedenfalls noch lange wach liegen, weil irgendeine Dumpfbacke falschen Alarm ausgelöst hat. Lärm macht auch Spaß oder weckt Zerstörungslust. Einen Sex-Pistols-Musiker habe ich sagen hören, er habe sich immer direkt vor die Lautsprecher gestellt, wollte sich auslöschen lassen durch den Krach.

Aber zurück zum Buch. Die Autorin rechnet Lärm zu legalen Drogen, „doch er ist nicht harmlos.“ Sieht man von der Gefahr des Gehörverlusts ab – sei der durch Lärm euphorisierte Mensch selbst eine Gefahr. Die meisten Schlägereien gebe es nach dem Verlassen von Diskotheken. Lärm ist nicht Macht, Lärm ist Ersatz für Macht. Schon kleine Kinder wüssten das und nutzen ihr lautestes Organ um Oberwasser zu bekommen – und treiben Erwachsene in den Kreischkoller.

 

Auf dem Weg durch die Jahrhunderte stattet sie verschiedenen Lärmempfindlichen einen Besuch ab und stellt fest: „Es gibt kein Geräusch, das sich im Kopf eines Lärmempfindlichen nicht in Lärm verwandeln würde, und deshalb gibt es auch kein Geräusch, das er nicht verbieten möchte.“ So sehr gefühlter Lärm Alarm, Abwehr, Ausraster provoziert – erstaunlicherweise funktioniert es auch andersherum. Stille kann wohltuend sein, das Fehlen jeglichen Geräuschs aber auch verdammt beängstigend. Also dient es ebenso wie unkontrollierbarer Lärm als Instrument zum Quälen, weiße Folter genannt, weil äußerlich keine Spuren zurückbleiben. Die psychischen Spuren dagegen können immens sein.

Ich hatte es mir ja schon früher gedacht (hier), aber seit ich gemerkt habe, wie sehr mein persönlicher Lärmstress von Konzentrationsgrad oder Gefühlen abhängt, sing ich mir eins, bevor mich die Wut über ungewollten aber unvermeidbaren Lärm flutet, oder lenke mich sonstwie ab. Geisels Fazit „Dass Lärm eine Frage des Bewusstseins ist, ist eine gute Nachricht. Wir haben die Chance ihn zu zähmen. Seltsamerweise sinkt die Lärmempfindlichkeit, wenn man sich mit dem Lärm beschäftigt.“ Und? Probiert’s aus: Jodeln ist besser als Jaulen…


Sieglinde Geisel: Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille. Galiani, Berlin 2010, 192 Seiten.


 

26. März 2013
von Sylvia
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Das Brot zum Bärlauch

Brot muss sein. Drum sind Brotpreise politisch und Rezepte für den Laib Brot ein Stück Landeskultur. Das etymologisches Wörterbuch zum Wort Laib befragt verrät übrigens, dass wir das “a” darin Grammatikfreaks aus dem 18. Jahrhundert verdanken. Ihre Idee, den Brot- vom Menschenleib zu unterscheiden. Dabei scheint mir durch und durch leiblich, was da so vor mir in der großen tönernen Schüssel liegt – und zu atmen scheint, während die Hefegeister Zucker verputzen und Bläschen produzieren. Launisch wie nur irgendein Leibeswesen – entsprechend viel Gefühl ist angesagt und noch mehr Geduld.

 

Kurz: Ich liebe Brotbacken. Erstens bestimme ich, was reinkommt – letztes Mal unter anderem Wild- und Naturreis sowie ein Tütchen Salatkerne (Sonnenblume, Pinie, Kürbis und Soja) -, zweitens beruhigt es ungemein, und drittens: verdammt cool, ein echtes Stück Brot aus dem eigenen Ofen zu essen.

Wir brauchen: Hefe, Mehl Wasser, Salz – mindestens – und reichlich Zeit, Zeit, Zeit.

Häufigster Brotrezeptfehler ist die zu geringe Zeitangabe für den Gärprozess. Solche Rezeptschreiber gehören erschlagen, das Ergebnis nämlich ist Frust pur, schmeckt meist nur nach Hefe, Brotaroma konnte sich ja nicht entwickeln. Außerdem ist es krümelig, pappig oder ziegelsteinig – und das war dann in der Regel der erste und letzte Versuch… Dabei fehlen oft nur ein oder zwei Stunden zum Leckerbrot. Mindestens zwei Mal will so eins in Ruhe vor sich hindümpeln, beim ersten Mal eine Stunde. Minimum. Man kann es dann auch gerne mal vergessen, beim Film gucken, lesen, reden, what ever… Hefeteig länger gehen lassen, ist dagegen nie ein Problem. Kann höchstens sein, dass er dann mal fertig hat und zusammenfällt. Don’t worry… einfach zurück auf Los: verkneten und wieder gehen lassen. Das Anti-Hektik-Programm schlechthin.

Entweder hat man bald taffe Oberarmmuckis oder eine robuste Küchenmaschine, denn der Teig muss ordentlich durchgewalkt werden (mit Maschine 8 bis 10 Minuten, von Hand doppelt so lang). Die Kneterei ist leider ein Muss, denn: je intensiver, desto besser verbindet sich der Kleber im Mehl zu gitterartigen Strukturen – desto elastischer das Ergebnis. Zerkrümelt die Brotscheibe unterm Buttermesser, hat’s nicht gereicht. Oder es war zu viel Mehl mit zu wenig Kleber im Spiel (dazu zählen fast alle, außerhalb der Weizenlinie, weswegen gluten- und damit weizenmehlfreies Brot eine echte Herausforderung darstellt). Seit ich selbst Brot backe, bewundere ich Bauersfrauen, die noch vor 50, 60 Jahren ganze Wannen voller Teig mit nichts als der Kraft ihrer Arme und Hände bearbeiteten und dabei Brote für Großfamilien produzierten. Chapeau!

Les voilá, zwei Frankfurter Brote, die nicht krümeln:

Vorteig aus:
½ Würfel frische oder 3 Teel. getrocknete Hefe in eine halbe Tasse warmes Wasser krümeln, mit ½ El Zucker und Weizenmehl verrühren, warm stellen, und warten bis es schäumt.

In der Zwischenzeit die Zutaten für den Hauptteig vorbereiten:

400 g Weizenmehl (550er oder halb Vollkorn-, halb 405er Weißmehl)
250 g Roggenmehl (1150er)
(Mehle sieben, dann wird der Teig lockerer)
ca. 350 ml lauwarmes Wasser (nach Gefühl, der Teig muss weich und elastisch sein, wenn man mit dem Finger reindrückt, sollte sich das Loch langsam wieder schließen)
1 El Honig
1 gehäufter El Salz
2 El Brotgewürz nach Geschmack (z.B. aus Fenchel oder Anis, Kümmel, Koriander und Muskatnuss: die Samen rösten bis sie anfangen zu duften und im Mörser grob zerstoßen)
Zur Steigerung der Vielfalt kann man außerdem zugeben:
50-100 g Dinkel, Grünkern, Roggen, Gerste, Reis, Kartoffeln, oder Quinoa (jeweils vorgekocht)

Alles gut kneten (lassen – siehe oben), dann mit Wasser bestreichen, in eine große Schüssel legen, mit Frischhaltefolie abdecken und in eine warme Ecke oder den rund 30 Grad warmen Ofen stellen. Gehen lassen (das Teigvolumen sollte sich verdoppeln.)
Kurz von Hand durchkneten, 2 Brote formen, auf ein mit Backpapier belegtes Blech damit, mit Wasser bestreichen, bisschen Kartoffel-/Stärkemehl drübersieben und 1-2 Stunden wieder aufs Doppelte gehen lassen.

Ofen (Umluft) vorheizen auf 250°, Brot rein, mit Wasser besprühen und
10 Minuten backen. Runterschalten auf 175° und 30 bis 40 Minuten weiter backen.
Für eine Knusperkruste später, nach dem Abkühlen oder am nächsten Tag nochmal 10 Minuten bei 250° backen.

Ja und dann… Frischkäse und Bärlauch drauf!

Heute: World Poetry Day!

21. März 2013 von Sylvia | Keine Kommentare

 

 

 

Ruhende

Schnee modelliert Grabgärten,
Licht spielt die Zapfeneisorgel
und nur ein „Bitte nicht betreten!“
markiert
das Feld der Ungenannten
im Weiß.

Wer jetzt Spuren tritt,
hat Tränen im Bauch,
Wut, Liebe, Trauer.
Hält verfrorene Tulpen,
klamme Narzissen
und
das fingergezeichnete
Herz unterm Stein.

Was dann kommt?
Nur wenige Schritte weiter
es dauert
ein Krähenschweigen,
und du siehst
den Engel mit gebrochener Nase.

Gestreift von vielen Wintern,
vielen Sommern,
steckt nun zu seinen Füßen
ein „Patenschaft gesucht“.
Denn: das Recht auf Ruhe,
die Zeit, sie ist um.

 

PS:
Zum World Poetry Day, von dem ich erst letztes Jahr im Oktober erfahren habe, hätte ich gern für jeden von uns ein Gedicht zitiert – je eines von John Berger und Cees Nooteboom, literarische Lebensbegleiter beide.. Vielleicht später, wenn geklärt ist, was das Nutzungsrecht erlaubt.